Across the River and into the Trees
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AcrosslowAls das Werk im Jahr 1950 erscheint, wird es von der Kritik fast einhellig verrissen. Eine Eigen-Parodie Hemingways sei das, wird in den Zeitungen geschrieben, ein merkwürdiges Altherren-Geschwätz.

Die Rede ist von Across the River and into the Trees, in dessen Mittelpunkt der amerikanische Kriegsveteran Richard Cantwell steht. Colonel Cantwell, der beide Weltkriege mitgemacht hat, trifft im Gritti seine junge Geliebte, die wunderschöne Venezianerin Contessa Renata. Der Colonel ist krank, verbittert und kriegsmüde. Nur die Liebe zu Renata hält ihn wach, Hemingway ist trotz harter Schale ein Romantiker, die Liebe als das Heilmittel gegen die Wunden des Krieges.

Als Über den Fluss und in die Wälder erscheint, da halten nur wenige Literaturkritiker das Werk für gelungen. Die meisten können mit dem Roman über Venedig und die Lagune wenig anfangen. Die Geschichte um den Oberst Cantwell wird bei Kritik und Lesern als zu gekünstelt abgetan. Auch die Öffentlichkeit nimmt die Erzählung als Enttäuschung auf, Ernest wirkt tief gekränkt.

Man sollte jedoch nicht zu streng mit diesem Werk ins Gericht gehen. Denn trotz einiger Schwächen besitzt der Roman eine poetische Tiefe, insbesondere bei der stimmungsvollen Beschreibung einer Entenjagd am Anfang und zum Ausklang. Das Buch berichtet vom Leben, von der Liebe, aber auch vom Krieg und vom Sterben. Der gealterte Colonel Cantwell spürt sein Ende nahen, er will noch einmal Liebe und wilde Körperlichkeit spüren. Worüber verdammt noch mal, machst du dir denn Sorgen, Junge? Du bist doch wohl nicht einer von den Ärschen, die sich Sorgen machen, was mit ihnen passiert, wenn man ohnehin nichts mehr machen kann. Das will ich doch wohl nicht hoffen.

Über den Fluss und in die Wälder ist – alles in allem – ein gefälliges Buch. Zumal sich hier erstmals bei diesem Autor prägnante Passagen gegen den Krieg finden lassen, denn mit dem Säbelgerassel ist Ernest Hemingway nach seinen Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg endgültig durch. Die reine Friedensliebe ist zwar nicht über ihn gekommen, aber eine neue Milde und ein leichter Sanftmut fallen in seinen letzten 15 Lebensjahren schon an ihm auf.

Ich mag dieses Buch, ich finde es prima. Im Regal steht die Erstausgabe. Preis 3 Dollar damals. Noch eines zur Erstausgabe. Den Umschlag hat Hemingways Schwarm, die junge Italienerin Adriana Ivancich, gestaltet. Auf der U4 findet sich ein Foto von Paul Radkai. Alles wunderbar. Das Buch ist im ungünstigsten Falle, und nur da, ein wunderbarer Beleg dafür, wie gut Ernest Hemingway immer noch ist, selbst wenn er einmal schlecht ist.