Hemingways Welt

Wolfgang Stock auf Spurensuche

Kategorie: Hemingway – über ihn (Seite 2 von 2)

Ernest Hemingways Sanduhr rieselt

Ernest Hemingway, Miami, Mai 1956

Ernest Hemingway, Miami, Mai 1956

Ernest Hemingway merkt, die Sanduhr seines Lebens rieselt Korn für Korn herab. Im September 1955 hat er sein Testament geschrieben, in enger Handschrift, mit blauer Tinte, beidseitig auf einem Blatt Papier in der Finca Vigía. Dieser Hemingway ist – allem Lautsprechen zum Trotz – tief im Innern eine empfindsame und verletzliche Seele. Je mehr sein Ruhm wächst, desto einsamer wird er. Innen, innen drin.

Und das größte Unglück ist, dass ihm das Schreiben schwerfällt. Das Blatt vor ihm bleibt lange weiß. Vielleicht hat er sich ja leer geschrieben, so wie ein guter Füller einmal keine Tinte mehr hat. Möglicherweise hat er ja auch alles geschrieben, was zu schreiben ist: über den Spanischen Bürgerkrieg, über den Stierkampf, über sein Kuba, über die Frauen und den Suff, über die grünen Hügel Afrikas, über Venedig, über die Krauts, und, über das Sterben. Vielleicht sind da aber doch noch genügend Sätze und Geschichten in ihm drin, und er kann sie nur nicht herauslassen. Wie auch immer. Es will einfach nicht mehr kommen.

Früher, da schleppte er einen Koffer voller Ideen und Geschichten mit sich herum. Früher. Aber heute, da muss er feststellen, der Koffer ist leer. Und wieder landete er in kompletter Leere. Er war unfähig, den Satz hinzuschreiben, der folgen sollte, obwohl er ihn kannte. Erneut schrieb er einen einfachen Aussagesatz, und es war ihm unmöglich, den nächsten Satz aufs Papier zu bringen. Er machte vier Stunden so weiter, bevor er erkannte, dass Entschlossenheit machtlos war gegen das, was hier passierte.

Verdammt noch mal, alter Knabe, es wird ernst. Ziemlich ernst. Oft kommen ihm nun

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Yuri Paporov und sein Hemingway

PaporolowvDer Russe Yuri Paporov, Autor des Buches Hemingway en Cuba, war von 1964 Korrespondent der Nachrichtenagentur Novosti auf Kuba und später Kulturreferent an russischen Botschaft in Mexiko. Sein Blick auf Ernest Hemingway scheint mir aus zwei Gründen interessant.

Zum einen hat er informative Aussagen von zahlreichen Zeitzeugen zusammen getragen, zum anderen dokumentiert sein Werk die tiefe Verehrung, die Hemingway in Russland entgegen gebracht wird. Das Buch Hemingway na kube erschien zuerst 1979 in Moskau, ich habe die erweiterte  mexikanische Ausgabe aus dem Jahr 1993 in Händen.

Paporovs Buch lebt von seinen Quellen. Er hat Wegbegleiter befragt, die Angestellten der Finca Vigía, Freunde und Kameraden. Dies ist einerseits eine bewundernswerte Fleißarbeit. Ein solches Buch von fast 500 eng beschriebenen Seiten lebt von diesen Zeitzeugen. Andererseits wimmelt es in diesem Werk von Flüchtigkeitsfehler: Photos, die falsch zugeordnet werden, Vornamen, die durcheinander geworfen oder Nachnamen, die falsch geschrieben werden.

Das Werk von Norberto Fuentes Hemingway en Cuba von 1984 kommt da in meinen Augen viel

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Der Pudel von Nobel

Nobelpreis-Literatur-MedailleDas Jahr 1954, es wird zum Schicksalsjahr des Ernest Hemingway. Im Januar hat er zwei Flugzeugunglücke in Afrika knapp überlebt, in Belgisch-Kongo und in Entebbe ist er Millimeter am Tode vorbei geschrammt, er zieht sich Verbrennungen, schwere Kopfwunden und innere Verletzungen zu. So ganz sollte er sich nicht mehr erholen.

