Hemingways Welt

Wolfgang Stock auf Spurensuche

Schlagwort: Hemingway Memorial

Eine Heimstätte für die geschundene Seele

Büste auf dem ‚Hemingway Memorial‘ bei Ketchum;
Photo by W. Stock, 2018

In seinem einsamen Landhaus in den entlegenen Bergen Idahos, weit weg von den vorlaut plappernden Städten und der neumodischen Welt des Wirtschaftswunders, sucht Ernest Hemingway eine Versöhnung mit sich und der Natur. Der Umzug nach Ketchum in das Anwesen am East Canyon Run Boulevard im Jahr 1959 gleicht einem Rückzug in ein Reservat seiner überkommenen Werte- und Lebensvorstellungen.

Auf Kuba tobt die Revolution gegen das Althergebrachte und die Willkür des Gestrigen. Und auch in seinem Heimatland probt die Jugend den Aufstand. Nun hört die kulturelle Avantgarde auf die hektischen Bebop-Rhythmen eines Charlie Parker, die aufmüpfige Jugend hat sich endgültig den Rock ‚n‘ Roll zu eigen gemacht, das Publikum hat sich an den dahinbrummenden Swingmelodien eines Benny Goodman einfach satt gehört.

Die Welt da draußen fliegt ihm mit einem Mal um die Ohren, seine Rolle als forscher Dompteur der Gegenwart ist mit einem Mal abgenutzt. Es scheint als sei man dabei, die Gewissheiten und die Wahrheiten von gestern auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen. Seine Denkart und der Lebensstil, aber auch der Tonfall seines Schreibens scheinen auf irgendeine Art und Weise von gestern.

Beim Schreiben spürt er eine ständige Verkrampfung, die er von früher her so nicht kannte. Er merkt, dass seine Art zu schreiben irgendwie von der Wirklichkeit überholt wird. In den Jahren des Wirtschaftsaufschwungs nach dem Krieg hat die eisige Lakonik seiner Prosa viel an Glanz verloren. Ernest Hemingway merkt, dass alles schwieriger wird. Er sitzt stundenlang am Schreibtisch, grübelt immer länger über den Sätzen, er streicht die Wörter, ersetzt sie durch andere, und ist immer noch nicht zufrieden.

Ernest Hemingway kann die Spannung im Text nicht erzwingen, die Handlung plätschert nur so dahin, die Dialoge empfindet er oft als unecht und fad. Im günstigsten Fall reicht es für den Aufguss seiner Prosa, manchmal klingen seine Texte wie die eigene Parodie. Das moderne Publikum verlangt in diesen beginnenden wilden 1960er Jahren nicht nur nach innovativen Erzählstilen und nach einer komplexeren Sprache, sondern vor allem auch nach zeitgemäßen Themen. Ob er da mit einem Buch über den Stierkampf die Leser mitreißen kann?

Der alt gewordene Schriftsteller, der seit einem halben Jahrzehnt kein Buch mehr veröffentlicht hat und der nicht mehr schreiben kann, zieht sich verunsichert zurück in sein Ketchumer Schneckenhaus, er kapselt sich ab und igelt sich ein, um seinem maladen Selbstwertgefühl etwas Linderung zu verschaffen. Er braucht Ruhe, um überhaupt schreiben zu können. Das Umherziehen in der weiten Welt soll abgelöst werden, indem er seine innere Mitte findet.

Ernest Hemingway hat Orte und Landstriche besucht, die durch ihn

weiterlesen

Am liebsten mag er den Herbst

Das Hemingway Memorial oberhalb von Ketchum/Idaho;
Photo: W. Stock

An der Trail Creek Road oberhalb von Ketchum, fußläufig von dem Sun Valley Resort entfernt und von den Ausläufern der Rocky Mountains umringt, steht auf einem hüfthohen Mäuerchen vor einem Steilhang das mannshohe Denkmal für Ernest Hemingway. Der einfache Stein mit einer schönen Bronzebüste auf dem meterhohen Sockel mit Schieferplatten als Fundament ist im Jahr 1966 errichtet worden, Miss Mary hat den Platz ausgesucht.

Ernest Hemingway schaut auf die hohen schneebedeckten Berge und unter ihm rauscht der schmale Bachlauf des Trail Creek, wo er früher gerne zum Angeln weilte. Wahrscheinlich hat Ernest Hemingway schon im Jahr 1939 geahnt, dass seine Seele im Tal am Ausläufer der Rocky Mountains seine letzte Ruhe finden wird, als er das Epitaph für seinen Jagdfreund Gene Van Guilder schreibt, einen bei einem Jagdunfall im Hagerman Valley bei Twin Falls ums Leben gekommenen PR-Managers der Sun Valley Lodge.

Jene Verse prangen heute in goldenen Lettern auf einer Plakette aus schwarzem Schieferstein unter dem Denkmal:

Best of all he loved the fall
The leaves yellow on the cottonwoods
Leaves floating on the trout streams
And above the hills the high blue windless skies
…Now he will be a part of them forever

Als Bestes von allen liebte er den Herbst,
das gelbgefärbte Laub der Pappelbäume
Blätter, die auf den Forellenbächen treiben
Und über den Hügeln der hohe blaue windstille Himmel
…Jetzt wird er auf immer ein Teil von ihnen sein

Am meisten – als Bestes von allen – liebte er den Herbst. Ernest Hemingway, dessen Talent nicht gerade beim Dichten der Verse liegt, schreibt zum Tod des Freundes sein allerschönstes Gedicht. Seine Verse wachsen zusammen zu einer einfachen und melancholischen Poesie, die, wenn man recht zuzuhören weiß, zugleich von ungeheuerer Lebenslust durchsetzt ist.

Diese wunderbaren Verse auf den Jagdfreund dienen ihm vor allem als Spiegelbild. Den Menschen, den Ernest Hemingway dort so naturverbunden und mit erdhafter Hingabe skizziert, das ist er selbst. In diesem Gedicht hat er

weiterlesen

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén