Hemingways Welt

Großmaul, Schnapsnase, Schürzenjäger – an den Fersen eines Jahrhundertautors

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Einmal im Jahrbuch der Rekorde stehen…

Cabo Blanco, das verlassene Fischernest im Norden Perus, ist eine magische Adresse gewesen für jeden Sportangler mit Mumm und Moneten.

Auch wenn das Anwesen nicht gerade mit protzigem Luxus gleichzusetzen ist, so fehlt es den meist US-amerikanischen Gästen an nichts. Zumal das Wesentliche vor den Toren des Klubhauses zu finden ist: das große blaue Meer. Zudem ein trockenes Tropenklima rund um alle Monate. Das Klima in der Region, so schreibt das erste Yearbook des Cabo Blanco Fishing Clubs im Jahr 1955, sei rau, allerdings überaus gesundheitsfördernd. Noch nie sei ein Besucher in diesen Breiten erkrankt.

Schnell erlangt der Fishing Club unter Sportanglern Kultstatus. Ein Sportfischer, der in diesen guten alten Tagen nach Nordperu kommt und genug Geld sein eigen nennen darf, der steigt vorzugsweise in diesem Cabo Blanco Fishing Club ab. Auch Frauen sind im Clubhaus ausdrücklich willkommen, seien sie nun selbst passionierte Sportanglerinnen oder eben auch als Begleitung des angelnden Gatten.

Etwa zwei Dutzend Mitglieder leisten sich das teure Hobby und halten mit 10.000 Dollar Jahresbeitrag den exotischen Klub am Laufen. 10.000 Dollar, das ist heute viel Geld und damals erst recht. Man kann den Betrag, um die heutige Kaufkraft auszurechnen, locker mit dem Faktor 8 multiplizieren. Die Socios, die Teilhaber des Cabo Blanco Fishing Clubs, wiederum laden allerlei Prominenz in ihr neugebautes Kleinod am Pazifik ein. Politiker, Sportstars, Finanzadel, Hollywood. Die Liste der Gäste ist bunt und lang.

Die Schönen, Reichen und Berühmten kommen gerne nach Cabo Blanco, meist inkognito und unter dem Radar der Klatschpresse, um ein paar Tage unter der Sonne auszuspannen und den Nervenkitzel auf dem Ozean zu suchen. Auch Ernest Hemingway hat von diesem Marlin-Paradies gehört, auch er wird nach Cabo Blanco kommen, im April und Mai 1956, mit Ehefrau Mary und ein paar Freunden für fünf Wochen. Und er wird der berühmteste aller berühmten Gäste in der kurzen Geschichte des Cabo Blanco Fishing Clubs sein.

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Die Männer und Frauen auf der Liste des Thousand Pound Clubs zählen in Cabo Blanco als die Besten der Besten.

Über das kleinformatige grüne Yearbook, das zum ersten Mal im Januar 1955 erscheint, halten sich die Mitglieder des Cabo Blanco Fishing Clubs à jour. Auf 32 Seiten ist alles niedergeschrieben, was man so

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Der stolze Diener Ellis O. Briggs und sein Freund

Drei Freunde mit erlegtem Marlin: Ernest Hemingway, Elicio Argüelles II und Ellis O. Briggs. Cabo Blanco, Peru, im Mai 1956.

Ernest Hemingway und Ellis O. Briggs kennen sich aus Kuba. Als Briggs noch Counselor, ein junger Botschaftsrat, in Havanna gewesen ist, hat er Ernest Hemingway unterstützt, als der Schriftsteller im Golfstrom vor Kuba mit der Pilar zur Jagd auf deutsche U-Boote angesetzt hat. Diese Geschichte aus dem September 1942 hört sich wie eine Räuberpistole an, sie ist es auch. 