Und am 10. Dezember erhält er in Stockholm den Nobelpreis für Literatur. Auch davon sollte er sich nicht mehr erholen. Er ist dann auch nicht hingeflogen nach Schweden zur Preisverleihung, die Unfälle und eigentlich hatte er auf den ganzen Rummel auf keine große Lust.

Dieser Nobelpreis, das ist natürlich der Höhepunkt im Leben eines Schriftstellers. Ein Lorbeerkranz, der grell leuchtet in der Autorenwelt. Nobel hat sein Ego gestreichelt. Und Kohle gibt es obendrauf. Wer will da schon nein sagen?

Aber was soll nach Nobel nur kommen? Es kann doch nur in eine Richtung gehen. Bergab. Den Nobelpreis in Empfang nehmen und zur selben Stunde umfallen, platsch, tot wie eine vom Stein erschlagene Maus, das wäre es gewesen. Doch so muss er sich noch Jahre als Nobelpreisträger durchs Leben schleppen. So als ob er sein Leben an diesen verdammten Nobelpreis verhökert hat.

Wie ein scharfes Schwert schwebt diese Auszeichnung über seinem Kopf, alles und jedes wird sich künftig an ihr messen. Eines Nobelpreisträgers nicht

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Entzauberung eines Gottes

Portada PaduraAdiosHemingwayZunächst wird eine Leiche gefunden. Eine vierzig Jahre alte Leiche. Bei Ernest Hemingway. Ein Mann, umgebracht irgendwann zwischen 1958 und 1960. Auf Finca Vigía, dem Anwesen Ernest Hemingways auf Kuba. War etwa Hemingway selbst der Mörder?

So lautet der Plot von Adiós, Hemingway, ein Krimi aus der Feder des kubanischen Erzählers Leonardo Padura. Und ein spannendes Stück Literatur obendrein.

Adiós, Hemingway liest sich zunächst als ein üblicher Kriminalroman, denn die Aufklärung der Causa zeigt sich frei von Überraschungen. Doch der Kriminalfall ist für Leonardo Padura bloßer Vorwand, eine Mogelpackung, wenn man so will. In Wirklichkeit zeichnet Adiós Hemingway das Psychogramm des alternden Schriftstellers. Und so schildert Padura einen Ernest Hemingway, den die Krätze juckt, die Blase plagt und dem das Hirn entffleucht.

Padura fängt diese Atmosphäre des persönlichen Niedergangs eines vom Sieg beseelten Machos eindrucksvoll ein. Fast im Duktus des Meisters himself. Sinngemäß: Früher, da hatte er einen Sack voller Ideen und Stories. Früher. Aber heute, da musste er feststellen: Dieser Sack war leer.

Stattdessen gibt es für Hemingway einen Sack mit Verboten und Vorschriften: Keinen

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Great, Papa, great!

(c) Ernest Hemingway Papers Collection, Museum Ernest Hemingway, Finca Vigia, San Francisco de Paula, Cuba

Als ich 1982 für einige Monate in Mexiko lebe, schalte ich eines Abends das Fernsehgerät an, um mir auf Televisa die Hauptnachrichten mit Jacobo Zabludovsky anzuschauen. Gerade ist ein neuer Präsident gewählt worden, und das krisengeplagte Land dürstet nach Zuversicht. Was denn von diesem Miguel de la Madrid Hurtado zu halten sei, werden in einem Beitrag einige prominente Persönlichkeiten gefragt.

