Ernest Hemingway mit einer seiner Katzen, Finca Vigía, Kuba, im Herbst 1949.
Photo by Paul Radkai, by courtesy of Marton Radkai.

Im Süden Havannas, etwas außerhalb des ärmlichen Dorfes San Francisco de Paula, wohnt der Schriftsteller auf seiner Finca Vigía, mehr als zwanzig Jahre lang. Auf dem tropischen Anwesen lebt er seit 1939, umhegt von einem Dutzend Dienstpersonal, zusammen mit seiner dritten Ehefrau Martha Gellhorn, ab Mitte der 1940er Jahre mit der vierten Ehepartnerin Mary Welsh. Die Zahl der Menschen auf Finca Vigía wird nur noch von der Anzahl der Haustiere übertroffen.

In Glanzzeiten halten die Hemingways sechs Hunde und achtunddreißig Katze auf dem riesigen Landsitz. Der Schriftsteller ist ganz vernarrt in all die Tiere. Die Katzen und die Hunde auf der Finca sind ihm wichtig, liebevoll betreut er sie, sorgt sich um sie, spricht mit ihnen. Wie ein Vater kümmert er sich um die Kreaturen.

Besonders die Katzen liebt Ernest Hemingway über alles. Eine Katze ist redlich in ihren Gefühlen. Menschen, aus welchem Grund auch immer, können ihre Gefühle verbergen, aber eine Katze kann das nicht. Einer seiner Lieblingskater heißt Cristobal Colón und dieser Christoph Kolumbus wird von ihm gekrault, selbst wenn er am Schreibpult steht und an einem wichtigen Manuskript arbeitet.

Die Katzen besitzen auf Finca Vigía Narrenfreiheit, Ernest erlaubt so ziemlich alles. Sie dürfen auf Tischen und Schränken umherkrabbeln, sich in den Hausschuhen und in den Safari-Stiefeln bequem machen, und überall in Haus umherstreifen und über das weitläufige Landgut stromern, als seinen sie die Monarchen des Anwesens.

Für seine vielen Katzen räumt der Autor eine ganze Etage seines Arbeitsturms frei, Ernest schreibt im Obergeschoss, die Katzen dürfen auf der unteren Ebene des Turms machen, was sie wollen, es ist ihr Reich. Der Schriftsteller spielt gerne mit den Tieren und die Fotos von der Finca Vigía zeigen meist einen ausgeglichen und doch melancholischen Menschen inmitten der heilen Natur.

Die Verantwortung für seine Tiere nimmt er ernst. Sie erhalten regelmäßig ihr Futter und wenn sie krank werden, sorgt er dafür, dass der Veterinär Dr. Lagarde rasch kommt und nach ihnen schaut. Wenn der Amerikaner unterwegs auf ein verletztes Tier trifft, dann nimmt der Autor den Streuner mit und pflegt ihn auf Finca Vigía behutsam gesund.

Den Katzenfriedhof auf der Finca, versteckt hinter der Veranda, lässt er liebevoll pflegen. Die Grabstätten sind mit Sorgfalt gestaltet, mit Grabplaketten, ganz so als würde es sich um Menschen handeln, die hier begraben liegen. In den Tieren sieht Ernest Hemingway das Idealbild von Zartheit und Unschuld, er huldigt ihnen Respekt, über das Ableben hinaus.

Ernest Hemingway mag die Tiere, er kümmert sich liebevoll um die Geschöpfe, als seien es Familienmitglieder. Das ist die eine Seite. Die andere Seite seiner Wirklichkeit ist, er jagt die Tiere – die Fische, die Vögel, die Antilopen und die Elefanten – er verletzt sie, er tötet sie. Im tiefsten Herzen weiß er, dass er einen barbarischen Fehler begeht. Der Mensch darf sich nicht ohne Not über die Tiere erheben, die Schöpfung besitzt ihre eigene Würde und ihre eigene Ordnung.

Der Mensch, als Teil der Schöpfung, darf sich nicht zu deren Gebieter erheben. Die Tiere sind heilig, man darf sie nicht antasten, genauso wie den Menschen, alle sind Teil der Schöpfung. Aber es ist gut, dass wir nicht versuchen müssen, die Sonne zu töten oder den Mond oder die Sterne. Es ist schlimm genug, von der See zu leben und unsere eigenen Brüder zu töten.

Das Töten der Tiere stellt einen ganz schrecklichen Frevel dar, ihm ist das schon bewusst, schließlich macht er sich viele Gedanken darüber in seinen Büchern. Denn, darauf läuft es hinaus, wo bloß soll das Auslöschen der Schöpfung durch den Menschen halt machen? Besteht nicht die Gefahr, wenn man die Tiere tötet, dass man dann auch in der Tat die Sonne oder den Mond oder die Sterne töten will?