Hemingways Welt

Großmaul, Schnapsnase, Schürzenjäger – an den Fersen eines Jahrhundertautors

Schlagwort: Kuba

Es wird wieder Frühling werden

Auf Finca Vigía, seiner kubanischen Farm bei San Francisco de Paula, lebt Ernest Hemingway das Leben, von dem er immer geträumt hat. Hier mitten in den Tropen kann er der Mensch sein, der er immer sein wollte. Ein Schriftsteller, ein Frauenheld, ein Familienvater, ein Freund des Meeres. Und vor allem ist er ein Mensch, der mit jeder Pore merkt und spürt, dass er lebt, richtig lebt.

Das Leben fühlt sich wunderbar an, dieses unbekümmerte Leben auf dieser heiteren Insel, die er so sehr braucht, um den Akku für seinen hochtourigen Motor aufzuladen. Er braucht die Tropen für den Körper und noch mehr für seine Seele, Kuba wird sein Garten Eden mit ewigem Sonnenschein. 

Üblicherweise durchlebt ein Mensch ja den jahreszeitlichen Kreislauf der Natur. Auf seiner Finca Vigía jedoch herrscht unentwegt Hochsommer, der Frühling findet an einem Dienstagnachmittag statt, der Herbst schickt ein paar wilde Stürme und heftige Unwetter. Der Winter bleibt ein gänzlich unbekanntes Phänomen.

Immerfort sucht Ernest Hemingway diese Sonnensphären, seine Lieblingsplätze befinden sich fast alle in den Tropen oder in warmen Gefilden. Der Schriftsteller braucht die sommerliche, wolkenlose Natur, die ihn erwärmt. Der eisige Winter fühlt sich für ihn an wie ein kleiner Tod.

Part of you died each year when the leaves fell from the trees and their branches were bare against the wind and the cold, wintery light. But you knew there would always be the spring, as you knew the river would flow a again after it was frozen.

Ernest Hemingway kennt

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Ernest Hemingway und Gabriel García Márquez

Ein junger Schreiber aus der lateinamerikanischen Boom-Generation wird Ernest Hemingway und seiner Ehefrau Mary Anfang 1957 in Paris am Boulevard St. Michel einmal fast in die Arme laufen. Doch der damals außerhalb seines Heimatlandes unbekannte 29-jährige Kolumbianer Gabriel García Márquez ist zu gehemmt, um auf Ernest Hemingway zuzugehen, und er ruft deshalb von der anderen Straßenseite ein lautes Maaaeeestro!.

Ernest Hemingway, der weiß, dass nur er mit dem Zuruf Meister gemeint sein kann, winkt mit der Hand und schreit auf Spanisch zurück: Adiooos, amigo!. So haben sich diese zwei Großmeister der Erzählung getroffen, sich kurz über die Straße etwas zugerufen und dann nie wieder gesehen.

Doch der schüchterne Kolumbianer, er ist 28 Jahre jünger als der US-Amerikaner, sollte in seinem Stil von Ernest Hemingway nachdrücklich beeinflusst werden. Sein Relato de un náufrago ist nicht vorstellbar ohne Der alte Mann und das Meer. Der vollständige Titel des Werkes lautet Bericht eines Schiffbrüchigen, der zehn Tage lang, ohne zu essen und zu trinken, auf einem Floß trieb, der zum Helden des Vaterlandes ausgerufen, von Schönheitsköniginnen geküsst, durch Werbung reich, gleich darauf durch die Regierung verwünscht und dann für immer vergessen wurde.

Der Kolumbianer García Márquez hat die kuriose Geschichte zuerst im Jahr 1955 als Erzählserie in der Tageszeitung El Espectador aus Bogotá veröffentlicht, bevor sie

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Inge Schönthal – die kecke Fotografin

Der alte Mann und das attraktive Mädchen

Irgendwann im Frühjahr des Jahres 1953 ist eine junge deutsche Fotojournalistin bei ihm auf Kuba aufgekreuzt, sie arbeitet für die Hamburger Zeitschrift Constanze. Die junge Frau hat sicherlich ein dutzendmal auf der Finca Vigía angerufen, er hat sie abgewimmelt oder sich verleugnen lassen, bis die Reporterin ihn dann schließlich doch selbst an die Strippe kriegt. „Dann kommen Sie zum Lunch. Ich schicke Ihnen meinen Fahrer. Und bringen Sie einen Badeanzug mit“, gibt Ernest Hemingway ihr mit auf den Weg.

