Hemingways Welt

An den Fersen von Ernest Hemingway

Schlagwort: Peru Seite 1 von 3

‚Hemingway desconocido‘, der unbekannte Hemingway

Hemingway desconocido, der unbekannte Hemingway, so lautet der Titel einer peruanischen Neuerscheinung über den US-amerikanischen Nobelpreisträger. Cuatro crónicas secretas sobre el escritor en el Perú y el mundo. Vier geheime Berichte über den Schriftsteller in Peru und in der Welt, so heißt es etwas reißerisch im Untertitel.

Geschrieben hat dieses spanischsprachige Buch der Journalist Omar Zevallos, ein Buchautor und Karikaturist aus dem südperuanischen Arequipa, ein Mann vom Jahrgang 1958. Und Omar ist natürlich ein eingefleischter Aficionado des Ernesto Hemingway, man merkt es dem Werk an, das Herzblut steckt zwischen den Seiten. 

Der Nobelpreisträger besuchte im April und Mai 1956 das peruanische Fischerdorf Cabo Blanco und in der Tat gibt es über diese fünfwöchige Episode in Hemingways Biografie vergleichsweise wenig Informationen. Mario Saavedra, der Reporter vom feinen El Comercio, hat im Jahr 2005 ein großformatiges Büchlein herausgebracht, mit wunderbaren Fotos, denn Mario war Zeuge mit Ohr und Auge in Cabo Blanco. Ansonsten wird man nicht viel Gescheites finden.

Nun merkt man dem Buch von Omar Zevallos die große Fleißarbeit an, denn er hat über

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Ernest Hemingways Liste für Cabo Blanco

Ernest Hemingways Moleskine: Auf zwei Seiten Notizen zu Cabo Blanco.

Ernest und Mary Hemingway fliegen von Havanna über Miami ins südamerikanische Cabo Blanco. Fünf Wochen im April und Mai 1956 wird das prominente Ehepaar in dem winzigen peruanischen Fischerdorf verweilen. Am Pazifik wollen sie einen riesigen Marlin fangen und die Dreharbeiten der Second Unit zu dem Hollywood-Film Der alte Mann und das Meer ein wenig anleiten.

Cabo Blanco wird von dem weltberühmten Autor – zwei Jahren zuvor hat er den Nobelpreis für Literatur erhalten – gut vorbereitet. Die Reise nach Peru ist ihm wichtig. Ernest freut sich auf das fremde Meer, auf den wilden Pazifik, wo es an der Schnittstelle zwischen kaltem Humboldt-Strom und den warmen Äquatorial-Gewässern die größten Marline überhaupt geben soll. Eine Handvoll Freunde aus Kuba begleitet den Nobelpreisträger auf diesem exotischen Trip.

Auf seinen Ausfahrten in Cabo Blanco wird der Schriftsteller mehr oder weniger die gleiche Kleidung anziehen wie zwei Jahre zuvor auf der Safari in Ostafrika. Im Januar 1954 hat er zusammen mit Miss Mary Kenia und Uganda besucht, erfolgreich gejagt, war allerdings auch in zwei verheerende Unfälle mit Flugzeugabstürzen verwickelt.

Der Autor trägt eine helle Safari-Jacke aus etwas zu dicker Baumwolle, die ein Stoffgürtel über dem sichtbaren Bauchansatz zusammen hält. Dazu eine bis zu den Oberschenkel reichende Khaki-Hose und Halbschuhe aus leichtem Leder. An Bord zieht Ernest Hemingway es dann vor, meist barfuß zu laufen.

Obwohl den Autor Komplikationen an den Augen plagen, trägt er im glutheißen Nordperu auch bei prallstem Sonnenschein keine Sonnenbrille. Wenigstens zieht der Nobelpreisträger in der sengenden Sonne seine Baumwoll-Kappe an, ohne deren Schutz es in diesen Breiten böse enden kann.

Auf Finca Vigía hat Ernest Hemingway auf zwei Seiten in sein Moleskine akribisch aufgeschrieben, was er auf die Reise nach Peru mitnehmen möchte. List Cabo Blanco hat er die Blätter seines Büchleins überschrieben, und unter anderem aufgeführt: Rods, Rod Case, Headers, Hooks, Gaff, two Harpoons, Lines – das ist das Angelzeugs wie Haken, Angelschnüre und Angelruten.