Nun, antwortet ein bärtiger US-Amerikaner mit rauchiger Bassstimme und dickem Gringo-Akzent, auf den neuen Präsidenten setze er große Hoffnungen. Und damit liegt der Interviewte, der US-Regisseur John Huston, ja gar nicht mal falsch. Denn dieser Präsident De la Madrid läutet in Mexiko Reformen ein, um dem Abstieg und dem Chaos, das ihm sein linkspopulistischer Vorgänger José Lopez Portillo hinterlassen hat, einigermaßen Herr zu werden.

Zu dieser Zeit weilt John Huston schon länger in Mexiko. In Puerto Vallarta am Pazifik, wo er im Jahr 1964 den Film The Night of the Iguana gedreht hat, lebt er in dem Land, das er wie sein eigenes liebt. John bleibt ein großer Freund Mexikos. Er residiert nicht nur viele Jahre in dem Land, sondern hat auch einige der schönsten Filme mit mexikanischem Kolorit gedreht – so Der Schatz der Sierra Madre, nach B. Traven, der auch in Mexiko lebte, oder Unter dem Vulkan.

John Huston ist keine Hollywood-Pappnase, sondern ein

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Papas falscher Koffer

PapasKofferWelch eine hübsche Idee für einen Roman! Ernest Hemingway, so ging das Gerücht in den Literaturzirkeln, hatte in den Zwanziger Jahren einen Koffer im Pariser Hotel Ritz zurückgelassen, voll mit Manuskripten und Aufzeichnungen. Doch, wo war dieser Koffer abgeblieben? Die Jagd nach dem Koffer roch nach Abenteuer und Krimi. Auch literarisch.

Deshalb nahm ich mit Vorfreude das Buch von Gerhard Köpf mit dem Titel Papas Koffer in die Hand, als es im Jahr 1993 erschien. Nicht irgendeine Klitsche hatte den Titel verlegt, sondern der traditionsreiche Luchterhand Verlag, wo einst auch Günter Grass zu publizieren pflegte. Als Lektor des Buches zeichnete Klaus Siblewski, einer der großen Lektoren hierzulande, heute ein Professor für Literaturwissenschaft. Und auch der Autor Gerhard Köpf war nicht irgendwer. Der Mann besaß einen guten Namen als fleißiger Schreiber, er hatte Dutzende Bücher verfasst und war zudem auch Professor.

Als ich jedoch, damals vor zwei Jahrzehnten, das kleine Büchlein von knapp 190 Seiten in die Hand nahm, zu lesen begann, verflog meine Vorfreude ziemlich schnell und wurde durch tiefen Ärger abgelöst. Denn seitenlange Passagen des Buches hatte ich schon einmal gelesen, ganze Abschnitte des Buches kamen mir sehr bekannt vor. Sie

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Gonzo-Meister schreibt über Nobel-Meister

HunterSThompsonTheGreatSharkHuntWarum Ketchum? Warum verbrachte Ernest Hemingway seine letzten Tage in Ketchum, weit weg in den Bergen Idahos?

Zu dieser Frage gibt es eine lesenswerte Geschichte aus der Feder von Hunter S. Thompson. Erstmals erschien seine Story in der Wochenzeitung National Observer, am 25. Mai 1964. Thompsons Artikel trägt die Überschrift What Lured Hemingway to Ketchum? Was hat Hemingway nach Ketchum verschlagen? Nachzulesen in dem Sammelband The Great Shark Hunt. Übrigens, welch ein großartiger Buchtitel! Er hätte dem Meister gefallen.

Hunter S. Thompson ist nicht irgendein Schreiber, sondern ein Großmeister. Er hat in den späten 60ern ein neues journalistisches Genre begründet, den Gonzo-Journalismus. Und auch sonst war er eine verdammt durchgeknallte Type. Gonzo, das ist ein New Journalism kalifornischer Art, ziemlich durchgedreht und abgefahren. Strange Tales from a Strange Time. So sah Hunter S. Thompson sein Amerika, und so unrecht hatte der Journalist da ja nicht.

