Sterben an einem kleinen Ort in Spanien
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Das Recreo San Cayetano, das ehemalige Landgut der Familie Ordóñez, liegt wenige Kilometer im Osten vor der andalusischen Stadt Ronda.
Foto by W. Stock 2019

Ernest Hemingway und Orson Welles haben sich gut gekannt, sind fast so etwas wie Freunde gewesen, wenn auch keine engen Kumpel. Dazu sind sie sich zu ähnlich gewesen. Revolutionäre und Klassiker zugleich. Der eine in der Literatur, der andere beim Film. Orson Welles, dieser geniale Regisseur, ist zudem als ein wunderbarer Schauspieler aufgefallen. Er ist kein Hollywood-Schwätzer, sondern ein Enfant terrible, kein Mainstream-Leichtgewicht, vielmehr der brillante Kopf für die ausgefallenen Projekte.

Ähnlich sind auch ihre Vorlieben. Spanien an erster Stelle. España es el último buen país, diktiert Ernest Hemingway einem Reporter der Tageszeitung Dario de Navarra in den 1950er, in seinen letzten Lebensjahren, ins Notizbuch. Spanien sei das letzte gute Land weit und breit. Vielleicht meint der Schriftsteller damit auch, Spanien sei ein gutes Land, um zu sterben.

Orson Welles, dieser standhafte Haudegen, hat es rigoros durchgezogen. Zum Teil jedenfalls. Der Schauspieler Joseph Cotten schrieb nach dem Tod des Kollegen 1985 über den genialen Regisseur: „Orson will kein Begräbnis. Er möchte leise beerdigt werden an einem kleinen Ort in Spanien.“ Leise beerdigt werden an einem kleinen Ort in Spanien. So kann man sich den Abgang vorstellen, wenn man Romantiker ist und ein Landstrich im Herzen verankert ist, die Idee hat etwas Tröstliches.

Dieser Teufelskerl Orson Welles, der in so vielem Ernest Hemingway ähnelt, hat es jedenfalls vorgemacht. Nach seinem Tod in Los Angeles und einer abenteuerlichen Irrfahrt seiner Urne findet sich eine letzte Ruhestätte in der Nähe von Ronda. In Andalusien, unweit von diesem magischen weißen Dorf im gebirgigen Hinterland der Costa del Sol. Im El Recreo de San Cayetano, auf dem Landgut des Freundes Antonio Ordóñez, ist seine Asche und die seiner Witwe Paola Mori in einem Gartenbrunnen beigesetzt. Seine jüngste Tochter hat den letzten Wunsch des Vaters erfüllt und im Jahr 1987 die Asche verstreut. 

El Recreo de San Cayetano. Die Finca der Stierkämpfer-Familie Ordóñez ist die letzte Ruhestätte von Orson Welles. Dieser Lustgarten des San Cayetano, ein Ort der Muße und Erholung, befindet sich fünf Kilometer außerhalb von Ronda an der A-367, Richtung Cuevas del Becerro. Cayetano ist nicht nur der Name des heiligen Kajetan, sondern zudem der Vorname des Familienoberhauptes der Ordóñez, eines ruhmreichen Stierkämpfers in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts. Sowohl Cayetano Ordóñez als auch sein Sohn Antonio Ordóñez werden zu engen Freunden des Orson Welles.

Das Farmhaus befindet sich auf einem 10 Hektar großen Gelände, mit Olivenhainen, Obstbäumen, Garten und Swimmingpool. Das geräumige Herrenhaus mit den fünf Schlafzimmern, dem Wohnzimmer mit Kamin, der Bibliothek ist angelegt für ein angenehmes und süßes Leben. So haben im El Recreo de San Cayetano illustre Gäste weilen dürfen. Der US-Schauspieler Adrien Brody, Flamenco-Tänzerin Lola Flores, der peruanische Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa und natürlich Ernest Hemingway und Orson Welles.

Der Regisseur Orson Welles war so von diesem Ort und der Gegend fasziniert, dass er auch hier – dickköpfig wie immer – die Regie übernehmen musste. Für das eigene Ableben hat er bestimmt, auf diesem andalusischen Landgut seine ewige Ruhe zu verbringen. Und auch dieses schwierige Projekte hat er, mit einigen Umwegen, durchgesetzt. Nun liegt die lose Asche des Orson Welles im trockenen Brunnen des Gartens von El Recreo de San Cayetano.

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In einem blumenumrankten Brunnen des ‚El Recreo de San Cayetano‘ befindet sich die Asche des Orson Welles und seiner Witwe. Foto by W. Stock, 2019

El Recreo de San Cayetano ist schon seit geraumer Zeit nicht mehr im Eigentum der Familie Ordóñez, es ist in den letzten Jahren durch verschiedene Hände gegangen, vielleicht durch zu viele. Wenn man die Finca in diesen Tagen besucht, kommt sie einem verlassen und desolat vor, seit die Ordóñez nicht mehr da sind, scheint die Seele des Anwesen entschwunden. Doch der Brunnen steht.

Auch die nächst größere Stadt, Ronda, hält das Gedenken an Orson Welles wach. Ein Statue gegenüber der Plaza de Toros erinnert an den Liebhaber aus dem fernen Amerika, eine kleine Promenade in der Nähe ist nach dem Regisseur benannt. Ronda, diese Stadt aus dem Wunschtraum, surreal, doch trotzdem radikal traditionell und bodenständig, hat den Freund nicht vergessen. 

Die Heimat eines Menschen sei nicht der Geburtsort, so hat Orson Welles kundgetan, sondern der Ort, wo seine sterblichen Überreste ruhen. Das unschuldige Ronda in den Bergen Andalusiens ist dafür eine erstklassige Wahl.