Dann folgt die Auflistung der Kleidung: Hemden, eine Jacke, Caps, die Windjacke, eine Krawatte, Trenchcoat, Stiefel, eine Flanell-Hose, Sneakers, Brillen und Fishing Gloves, die Angel-Handschuhe. Und am Ende der zweiten Seite steht Books. Flott unterstrichen und dann ein dicker Punkt. Auf die Auswahl der Bücher möchte Ernest Hemingway wohl ein besonderes Augenmerk legen.

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Die zweite Seite von Hemingways Liste für Cabo Blanco.

Die Reise nach Peru soll ein Erfolg werden. Wir schreiben Mitte April 1956, es geht körperlich langsam bergab mit ihm, und auch das Schreiben fällt ihm schwer. Er braucht den Erfolg. In Peru, aber er braucht den Erfolg vor allem in sich drin. Das Schicksal hat ihm in den letzten Jahren schlimm mitgespielt.

Er ist erst Mitte 50 und sieht doch schon aus wie ein alter Mann. Sein Körper und seine Geisteskraft haben schon vor den Flugzeugabstürzen in Afrika nach und nach abgebaut, doch die starken Verbrennungen, die schweren Kopfwunden und die zahlreichen inneren Verletzungen setzen ihm so heftig zu, dass nichts mehr so ist wie in den guten Jahren.

Ernest Hemingway: „Am Meer kannst du nicht lügen.“

Das Ehepaar kommt zurück aus Peru und die beiden Hemingways schlagen sich nun auf dem Miami International Airport mit irgendwelchen blöden Einreiseformalitäten herum.

Die entspannte Heiterkeit und Eleganz scheinen ganz aus dem Gesicht der aparten Frau entschwunden. Mary Welsh, sie hat den strapaziösen Flug von Talara nach Miami in den Knochen, wirkt angesäuert und genervt. Ernest Hemingways Ehefrau beißt sich auf die Lippen und straft ihr Gegenüber mit einem eisigen Blick. 

Vielleicht stellt der Zollbeamte irgendwelche dämliche Fragen, oder – noch schlimmer – womöglich weiß der gute Mann gar nicht, welch eine Berühmtheit da vor ihm steht. Der Nobelpreisträger blickt über seinem grauen Bart erschöpft in die Welt, seine Augen schauen ganz matt und glanzlos ins Leere, die Mundwinkel fallen nach unten.

Die Stimmung des Ehepaares ist ziemlich mies, die wunderbaren Wochen in Cabo Blanco am Pazifik sind vorüber. Das Kapitel Cabo Blanco ist für die Hemingways beendet, jetzt fliegt der gefeierte Autor zurück in den Alltag. Ernest Hemingway hat die Tage genossen auf dem großen Meer, fernab vom Trubel und Gewusel, der Rückzug in die Abgeschiedenheit hat ihm gutgetan.

Die kommode Kargheit des Cabo Blanco Fishing Clubs haben so ganz seinem lässig-luxuriösen Lebensstil entsprochen und die Angeltage auf dem Ozean, den schwarzen Marlin im Visier, haben ihn noch einmal zur Höchstleistung angetrieben. Jedoch, mit dem Ende seines peruanischen Abenteuers haben sich nun Abgeschlagenheit und innere Leere in ihm breitgemacht. Ernest Hemingway, zurück aus Peru, bringt Erzählungen mit über

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Un saludo al Peru – von Ernesto Hemingway

Un saludo al Peru. Ernesto Hemingways herzlicher Gruß an sein Gastland im El Comercio vom 17. April 1956.
Photo by W. Stock

Das Interview von Mario Saavedra mit Ernest Hemingway ist schon ein großer Wurf. Doch in der Ausgabe des El Comercio entdecke ich noch eine wundervolle Rarität. Für die Leser der peruanischen Tageszeitung verfasst Ernest Hemingway eine kurze Widmung, die an diesem 17. April 1956 unter dem Interview – fast so groß wie eine Postkarte – abgedruckt wird. A el El Commercio de Lima. Un saludo al Peru, Ernesto Hemingway.

