Hemingways Welt

Großmaul, Schnapsnase, Schürzenjäger – an den Fersen eines Jahrhundertautors

Kategorie: Cabo Blanco Seite 1 von 5

‚Hemingway desconocido‘, der unbekannte Hemingway

Hemingway desconocido, der unbekannte Hemingway, so lautet der Titel einer peruanischen Neuerscheinung über den US-amerikanischen Nobelpreisträger. Cuatro crónicas secretas sobre el escritor en el Perú y el mundo. Vier geheime Berichte über den Schriftsteller in Peru und in der Welt, so heißt es etwas reißerisch im Untertitel.

Geschrieben hat dieses spanischsprachige Buch der Journalist Omar Zevallos, ein Buchautor und Karikaturist aus dem südperuanischen Arequipa, ein Mann vom Jahrgang 1958. Und Omar ist natürlich ein eingefleischter Aficionado des Ernesto Hemingway, man merkt es dem Werk an, das Herzblut steckt zwischen den Seiten. 

Der Nobelpreisträger besuchte im April und Mai 1956 das peruanische Fischerdorf Cabo Blanco und in der Tat gibt es über diese fünfwöchige Episode in Hemingways Biografie vergleichsweise wenig Informationen. Mario Saavedra, der Reporter vom feinen El Comercio, hat im Jahr 2005 ein großformatiges Büchlein herausgebracht, mit wunderbaren Fotos, denn Mario war Zeuge mit Ohr und Auge in Cabo Blanco. Ansonsten wird man nicht viel Gescheites finden.

Nun merkt man dem Buch von Omar Zevallos die große Fleißarbeit an, denn er hat über

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Ernest Hemingways Liste für Cabo Blanco

Ernest Hemingways Moleskine: Auf zwei Seiten Notizen zu Cabo Blanco.

Ernest und Mary Hemingway fliegen von Havanna über Miami ins südamerikanische Cabo Blanco. Fünf Wochen im April und Mai 1956 wird das prominente Ehepaar in dem winzigen peruanischen Fischerdorf verweilen. Am Pazifik wollen sie einen riesigen Marlin fangen und die Dreharbeiten der Second Unit zu dem Hollywood-Film Der alte Mann und das Meer ein wenig anleiten.

Cabo Blanco wird von dem weltberühmten Autor – zwei Jahren zuvor hat er den Nobelpreis für Literatur erhalten – gut vorbereitet. Die Reise nach Peru ist ihm wichtig. Ernest freut sich auf das fremde Meer, auf den wilden Pazifik, wo es an der Schnittstelle zwischen kaltem Humboldt-Strom und den warmen Äquatorial-Gewässern die größten Marline überhaupt geben soll. Eine Handvoll Freunde aus Kuba begleitet den Nobelpreisträger auf diesem exotischen Trip.

Auf seinen Ausfahrten in Cabo Blanco wird der Schriftsteller mehr oder weniger die gleiche Kleidung anziehen wie zwei Jahre zuvor auf der Safari in Ostafrika. Im Januar 1954 hat er zusammen mit Miss Mary Kenia und Uganda besucht, erfolgreich gejagt, war allerdings auch in zwei verheerende Unfälle mit Flugzeugabstürzen verwickelt.

Der Autor trägt eine helle Safari-Jacke aus etwas zu dicker Baumwolle, die ein Stoffgürtel über dem sichtbaren Bauchansatz zusammen hält. Dazu eine bis zu den Oberschenkel reichende Khaki-Hose und Halbschuhe aus leichtem Leder. An Bord zieht Ernest Hemingway es dann vor, meist barfuß zu laufen.

Obwohl den Autor Komplikationen an den Augen plagen, trägt er im glutheißen Nordperu auch bei prallstem Sonnenschein keine Sonnenbrille. Wenigstens zieht der Nobelpreisträger in der sengenden Sonne seine Baumwoll-Kappe an, ohne deren Schutz es in diesen Breiten böse enden kann.