Die bizarre Aktion wird ein Schlag ins Wasser, wenn man im Bild bleiben darf. Denn Ernest Hemingway und die anderen Mitstreiter stoßen, wenig überraschend, auf keinen einzigen Nazi, weder an Land, noch auf Wasser. Seit er diesen Unfug mitgemacht hat, mag Ernest Hemingway den Schnauzbart Briggs. Seitdem sind sie gute Freund, mehr noch, zwei Verrückte, die manche Verrücktheit im Leben teilen. Und: Beide vermelden das gleiche Geburtsjahr. Wie der Nobelpreisträger ist auch der Diplomat ein Mann vom Jahrgang 1899. 

Der Schriftsteller mag den Karrierediplomaten Briggs, der ein wenig verschroben auftritt und in Cabo Blanco mit einem breiten Tropenhelm aufkreuzt. Ein wenig erinnert der stämmige Diplomat an Oliver Hardy, den Dicken aus dem Komiker-Duo Laurel & Hardy. Aber Ernest legt auf Äußerlichkeiten wenig Wert, er mag Ellis, so wie er ist. Besonders dessen Zuverlässigkeit schätzt er und das große Herz. 

Im Jahr 1956 ist Ellis O. Briggs der Botschafter der USA in Peru, und auch Ernest Hemingway weilt für fünf Wochen in dem Andenland, um am Pazifik die Filmaufnahmen für Der alte Mann und das Meer zu überwachen. Botschafter Briggs ist am 10. Mai 1956 aus Lima nach Cabo Blanco in den Norden gekommen, um mit seinem alten Kumpel ein Wochenende auf dem Meer zu verbringen.

Es werden für den Schriftsteller schöne Stunden, denn Ernest hat gerne

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Den Hemingways mundet die peruanische Küche

Reichtum aus knapp 3.000 Kilometern Küste. Frischer Fisch aus dem peruanischen Pazifik in Cabo Blanco. Photo by W. Stock

Der bärtige Schriftsteller aus Chicago ist ein Mensch, der sich mit Haut und Haaren auf das Neue einlässt. So saugt er in Peru jenes auf, das er noch nicht kennt. Von Ernest Hemingway berichten die Einheimischen aus Cabo Blanco, dass ihm die peruanische Küche überaus zugesagt hat. Die Tage am peruanischen Pazifik genießt auch Mrs. Hemingway sichtlich.

Miss Mary bekommt die peruanische Küche gut, sie mag besonders den Lomo Saltado, ein typisch peruanisches Mittagsgericht. Da wird in dünne Scheiben geschnittenes Fleisch der Rinderlende, mit Zwiebeln, Kartoffelscheiben und Tomaten, nebst weißem Reis serviert. Mary mag den Lomo Saltado so sehr, dass sie das Rezept in ihrem kleinen Tagebuch festhält.

Auch das landestypische Obst und Gemüse findet das Gefallen der aparten Amerikanerin. Jeden Abend isst sie eine frische Avocado, die man in Peru Palta nennt, weil sie so in Quechua heißt. Und Mary, ebenso wie Ernest, mundet auch der Chifa, dieser Stilmix aus chinesischer und peruanischer Küche, der in jeder kleineren und größeren Stadt zu finden ist.

Der Schmelztiegel Peru sorgt mit seiner Mannigfaltigkeit dafür, dass all die

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Im ‚Cabo Blanco Fishing Club‘ trifft sich ein verschworener Zirkel

Der Cabo Blanco Fishing Club gefällt sich als ein nobler Schuppen, der sich sogar ein Büro in New York leisten kann, in der feinen Park Avenue – Hausnummer 247, im Room 1616. Es ist schon eine verschworene Gemeinschaft, die sich in Cabo Blanco am peruanischen Pazifik einfindet, eine Elite, die von Erlesenheit und Verschwiegenheit zusammengeschweißt wird.

Die Seelenverwandtschaft der Mitglieder fängt beim Geldbeutel an, alle Teilhaber des Klubs gelten als reich, die allermeisten gar als steinreich. Wer im Cabo Blanco Fishing Club Einlass sucht, der möge am besten die richtige Hautfarbe, den richtigen Namen oder ein richtig dickes Bankkonto vorweisen können, idealerweise gleich alles zusammen. 