Das liest sich sehr hübsch. Un saludo al Peru, ein Gruß an Peru und an die Peruaner. Allerdings merkt man, dieser Ernest Hemingway wirkt ein wenig fahrig, vielleicht wegen des heißen Klimas oder des langen Fluges. Die Einleitung der Widmung jedenfalls geht grammatikalisch etwas schief und El Comercio schreibt der amerikanische Schriftsteller falsch als El Commercio mit Doppel-M, wie es bei diesem Begriff im Englischen üblich ist.

Un saludo al Peru bleibt ein freundlicher Gruß eines dankbaren Gastes an seinen Gastgeber. Von den kleinen Patzern abgesehen, schreibt Ernesto Hemingway ein ganz feines peruanisches Spanisch, denn die Peruaner verwenden üblicherweise mit el Peru den bestimmten Artikel vor ihrem Land, die meisten Länder kommen ja artikellos daher. Und deshalb heißt es, wie Hemingway richtigerweise schreibt, ‚un saludo al Peru‘, wo ein Nichtkenner wahrscheinlich ‚un saludo a Peru‘ formuliert hätte. Möglicherweise hat ihm der Peruaner Mario Saavedra bei dieser Formulierung ja auch ein wenig die Feder geführt.

Diese Widmung bleibt jedenfalls bemerkenswert. Alleine ihr zeitiger Abdruck stellt eine logistische Meisterleistung dar. Denn ein Interview nebst Fotos und dem Faksimile vom 16. April mittags bis zum gleichen Abend die 1.200 Kilometer nach Lima zu bringen, damit beides am nächsten Morgen in der Zeitung erscheinen kann, da muss man schon verdammt clever vorgehen.

Denn wir sprechen hier vom Jahr 1956, von Cabo Blanco, von einem verlassenen Kaff am peruanischen Pazifik, vom hinteren Hinterland eines verarmten Landes, kein Kabel, kein Ticker, keine Wirephotos. Und trotz aller Widrigkeiten schafft es der clevere Mario Saavedra mit Hilfe einer Faucett-Stewardess, diesen herzlichen Gruß an Peru und seine Bewohner vor Druckschluss bei seiner Tageszeitung abliefern zu lassen.

Interessanterweise unterschreibt Ernest Hemingway seine Widmung mit Ernesto Hemingway. Kein angelsächsisches Ernest Hemingway. Solches gefällt in

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In Peru, wo jeder Tag mitunter kalt wird

Seinem Freund Fred Zinnemann berichtet Ernest Hemingway im August 1956 von seinem Besuch in Peru.

Mary Welsh verreist höchst ungern in die Ferne. Ernest Hemingways vierte und letzte Ehefrau bleibt lieber auf Finca Vigía, dem kubanischen Refugium der beiden US-Amerikaner nahe von Havanna. Denn Mary leidet seit geraumer Zeit an Anämie und befindet sich in ständiger Therapie. Doch nichts hilft gegen ihre Blutarmut. Nicht die Pillen des Hausarztes, keine Wunderkräuter, nicht die Transfusionen, einfach nichts.

Er mache sich große Sorgen um Mary, klagt der Schriftsteller in einem Brief vom 8. August 1956 an seinen Freund Freddie. Freddie, so nennt er den Regisseur Fred Zinnemann. Der Mann aus Hollywood, er hat den großartigen Western High NoonZwölf Uhr mittags – gedreht, ist ein guter Kumpel des Nobelpreisträgers. Die roten Blutkörperchen seien bei Mary auf 3,2 Millionen gefallen, klagt Ernest dem Freund, dem tiefsten Wert überhaupt. Seine Frau sei von daher so müde und müsse immer viel schlafen.

Der fünfwöchige Ausflug nach Peru habe Miss Mary jedoch richtig gut getan. Das extreme Reizklima des peruanischen Nordens ist eine Herausforderung für jeden menschlichen Organismus. Am rauen Pazifik mit dem salzigen Wind verbesserte sich das rote Blutbild von Mary auf vier Millionen und das schlagartig von heiß auf kalt wechselnde Küstenklima in Cabo Blanco half ihrem Kreislauf.

In dem kargen Andenland ist Ernest Hemingways Ehefrau wieder einigermaßen auf die Beine gekommen. In Peru, where it was cold part of each day, im peruanischen Cabo Blanco sei es jeden Tag mitunter arg kalt gewesen, meint der Autor aus Chicago, der seinen Brief wie so oft mit Papa unterschreibt. In der Tat herrscht am Pazifik Nordperus zwischen Tumbes und Piura ein merkwürdiges Klima.

Das kleine Fischerdorf Cabo Blanco liegt direkt am Meer, als auch unmittelbar am Rande einer Wüstenlandschaft, der Wüste von Sechura. Zwanzig Schritte nach Westen ist man

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Manuel Jesús Orbegozo himmelt Ernest Hemingway an

Manuel Jesús Orbegozo, der Reporter aus Lima, empfängt Ernest Hemingway auf dem Flughafen von Talara.
Talara/Peru, am 16. April 1956. Foto: Guillermo Alias

Unter den Journalisten, die Ernest Hemingway am Flughafen von Talara erwarten, befindet sich auch Manuel Jesús Orbegozo. Der Reporter, der eigens aus Lima in den Norden Perus angereist ist, wirkt an diesem Montagmorgen reichlich aufgekratzt, einem Nobelpreisträger begegnet man nicht alle Tage. Doch Ernest Hemingway versteht sich auf Anhieb mit dem Mann von La Crónica. Der prominente Autor jedenfalls drückt den Journalisten an seine breite Brust, so als würde er ihn bereits ein halbes Leben kennen.

„Er hat ständig seine Hamsterbacken aufgeblasen und hat wieder und wieder gelächelt“, erinnert sich Manuel Jesús Orbegozo, der an diesem Morgen lautstark Ernest, Ernest gebrüllt hat, als der Schriftsteller dem Flugzeug aus Miami entstieg. Alle Umstehenden bemerken sogleich, welch geheimnisvolle Aura den bärtigen Amerikaner umgibt. „Alles um ihn herum war ein Lächeln.“

Manuel Jesús Orbegozo, ein durch seine breite schwarze Hornbrille jovial dreinschauender Peruaner aus Otuzco, der einen guten Kopf kleiner ist als Ernest Hemingway, ist nach der Umarmung durch Hemingway wie aufgedreht. Der Redakteur aus Lima, er ist mit einem luftig weißen Hemd gekleidet und trägt eine helle Kappe aus Baumwolle, zeigt sich beeindruckt von der Offenheit und der Umgänglichkeit des Nobelpreisträgers.

Mehr als von den Romanen schwärmt der 33-jährige Orbegozo vom journalistischen Stil Hemingways. Diese Kürze und Klarheit, und besonders die Genauigkeit in den Dialogen, das macht dem US-Amerikaner weit und breit so schnell keiner nach. Auch als Abenteurer schätzt Manuel Jesús Orbegozo den Schriftsteller. Er sei ein Mann von Welt halt, im besten Sinne des Wortes. Und dass der Amerikaner so ziemlich jedem Rock hinterherläuft, reicht ihm in diesen Breiten auch nicht gerade zum Nachteil.

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In der Zeitschrift ‚Cultura Peruana‘ Nr. 94 schreibt Manuel Jesús Orbegozo launig über seine Begegnung mit Ernest Hemingway.

Manuel Jesús Orbegozo kann sich nicht einkriegen vor Begeisterung. „Hemingway ist großartig“, wird er seinen Artikel in La Crónica beginnen, „ganz gegen alle Vorurteile. Er begegnete uns leutselig und ohnegleichen. Das lässt die Waage hin zur totalen Sympathie ausschlagen.“ Auch in der Zeitschrift Cultura Peruana wird Manuel Jesús Orbegozo einen launigen Artikel über seine Begegnung mit dem Nobelpreisträger veröffentlichen, ein wenig spöttisch geschrieben, in Wirklichkeit jedoch

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Niemand in Peru kennt Ernest Hemingway so gut wie Mario Saavedra

Im Cabo Blanco Fishing Club laufen sich Ernest Hemingway und Mario Saavedra häufig über den Weg. Begegnungen, die oft an der Bartheke des Klubs münden.
Cabo Blanco, im April 1956. Foto: Guillermo Alias

