Der gefährliche Sommer
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Im Sommer 1959 schickt das Magazin LIFE Ernest Hemingway nach Spanien, auf eine lange Reise. Eine große Reportage über 10.000 Wörter ist ausgemacht. Der Nobelpreisträger soll über Spanien, den Stierkampf und vor allem die Rivalität der beiden großen Stierkämpfer Antonio Ordóñez und Luis Miguel Dominguín berichten.

„In dieser Woche sind wir alle glücklich“, schreibt die hochformatige Zeitschrift im Editorial, „einen alten Freund und Mitarbeiter auf den Seiten von LIFE wieder begrüßen zu dürfen. Es ist acht Jahre her, dass Ernest Hemingway ein großes Werk veröffentlicht hat. Und nun veröffentlichen wir die erste Folge seines neuen großartigen Buches The Dangerous Summer.“

Am 13. Mai 1959 macht sich Ernest Hemingway auf nach Madrid, in der Hauptstadt beginnt er seine Stierkampf-Tour, die den Schriftsteller kreuz und quer durch Spanien führen wird. Er fährt nach Sevilla, nach Córdoba und Ronda, nach Aranjuez, nach Alicante, dann Algeciras am 21. Juni, nach Saragossa, natürlich nach Barcelona, dann nach Burgos, am 7. Juli sodann nach Pamplona, auch nach Valencia, wo er gleich zweimal einer Corrida beiwohnt, am 25. und am 27. Juli 1959. Seine Reise führt ihn ebenso nach Vitoria, nach Málaga und schließlich nach Bilbao. Der 60-jährige Ernest kommt durch die strapaziösen Reisen nicht nur körperlich an seine Grenzen. Je länger sich sein Streifzug über die Halbinsel per Auto auf Spaniens schäbigen Straßen dahin schleppt, desto stärker überkommt den Schriftsteller die Wehmut.

Denn es entgeht ihm nicht, dass sein von ihm über alles geliebtes Spanien sich gewaltig verändert hat. An vielen Orten wird Ernest Hemingway an die dunkle Vergangenheit des Bürgerkrieges erinnert, an die erbarmungslosen Kampfhandlungen und an die schmerzliche Niederlage. Denn es ist auch seine Niederlage. Es sind seine Gegner, die jetzt das Land regieren. Als er Doña Carmen Polo de Franco, die Frau des Diktators, als Ehrengast in der Arena von Bilbao sieht, wird ihm das schmerzlich bewusst. Diese lebensfreudige Munterkeit, die selbst in den Bürgerkriegstagen auf dem Land gelegen hat, ist dahin.

Und auch beim Stierkampf ist vieles so anders als früher. Manche Arena ist halb leer, denn die Manager haben die Eintrittspreise in schweinische Höhen getrieben. Das Spektakel um den schwarzen Stier hat sich mitunter zu einer Schmierenkomödie und zu einem Zirkus entwickelt. Oft werden Stiere manipuliert, sie werden falsch gefüttert, gespritzt, oder ihre Hörner werden geschliffen. Aus mehreren Gründen also, besonders deswegen, weil mir der Publikumssport fremd geworden war, hatte ich viel von meinem alten Gefühl für den Stierkampf verloren. Doch eine neue Generation von Kämpfern war herangewachsen, und die wollte ich unbedingt sehen.

Vieles ist dem Amerikaner fremd geworden, was er in jungen Jahren so tief ins Herz geschlossen hat. Ernest Hemingway hat ein gutes Stück die Liebe zum Stierkampf verloren und wohl auch ein wenig die Leidenschaft für Spanien. Und so wundert es nicht, dass er am Ende auch sich selber ein wenig verloren hat.