Ein Junge zieht in den Krieg
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Die Piave im Veneto, September 2009;
Photo by W. Stock

Die Piave fließt träge und trübe dahin, vielleicht auch arg verschmutzt durch die Industrie am Oberlauf, aber wie von unsichtbarer Hand nimmt der Fluss diese satte grüne Farbe der Vegetation an. Selbst im September kann es im Piave-Becken noch glutheiß werden und das Thermometer in dieser trockenen Luft schnell über 30 Grad steigen.

Der junge Ernest Hemingway hatte sich 1918 freiwillig als Fahrer des Red Cross Ambulance Corps gemeldet, nachdem die USA im April 1917 den Kriegseintritt beschlossen hatten. Hemingway wäre lieber als Soldat gekommen, aber bei der U.S. Army war er wegen seiner Sehschwäche durch die Musterung gefallen. Ende Mai 1918 war er mit 70 Kameraden per Schiff aus New York nach Europa gekommen.

Als Zivilist wird Ernest Hemingway nun der norditalienischen Front zugeteilt. Eine Frontlinie dieses sich dem Ende zuneigenden Krieges verläuft entlang der Piave, dort wo die Kämpfe zwischen italienischen und österreichischen Truppen toben.

Hemingway wird als Fahrer eingesetzt, bei Verpflegungsfahrten und im Ambulanzservice. Ernest ist noch ein Junge, er steht kurz vor seinem 19. Geburtstag, genau genommen ist er erst 18, aber schon ein Kerl wie ein Baum. Jemand, der vor Tatendrang und Lebenslust nur so sprüht, und er glaubt, diesem schmutzigen Krieg trotzen zu können.

Im Grunde genommen ist Hemingway sogar neugierig auf diesen Krieg hier im Veneto. Im Krieg offenbart sich für den jungen Schreiber der Mensch als solcher, hier zählt nichts mehr. Kein Geld, keine Bildung, keine Werte. Die Maske fällt. Hier zählt nur der Kampf ums nackte Überleben.

Wie dem auch sei, ihm wird dieser dumme Krieg nichts anhaben können, denkt er. Er ist jung und fühlt sich stark. Auf einer Fahrt scherzt er mit einem 50-jährigen italienischen Soldaten in seinem radebrechenden Italienisch:
You are troppo vecchio for this war, pop!

Du bist zu alt für diesen Krieg, Paps.
Und der Italiener antwortet auf Englisch:
I can die as well as any man.
Ich kann genauso sterben, wie jeder andere auch.Die Piave