Gonzo-Meister schreibt über Nobel-Meister
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HunterSThompsonTheGreatSharkHuntWarum Ketchum? Warum verbrachte Ernest Hemingway seine letzten Tage in Ketchum, weit weg in den Bergen Idahos?

Zu dieser Frage gibt es eine lesenswerte Geschichte aus der Feder von Hunter S. Thompson. Erstmals erschien seine Story in der Wochenzeitung National Observer, am 25. Mai 1964. Thompsons Artikel trägt die Überschrift What Lured Hemingway to Ketchum? Was hat Hemingway nach Ketchum verschlagen? Nachzulesen in dem Sammelband The Great Shark Hunt. Übrigens, welch ein großartiger Buchtitel! Er hätte dem Meister gefallen.

Hunter S. Thompson ist nicht irgendein Schreiber, sondern ein Großmeister. Er hat in den späten 60ern ein neues journalistisches Genre begründet, den Gonzo-Journalismus. Und auch sonst war er eine verdammt durchgeknallte Type. Gonzo, das ist ein New Journalism kalifornischer Art, ziemlich durchgedreht und abgefahren. Strange Tales from a Strange Time. So sah Hunter S. Thompson sein Amerika, und so unrecht hatte der Journalist da ja nicht.

Kurz gesagt, ohne den einen Meister wäre der andere Meister nicht zu denken. Thompson fragt in seinem Artikel nun, warum es Ernest Hemingway bloß nach Ketchum verschlagen hat. So richtig weiß er keine Antwort darauf. Irgendwie, so der Gonzo-Meister, passe dieses lausige 800-Seelen-Kaff doch nicht zum Nobel-Meister. Wobei Hunter verschweigt, dass San Francisco de Paula, Hemingways vorheriger Wohnort auf Kuba, auch ein ziemliches Nest ist. Aber Hunter S. Thompson kriegt es nicht auf die Reihe: kleines Kaff, großer Meister. Damit hat er so seine Schwierigkeiten.

Hunter beschreibt den Ernest Hemingway in Ketchum als einen alten Mann, der an sein Ende gekommen ist. Er war ein alter, kranker und sehr unruhiger Mann, und die Illusion von Ruhe und Zufriedenheit reichte ihm nicht. Thompson spricht mit Bewohnern über ihren berühmten Ortsgenossen, der zu diesem Zeitpunkt schon seit drei Jahren auf dem örtlichen Friedhof liegt. Dieser arme, alte Mann, sagt einer, abends machte er meist einen Spaziergang da draußen an der Straße. Er war so zerbrechlich und dünn und sah so alt aus, und es tat mir weh, ihn so zu sehen. Ich hatte immer Angst, ein Auto würde ihn anfahren.

Hier in den entlegenen Bergen, weit weg von den großen Städten, suchte Ernest Hemingway den Frieden. Den Frieden nach außen und den Frieden nach innen. Er liebte dieses Gebirge, die langen Bachläufe, die Jahreszeiten, die er nach den Tropen nun wieder spürte, er mochte diese Stille der Natur.

Denn die Welt um ihn herum schien zu implodieren. Vielleicht war Ketchum der einzige Ort seiner Welt, der sich nicht radikal verändert hatte seit der guten alten Zeit. Europa war völlig im Umbruch, Afrika durchlief einen Prozess drastischen Wandels, und schließlich explodierte um ihn herum sogar Kuba wie ein Vulkan.

Das ist eine schöne und zutreffende Erklärung von Hunter S. Thompson. Mir fallen spontan noch ein paar andere Gründe ein, die für Ketchum sprechen. Hemingway mochte das Sun Valley, weil er als junger Kerl mit seiner großen Liebe Martha Gellhorn in den späten 30ern hier war. Oder, ganz pragmatisch, weil die medizinische Versorgung in den USA besser war als auf Kuba. Oder weil er nicht so recht wusste, ob den neuen bärtigen Machthabern auf Kuba über den Weg zu trauen war. Oder weil ihm die saubere, frische Luft in den Bergen Idahos gut tat. Oder, wichtig, vielleicht wollte er auch nicht auf Kuba sterben. All das mögen seine Beweggründe gewesen sein.

Seine? Vergessen wir nicht ihre. Denn ich vermute: Es war nicht er, sondern es war Mrs. Hemingway diejenige, die entschied. Und Mary wollte, dass Ernest die letzte Wegstrecke seines Lebens in Ketchum, im Sun Valley, in den Bergen Idahos verbringt.