Hemingway, Kartoffel, Papst oder auch gar nichts
4.8 5 votes
Papa Ernest Hemingway

A. E. Hotchner, Papa Hemingway

Warum lässt ein kerniger Mann, der mit Familie und Kindern nicht so viel am Hut hat, sich eigentlich Papa rufen? Auf Kuba, wo Ernest Hemingway über 20 Jahre gelebt hat, nennt ihn die halbe Insel so. Papa heißt er für gute Freunde, Mister Papa für jene, die ihm nicht so nahe stehen.

Mr. Hemingway sagt so gut wie keiner. Eher Señor Hemingüey oder, ebenfalls kubanisch verballhornt, Mister Güey. Auch hört man gelegentlich Mister Way oder manchmal bloß Ernesto – aber Papa, dieses Papa, das bleibt sein klarer Favorit.

Im Spanischen bedeutet Papa allerlei. La papa, feminin, ist die Kartoffel. El Papa wiederum, maskulin, steht für Papst, jenen in Rom. Womit wir der Sachen schon ein wenig näher kommen. Papá, Betonung auf dem zweiten Vokal, umschreibt den Vater der Kinder.

Wenn man bei uns in Deutschland Bahnhof versteht, sagt man auf Kuba oft yo no entiendo ni papa. Ich versteh‘ nicht mal Kartoffel. Wenn man also rein gar nichts kapiert. Nichts, nada, Kartoffel.

In Lateinamerika kann man schon mal einen alten Kumpel mit einem hola Papa begrüßen. Also einem hey Alter, was dem Buddy oder Bro‘ im Neu-Englischen sehr ähnlich kommt.

Wie auch immer, das väterliche und päpstliche Papa besitzt schon vom Klang her etwas Patriarchalisches. Das Oberhaupt der Familie oder der Glaubensgemeinschaft, das trifft es am besten. So mag sich Ernest Hemingway sehen, jedenfalls wenn er Kleidung anhat.

Dieser Mann mit dem himmlischen Bart inszeniert sich für die Ewigkeit und hinterlässt der Ewigkeit doch einen ziemlichen Schlamassel. Geknickte Ehefrauen, enttäuschte Liebschaften, verletzte Freunde. Und Söhne, die nicht wachsen können, weil der Vater ein Riese ist.

Als Vater ist Ernest Hemingway eine Niete, als Patriarch einsame Klasse. Das ist das Dilemma des Papa Hemingway. Die Welt da draußen himmelt ihn an, innen drin, da brennt das Fegefeuer. Hemingway hat die Welt von oben herunter gesehen, ohne daran zu denken, dass es auch eine andere Perspektive geben kann. Und irgendwann wird aller Hochmut und jeder Selbstverliebtheit ein Ende gesetzt.

Papa ist ein lausiger Vater, weil ein Patriarch die Evolution mit Hochmut anstatt mit Demut betrachtet. Für ihn ist das Leben unendlich und er wäre ein besserer Vater und Mensch, wenn er weniger egozentrisch wäre. Doch als Patriarch ist man von der eigenen Wichtigkeit geblendet. Und wenn dann noch die Verehrung durch die halbe Welt dazu kommt, dann dreht man vollends durch.

Der literarische Erfolg verdankt Ernest Hemingway seinem patriarchalischen Sprachstil. Sprachlicher Machismo, wenn man will. Nur Eierköpfe mit kleinem Abitur ziselieren und holen weit aus.

Wenn jedoch der Patron spricht, dann bedarf es keinerlei Schnörkel. Durch eine klare Sprache wird Einprägsamkeit erzeugt, Sprache wird zur Ansage, ja, zum Befehl. Die Sprache des Patriarchen duldet keinen Widerspruch, denn nur Lakonik erzeugt Autorität und Autoritarismus.

So ist das, Papa Hemingway. In der Literatur mag es funktionieren. Im Leben hinterlässt es nur Verlierer.