Ernest Hemingway und seine deutsche Übersetzerin
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Annemarie Horschitz-Horst war über Jahrzehnte Ernest Hemingways Echo in die deutschsprachige Welt

Die Übersetzerin Annemarie Horschitz-Horst, die Ernest Hemingways Prosa über Jahrzehnte ins Deutsche übertragen hat, ist unter Kennern der Materie umstritten. Die Vorwürfe an sie sind nicht ohne: Ihre Übersetzung sei oft falsch und oberflächlich, sie treffe diesen lakonischen Tonfall von Ernest Hemingways Prosa nicht immer.

Handwerklich würde es hapern, so habe die Übersetzerin die hemingway’schen Adjektive beautiful, fine, lovely und wonderful allesamt mit wunderbar übersetzt. Den gossensprachlichen Fluch Son of a bitch schwächt sie verharmlosend zu einer verdammten Person ab. Und wo bei Ernest Hemingway ein Liebespärchen kurz und knackig make love machen, da geben sie sich bei Frau Horschitz-Horst etwas gewunden der Liebe hin.

Der Marlin aus Der alte Mann und das Meer, eigentlich ein Blaumarlin, wird in einer deutschen Übersetzung gar zum Schwertfisch, wo doch in Wirklichkeit ein Marlin als Raubfisch der Familie der Speerfische zugehörig ist. Wenn man sich als Übersetzer an Ernest Hemingway herantraut, dann muss man mit der Fauna, speziell den Fischen und Stieren, den Angler-Begriffen, dem Fischer-, Ganoven- und Säufer-Slang, und dazu am besten noch mit dem Spanischen und mit dem kubanischen Spanisch auf Du und Du stehen.

Ich sehe die Vorwürfe nicht gar so kritisch. In meinen Augen hat Annemarie Hulda Julie Horschitz-Horst, so ihr vollständiger Name, den Ernest Hemingway fundiert, in manchen Passagen sogar großartig in die deutsche Sprache übertragen. Frau Horschitz-Horst hat ihre Sache gewiss recht ordentlich gemacht, zumal vor 70 Jahren. Man darf nicht vergessen, wie schwierig es ist, die knappe Prosa vom Amerikanischen ins wortlängere Deutsche zu übersetzen. Und besonders diese einfache Prosa Ernest Hemingways ist irrsinnig schwer zu übersetzen.

Seinen berühmten Ausspruch aus Der alte Mann und das Meer, jene Botschaft, dass ein Mensch nicht aufgeben darf, ‚But a man is not made for defeat‘, he said. ‚A man can be destroyed but not defeated‘ übersetzt Frau Horschitz-Horst mit ‚Aber der Mensch darf nicht aufgeben‘, sagte er. ‚Man kann zerstört werden, aber man darf nicht aufgeben‘. In einer neuen überaus gelungenen Übersetzung von Werner Schmitz heißt die Passage nun: ‚Aber der Mensch ist nicht dafür gemacht, sich besiegen zu lassen‘, sagte er. ‚Man kann einen Mann vernichten, aber nicht besiegen‘. Dieter E. Zimmer übersetzt im Jahr 1979 den Ausspruch auf den Punkt als ‚Ein Mann kann zerstört werden, aber nicht besiegt‘.

Man sieht, es kommt bei Ernest Hemingways knapper Prosa auf feinste Nuancen an, eine sorgsame Übersetzung dreht sich schon in Richtung Interpretation. Alleine ob bei a man can be destroyed, ein Mann oder ein Mensch zerstört werden kann, beides ist möglich, zeigt wie dünn das Eis für einen Übersetzer ist. Man muss Hemingways Denken gut kennen, um ihn erstklassig zu Übertragen, sonst geht es in die falsche Richtung. Doch Frau Horschitz-Horst trifft die Gedankenwelt des Ernest Hemingway in überraschender Art und Weise, als Frau bringt sie womöglich einen milderen Touch in Hemingways Sätze, was nicht unbedingt verkehrt sein muss. 

Doch stilistische Finessen und germanistische Ehrpusseligkeit beiseite, die Übersetzerin Annemarie Horschitz-Horst, die als Jüdin vor den aufstrebenden Nazis im Jahr 1933 nach London floh, hat spürbar als Echostimme des Ernest Hemingway in die deutsche Nachkriegsliteratur gewirkt. Wenn deutsche Leser von Ernest Hemingway schwärmen, dann haben die meisten die Satzmelodien der Annemarie Horschitz-Horst im Ohr.

Einmal fragte Ernst Rowohlt zaghaft bei seinem gefeierten Autor an, ob er sich vorstellen könne, einen anderen deutschen Übersetzer zu akzeptieren. Hierauf möchte Ernest Hemingway von seinem Verleger die Verkaufszahlen in Deutschland wissen. Sie waren erstklassig. The translation seems to be alright, sagte der Amerikaner trocken, dann könne die Übersetzung so schlecht nicht sein.

Hemingway selbst macht sich oft den sperrigen Namen seiner deutschen Übersetzerin lustig. Er erinnere ihn an whore shit, an Hurenscheiße. Doch der treue Ernest überträgt Frau Horschitz-Horst, auf Jahrzehnte hinaus, die exklusiven Übersetzungsrechte in deutscher Sprache, plus Beteiligung an den Tantiemen. Was von Hemingway überaus generös ist und noch heute von den Medien-Gewerkschaften den Verlagen abgefordert werden muss, meist leider vergeblich.

Der Amerikaner Ernest Hemingway mag seine deutsche Übersetzerin. Sie war die beste Übersetzerin, die ich je in irgendeiner Sprache gehabt habe, schreibt Ernest Hemingway im Jahr 1946 seinem Verleger Ernst Rowohlt nach Hamburg. Der Schriftsteller hält wie Pech und Schwefel zu seiner deutschen Übersetzerin. Augenzwinkernd wird gemunkelt, der eigentliche Grund, warum Ernest Hemingway so fest zu Annemarie Horschitz-Horst stehe, liege darin begründet, dass sie zusammen sich der Liebe hingegeben haben.