Hemingways Welt

Wolfgang Stock auf Spurensuche

Schlagwort: Modeste von Unruh

Ernest Hemingways Illusion von Glück

Elicio Argüelles, Ernest Hemingway und Gregorio Fuentes mit einem erlegten Marlin. Cabo Blanco, im April 1956.

Ernest Hemingway findet, dass die Fotos auf der Miss Texas die Marlin-Jagd glänzend einfangen, ebenso wie die schwarz-weißen Fotos das stürmische Meer vor Cabo Blanco vortrefflich dokumentieren. Und er, der wilde Bursche, steht im Mittelpunkt von all dem. Modeste von Unruh, deren Schnappschüsse in der Hamburger Zeitschrift Kristall erscheinen sollen, fängt diesen Hauch von Draufgängertum und Kühnheit ein, möglichst so soll ihn die Welt sehen.

Auf den Bildern der deutschen Fotografin in Cabo Blanco findet der Nobelpreisträger eine Sehnsucht ans Licht gebracht, die tief in ihm steckt. Denn hinter den Reportage-Fotos, auf denen sich viel abspielt, wo Leben in den Fotografien herrscht, da spürt man die Verwegenheit und die Anstrengung, die mehr sind als der bloße Versuch. Die Fotos aus dem fernen Peru zeigen ihn im Kampf, schwitzend in der Hitze des Gefechtes, er kämpft als Krieger auf dem Wasser. 

Und die Bilder zeigen ihn als Gewinner im Kampf, ausgewiesen durch seine Trophäe, den besiegten Riesenmarlin. Seinen Appetit nach Wildheit, nach Sturm und Drang, auch den erkennt der Schriftsteller in den Fotos der Hamburgerin. Die Fotos der Modeste von Unruh halten seinen Triumph fest, sie schmeicheln seiner durch das Alter verletzten Eitelkeit. Die Bilder aus Cabo Blanco künden der Welt von seiner Kraft und von seiner Vitalität, einerlei, wie es in ihm drinnen aussieht. 

Die Botschaft vom Sieg des alternden Mannes richtet sich nicht nur an die Welt da draußen, die Botschaft geht vor allem an ihn selbst. Die Fotos lindern seine Pein ein wenig, zwar nicht den Schmerz des Körpers, aber den der Seele. Der Amerikaner möchte als gesunder und kerniger Mann dastehen und gesehen werden, auch wenn das Bulletin seines Arztes in letzter Zeit eine andere Sprache spricht.

Ernest Hemingway macht sich etwas vor, er merkt es, denn er ist nicht dumm. Allerdings erweist sich der Kitzel der Jagd letztendlich als

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Die deutsche Fotografin auf dem Pazifik mit Ernest Hemingway

Die Fotografin Modeste von Unruh und Ernest Hemingway an Bord der ‚Miss Texas‘. Cabo Blanco, im April 1956

Der Fotografin ist die Verärgerung anzusehen. Modeste von Unruh legt in Chaclacayo bei Lima die Ausgabe der La Prensa vom 17. April 1956 aus der Hand. Sie hat zuhause zum wiederholten Male den Artikel über Ernest Hemingway und dessen Besuch im peruanischen Cabo Blanco gelesen. Die Deutsche, die seit einem Jahr in Peru lebt, empfindet die Berichterstattung der Tageszeitung als eine einzige Zumutung.

Der Bericht in La Prensa stellt den US-Schriftsteller vornehmlich als Lebemann und Trunkenbold dar. Von Literatur ist nur am Rande die Rede, dafür umso mehr von Whiskey und anderem Alkohol. Doch das boshaftes Portrait in der massentauglichen La Prensa passt so ganz zu der anti-amerikanischen Stimmung in Peru in jenen Tagen. Diese Art der Hassliebe gegenüber dem reichen Bruder im Norden zieht sich durch die gesamte Geschichte des armen Andenlandes, als ein hochgekochter Mix aus Neid, Minderwertigkeitsgefühl und echtem Unmut. 

Wie auch immer, die junge Frau aus der Nähe von Lima beurteilt die Berichte aus Cabo Blanco als überaus geringschätzig im Inhalt und wertet sie journalistisch als herbe Enttäuschung. Wie nur kann man bloß derart respektlos mit diesem bedeutenden Schriftsteller umspringen? Ihr journalistischer Ehrgeiz wird geweckt, die Fotografin will Ernest Hemingway in Peru wieder ins rechte Licht rücken. Die junge Deutsche bucht kurzentschlossen ein Flugticket nach Talara.

Modeste von Unruh verbrachte ihre Kindheit in Babelsberg bei Potsdam und durchlief nach dem Schulabschluss eine Ausbildung zur Fotoreporterin bei verschiedenen Hamburger Tageszeitungen. Ihre Familie stammte ursprünglich aus Westpommern, aus Schlawe-Stolp, wo ihr Vater als Landwirt das Hammermühler Gut des Grafen Krockow verwaltete, später wanderte der Vater dann nach Australien aus. Auch die junge Frau wurde bald vom Fernweh gepackt. Kurzentschlossen ließ sie im Jahr 1954 ihren VW-Käfer über den Atlantik verschiffen, denn ihre Sehnsucht gehörte dem amerikanischen Kontinent.

Die Fotografin hegte den Plan, die Panamericana von Kalifornien aus hinunter bis nach Feuerland zu bereisen und unterwegs für das deutsche Magazin Kristall zu berichten. Nach einem Jahr Panamericana blieb die abenteuerlustige junge Frau auf dem Highway in Peru hängen. In dem Andenland lernte Modeste von Unruh dann den ungarischen Kunsthistoriker Dr. László von Balás-Piry kennen, der nach dem Krieg ausgewandert war. Die beiden heirateten bald und bezogen ein hübsches Häuschen mit Garten und Pool in Chaclacayo, gut 40 Kilometer östlich von Lima. Der Rest der Reise nach Feuerland war abgeblasen.

In Talara nimmt Modeste von Unruh am Flughafen ein Taxi nach Cabo Blanco. Es ist ein schöner und sonniger Nachmittag am Pazifik in Nordperu. Modeste von Unruh kennt das kleine Fischdorf am Meer

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