Auch wenn seine blonde Ehefrau Mary dabei ist, hat Ernest Hemingway nur Augen für Adriana. Havanna, im Oktober 1950; Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Die Liebesbeziehungen des Menschen, wenn sie denn scheitern, lesen sich meist als Trauerspiel. Im Alter, wenn die Gefühle sich nochmals trotzig aufbäumen, können solche Tragödien allerdings schon mal zum Schwank ausarten. Ernest Hemingway bleibt von einer solcher Erfahrung nicht verschont. Ihr Name lautet Adriana. Adriana Ivancich.

Der Schriftsteller, er geht stramm auf die 50 zu, verliebt sich bei dem ersten Zusammentreffen im Dezember 1948 im Veneto augenblicklich in die schwarzhaarige Schönheit mit den grünen Augen und den vollen Lippen. Das junge Mädchen ist da gerade erst 18 Jahre alt geworden. Doch der amerikanische Autor verknallt sich bis über beide Ohren in die aparte Aristokratentochter mit der markanten Nase und befördert sie zu seiner Muse.

Bei einem weiteren Europa-Besuch des Schriftstellers im Frühjahr 1950 weicht Adriana wochenlang nicht von seiner Seite, nicht in Venedig und auch nicht in Paris. Ich liebe Dich aus tiefsten Herzen, offenbart sich ihr der liebeskranke Schriftsteller, und ich kann nichts dagegen tun. Der alternde Ernest blüht auf in der Zweisamkeit mit der jungen Italienerin, er findet wieder Gefallen am Leben und auch das Schreiben geht ihm leichter von der Hand.

Die junge Adriana vermag in dem alternden Ernest bestenfalls eine Art väterlichen Bewunderer zu sehen, sie kokettiert mit ihm und lässt sich gerne den Hof machen, möglicherweise gibt es ein paar unschuldige Küsse. Mehr wohl nicht. Doch dies reicht, damit Ernest als liebestrunkener alter Knabe durch die Tage torkelt. Bei aller Schwärmerei für Adriana merkt Ernest Hemingway nicht, dass diese Eskapade im Herbst seines Lebens ihn in seiner Umgebung mehr und mehr der Lächerlichkeit preisgibt. 

Im Oktober 1950 kommt Adriana Ivancich dann mit ihrer Mutter Dora für vier Monate auf die Finca Vigía und Ernest Hemingway kauft sich im El Encanto, Havannas feinem Kaufhaus, brandneue Kleidung, moderne Guayaberas, Hosen, Shorts und neue Schuhe. Er nimmt das junge Mädchen mit in seine Welt, zu Ausfahrten auf der Pilar, zum Jagen in den Club de Cazadores del Cerro in Rancho Boyeros, ins Floridita. Adrianas gestrenge Mutter schaut missbilligend drein, doch der liebestolle Ernest balzt lustig weiter. 

Und Adriana lässt den von Frühlingsgefühlen übermannten Ernest weiterhin um sich herumschwirren. Was die junge Frau allerdings nicht davon abhält, auf der Finca Vigía mit dem Majordomus René Villarreal anzubändeln und auch den jungen Männern in Havanna schöne Augen zu machen. Der entflammte Ernest merkt nichts und lässt sich von dem kessen Mädchen weiterhin zum Affen machen.

Ernest Hemingway setzt Adriana ein literarisches Denkmal. Die blutjunge Italienerin ist offensichtlich jene Contessa Renata aus Über den Fluss und in die Wälder, die mit dem Colonel Cantwell, in dieser Kunstfigur kann man ohne Mühe den alten Ernest Hemingway erkennen, eine heiße Liebesnacht in Venedig verbringt. Und Ernest lässt in dem Roman genüsslich kein pikantes Detail aus.

Die Gerüchteküche brodelt. Doch solche Peinlichkeiten und der Umstand, dass er sich in ein über 30 Jahre jüngeres Mädchen verliebt hat, scheren den alternden Schriftsteller wenig. Ernest ermuntert die zarte Venezianerin, ihr Talent als Grafikerin auszuleben. Als The Old Man and the Sea im Jahr 1952 verlegt wird, besteht der Gönner Ernest Hemingway beim Verlag darauf, dass seine Muse Adriana die Grafik des Buchcovers gestalten darf.

Nach Dutzenden Briefen sehen sich der Schriftsteller und das hübsche Mädchen im Frühjahr 1954 wieder, als sich Ernest Hemingway im März und Mai in Italien von seinen Flugzeugabstürzen in Afrika erholt. Das letzte Treffen der beiden findet in Nervi am Ligurischen Meer statt. „Was zwischen uns passierte, war ein bisschen mehr als eine Romanze“, meint Adriana geheimnisvoll. Im Februar 1956, nach acht Jahren stürmischer Schwärmerei, bricht dann auch der Briefverkehr zwischen den beiden ab. Adriana lernt einen anderen Mann kennen, den sie „so liebt, wie keinen zuvor“, wie sie ihrem väterlichen Freund schreibt.

So wie Ernests Leben tragisch ausklingt, so findet auch Adrianas Lebensweg kein unbeschwertes Ende. Nach Ernest Hemingways Tod im Jahr 1961 wird die bildschöne Adriana Ivancich in zweiter Ehe einen deutschen Grafen heiraten, zwei Söhne zur Welt bringen und ihre Erinnerungen an Ernest Hemingway in dem Buch La Torre Bianca niederschreiben. Im März 1983, mit 53 Jahren, wird sich Adriana im toskanischen Orbetello im Garten ihres Anwesens an einem Olivenbaum aufhängen.