Ernest Hemingway schaut sich um in Deutschland
4.6 11 votes
Ernest Hemingway im September 1921. Ein junger Mann, die Welt steht ihm offen.

Gleich mehrmals hat sich Ernest Hemingway in Deutschland umgesehen. Nach den drei Wochen Angelurlaub im Schwarzwald begeben sich Ernest Hemingway und Ehefrau Hadley nach Frankfurt, und von dort unternehmen sie eine lange Schiffsfahrt auf dem Rhein über Koblenz, vorbei an den kleinen malerischen Dörfern des Mittelrheins, bis hinunter nach Köln.

Von Köln aus fährt das Ehepaar Hemingway am 31. August 1922 mit dem Zug zurück nach Paris. In Deutschland lasse sich für Cent-Beträge leben, schreibt Ernest Hemingway an seine Mentorin Gertrude Stein, doch ihn überkomme die Sehnsucht nach Paris. Die Metropole an der Seine ist die Stadt des Lichtes, unerreicht auf diesem Globus, besonders für Intellektuelle jener Jahre.

Ernest Hemingway fährt in den den 1920er Jahren mehrmals nach Deutschland. Nach seinem langen Urlaub im Schwarzwald begibt sich der junge Korrespondent im April 1923 für zehn Tage in die Ruhrregion, um dort über die angespannten deutsch-französischen Beziehungen zu berichten, die sich auf Grund der Reparationsforderungen in einem äußerst fragilem Zustand befinden.

Zehn Artikel schreibt der junge Journalist von dieser Reise für den Toronto Star. Treffend analysiert der junge Korrespondent die heikle politische Lage jener Tage, und unterhaltsam lesen sich seine Reportagen obendrein. Am 8. April 1923 besucht Ernest seinen Freund Eric Chink Dorman-Smith, der als britische Besatzungssoldat bei der British Occupation Garrison im Rheinland stationiert ist.

Im November 1927 reist Ernest Hemingway mit seiner neuen Frau Pauline Pfeiffer für neun Tage nach Berlin, sie besuchen das Sechstage-Fahrradrennen und treffen sich mit dem Kollegen Sinclair Lewis. Berlin ist eine Swinging City, mit allerlei Verrücktheiten, aber auch eine Großstadt, in der soziale Gegensätze aufeinanderprallen und sich entladen. 

In der deutschen Hauptstadt kauft Ernest Hemingway beim Kunsthändler Alfred Flechtheim eine Skulptur der Bildhauerin Renée Sintenis für 500 Mark, das Kunstwerk trägt den Titel Der Fußballspieler. Zwei Jahre später wird Ernest Hemingway bei Flechtheim, der auch Verleger der Zeitschrift Der Querschnitt ist, die die avantgardistische Malerei fördert, einen Paul Klee erwerben.

Doch Deutschland scheint irgendwie nicht sein Land, immerzu gibt es Ärger und Streit mit diesen schwierigen Teutonen. Zeit seines Lebens trägt Ernest Hemingway eine Abneigung gegen Deutschland in sich, wobei es durchaus einzelne Menschen gibt, die er mag und die zu seinen Freunden zählen. Aber grosso modo mag er Deutschland und die Deutschen nicht besonders.

Unter diesem Vorzeichen mag es deshalb erstaunen, dass Ernest Hemingway in Deutschland so populär ist wie kaum ein zweiter ausländischer Schriftsteller. Seine Bücher verkaufen sich ausgezeichnet, kein gymnasialer Schüler kommt an ihm vorbei, der Mann ist Lesestoff in der Englisch-Oberstufe. Darüber hinaus hat der Amerikaner in den 1950er und 1960er Jahren die literarische Grundmelodie einer ganzen Generation geprägt. Deutschland hat Ernest Hemingway ins Herz geschlossen, umgekehrt kann man dies nicht gerade behaupten.