In Cabo Blanco kriegt der 27-jährige Mario Saavedra-Pinón vom feinen El Comercio sogleich einen guten Draht zu dem berühmten Schriftsteller. Saavedra ist trotz seiner jungen Jahre bereits Jefe de Información bei seiner Zeitung, was in etwa einem Ressortleiter entspricht. Der junge Mario ist vom Nobelpreisträger hin und weg und schreibt in seiner Zeitung: „Ernest Hemingway strahlt eine kraftvolle außergewöhnliche Sympathie aus. Wenn man sich mit ihm unterhält, meint man, ihn schon das ganze Leben lang zu kennen.“

Mario Saavedra schafft es sogar, für ein paar Tage im Fishing Club unterzukommen, der junge Redakteur aus Lima kann ein Zimmer auf der unteren Etage des Klubhauses ergattern, nur wenige Türen von den Hemingways entfernt. So lässt es sich kaum vermeiden, dass sich der Nobelpreisträger und Mario Saavedra im Klubhaus des Öfteren über den Weg laufen, von dem berühmten Schriftsteller kommt dann ein freundliches Hola Mario, meist verbunden mit der Einladung auf einen Whiskey.

Mario Saavedra bleibt mit den Hemingways acht Tage im Fishing Club, rechnet man sein frühes Eintreffen am 13. April mit ein, dann werden es elf Tage. In El Comercio erscheinen in jenen Tagen insgesamt knapp 30 Berichte über Ernest Hemingway in Cabo Blanco, Interviews, größere und kürzere Meldungen, allesamt aus Marios Feder. „Hemingway llegó a Talara con su esposa“ – Hemingway kam mit seiner Ehefrau in Talara an – so überschreibt Mario Saavedra-Pinón seinen ersten Artikel in El Comercio vom 17. April 1956.

Dann kann man in Limas wichtigster Tageszeitung Folgendes lesen: „Ernest Hemingway, der berühmte US-Schriftsteller, kam heute Morgen um 7,25 Uhr in dieser Stadt an, begleitet von seiner Ehefrau Mary, dem Bootskapitän Gregorio Fuentes, der Hemingways Yacht Pilar betreut, und in Begleitung des Sportsmannes Elicin Argüelles.“ Und stolz berichtet Mario Saavedra seinen Lesern in ganz Peru dann von seinem ersten Husarenstreich: „Der Nobelpreisträger für Literatur des Jahres 1954, und einer der berühmtesten Schriftsteller Nordamerikas unserer Zeit, gewährte El Comercio ein Interview, keine halbe Stunde, nachdem er in Cabo Blanco angekommen war“.

Es ist gegen zehn Uhr am Vormittag, der junge Redakteur und der weltberühmte Schriftsteller unterhalten sich eine gute Stunde. „Der Autor von Der alte Mann und das Meer, er ist etwa sechs Feet groß,“ – das sind knapp 1,83 Meter – „er zeigt sich sehr vital und seine Gesichtszüge werden von einem Lächeln gezeichnet. Er hat eine von der Sonne gebräunte Haut. Und er spricht ein fast perfektes Spanisch“, so leitet Mario Saavedra-Pinón sein Interview für El Comercio ein, das sich dann über ganze drei Zeitungsseiten erstreckt.

Ein wahrer Coup, der Mario mit dem Interview gelungen ist, so nah und so oft kommt man selten an den Schriftsteller. Südamerikanische Journalisten pflegen in ihren Artikeln meist eine blumige Sprache. „Hemingway sieht aus wie ein alter Seebär, mit einem breiten Lächeln und einem kräftigen Händedruck“, fährt Mario Saavedra in seiner Zeitung fort, bevor er dann mit seinen Fragen loslegt.

