Im Schwarzwald begann Hemingways Fischwasser
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Drei Wochen Schwarzwald – der Amerikaner lebt im Deutschland nach dem verheerenden Ersten Weltkrieg wie ein König. Die Hemingway-Plakette an den Triberger Wasserfällen. Foto by W. Stock

An den Besuch des Schriftstellers und seiner Frau Hadley im Schwarzwald erinnert eine Gedenktafel am Wasserfall. Die Gutach stürzt in Triberg über sieben Kaskaden mehr als 160 Meter tief ins Tal, es ist Deutschlands höchster Wasserfall. Der Lions Club Triberg hat die koffergroße Platte oberhalb der Obervogt-Huber-Tanne auf einem Felsbrocken angebracht.

Auf der Schiefertafel ist aufrecht eine Forelle abgebildet, am Sockel steht die Unterschrift des Nobelpreisträgers, die Lebensdaten des Schriftstellers sind erwähnt und der Text erläutert: „Ernest Hemingway besuchte Triberg im Schwarzwald im August 1922, wo er seiner Leidenschaft, dem Fischen, nachging.“ Auf der linken Seite der Tafel wird dann die hinreißende Passage über Triberg aus Schnee auf dem Kilimandscharo zitiert, die mit dem heiteren Ausruf endet: Hier begann unser Fischwasser

Ernest Hemingway lernt Deutschland schnell kennen, auf einen Sympathiebonus darf er nicht hoffen, der verlorene Krieg steckt den Deutschen noch in den Knochen. Bitte, Herr Burgomeister. We wollen der fishkarten. We wollen to gefischen goen, radebricht der Autor aus Chicago im Rathaus, als er um den Angelschein nachfragt. Nix, nein, erwidert der Bürgermeister brüsk, und weist den Amerikanern die Türe.

Doch der junge Journalist lässt sich seine Angelleidenschaft von den Bürokraten nicht vermiesen. Ohne Erlaubnis wildert er die nächsten Tage in den klaren Bächen rund um Triberg. Als erfolgreiche Gegenwehr, wenn er bei seinem Vergehen erwischt wird: grüne Scheine. Denn die Menschen im Nachkriegs-Deutschland sind bereit, für ein paar Dollar tiefe Bücklinge zu tun. Wenn jemand komme und nach der Angellizenz frage, so schreibt Ernest Hemingway, dann gebe man ihm ein paar Dollar-Scheine und schon sinkt der Gegner in höchster Dankbarkeit in die Knie.

Die Leser im fernen Kanada unterhält Ernest Hemingway mit zwiespältigen Impressionen aus dem Schwarzwald. Die Bewohner beschreibt er als zurückgebliebene Monarchisten oder verhärmte Kriegsverlierer, oft erfährt der Amerikaner Ablehnung und Zurückweisung. In der Nähe von Triberg werden er und seine Freunde vom Bauern mit einer Mistgabel vom Feld vertrieben, nur weil sie Auslanders sind. 

Doch mit der lieblichen Natur fremdelt der Amerikaner weniger. Nach dem Krieg pachteten wir einen Forellenbach im Schwarzwald, und es gab zwei Wege, die dorthin führten. Einer ging durch das Triberger Tal hinab und schlängelte sich an der Talstraße entlang im Schatten der Bäume, die die staubige Straße einsäumten, und dann eine Seitenstraße hinauf, die durch die Hügel führte, an einer Menge kleiner Gehöfte mit großen Schwarzwaldhäusern vorbei, bis zu jener Straße, die den Bach überquerte. Hier begann unser Fischwasser.

Eine Liebesbeziehung kann sich nicht entwickeln zwischen Ernest Hemingway und dem Schwarzwald. Kein Mensch ist jemals im Winter in Triberg gewesen, überzeichnet der Amerikaner im Toronto Star ein wenig. Doch irgendwie hat er ein gutes Gespür für die Zukunft bewiesen, denn die Region wirkt heute ein wenig abgehängt. Triberg hat sich dem Pepita-Hütchen-Tourismus verschrieben, die Busladungen werden an den Wasserfällen ausgeworfen und zwei Stunden später bei den Kuckucksuhren wieder eingesammelt.

Ernest Hemingway vermag, trotz manch Großsprecherei, die Stimmung in Deutschland nach dem verlorenen Krieg treffend einzufangen. Es scheint fast so, als habe der junge Amerikaner erahnt, dass die triste Seelenlage in einer schlimmen Katastrophe enden sollte. Doch ein Funken Hoffnung bleibt trotz aller Düsternis, wie immer bei Ernest Hemingway. Es ist die Kraft der Natur. Als ihre drei Wochen im Schwarzwald zu Ende geht, fühlen Ernest und Hadley zum guten Schluss wie der Schwarzwald unter uns in allen Richtungen dahin wog.