Auf Finca Vigía hat Ernest Hemingway auf zwei Seiten in sein Moleskine akribisch aufgeschrieben, was er auf die Reise nach Peru mitnehmen möchte. List Cabo Blanco hat er die Blätter seines Büchleins überschrieben, und unter anderem aufgeführt: Rods, Rod Case, Headers, Hooks, Gaff, two Harpoons, Lines – das ist das Angelzeugs wie Haken, Angelschnüre und Angelruten.

Dann folgt die Auflistung der Kleidung: Hemden, eine Jacke, Caps, die Windjacke, eine Krawatte, Trenchcoat, Stiefel, eine Flanell-Hose, Sneakers, Brillen und Fishing Gloves, die Angel-Handschuhe. Und am Ende der zweiten Seite steht Books. Flott unterstrichen und dann ein dicker Punkt. Auf die Auswahl der Bücher möchte Ernest Hemingway wohl ein besonderes Augenmerk legen.

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Die zweite Seite von Hemingways Liste für Cabo Blanco.

Die Reise nach Peru soll ein Erfolg werden. Wir schreiben Mitte April 1956, es geht körperlich langsam bergab mit ihm, und auch das Schreiben fällt ihm schwer. Er braucht den Erfolg. In Peru, aber er braucht den Erfolg vor allem in sich drin. Das Schicksal hat ihm in den letzten Jahren schlimm mitgespielt.

Er ist erst Mitte 50 und sieht doch schon aus wie ein alter Mann. Sein Körper und seine Geisteskraft haben schon vor den Flugzeugabstürzen in Afrika nach und nach abgebaut, doch die starken Verbrennungen, die schweren Kopfwunden und die zahlreichen inneren Verletzungen setzen ihm so heftig zu, dass nichts mehr so ist wie in den guten Jahren.

Ernest Hemingway dankt Modeste von Unruh

Ernest Hemingways Brief vom 21. Mai 1956 an die Fotografin Modeste von Unruh aus dem peruanischen Fischerdorf Cabo Blanco.

Der Schriftsteller setzt sich an den kleinen Tisch und verfasst ein Schreiben an Modeste von Balás-Piry. Er befindet sich in Cabo Blanco, im Norden Perus, und der Kalender zeigt den 21. Mai 1956. Der Nobelpreisträger spricht die deutsche Fotografin Modeste von Unruh mit ihrem Ehenamen an, so wie er auf ihrer Visitenkarte steht. Auf dem mauven Briefpapier des Cabo Blanco Fishing Clubs schreibt der bärtige Amerikaner einen herzlichen Gruß an seine Fotografin und übermittelt ihr nochmals seinen Dank.

Er findet, dass die Fotos auf der Miss Texas die Marlin-Jagd glänzend einfangen und er, der wilde Naturbursche, steht im Mittelpunkt von all dem. Über den Schnappschüssen, die in der Hamburger Zeitschrift Kristall erscheinen sollen, weht ein Hauch von Draufgängertum und Verwegenheit, so soll ihn die Welt sehen.

Die Fotos der Modeste von Unruh halten seinen Triumph fest, sie schmeicheln seiner durch das Alter verletzten Eitelkeit. Die Bilder aus Cabo Blanco künden der Welt von seiner Vitalität, einerlei, wie es in ihm drinnen aussieht. Die Botschaft vom Sieg des alternden Mannes richtet sich nicht nur an die Welt da draußen, die Botschaft geht vor allem an ihn selbst.

Denn das Bulletin seines kubanischen Hausarztes Doktor José Luis Herrera Sotolongo spricht eine klare Sprache. Doch die Fotos lindern seine Pein ein wenig, zwar nicht den Schmerz des Körpers, aber den der Seele. Deshalb richtet Ernest Hemingway herzliche Worte des Dankes an Modeste von Balás-Piry, in einem eng beschriebenen Brief, über eine volle Seite.

Zunächst bittet er die junge Fotografin, sie veröffentlicht unter ihrem Mädchennamen Modeste von Unruh, um weitere Abzüge. Dann spricht er seine Anerkennung aus. I wish you could have been with us all the time, with your beautiful camera and your good luck. Ich hätte mir gewünscht, dass Sie die ganze Zeit bei uns gewesen wären, mit Ihrer wundervollen Kamera und Ihrem guten Glück.

