Die Welt mit eigenen Augen sehen
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Ernest Hemingway, 1956; Photo by Modeste von Unruh

Ernest Hemingway, 1956;
Photo by Modeste von Unruh

Ich vermute, dass es auf der ganzen weiten Welt kein Autor zu finden ist, dem mehr Denkmäler, Dankesplaketten, Ausstellungen, Poster, Büsten, Skulpturen, T-Shirts und dergleichen gewidmet wurden, wie diesem Ernest Hemingway.

Und dies nicht nur an einem Ort, seinem Geburtsort meinetwegen, nein, sondern verstreut über alle Kontinente. In Spanien, in den Alpen, in der Karibik, in den USA oder auch in Afrika wird man entsprechend fündig. Dieser Mann hat sein Wirken weit gestreut.

Ernest Hemingways Revier war die Welt, er hielt sich mit Vorliebe dort auf, wo es etwas zu erleben gab: an vorderster Frontlinie im Ersten Weltkrieg, im Spanischen Bürgerkrieg, im Paris, als die deutschen Besatzer verjagt wurden, in den Steppen Afrikas, bei Castros kubanischer Revolution.

Hemingway ging raus, dort hin, wo sich das Leben zutrug. Als Autor war er das schiere Gegenteil eines desk editors, eines Schreibtischschreibers, im Gegenteil, für die literarischen Bettnässer in den feinen Feuilletons hatte er nur Verachtung übrig. Das war nicht seine Sicht der Dinge. Du kannst eine Sache nicht richtig begreifen, wenn du sie nicht mit eigenen Augen gesehen hast, meinte er – und er musste die Welt mit eigenen Augen sehen.

Es gibt wohl keinen anderen Schriftsteller weltweit, der sich so ins öffentliche Bewußtsein hinein gebohrt hat wie Ernest Hemingway. Keiner, der noch heute in den Buchhandlungen zu finden ist, aber eben auch auf den Marktplätzen, in den Fischereihäfen und in den Bierkaschemmen. Wer aus der weiten Literatenwelt könnte da mithalten?

Oder Hand auf Herz: Ist ein Thomas Mann-Ähnlichkeits-Wettbewerb in Lübeck vorstellbar? Lächerlich! Ein Angelwettbewerb, der sich nach Goethe nennt? Ein schlechter Witz! Eine Kneipe, die man Annette von Droste-Hülshoff tauft? Hirnverbrannt! Nein, nein, all dies ist unvorstellbar, selbst bei lebhaftester Phantasie nicht von dieser Welt. Doch bei Ernest Hemingway ist alles möglich: kurioses, rummeliges, seriöses, literarisches.