Ernest Hemingway und die kubanische Revolution
4.8 4 votes
Papa and Fidel Revolution

Papa and Fidel, Hemingway and Castro

Anfang November 1959, Fidel Castro, Che Guevara und die anderen Bärtigen sind ein knappes Jahr an der Macht, da kommt Ernest Hemingway aus Europa noch einmal kurz zurück in sein Farmhaus nach Kuba. Bei seiner Ankunft auf Havannas Rancho-Boyeros-Flughafen am 3. November spricht ihn der argentinische Journalist Rodolfo Walsh auf die Horrorgeschichten aus den US-Zeitungen über die Revolution an.

Ärgerlich macht der vollbärtige Autor seinem Unmut Luft: Schon meine Frau hat gesagt, sie glaubt nicht, was die amerikanischen Zeitungen da schreiben. Ich bin sehr glücklich, wieder hier zu sein, weil ich als Kubaner fühle. Ich will nicht, dass ihr in mir einen Yankee seht. Sprach’s, schreitet zu einer kubanischen Flagge und küsst sie.

Ein J. L. Topping, Botschaftsrat mit Trenchcoat-Schatten, hält nach diesem Vorfall in einem geheimen Hemingway-Dossier des FBI unter dem Datum November 1959 fest:
1. Er unterstützt, sagt er, die Castro-Regierung rundweg und glaubt, sie sei das beste, was Kuba habe zustoßen können.
2. Er habe keiner der auswärtigen Informationen gegen Kuba geglaubt. Er sympathisiere mit der kubanischen Regierung und all unseren (!) kubanischen Schwierigkeiten.

Tennessee Williams, der gern durch Havannas Spelunken zieht, rastlos auf der Suche nach einem Glas Whiskey oder einem strammen Burschen oder am bestem nach beidem, ist einer von Hemingways Saufkumpels in Havanna. Ernest Hemingway ist es auch gewesen, der den Kollegen – wie Williams in seinen Memoiren ausplaudert – mit Fidel Castro zusammenbringt. Diese Revolution in Kuba ist eine gute Revolution, hat Hemingway dem Dramatiker in gewohnter Präzision und Schärfe mit auf den Weg zu diesem Treffen gegeben. Willie hat genickt.

Ernest Hemingway mochte den Präsidenten Batista und seine ganze Bagage nicht sonderlich. Als er von dem Diktator mit einer Medaille, der Goldenen der Berufsfischer von Puerto Escondido und Bahía Honda ausgezeichnet wird, gibt der Präsident ein Dinner. Als Hauptspeise schlägt der Küchenchef Róbalo à la Hemingway vor. Das ist lustig. Denn “Robalo” heißt ein Fisch, mit etwas Phantasie jedoch erkennt man ein Wortspiel. Denn “robar” bedeutet “stehlen” im Spanischen. Ernest Hemingway geht nicht hin zum Banquet.

Auch wenn der scheinbar unverwüstliche Haudegen Ernest Hemingway das süße Leben Kubas in vollen Zügen genießt, so verschließt er doch seine Augen vor der sozialen Misere nicht. In seiner knappen Prosa, dem Eisberg-Stil, die nur leichte Konturen und spröde Striche erlaubt, skizziert er auch Armut und Ausbeutung.

Schreib einen wahren Satz!, das ist das Credo, das er jungen Journalisten mit auf den Weg gibt, und noch mehr gilt diese Aussage für ihn. In einem Esquire-Artikel bringt Hemingway Ungerechtigkeit und Elend auf eine dialektisch griffige Formel: Das Meer ist sehr reich, der Fischer aber immer arm.

Hemingways Karibikroman Haben und Nichthaben – schon so ein dialektischer Titel – ist im Grunde genommen eine literarische Breitseite gegen die geschmierten Bonzen und Spitzbuben der karibischen Bananenrepubliken, die Politik als Operette geben. Fidel Castro wird sich gegen verteufelt viel Geld durchsetzen müssen, schreibt Hemingway seinem Verleger Charles Scribner nach New York voller böser Ahnung schon im Januar 1959.

Hemingway sieht Leute wie Fulgencio Batista, den feisten Diktator, und daneben den jungen Rechtsanwalt Fidel Castro. Ernest Hemingway weiß dann intuitiv, auf welcher Seite er zu stehen hat. Und seine Unterstützung bleibt nicht nur im Ideelen. Über den befreundeten Bildhauer Fidalgo als Mittelsmann soll Hemingway, munkelt man, Castros Guerilleros in der Sierra Maestra gar einige Pesos zugesteckt haben.

Nun weiß man nicht so recht, welche Geschichten über Hemingway und die Revolution stimmen und welche nur lanciert sind. Aber man muss den Blick ja nicht nur ins Politbüro richten. Es sind gerade die einfachen Menschen auf Kuba, die den Gringo Hemingway verehren wie keinen anderen Amerikaner.

Und vielleicht liegen wir mit unserem politischen Kasperletheater ja auch ganz falsch. Denn möglicherweise zählt am Ende des Tages nicht, ob ein Mensch konservativ oder fortschrittlich, ob er links oder rechts ist. Vielleicht teilen sich die Menschen am Ende des Tages in interessant oder langweilig.