The good luck, das gute Glück, das sich von der Fotografin auf den Autor überträgt, weil sie hilft, den großen Fisch zu fangen. The good luck beschreibt jenen

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Ernest Hemingway: „Am Meer kannst du nicht lügen.“

Das Ehepaar kommt zurück aus Peru und die beiden Hemingways schlagen sich nun auf dem Miami International Airport mit irgendwelchen blöden Einreiseformalitäten herum.

Die entspannte Heiterkeit und Eleganz scheinen ganz aus dem Gesicht der aparten Frau entschwunden. Mary Welsh, sie hat den strapaziösen Flug von Talara nach Miami in den Knochen, wirkt angesäuert und genervt. Ernest Hemingways Ehefrau beißt sich auf die Lippen und straft ihr Gegenüber mit einem eisigen Blick. 

Vielleicht stellt der Zollbeamte irgendwelche dämliche Fragen, oder – noch schlimmer – womöglich weiß der gute Mann gar nicht, welch eine Berühmtheit da vor ihm steht. Der Nobelpreisträger blickt über seinem grauen Bart erschöpft in die Welt, seine Augen schauen ganz matt und glanzlos ins Leere, die Mundwinkel fallen nach unten.

Die Stimmung des Ehepaares ist ziemlich mies, die wunderbaren Wochen in Cabo Blanco am Pazifik sind vorüber. Das Kapitel Cabo Blanco ist für die Hemingways beendet, jetzt fliegt der gefeierte Autor zurück in den Alltag. Ernest Hemingway hat die Tage genossen auf dem großen Meer, fernab vom Trubel und Gewusel, der Rückzug in die Abgeschiedenheit hat ihm gutgetan.

Die kommode Kargheit des Cabo Blanco Fishing Clubs haben so ganz seinem lässig-luxuriösen Lebensstil entsprochen und die Angeltage auf dem Ozean, den schwarzen Marlin im Visier, haben ihn noch einmal zur Höchstleistung angetrieben. Jedoch, mit dem Ende seines peruanischen Abenteuers haben sich nun Abgeschlagenheit und innere Leere in ihm breitgemacht. Ernest Hemingway, zurück aus Peru, bringt Erzählungen mit über

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Un saludo al Peru – von Ernesto Hemingway

Un saludo al Peru. Ernesto Hemingways herzlicher Gruß an sein Gastland im El Comercio vom 17. April 1956.
Photo by W. Stock

Das Interview von Mario Saavedra mit Ernest Hemingway ist schon ein großer Wurf. Doch in der Ausgabe des El Comercio entdecke ich noch eine wundervolle Rarität. Für die Leser der peruanischen Tageszeitung verfasst Ernest Hemingway eine kurze Widmung, die an diesem 17. April 1956 unter dem Interview – fast so groß wie eine Postkarte – abgedruckt wird. A el El Commercio de Lima. Un saludo al Peru, Ernesto Hemingway.

Das liest sich sehr hübsch. Un saludo al Peru, ein Gruß an Peru und an die Peruaner. Allerdings merkt man, dieser Ernest Hemingway wirkt ein wenig fahrig, vielleicht wegen des heißen Klimas oder des langen Fluges. Die Einleitung der Widmung jedenfalls geht grammatikalisch etwas schief und El Comercio schreibt der amerikanische Schriftsteller falsch als El Commercio mit Doppel-M, wie es bei diesem Begriff im Englischen üblich ist.

Un saludo al Peru bleibt ein freundlicher Gruß eines dankbaren Gastes an seinen Gastgeber. Von den kleinen Patzern abgesehen, schreibt Ernesto Hemingway ein ganz feines peruanisches Spanisch, denn die Peruaner verwenden üblicherweise mit el Peru den bestimmten Artikel vor ihrem Land, die meisten Länder kommen ja artikellos daher. Und deshalb heißt es, wie Hemingway richtigerweise schreibt, ‚un saludo al Peru‘, wo ein Nichtkenner wahrscheinlich ‚un saludo a Peru‘ formuliert hätte. Möglicherweise hat ihm der Peruaner Mario Saavedra bei dieser Formulierung ja auch ein wenig die Feder geführt.