Über zwei Wochen ist die junge Deutsche auf der Finca bei den Hemingways geblieben und sie hat in dieser Zeit erstaunliche Fotos geschossen. Eines zeigt den Schriftsteller mit dem kecken Mädchen im Fischerdorf Cojímar, einen erlegten Marlin von vielleicht 30 Kilo in der Mitte. Auf dem Ursprungsbild ist der Maat Gregorio Fuentes noch drauf, man ist gerade von einer Ausfahrt mit der Pilar zurück und hat allerdings keinen Fang gemacht. Doch in der Eisbox der Kooperative von Cojímars Fischern findet sich noch ein Exemplar, der kleine Marlin liegt dort eisgefroren seit Wochen.

Die Fotografin, die Bildfolge ist per Selbstauslöser aufgenommen, hat einen hautengen trägerlosen Badeanzug an, das sonnengebräunte Dekolleté fällt ins Auge, ebenso die hübschen Beine, das neckische Lachen, und Ernest umgreift mit der linken Hand die phallische Schwertspitze des Marlins. Ein solches Foto ist, noch heute würde man sagen, verdammt sexy, für die damalige Zeit ist es ein Knüller gewesen. Und auch Ernest Hemingway scheint in der Tat ein bisschen besäuselt, vielleicht von ihr, wohl mehr noch allerdings von den Prozenten.

Die junge Journalistin, sie ist in

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Ernest & Jorge

Zwei unterschiedlichere Schriftsteller vermag man sich kaum vorzustellen: Jorge Luis Borges, der feine Argentinier aus Buenos Aires. Ein weltgewandter Intellektueller, ein Poet und Philosoph. Magischer Realismus. Ein Mann der Imagination und der Phantasie. Zurückhaltend, gebildet und vornehm.

Als Gegensatz dazu Ernest Hemingway: Ein Anti-Intellektueller ohne universitäre Bildung, ein Realist und Kriegsteilnehmer, der Schreiber knapper Sätze und spröder Wörter. Im Leben ein Säufer und Weiberheld, ziemlich frech und ungehobelt.

Zwischen diesen zwei Schriftstellern –  beide vom Jahrgang 1899 übrigens – liegen Ozeane. Sie mochten sich nicht groß leiden. Obwohl der US-Amerikaner Ernest Hemingway die lateinamerikanische Literatur im allgemeinen bewunderte. Doch Hemingways Liebe zu den lateinamerikanischen Autoren beruht nicht immer auf Wechselseitigkeit.

Er sei ein Autor minderer Qualität, hat der große Jorge Luis Borges einmal gelästert, bloß ein Journalist mit einer gewissen Fingerfertigkeit, jedoch einer mit wenig Verstand. Hemingway habe sich schließlich umgebracht, weil er gemerkt habe, dass er literarisch kein großes Licht sei, meint der Argentinier giftig. Diese Klarsicht rette ihn in seinen Augen, so Borges, ein wenig zumindest.

In der Tat kann man sich zwei gegensätzlichere Charaktere kaum vorstellen. Ernest Hemingway, der das Schreiben über das Erleben und das Tun definiert, und Jorge Luis Borges, der sich als Meister der Imagination gefällt. Von so einem Warmduscher jedenfalls lässt sich ein Ernest Hemingway natürlich nicht beleidigen.

Und so hat Hemingways Konter nicht lange auf sich warten lassen. Am 13. März 1950 schickt Ernest Hemingway aus Havanna seinem Kritiker Jorge Luis Borges eine deftige Postkarte. Dear Jorge, mein kubanischer Freund Lino Novás Calvo gab mir ‚The Aleph‘. Klar, das ist ein verdammt gutes Buch. Die Leute um mich sagen, Du wärst der beste spanische Schreiber. Aber Du darfst mal meinen Arsch küssen. Du siehst das Schreiben zu salbungsvoll. Das richtige Leben hast Du viel zu spät entdeckt. Am besten kommst Du hier zu mir runter und wir machen das in einem Kampf unter Männern aus, mit einem alten Knaben wie mir, von 50 Jahren und mit einem Gewicht von 95 Kilo, der denkt, Du bist ein Stück Scheiße, Jorge, und ich würd‘ Dir hier den Arsch aufreißen. Da bleibt Dir die Spucke weg, mein Herr. Mit besten Grüßen, Papa.

Trotz allen verbalen Geplänkels mit Jorge Luis Borges bleibt Ernest Hemingway ein Autor, der die Lateinamerikaner verehrt und vielleicht bewundert der Amerikaner aus Chicago ja insgeheim seinen argentinischen Kollegen. Wie auch immer, man sollte das Scharmützel unter Literatur-Titanen nicht allzu hoch hängen. Wahrscheinlich ist es doch so, dass die wilden Geschichten des Ernest Hemingway ebenso zum Leben des Menschen gehören wie auch die gedankenreiche Phantasie eines Jorge Luis Borges.

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