Die argentinische Pipa
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LapipaWenn man über diesen Ernest Hemingway schreibt, dann findet sich kein Anfang und kein Ende. Man wird schnell kirre, weil es da soviel zu berichten gibt und wenn man eine Tür geöffnet hat, sieht man wieder zwei neue verschlossene.

Insofern ist die Herangehensweise an das Thema Hemingway ziemlich kniffelig. Einen schönen Dreh hat der Argentinier José Maria Gatti gefunden. Der Schriftsteller aus Buenos Aires ist der Anarchist unter den Hemingwayanern, er redet – und schreibt – wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Und heraus kommen lesenswerte Geschichten, gespeist aus Fakten, ein wenig Fiktion, auch eigene Beobachtung und Befindlichkeit und gewürzt mit ein wenig argentinischer Unordnung.

Gatti, Jahrgang 1948, ist Autor, Journalist und Psychologe. Seit Jahren verfolgt ihn Ernest Hemingway und seit Jahren verfolgt er ihn. La Pipa de Hemingway heißt sein Blog, das es auch als Buch gibt. La Pipa ist die Pfeife, meint in Lateinamerika umgangssprachlich aber auch der Kopf, das Hirn. Und dieses Blog Hemingways Schädel ist eine Achterbahnfahrt durch das Leben, das Werk und das Denken des amerikanischen Autors.

Dadurch, dass sich Gatti frei macht von einem Struktur-Korsett und inhaltlichen Konventionen, finden sich wunderbare Stellen in dem Buch. Kostprobe gefällig: Hemingway, das war eine Epoche. Heute sind die Vorbilder Anti-Helden. Heute sind die Geschichten weichgespült, entfärbt, kalorienarm. Ich sage nicht, dies ist besser oder schlechter. Heute jedenfalls wäre Hemingway arbeitslos.

José Maria Gatti schreibt wie die Porteños halt schreiben. Es ist in etwa so wie ein Wiener über Goethe schreiben würde, etwas verschroben, manchmal eigentümlich und seltsam, aber immer hoch unterhaltsam und vergnüglich. Und bei José Maria Gatti schimmert in jedem Beitrag die Botschaft durch: Hemingway, der seit 1961 tot ist, lebt noch immer. In den Köpfen, in den Herzen, in den Träumen.