Diese Widmung bleibt jedenfalls bemerkenswert. Alleine ihr zeitiger Abdruck stellt eine logistische Meisterleistung dar. Denn ein Interview nebst Fotos und dem Faksimile vom 16. April mittags bis zum gleichen Abend die 1.200 Kilometer nach Lima zu bringen, damit beides am nächsten Morgen in der Zeitung erscheinen kann, da muss man schon verdammt clever vorgehen.

Denn wir sprechen hier vom Jahr 1956, von Cabo Blanco, von einem verlassenen Kaff am peruanischen Pazifik, vom hinteren Hinterland eines verarmten Landes, kein Kabel, kein Ticker, keine Wirephotos. Und trotz aller Widrigkeiten schafft es der clevere Mario Saavedra mit Hilfe einer Faucett-Stewardess, diesen herzlichen Gruß an Peru und seine Bewohner vor Druckschluss bei seiner Tageszeitung abliefern zu lassen.

Interessanterweise unterschreibt Ernest Hemingway seine Widmung mit Ernesto Hemingway. Kein angelsächsisches Ernest Hemingway. Solches gefällt in

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Ernest Hemingway explodiert

Über den Abspann des Hollywood-Films Der alte Mann und das Meer ärgert sich Ernest Hemingway ungemein.

Seine Erzählungen sind schwierig zu verfilmen. Die Hollywood-Leute kommen zu mir und wollen einen meiner Romane verfilmen. Dabei eignet sich keines meiner Werke für die Leinwand, hat Ernest Hemingway mehr als einmal kundgetan. Wenn er nach Los Angeles fliege, so sagt er, dann fahre er immer in Windeseile an Hollywood vorbei. Mit der einen Hand schmeiße er das Manuskript über den Zaun, mit der anderen fange er den Zaster auf.

Nach der landesweiten Premiere besucht der Nobelpreisträger in New York mit Aaron Edward Hotchner eine Aufführung von Der alte Mann und das Meer. Nach 12 oder 13 Minuten dann das Déjà-vu: Ernest Hemingway wendet sich an Hotch und bemerkt kurz Ready to go?. Und die beiden verlassen ernüchtert das Kino. Weißt Du, vertraut Ernest seinem Freund verärgert an, da schreibt man ein Buch, dass man über alle Jahre hinweg liebt, und dann muss man so etwas erleben – das ist so, als würde man seinem Vater ins Bier pissen.

Doch bei Der alte Mann und das Meer treiben es die Hollywood-Macher krass. Obwohl der Trailer darauf hinweist, dass dieser Film neben Kuba auch in Peru gedreht worden ist, wartet noch eine unangenehme Überraschung auf den Schriftsteller. Ganz grauenvoll kommt es für den Nobelpreisträger, als er sieht, dass in den Spielfilm alte dokumentarische Kurzsequenzen von der Marlin-Jagd des Alfred C. Glassell einmontiert worden sind. Und es trifft Ernest Hemingway wie ein Schlag mit dem Hammer, als er den Abspann des Films zu Gesicht bekommt.

This picture was directed by John Sturges. Der Regisseur dieses Filmes heißt John Sturges. So weit, so gut. Doch dann kommt der Knall: Some of the marlin film used in this picture was of the world’s record catch by Alfred C. Glassell Jr. at the Cabo Blanco Fishing Club in Peru. Mr. Glassell acted as special advisor for these sequences. Träumt er? Glassells Rekordfang ist in den Film eingebaut, nicht jedoch die Aufnahmen von Hemingways Team in Cabo Blanco?

Wo nur ist das stundenlange Material der Second Unit geblieben, dass man in Nordperu auf dem Pazifik so

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In Peru, wo jeder Tag mitunter kalt wird

Seinem Freund Fred Zinnemann berichtet Ernest Hemingway im August 1956 von seinem Besuch in Peru.

Mary Welsh verreist höchst ungern in die Ferne. Ernest Hemingways vierte und letzte Ehefrau bleibt lieber auf Finca Vigía, dem kubanischen Refugium der beiden US-Amerikaner nahe von Havanna. Denn Mary leidet seit geraumer Zeit an Anämie und befindet sich in ständiger Therapie. Doch nichts hilft gegen ihre Blutarmut. Nicht die Pillen des Hausarztes, keine Wunderkräuter, nicht die Transfusionen, einfach nichts.

Er mache sich große Sorgen um Mary, klagt der Schriftsteller in einem Brief vom 8. August 1956 an seinen Freund Freddie. Freddie, so nennt er den Regisseur Fred Zinnemann. Der Mann aus Hollywood, er hat den großartigen Western High NoonZwölf Uhr mittags – gedreht, ist ein guter Kumpel des Nobelpreisträgers. Die roten Blutkörperchen seien bei Mary auf 3,2 Millionen gefallen, klagt Ernest dem Freund, dem tiefsten Wert überhaupt. Seine Frau sei von daher so müde und müsse immer viel schlafen.

Der fünfwöchige Ausflug nach Peru habe Miss Mary jedoch richtig gut getan. Das extreme Reizklima des peruanischen Nordens ist eine Herausforderung für jeden menschlichen Organismus. Am rauen Pazifik mit dem salzigen Wind verbesserte sich das rote Blutbild von Mary auf vier Millionen und das schlagartig von heiß auf kalt wechselnde Küstenklima in Cabo Blanco half ihrem Kreislauf.

In dem kargen Andenland ist Ernest Hemingways Ehefrau wieder einigermaßen auf die Beine gekommen. In Peru, where it was cold part of each day, im peruanischen Cabo Blanco sei es jeden Tag mitunter arg kalt gewesen, meint der Autor aus Chicago, der seinen Brief wie so oft mit Papa unterschreibt. In der Tat herrscht am Pazifik Nordperus zwischen Tumbes und Piura ein merkwürdiges Klima.

Das kleine Fischerdorf Cabo Blanco liegt direkt am Meer, als auch unmittelbar am Rande einer Wüstenlandschaft, der Wüste von Sechura. Zwanzig Schritte nach Westen ist man

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Manuel Jesús Orbegozo himmelt Ernest Hemingway an

Manuel Jesús Orbegozo, der Reporter aus Lima, empfängt Ernest Hemingway auf dem Flughafen von Talara.
Talara/Peru, am 16. April 1956. Foto: Guillermo Alias

Unter den Journalisten, die Ernest Hemingway am Flughafen von Talara erwarten, befindet sich auch Manuel Jesús Orbegozo. Der Reporter, der eigens aus Lima in den Norden Perus angereist ist, wirkt an diesem Montagmorgen reichlich aufgekratzt, einem Nobelpreisträger begegnet man nicht alle Tage. Doch Ernest Hemingway versteht sich auf Anhieb mit dem Mann von La Crónica. Der prominente Autor jedenfalls drückt den Journalisten an seine breite Brust, so als würde er ihn bereits ein halbes Leben kennen.

„Er hat ständig seine Hamsterbacken aufgeblasen und hat wieder und wieder gelächelt“, erinnert sich Manuel Jesús Orbegozo, der an diesem Morgen lautstark Ernest, Ernest gebrüllt hat, als der Schriftsteller dem Flugzeug aus Miami entstieg. Alle Umstehenden bemerken sogleich, welch geheimnisvolle Aura den bärtigen Amerikaner umgibt. „Alles um ihn herum war ein Lächeln.“

Manuel Jesús Orbegozo, ein durch seine breite schwarze Hornbrille jovial dreinschauender Peruaner aus Otuzco, der einen guten Kopf kleiner ist als Ernest Hemingway, ist nach der Umarmung durch Hemingway wie aufgedreht. Der Redakteur aus Lima, er ist mit einem luftig weißen Hemd gekleidet und trägt eine helle Kappe aus Baumwolle, zeigt sich beeindruckt von der Offenheit und der Umgänglichkeit des Nobelpreisträgers.

