Ein müder, aber glücklicher Ernest Hemingway in Cabo Blanco, im April 1956.
Foto: Mario Saavedra-Pinón

Trotz all der Strapazen fühlt sich Ernest Hemingway mit einem Mal nicht mehr ausgelaugt und müde. Es grenzt an ein kleines Wunder, denn der Schriftsteller hat die letzte Nacht wenig geschlafen, und er hat schon eine kleine Weltreise hinter sich. Doch hier am peruanischen Pazifik scheint die Müdigkeit auf ein Mal wie von Geisterhand weggewischt. Am Meer, an solchen Orten wie Cabo Blanco, erwacht in dem Schriftsteller eine neue Energie und das Verlangen, den eigenen Körper zu spüren und das Leben auszuleben.

Wenn Ernest Hemingway am Meer weilt, dann fliegen die finsteren Gedanken weg und er lebt auf. Das Meer ist für ihn wie eine gute Mutter, zu der man immer zurückkommen kann, einerlei wo man gewesen ist und was man getan hat. Das Meer bedeutet für ihn das pure, das eigentliche Leben. Erst als es ans Sterben gehen sollte, da befindet er sich weit ab von seinem Meer.

Kaum ist der Mann des Meeres in seinem Zimmer des Cabo Blanco Fishing Clubs angekommen, zieht er rasch das viel zu dicke Jackett und sein langärmeliges Hemd aus, entledigt sich der langen Hose, stößt die steifen Schuhe in die Ecke, zieht die Socken aus und feuert die blöde Krawatte in den Koffer. Dann kramt er die weißen Shorts hervor, streift ein kurzärmeliges längsgestreiftes Baumwoll-Polo über und schlüpft in dunkle offene Sandalen.

In seinem Polo sieht er aus wie ein Seemann. Ein Literat als Seemann. Oder ein Seemann als Literat, so kommt es einem vor. Ohne das Meer jedenfalls ist dieser Mann und dieser Schriftsteller nicht vorstellbar. Keiner, der so anmutig und tiefgründig über das Meer schreiben kann, auch wenn die meisten ihn als Rüpel, Schnapsnase und Weiberhelden sehen.

Ernest Hemingway zieht den tiefen Vorhang seines Hotelzimmers mit einem Ruck auf, so als gelte es, den Blick in ein neues Leben freizumachen. Als Nächstes öffnet der Nobelpreisträger die dünne Verandatür, stampft über die Terrasse des Fishing Clubs und marschiert hinunter zum Strand, hin an das blaue Meer. Der Schriftsteller geht zu seiner La Mar.

So schön und so wohltuend fühlt sich das Meer vor Cabo Blanco an, der Strand, das Wasser und die Sonne. Zunächst zweifelt man an

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