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Mario Saavedra ist einer der großen Journalisten Perus. Für ihn, so erzählt er mit knapp 90 Jahren, sei die Begegnung mit Ernest Hemingway mit die wichtigste seines Lebens gewesen. Lima Miraflores, im März 2017. Foto: R. Stock

Mario Saavedra zeigt sich begeistert von dem Interview und dem amerikanischen Schriftsteller. „Hemingway ist unerschöpflich und es ist ganz einfach, sich mit ihm zu unterhalten. Er ist stets neugierig, immer wieder stellt er Fragen zu unserem Land, zu Peru.“ Der junge Journalist merkt, er befindet sich in einer Glanzstunde seines beruflichen Lebens. Und möglicherweise

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Jesús Ruiz More ist Ernest Hemingways peruanischer Kapitän

Drei Mann in einem Boot: Der Amerikaner Ernest Hemingway, der peruanische Kapitän Jesús Ruiz More und der Kubaner Elicio Argüelles auf der Miss Texas. Cabo Blanco, im April 1956. Foto: Modeste von Unruh

Hola Chico, begrüßt ein bestens gelaunter Ernest Hemingway den Kapitän Jesús Ruiz More. Hallo, mein Junge. Und der Peruaner Jesús Ruiz More aus Cabo Blanco antwortet: Buenos dias, Don Ernesto. Der Capitán de Barco sagt Don Ernesto, denn er traut sich nicht so recht, ihn nur mit Ernesto anzusprechen, der Respekt. Ernest Hemingway mag diese Titulierung, so wie er im Allgemeinen die spanische Sprache mag, mit ihren höflichen Anreden wie Don und Doña, eine Sprache mit feinen Nuancen und zarten Unterschieden. 

Wir schreiben den April 1956 und man trifft an diesem Morgen den berühmten Schriftsteller in ausgezeichneter Laune an. Immer wenn Ernest Hemingway am Wasser weilt, heitert sich seine Stimmung auf. Und auf dieses ihm unbekannte Meer, auf den Pazifik vor der peruanischen Küste, ist er neugierig. Heute werden wir unseren Marlin fangen, sagt der Schriftsteller, koste es, was es wolle. Sicher, Don Ernesto, erwidert der Kapitän Ruiz More, ganz sicher werden wir ihn heute fangen.

Jesús Ruiz More ist ein kleiner, dicklicher Mann mit einem weißen Hemd und einer viel zu weiten Hose. Mitten im Gesicht sitzt die breiteste Ray Ban-Sonnenbrille von ganz Peru, dazu kommen seine ansteckende Fröhlichkeit und ein lautes Lachen. Während die meisten Männer auf der Miss Texas eine Baumwollkappe als Schutz vor den beißenden Sonnenstrahlen tragen, erkennt man Jesús Ruiz More von weitem an seiner überdimensionierten Kapitänsmütze.

Der Cabo Blanco Fishing Club verfügt über vier Boote: die Miss Perú und die Pescadores Dos, die beide unter der Obhut des Kapitäns Rufino Tume stehen, die Miss Texas mit ihrem Capitán Jesús Ruiz More und die Petrel, ein etwas kleineres und wendiges Boot, für das Luis Virgilio Querevalú verantwortlich zeichnet. Die Zuweisung der verschiedenartigen Boote ergibt sich je nach Arbeitsauftrag, auf der robusten Miss Texas fahren die Männer zum Fang hinaus.

Neben Ernest Hemingway und dem Kapitän Jesús Ruiz More kommen meist fünf Männer

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Einmal im Jahrbuch der Rekorde stehen…

Cabo Blanco, das verlassene Fischernest im Norden Perus, ist eine magische Adresse gewesen für jeden Sportangler mit Mumm und Moneten.

Auch wenn das Anwesen nicht gerade mit protzigem Luxus gleichzusetzen ist, so fehlt es den meist US-amerikanischen Gästen an nichts. Zumal das Wesentliche vor den Toren des Klubhauses zu finden ist: das große blaue Meer. Zudem ein trockenes Tropenklima rund um alle Monate. Das Klima in der Region, so schreibt das erste Yearbook des Cabo Blanco Fishing Clubs im Jahr 1955, sei rau, allerdings überaus gesundheitsfördernd. Noch nie sei ein Besucher in diesen Breiten erkrankt.

Schnell erlangt der Fishing Club unter Sportanglern Kultstatus. Ein Sportfischer, der in diesen guten alten Tagen nach Nordperu kommt und genug Geld sein eigen nennen darf, der steigt vorzugsweise in diesem Cabo Blanco Fishing Club ab. Auch Frauen sind im Clubhaus ausdrücklich willkommen, seien sie nun selbst passionierte Sportanglerinnen oder eben auch als Begleitung des angelnden Gatten.