Mehr als von den Romanen schwärmt der 33-jährige Orbegozo vom journalistischen Stil Hemingways. Diese Kürze und Klarheit, und besonders die Genauigkeit in den Dialogen, das macht dem US-Amerikaner weit und breit so schnell keiner nach. Auch als Abenteurer schätzt Manuel Jesús Orbegozo den Schriftsteller. Er sei ein Mann von Welt halt, im besten Sinne des Wortes. Und dass der Amerikaner so ziemlich jedem Rock hinterherläuft, reicht ihm in diesen Breiten auch nicht gerade zum Nachteil.

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In der Zeitschrift ‚Cultura Peruana‘ Nr. 94 schreibt Manuel Jesús Orbegozo launig über seine Begegnung mit Ernest Hemingway.

Manuel Jesús Orbegozo kann sich nicht einkriegen vor Begeisterung. „Hemingway ist großartig“, wird er seinen Artikel in La Crónica beginnen, „ganz gegen alle Vorurteile. Er begegnete uns leutselig und ohnegleichen. Das lässt die Waage hin zur totalen Sympathie ausschlagen.“ Auch in der Zeitschrift Cultura Peruana wird Manuel Jesús Orbegozo einen launigen Artikel über seine Begegnung mit dem Nobelpreisträger veröffentlichen, ein wenig spöttisch geschrieben, in Wirklichkeit jedoch

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Lou Jennings will schöne Bilder einfangen

Ernest Hemingway und sein Freund Lou Jennings freuen sich auf dem Landungssteg von Cabo Blanco über einen prächtigen Fang.
Cabo Blanco, im Mai 1956

Die Filmleute, die Der alte Mann und das Meer drehen sollen, sind schon zwei Tage vor dem Schriftsteller in Cabo Blanco eingetroffen. Neben dem Produktionsleiter Allen Miner gehören zur Film-Crew William Classen, ein bekannter Grip-Aufbautechniker, die Kameraleute und Tontechniker Joseph Barry, Louis Jennings, Stuart Higgs und John Dany. Allen Miner, der den Dokumentarstreifen The Naked Sea gedreht hat, gilt als Fachmann für Filmaufnahmen auf hoher See.

Die Filmleute gehören zu jener Abteilung, die man in Hollywood Second Unit nennt. Damit ist jene schlagkräftige zweite Garnitur gemeint, die parallel zur First Unit dreht und der die besonders kniffligen Szenen aufgebrummt werden. Am peruanischen Pazifik sollen die Filmleute die Aufnahmen auf dem Meer vor Cabo Blanco drehen, gekrönt durch den Fang von ein paar eindrucksvollen Großfischen.

Nachdem die Hollywood-Leute bereits in Cabo Blanco weilen und dort die Dreharbeiten vorbereiten, ist als letzter auch Ernest Hemingway auf peruanischem Boden eingetroffen. Der Schriftsteller wird von einem halben Dutzend Personen begleitet, alle Besucher der Expedition eint ein Ziel. Sie möchten in Cabo Blanco einen mindestens tausend Pfund schweren Black Marlin fangen und die tollkühne Jagd nach dem Monsterfisch soll für die ganze Welt auf Zelluloid gebannt werden.

Einen Fisch solchen Ausmaßes hat Ernest Hemingway noch nie mit eigenen Augen gesehen. Weder vor der Küste Kubas, noch bei den Bahamas und auch nicht im Meer um Florida, die allesamt zu seinen bevorzugten Angelrevieren gehören. In Cojímar auf Kuba läuft sowieso nicht alles zum Besten, die dortigen Dreharbeiten der First Unit stocken und müssen mehrmals unterbrochen werden, der Regisseur wird ausgetauscht.

So kommt Ernest Hemingway mit der Erwartung nach Peru, dass wenigstens die

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Niemand in Peru kennt Ernest Hemingway so gut wie Mario Saavedra

Im Cabo Blanco Fishing Club laufen sich Ernest Hemingway und Mario Saavedra häufig über den Weg. Begegnungen, die oft an der Bartheke des Klubs münden.
Cabo Blanco, im April 1956. Foto: Guillermo Alias

