Die letzte Ruhe des Ernest Hemingway unter zwei Kiefern.
Ketchum, im April 2018; Foto: W. Stock

Des Abends kühlt es im Sun Valley rasch ab und die Schatten von den Hügeln auf das Tal legen sich schwer auf den Friedhof. Der Ketchum Cemetery zwischen Knob Hill und dem Golfplatz ist ein Friedhof für alle, so wie es sein sollte, für die 100-Prozentigen, für die Protestanten, für Evangelisten, für Gottesleugner, im Tod finden sie alle zusammen. Und weil die Amerikaner auch beim Exitus überaus pragmatisch denken, kann man über den Friedhof mit dem Auto gleich bis kurz vor die Grabstelle fahren. 

Der Friedhof in den Höhen der Rocky Mountains ist flach gestaltet, es finden sich keine wuchtigen Grabsteine, sondern lediglich kniehohe Grabplatten oder solche, die ganz in den Boden gelassen sind. Die Grabstätte von Ernest Hemingway liegt im zentralen hinteren Teil unter zwei Kiefern und ist flach über der Erde mit einer hellen Steinplatte abgedeckt. Ernest Miller Hemingway, July 21, 1899 – July 2, 1961 lautet die schlichte Inschrift.

Miss Mary liegt direkt neben ihm, Mary Welsh Hemingway, Apr. 5, 1908 – Nov. 27, 1986, steht bei ihr. Kiefernnadeln fallen auf die letzte Ruhestätte des Ernest Hemingway. Auf der Grabplatte aus klarem Quarzit liegen halbgetrunkene Whiskey-Fläschchen, kleine Geldmünzen, Schreibstifte oder andere Mitbringsel, die Bewunderer als Zeichen ihrer Ehrerbietung dagelassen haben. Die Grabstätte wird einmal pro Woche gesäubert, ziemlich zwecklos, am nächsten Tag ist sie erneut mit dem Plunder der Pilger verunstaltet.

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Ernest Miller Hemingway, July 21, 1899 – July 2, 1961, so lautet die Inschrift der Grabplatte. Ketchum, im April 2018; Foto: W. Stock

Die Familie, die Söhne Jack und Gregory, die Enkelin Margaux liegen um Ernest Hemingway herum, sein Hausarzt Dr. George Saviers, die Weggefährten Chuck Atkinson, Tillie und Lloyd Arnold, John Taylor Williams sowie weitere Freunde sind nicht weit weg. Alle vereint, im Tod beieinander. Zahlreiche Lebensstationen des Ernest Hemingway lassen sich auf diesem Ketchum Cemetery ablesen.

Am 1. November 1939, an einem schwülen Herbsttag, steht ein kraftstrotzender Ernest Hemingway auf diesem Friedhof von Ketchum und trägt seine Eloge auf den verstorbenen Freund Gene Van Guilder vor, Best of all he loved the fall. Nun liegt er selber auf diesem Friedhof, ein paar Meter von Gene Van Guilders Grab, schon mehr als ein halbes Jahrhundert. Jetzt wird er ein Teil von ihnen sein – auf immer.

Unter dieser Grabplatte auf dem Ketchum Cemetery liegt ein Träumer, der einen Traum nachhing, der nie Wirklichkeit werden kann. Ein Träumer wie Don Quijote oder vielleicht auch ein Träumer wie wir. Es braucht solche Menschen, die sich in ihren Träumen verlieren, damit sie uns ein Beispiel vorleben und uns helfen, das Leben und den Tod besser zu verstehen.

Für ein wildes, erfülltes Leben fehlt manchen die Courage und die Entschlossenheit, deshalb versuchen wir es ja erst gar nicht, da ist uns dieser Ernest Hemingway Lichtjahre voraus. Und auch seine Kollegen hängt er in puncto Manneskraft und Kühnheit mühelos ab, auch deshalb bewundern wir ihn heute noch.

Was hat er nicht alles erlebt? Er hat den Ersten Weltkrieg überlebt, diesem Dreckskerl Francisco Franco mit einem Roman in den Hintern getreten, er hat die Nazis aus Paris vertrieben und diesen Operetten-Diktator Batista in Havanna der Lächerlichkeit preisgegeben. Er mag an manchen Tagen ein scheußlicher Rüpel gewesen sein und an anderen Tagen ein arger Wüterich.

Und trotzdem packt er uns noch heute mit seinem Leben und Leiden, nach all den Jahrzehnten, das schafft kein anderer Autor. Er hat über Fischer und Jäger geschrieben, über den Krieg und über die Liebe. Aber im Grunde hat er über uns geschrieben. Das sollten wir ihm nicht vergessen. Ernest Hemingway, Du alter Windbeutel, herzlichen Glückwunsch zum 58. Todestag!