Mary Welsh, der Glücksfall
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Mary Welsh, Mai 1956; Photo by Modeste von Unruh

Mary Welsh, Mai 1956;
Photo by Modeste von Unruh

Mary Welsh ist eine kleine aparte Frau mit kurzer Blondhaar-Frisur, eine Grande Dame, elegant zu jeder Tageszeit und mit betont guten Manieren. Diese hübsche Frau in dem kurzärmeligen, karierten Hemd, die ihren Schmuck nur dezent trägt, wirkt bisweilen wie das Gegenbild zu ihrem eher großkotzig auftretenden Ehemann.

Wenn Mary ihre Wayfarer-Sonnenbrille aufsetzt, ergibt die Ausstrahlung dieser feinen Frau einen merkwürdigen Kontrast zu diesen sonnenverbrannten und harschen Gegenden, wo sich Ernest Hemingway meist herumzutreiben pflegt. Irgendwie passt sie nicht so recht in die Tropen, zu Kuba, nach Afrika, aber andererseits merkt man, sie kommt hervorragend zurecht.

Mary Welsh ist Ernest Hemingways vierte Ehefrau. Man darf sie als Glücksfall für den Schriftsteller bezeichnen. Obwohl manche, gerade einige der kubanischen Angestellten der Finca Vigía, sie als kalt, herrisch und berechnend schildern. Zu vielen aus Hemingways Freundeskreis pflegt sie ein eher distanziertes Verhältnis.

Aber andererseits, wie will man es mit einem Kerl wie Hemingway aushalten, wenn man nicht andauernd auf Hab-Acht ist? Wäre es wirklich sinnvoll, an der Seite des quirligen Bauchmenschen Ernest einen weiteren Wirbelwind zu haben?

Im März 1946 heiratet Ernest Hemingway seine Mary Welsh auf Kuba. Mary nimmt sich in der Ehe mit Ernest sehr zurück, es macht ihr nichts aus, sich im Hintergrund zu halten. Gegen den gewaltigen Schatten dieses Ernest Hemingway gibt es kein Anleuchten, die schlaue Mary weiß das. Dafür waltet und schaltet sie zu Hause, kommandiert die Bediensteten herum, hält Ordnung und Tagesablauf im Haus aufrecht. Sie fungiert als Stabsfeldwebel des Vier-Sterne-Generals.

Aus Minnesota stammt Mary Welsh, sie ist neun Jahre jünger als Ernest, und eine Frau von bemerkenswertem Langmut. Mary kann gut zuhören und zeigt sich nachsichtig und toleriert Ernests Launen. Auch sieht sie über die amourösen und hochprozentigen Eskapaden des Ehegatten grollend, aber doch mit großer Geduld hinweg. Es verletzt sie, wie angriffslustig er mit anderen Frauen posiert.

Er macht zu vielen Frauen den Hof, umgarnt und bezirzt sie, und oft bleibt es nicht bei bloßem Maulheldentum. Und Mary kennt die paar Male, wo er es besonders arg getrieben hat, sie ist ja nicht blöd oder blind. Da ist sie dann drauf und dran gewesen, ihn zu verlassen, doch hat es sich im letzten Augenblick anders überlegt.

Mary Welsh selbst arbeitete als Journalistin, zunächst bei der Chicago Daily News und später, in den Jahren des Zweiten Weltkriegs, beim Daily Express von Baron Beaverbrook in London, später im Londoner Korrespondenzbüro von Time, Life und Fortune. Mary ist lebenslustig und wohnt mitten in London, zwischen Regent Street und Hyde Park, in der Grosvenor Street 31. Mary Welsh besitzt in England einen ausgesprochen guten Ruf als hart arbeitende und integre Reporterin, der es aber auch nicht an Durchsetzungsvermögen mangelt.

Die meisten beschreiben Mary als vornehme und gebildete Dame, die sehr auf Etikette und Benimm zu achten pflegt. Ernest hingegen nimmt es mit dem Benimm nicht so genau, er ist gerade heraus und gibt seinen Launen und Wünschen freies Geleit.

Wie sich das Paar kennengelernt hat? In London, als Ernest und Mary Korrespondenten im Krieg gewesen sind. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Aber, fügt Mary schnell an, wenn man sie fragt, weil sie weiß, was jetzt kommt, ich habe einen Mann geheiratet, den ich liebe, und nicht einen Schriftsteller, den ich bewundere.

Der Nobelpreis? Mary wirkt bei diesem Stichwort etwas verschnupft. Ernest, meint sie spitz, ist immer so großzügig. Als er die 35.000 Dollar bekommen hat, da hat er unserem Chauffeur und den anderen Bediensteten auf der Finca Vigía zehn Monatsgehälter als Gratifikation gezahlt. Und mir hat er einen Scheck über zweitausend Dollar gegeben.

Ist denn dann noch etwas übrig, vom Nobelgeld, Señora?, fragt sie einmal der peruanische Journalist Manuel Jesús Orbegozo vielleicht ein wenig zu naseweis. Ich habe nichts mehr, lacht Mary spöttisch, ich habe nur ihn. Und der Redakteur Orbegozo weiß nicht so recht, wie ein solcher Humor gemeint sein soll.