Hemingway wird schwer verwundet
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Fossalta di Piave

Fossalta di Piave, im September 2009:
Photo by W. Stock

Dann kommt die schlimme Nacht. Vom 7. auf den 8. Juli 1918 ist Ernest Hemingway auf Versorgungsfahrt in Fossalta an der Piave bei einer Stelle, die die Einheimischen als Buso de Burato, als Loch des Burato, bezeichnen.

Per Fahrrad soll er den in den Schützengräben liegenden Soldaten Lebensmittel überbringen. Und ein paar kleine Annehmlichkeiten, die die Last des Krieges mildern sollen: Zigaretten, Schokolade, Kaffee, Postkarten. Weil er nahe an der feindlichen Linie sein will, mag Hemingway diese Verpflegungsfahrten des Rolling Canteen Service.

Hemingway erreicht den nahen Damm, hinter dem italienische Soldaten in Stellung liegen. Auf der anderen Seite der Piave, in den östlichen Uferauen, liegen die österreichischen Truppen, die die Italiener unter Beschuss halten. Als Hemingway gegen ein Uhr nachts den Damm am Westufer der Piave erreicht, explodiert zwei Meter von ihm entfernt eine Mörsergranate. Plötzlich und mit einem riesigen Knall.

Die Granate, von einem Minenwerfer am Ostufer abgefeuert, ist vom Kaliber 420 Millimeter und mit Eisenkugeln, Stahl und Metallschrott gefüllt. Kugelsplitter und Späne bohren sich in Hemingways rechtes Bein. Direkt neben ihm wird ein Soldat getroffen, er sackt regungslos zusammen. Es war, als wäre eine Ofentür aufgesprungen, und ein Gebrüll kommt über dich, zuerst in Weiß und dann in Rot.

Der junge Hemingway liegt in einer roten Pfütze aus Blut und Körperfetzen, um ihn herum, tote und verwundete Soldaten. Er versucht, seine Blutungen notdürftig mit Zigarettenpapier zu stoppen. Wie in Trance nimmt er einen verwundeten Soldaten auf die Schulter, zieht ihn aus dem Schützengraben und schleppt sich mit dem Verwundeten in Richtung Kommandoposten.

Nach 50 Metern gerät Hemingway in eine Salve von Maschinengewehren. Patronen treffen seinen rechten Fuß und die Kniescheibe. Trotz seiner beißenden Splitter- und Schussverletzungen erreicht Ernest Hemingway mit dem getroffenen Soldaten auf der Schulter den rettenden Posten hinter der Dammsohle.

Man bringt den verletzten Amerikaner zuerst in das Haus des Bürgermeisters, als auch dieses unter Beschuss gerät, dann in einen Stall ohne Dach, am entgegen gelegenen Stadtrand, zwei, drei Kilometer von der Kampfzone entfernt, dort wo man heute die Kellerei De Stefani findet.

Es wird eine grauenvolle Nacht für den 18-Jährigen. Er hört die Salven der Maschinengewehre, die explodierenden Mörsergranaten und er selbst liegt in diesem armseligen Stall, schlimm verletzt, mit höllischen Schmerzen, ohne vernünftige medizinische Versorgung.