Kurz gesagt, ohne den einen Meister wäre der andere Meister nicht zu denken. Thompson fragt in seinem Artikel nun, warum es Ernest Hemingway bloß nach Ketchum verschlagen hat. So richtig weiß er keine Antwort darauf. Irgendwie, so der Gonzo-Meister, passe dieses lausige 800-Seelen-Kaff doch nicht zum Nobel-Meister. Wobei Hunter verschweigt, dass San Francisco de Paula, Hemingways vorheriger Wohnort auf Kuba, auch ein ziemliches Nest ist. Aber Hunter S. Thompson kriegt es nicht auf die Reihe: kleines Kaff, großer Meister. Damit hat er so seine Schwierigkeiten.

Hunter beschreibt den Ernest Hemingway in Ketchum als einen

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Ernest Hemingway im Spiegel

SpiegelHemlowAm 12. Juli 1961 – damals erschien DER SPIEGEL noch mittwochs – war Ernest Hemingway Titelgeschichte des Nachrichtenmagazins. Auf acht Seiten, von Seite 45 bis 52, berichtete das Hamburger Nachrichtenmagazin – ohne Autorennennung, wie damals üblich – über das Leben und den Tod des amerikanischen Schriftstellers.

Hemingway – wem die Stunde schlägt ist der Artikel überschrieben. Die Fotos in DER SPIEGEL, der damals eine DM kostete, zeigen Hemingway überwiegend als Raubein. Mit Gewehr, mit Toreros, als Piloten, mit einem gefangenen Schwertfisch.

Anlass der Titelgeschichte war Hemingways Selbstmord am 2. Juli in Ketchum, in seinem Haus in den Bergen Idahos. Das ist nun genau 52 Jahre her, und mit dem zeitlichem Abstand eines guten halben Jahrhunderts kann man die Berichterstattung des SPIEGEL einem Urteil unterziehen.

Der Schuß fiel morgens früh um halb acht, so springt der Artikel ohne Umschweif direkt hinein ins Geschehen. So als hätte Hemingway in seinem schnörkellosen Stil einen seiner Romane angefangen. Man erkennt eine SPIEGEL-Schreibe, die noch heute gepflegt wird. Handlungsstränge, die plastisch erzählt werden, wechseln sich ab mit analysierenden Passagen. Die Akteure haben alle Name und ein Gesicht, die ganze SPIEGEL-Geschichte kommt sehr lebendig daher.

Der Artikel ist Hemingway gegenüber nicht unkritisch, besonders den

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Die argentinische Pipa

LapipaWenn man über diesen Ernest Hemingway schreibt, dann findet sich kein Anfang und kein Ende. Man wird schnell kirre, weil es da soviel zu berichten gibt und wenn man eine Tür geöffnet hat, sieht man wieder zwei neue verschlossene.

Insofern ist die Herangehensweise an das Thema Hemingway ziemlich kniffelig. Einen schönen Dreh hat der Argentinier José Maria Gatti gefunden. Der Schriftsteller aus Buenos Aires ist der Anarchist unter den Hemingwayanern, er redet – und schreibt – wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Und heraus kommen lesenswerte Geschichten, gespeist aus Fakten, ein wenig Fiktion, auch eigene Beobachtung und Befindlichkeit und gewürzt mit ein wenig argentinischer Unordnung.

Gatti, Jahrgang 1948, ist Autor, Journalist und Psychologe. Seit Jahren verfolgt ihn Ernest Hemingway und seit Jahren verfolgt er ihn. La Pipa de Hemingway heißt sein Blog, das es auch als Buch gibt. La Pipa ist die Pfeife, meint in Lateinamerika umgangssprachlich aber auch der Kopf, das Hirn. Und dieses Blog Hemingways Schädel ist eine Achterbahnfahrt durch das Leben, das Werk und das Denken des amerikanischen Autors.

Dadurch, dass sich

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