Norberto Fuentes kennt den kubanischen Hemingway
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Norberto Fuentes, Mitte der 80er Jahre; Photo by W. Stock

Der kubanische Journalist Norberto Fuentes ist Ernest Hemingway schon seit jungen Jahren auf der Spur. Der ehemalige Prensa-LatinaReporter, Jahrgang 1943, kann vielleicht von allen Menschen am besten über den kubanischen Hemingway berichten.

Norberto ist ein großer Verehrer des bärtigen Schriftstellers aus dem Gringo-Land und jemand, der überhaupt eine Menge zu erzählen hat. Hemingway hat 20 Jahre auf Kuba gelebt, und dass die Welt viel über diese Jahre weiß, das verdanken wir Norberto Fuentes.

Norberto hat 1984 ein wunderbares Buch über Hemingways Jahre auf Kuba veröffentlicht. Ein dicker Schmöker, Hemingway en Cuba. Im Verlag Letras Cubanas herausgegeben, auf billigem Papier und zudem schlecht typografiert, jedoch eine einzige Liebeserklärung von Seite 1 bis 718. Eine Fleißarbeit, mit vielen seltenen Fotos.

Gabriel García Márquez, auf den noch zurück zu kommen ist, schrieb das Vorwort. Norberto hat in seinem Buch alles zusammen getragen, was er über Hemingways Zeit auf Kuba finden konnte. Dokumente, Zeitzeugen, Aussagen alter Freunde und Weggefährten, und selbst den Comandante Fidel hat er ausführlich zu Hemingway befragt. Eine eifrige und engagierte Spurensuche, herausgekommen ist eines der schönsten Bücher zu Ernest Hemingway überhaupt.

Norberto Fuentes verneint meine Frage, ob Mister Hemingway nicht doch ein politisch eher anteilloser Mensch gewesen sei. „Auch persönlich war Hemingway drei großen Ereignissen dieses Jahrhunderts gegenüber nicht gleichgültig: dem Spanischen Bürgerkrieg, dem Zweiten Weltkrieg und der kubanischen Revolution.“

Wohl wahr, Hemingway trat nicht ein für abstrakte Ideologien, sondern für Menschen und Belange. Er war ein Instinkt-Mensch zeitlebens, jemand der mit dem Bauch und nicht mit dem Kopf denkt. Die Welt ist schön, und es lohnt sich, für sie zu kämpfen.

Mit Zahlen untermauert Norberto seine Sichtweise. Ernest Hemingway ist der meistveröffentlichte ausländische Romancier im revolutionären Kuba. Und kein Schriftsteller, mit Ausnahme des Nationalhelden José Martí, wird auf der Zuckerinsel so verehrt wie der bärtige Mann aus Oak Park, Illinois. „Hemingway war schon ein überaus eigenwilliger amerikanischer Intellektueller.“

Norberto Fuentes will wohl sagen, er lässt sich so leicht in keine der bekannten Schubladen stecken. Einen trotzigen Touch, einen Hauch Aufsässigkeit, den hat er gewiss besessen, auch wenn er wahrlich nicht als Revolutionär zu bezeichnen ist. Gleichwohl war er ohne Frage ein Rebell, ein einzelgängerischer Rebell. Der Mensch kann besiegt werden, aber aufgeben darf er nicht, sagt der alte Mann Santiago. Oder ist dies doch von Che Guevara?

Aber was zog Ernest Hemingway an dieser Insel so an? Hm. Der Machismo? Sicher, kein Zweifel. Heute ist der Machismo nicht mehr so ausgeprägt wie in früheren Zeiten. Die Männer haben es schwerer. Die Revolution. „Würde er heute auf Kuba leben, er hätte wohl ein bisschen zu leiden.“ Norberto spielt mit leiser Ironie.

Auch Norberto musste leiden. Einst im engen Zirkel um Fidel Castro, ist er 1989 beim kommunistischen Regime in Ungnade gefallen, und hat sich 1993 mit einem selbst gezimmerten Floss über die Meerenge Richtung USA aufgemacht. Die kubanische Küstenwache hat ihn geschnappt. Er wurde eingekerkert. Gabriel García Márquez, mit Fidel Castro eng befreundet, hat ihn rausgepaukt. Seit 1994 lebt er in Miami. Er ist angekommen. Nicht nur im Exil. Sondern auch im Lande Ernest Hemingways.