Hemingway kicks a can
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Atlantic Hemingway kicks a can of beerMein Lieblingsphoto mit Ernest Hemingway? Nun, leichte Frage, Hemingway kicks a can. He kicks eine Dose Bier, um genau zu sein. Aufgenommen von John Bryson, am 1. Februar 1959. In Ketchum. Fabelhaftes Photo!

Das Photo wird zum ersten Mal in LIFE veröffentlicht, am 14. Juli 1961. Unter dieses Photo schreibt das Magazin: At 60 and still full of the Old Nick, Papa Hemingway booted a beer can high in the air along a Idaho road. This was, he said, “the best picture I ever had taken.”

Am 2. Juli 1961 schießt sich Ernest Hemingway in Ketchum eine Ladung Schrot ins schwermütige Hirn. Und LIFE bringt zu seinem Nachruf genau dieses Photo. Mit Brysons Schnappschuss, zwei Jahre vor seinem Tod aufgenommen, will Ernest Hemingway wohl noch einmal ein kraftvolles Lebenszeichen von sich geben. Das dynamische Wegkicken der Dose, dieser elastische Ausfallschritt, soll uns die Botschaft übermitteln, hier seht ihr keinen fast 60-Jährigen, sondern noch immer einen jungen Kerl.

John Brysons Photo wirkt auf mich auch deshalb so betörend, weil es Hemingway letzte Heimat, die Winterberge Idahos, nicht kalt oder eisig einfängt. Im Hintergrund erkennt man die Boulder Mountains. Diese wuchtige Gebirgskette rahmt Ernest Hemingway heimelig und behütend ein, so als wolle sie den Autor abschirmen, gegen was auch immer.

Auf Kuba, wo er bis Anfang 1959 lebt, hat Ernest Hemingway, der spürt, dass es zu Ende geht, nicht sterben wollen. Und es ist seine Frau Mary Welsh, die meint, eine erstklassige medizinische Versorgung in den Vereinigten Staaten werde ihm gut tun. Obwohl er an Kuba hängt, er hat der Übersiedlung nicht widersprochen. Denn auf Kuba sterben, nein, das will er nicht. Kuba soll ihn nicht als gebrechlichen, siechen Mann sehen.

Eigentlich soll ihn niemand als siechen und schlappen Mann sehen. Und so kommen er und Mary nach Ketchum ins Sun Valley zurück, das er bereits als junger Mann bereist hat. Im Jahr 1939 ist er das erste Mal hierher gekommen, mit seiner neuen Liebe, der bildhübschen Journalistin Martha Gellhorn. Da ist er noch ein junger wilder Bursche.

In den ersten Monaten in Ketchum geht es Ernest Hemingway erstaunlich gut. Die Ärzte haben ihn wegen seines zu hohen Blutdrucks und Cholesterins auf strenge Diät gesetzt, die er auch artig befolgt. Er hat einige überflüssige Pfunde abgenommen und fühlt sich nun körperlich besser.

Doch mental ist Ernest Hemingway angegriffen, sein Gedächtnis und die Kreativität sind auf und davon. Er sucht nach Ausreden, das Schreiben sein zu lassen. Ich habe furchtbar hart gearbeitet, schreibt er an Gianfranco Ivancich im Mai 1960. Er habe mehr als 100.000 Worte geschrieben, schwindelt er ein letztes Mal. Aber nichts zur Veröffentlichung in diesem Jahr, weil die Einkommenssteuer so schon so hoch ist, dass uns alle weiteren Einnahmen ins Armenhaus bringen würden.

Seine letzten zwei Lebensjahre verbringt Ernest Hemingway in Ketchum in dem großen, einsamen Landhaus aus Holz, das außerhalb der Stadt in einen grünen Hügel hineingebaut ist. Das Photo hat John Bryson in der Nähe bei einem Spaziergang am frühen Nachmittag aufgenommen. Hemingway geht die Straße hinunter, die zur Sun Valley Lodge führt, wo er sich ein, zwei Drinks genehmigen möchte. Bryson drückt im richtigen Moment ab.

Hemingway kicks a can wird später auf zahlreichen Zeitschriften-Covern und in unzähligen Büchern veröffentlicht. Es wird zum ikonischen Photo. Ernest Hemingway durchläuft eine schlimme Zeit, er ist von Krankheit, Depression und Lebensmüdigkeit gezeichnet. Hemingway kicks a can, so will es der alternde Schriftsteller, soll per Photo ein trotziges Ausrufezeichen setzen. Leute, so scheint Ernest Hemingway zu brüllen, mit mir ist noch zu rechnen! Jedoch auch dies entpuppt sich als ein Schwindel.