Etwa zwei Dutzend Mitglieder leisten sich das teure Hobby und halten mit 10.000 Dollar Jahresbeitrag den exotischen Klub am Laufen. 10.000 Dollar, das ist heute viel Geld und damals erst recht. Man kann den Betrag, um die heutige Kaufkraft auszurechnen, locker mit dem Faktor 8 multiplizieren. Die Socios, die Teilhaber des Cabo Blanco Fishing Clubs, wiederum laden allerlei Prominenz in ihr neugebautes Kleinod am Pazifik ein. Politiker, Sportstars, Finanzadel, Hollywood. Die Liste der Gäste ist bunt und lang.

Die Schönen, Reichen und Berühmten kommen gerne nach Cabo Blanco, meist inkognito und unter dem Radar der Klatschpresse, um ein paar Tage unter der Sonne auszuspannen und den Nervenkitzel auf dem Ozean zu suchen. Auch Ernest Hemingway hat von diesem Marlin-Paradies gehört, auch er wird nach Cabo Blanco kommen, im April und Mai 1956, mit Ehefrau Mary und ein paar Freunden für fünf Wochen. Und er wird der berühmteste aller berühmten Gäste in der kurzen Geschichte des Cabo Blanco Fishing Clubs sein.

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Die Männer und Frauen auf der Liste des Thousand Pound Clubs zählen in Cabo Blanco als die Besten der Besten.

Über das kleinformatige grüne Yearbook, das zum ersten Mal im Januar 1955 erscheint, halten sich die Mitglieder des Cabo Blanco Fishing Clubs à jour. Auf 32 Seiten ist alles niedergeschrieben, was man so

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Der stolze Diener Ellis O. Briggs und sein Freund

Drei Freunde mit erlegtem Marlin: Ernest Hemingway, Elicio Argüelles II und Ellis O. Briggs. Cabo Blanco, Peru, im Mai 1956.

Ernest Hemingway und Ellis O. Briggs kennen sich aus Kuba. Als Briggs noch Counselor, ein junger Botschaftsrat, in Havanna gewesen ist, hat er Ernest Hemingway unterstützt, als der Schriftsteller im Golfstrom vor Kuba mit der Pilar zur Jagd auf deutsche U-Boote angesetzt hat. Diese Geschichte aus dem September 1942 hört sich wie eine Räuberpistole an, sie ist es auch. 

Die bizarre Aktion wird ein Schlag ins Wasser, wenn man im Bild bleiben darf. Denn Ernest Hemingway und die anderen Mitstreiter stoßen, wenig überraschend, auf keinen einzigen Nazi, weder an Land, noch auf Wasser. Seit er diesen Unfug mitgemacht hat, mag Ernest Hemingway den Schnauzbart Briggs. Seitdem sind sie gute Freund, mehr noch, zwei Verrückte, die manche Verrücktheit im Leben teilen. Und: Beide vermelden das gleiche Geburtsjahr. Wie der Nobelpreisträger ist auch der Diplomat ein Mann vom Jahrgang 1899. 

Der Schriftsteller mag den Karrierediplomaten Briggs, der ein wenig verschroben auftritt und in Cabo Blanco mit einem breiten Tropenhelm aufkreuzt. Ein wenig erinnert der stämmige Diplomat an Oliver Hardy, den Dicken aus dem Komiker-Duo Laurel & Hardy. Aber Ernest legt auf Äußerlichkeiten wenig Wert, er mag Ellis, so wie er ist. Besonders dessen Zuverlässigkeit schätzt er und das große Herz. 

Im Jahr 1956 ist Ellis O. Briggs der Botschafter der USA in Peru, und auch Ernest Hemingway weilt für fünf Wochen in dem Andenland, um am Pazifik die Filmaufnahmen für Der alte Mann und das Meer zu überwachen. Botschafter Briggs ist am 10. Mai 1956 aus Lima nach Cabo Blanco in den Norden gekommen, um mit seinem alten Kumpel ein Wochenende auf dem Meer zu verbringen.

Es werden für den Schriftsteller schöne Stunden, denn Ernest hat gerne

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