In Cabo Blanco kriegt der 27-jährige Mario Saavedra-Pinón vom feinen El Comercio sogleich einen guten Draht zu dem berühmten Schriftsteller. Saavedra ist trotz seiner jungen Jahre bereits Jefe de Información bei seiner Zeitung, was in etwa einem Ressortleiter entspricht. Der junge Mario ist vom Nobelpreisträger hin und weg und schreibt in seiner Zeitung: „Ernest Hemingway strahlt eine kraftvolle außergewöhnliche Sympathie aus. Wenn man sich mit ihm unterhält, meint man, ihn schon das ganze Leben lang zu kennen.“

Mario Saavedra schafft es sogar, für ein paar Tage im Fishing Club unterzukommen, der junge Redakteur aus Lima kann ein Zimmer auf der unteren Etage des Klubhauses ergattern, nur wenige Türen von den Hemingways entfernt. So lässt es sich kaum vermeiden, dass sich der Nobelpreisträger und Mario Saavedra im Klubhaus des Öfteren über den Weg laufen, von dem berühmten Schriftsteller kommt dann ein freundliches Hola Mario, meist verbunden mit der Einladung auf einen Whiskey.

Mario Saavedra bleibt mit den Hemingways acht Tage im Fishing Club, rechnet man sein frühes Eintreffen am 13. April mit ein, dann werden es elf Tage. In El Comercio erscheinen in jenen Tagen insgesamt knapp 30 Berichte über Ernest Hemingway in Cabo Blanco, Interviews, größere und kürzere Meldungen, allesamt aus Marios Feder. „Hemingway llegó a Talara con su esposa“ – Hemingway kam mit seiner Ehefrau in Talara an – so überschreibt Mario Saavedra-Pinón seinen ersten Artikel in El Comercio vom 17. April 1956.

Dann kann man in Limas wichtigster Tageszeitung Folgendes lesen: „Ernest Hemingway, der berühmte US-Schriftsteller, kam heute Morgen um 7,25 Uhr in dieser Stadt an, begleitet von seiner Ehefrau Mary, dem Bootskapitän Gregorio Fuentes, der Hemingways Yacht Pilar betreut, und in Begleitung des Sportsmannes Elicin Argüelles.“ Und stolz berichtet Mario Saavedra seinen Lesern in ganz Peru dann von seinem ersten Husarenstreich: „Der Nobelpreisträger für Literatur des Jahres 1954, und einer der berühmtesten Schriftsteller Nordamerikas unserer Zeit, gewährte El Comercio ein Interview, keine halbe Stunde, nachdem er in Cabo Blanco angekommen war“.

Es ist gegen zehn Uhr am Vormittag, der junge Redakteur und der weltberühmte Schriftsteller unterhalten sich eine gute Stunde. „Der Autor von Der alte Mann und das Meer, er ist etwa sechs Feet groß,“ – das sind knapp 1,83 Meter – „er zeigt sich sehr vital und seine Gesichtszüge werden von einem Lächeln gezeichnet. Er hat eine von der Sonne gebräunte Haut. Und er spricht ein fast perfektes Spanisch“, so leitet Mario Saavedra-Pinón sein Interview für El Comercio ein, das sich dann über ganze drei Zeitungsseiten erstreckt.

Ein wahrer Coup, der Mario mit dem Interview gelungen ist, so nah und so oft kommt man selten an den Schriftsteller. Südamerikanische Journalisten pflegen in ihren Artikeln meist eine blumige Sprache. „Hemingway sieht aus wie ein alter Seebär, mit einem breiten Lächeln und einem kräftigen Händedruck“, fährt Mario Saavedra in seiner Zeitung fort, bevor er dann mit seinen Fragen loslegt.

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Mario Saavedra ist einer der großen Journalisten Perus. Für ihn, so erzählt er mit knapp 90 Jahren, sei die Begegnung mit Ernest Hemingway mit die wichtigste seines Lebens gewesen. Lima Miraflores, im März 2017. Foto: R. Stock

Mario Saavedra zeigt sich begeistert von dem Interview und dem amerikanischen Schriftsteller. „Hemingway ist unerschöpflich und es ist ganz einfach, sich mit ihm zu unterhalten. Er ist stets neugierig, immer wieder stellt er Fragen zu unserem Land, zu Peru.“ Der junge Journalist merkt, er befindet sich in einer Glanzstunde seines beruflichen Lebens. Und möglicherweise

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