Ärger mit Ernest Hemingways Denkmal in Schruns
4.9 8 vote[s]
Ernest Hemingway blickt von Schruns aus auf die Vorarlberger Gebirgskette, die er so liebte.
Foto: W. Stock, Juni 2019

Wir liebten Vorarlberg und wir liebten Schruns. Verzückt zeigt sich Ernest Hemingway von seinen beiden mehrmonatigen Besuchen im Montafon in den Winterurlauben 1924/25 und in 1925/26. Aber beruht diese Zuneigung auf Gegenseitigkeit? Ist der bärtige Amerikaner aus Chicago noch präsent in dem kleinen österreichischen Dorf, in den Köpfen und auch in den Herzen der Bewohner?

Die Herbergen und Gasthäuser jedenfalls halten das Gedenken an den Schriftsteller wach. Im Madlenerhaus ist eine Hemingway Ecke eingerichtet, im Löwen von Tschagguns finden sich an der Wand ebenfalls Fotos von dem Nobelpreisträger, ebenso im Posthotel Rössle in Gaschurn. Und das vis-à-vis gelegene Haus des Gastes ehrt Hemingway mit einer kleinen Dauerausstellung im ersten Stock. Ebenso lassen sich die Spuren von Ernest Hemingway im Montafoner Heimatmuseum am Kirchplatz in Schruns verfolgen.

In Schruns gibt es darüber hinaus zu beiden Ufern der Litz einen malerischen Promenadenpfad, der hier Weg der grossen Namen heißt. Auf kleinen Plaketten sind im Abstand von einigen Metern die Namen der illustren Besucher von Schruns und Tschagguns verewigt – von Herbert von Karajan über Helmut Kohl bis – natürlich – Ernest Hemingway.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist Denkmal-768x1024.jpg

Das Hemingway Memorial in Schruns an der Silvrettastrasse, hundert Meter vom Zentrum entfernt. Foto: W. Stock, Juni 2019

Wohl das Herzstück des Gedenkens an Ernest Hemingway in Schruns: Das zwei Meter hohe Denkmal mit einer Hemingway-Büste aus Bronzeguss an der Silvrettastrasse. Das Monument befindet sich auf einem Privatgrundstück der Firmengruppe Liebherr, die auch das anliegende Löwen Hotel Montafon betreibt. Eigentlich sollte Hemingway am Kirchplatz aufgestellt werden, doch zu groß war der Widerstand einiger im Ort gegen den Amerikaner, wegen angeblicher Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg.

Dieser Ernest Hemingway sei ein Kriegsverbrecher, ein Mörder, ein Säufer zudem, jedenfalls ein Lump mit einem Hass auf Deutschland und Österreich. Die Volksseele in Schruns und Umgebung kocht hoch, zumal der Schriftsteller ja selbst in Briefen mit der Tötung von deutschen Soldaten prahlt. Protestschreiben prasseln ein auf die Gastronomiebetriebe, auf die Gemeindeämter und in die Tourismuszentralen in Vorarlberg.

Erst ein dreiseitiges wissenschaftliches Gutachten von Hans-Peter Rodenberg von der Universität Hamburg vermag die Gemüter ein wenig zu kühlen. Der renommierte Professor für Amerikanistik verbucht Hemingways Gewalt-Phantastereien als eine etwas verrutschte und ausgeuferte Einbildung ab. Die Frage, ob Ernest Hemingway ein Mörder ist, wird auch hier auf Hemingways Welt stichhaltig beantwortet.

Die Bronzefigur in Schruns ist von dem deutschen Designer Holger Lassen aus Vechelde und dem einheimischen Steinmetz Karl Schwer erschaffen. Der polierte dunkle Granit-Quader enthält auch Silvretta-Stein und ist in toto der Finanzierung durch private Sponsoren zu verdanken. Vor allem ist es der Hartnäckigkeit eines Journalist zu verdanken, dass Ernest Hemingway in Schruns dauerhaft seinen Platz gefunden hat: Der Buchautor Günther J. Wolf aus Bludenz hat über viele Jahre hinweg unermüdlich für das Hemingway Memorial getrommelt.

Nun steht der US-Amerikaner seit dem März 2008 an der regen Hauptstrasse neben einer Grünfläche, in der Silvrettastrasse 6, und schaut in die Gebirgswelt des Montafon hinaus. Heute ist das Hemingway-Denkmal in Schruns von der Bevölkerung akzeptiert und kaum ein Gast des Dorfes geht achtlos an dem Nobelpreisträger vorüber.