Im Cabo Blanco Fishing Club findet eine reichlich elitäre Gemeinschaft zusammen, die Mitglieder, es sind nie mehr als zwanzig, fünfundzwanzig Personen, bleiben handverlesen. Als ein neureicher Millionär versucht, sich mit 50.000 Dollar einzukaufen, zeigt man dem Parvenü die kalte Schulter. Hans und Franz will man nicht in dem Klub sehen, selbst einen Hans mit vielen Millionen nicht.

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Die Mitgliedschaft wird gepflegt. Jeder neue Partner erhält vom Ehrenvorsitzenden Enrique Pardo Heeren ein handgefertigtes Feuerzeug, ein Unikat aus Peru-Silber, auf dessen Vorderseite unter dem Relief eines Marlins der Name Cabo Blanco Fishing Club eingraviert ist. Auf solche Symbole der Kameradschaft wird in der Mitgliedschaft viel Wert gelegt.

Der Korpsgeist setzt sich auf dem Meer fort, denn alle Mitglieder gelten als begeisterte Sportangler. Das Angeln vor Cabo Blanco ist ein Macho-Sport. Marline oder Schwertfische von 800 Pfund, oder gar 1.000 Pfund, ganz ohne mechanische Hilfsmittel aus dem Pazifik zu ziehen, nur mit der Angel und der Energie des Körpers, erfordert Kraft, Disziplin und Ausdauer. Solche Ziele und Leistungen schweißen zusammen.

Im Cabo Blanco Fishing Club purzeln die Rekorde, dass man

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Die deutsche Fotografin auf dem Pazifik mit Ernest Hemingway

Die Fotografin Modeste von Unruh und Ernest Hemingway an Bord der ‚Miss Texas‘. Cabo Blanco, im April 1956

Der Fotografin ist die Verärgerung anzusehen. Modeste von Unruh legt in Chaclacayo bei Lima die Ausgabe der La Prensa vom 17. April 1956 aus der Hand. Sie hat zuhause zum wiederholten Male den Artikel über Ernest Hemingway und dessen Besuch im peruanischen Cabo Blanco gelesen. Die Deutsche, die seit einem Jahr in Peru lebt, empfindet die Berichterstattung der Tageszeitung als eine einzige Zumutung.

Der Bericht in La Prensa stellt den US-Schriftsteller vornehmlich als Lebemann und Trunkenbold dar. Von Literatur ist nur am Rande die Rede, dafür umso mehr von Whiskey und anderem Alkohol. Doch das boshaftes Portrait in der massentauglichen La Prensa passt so ganz zu der anti-amerikanischen Stimmung in Peru in jenen Tagen. Diese Art der Hassliebe gegenüber dem reichen Bruder im Norden zieht sich durch die gesamte Geschichte des armen Andenlandes, als ein hochgekochter Mix aus Neid, Minderwertigkeitsgefühl und echtem Unmut. 

Wie auch immer, die junge Frau aus der Nähe von Lima beurteilt die Berichte aus Cabo Blanco als überaus geringschätzig im Inhalt und wertet sie journalistisch als herbe Enttäuschung. Wie nur kann man bloß derart respektlos mit diesem bedeutenden Schriftsteller umspringen? Ihr journalistischer Ehrgeiz wird geweckt, die Fotografin will Ernest Hemingway in Peru wieder ins rechte Licht rücken. Die junge Deutsche bucht kurzentschlossen ein Flugticket nach Talara.

Modeste von Unruh verbrachte ihre Kindheit in Babelsberg bei Potsdam und durchlief nach dem Schulabschluss eine Ausbildung zur Fotoreporterin bei verschiedenen Hamburger Tageszeitungen. Ihre Familie stammte ursprünglich aus Westpommern, aus Schlawe-Stolp, wo ihr Vater als Landwirt das Hammermühler Gut des Grafen Krockow verwaltete, später wanderte der Vater dann nach Australien aus. Auch die junge Frau wurde bald vom Fernweh gepackt. Kurzentschlossen ließ sie im Jahr 1954 ihren VW-Käfer über den Atlantik verschiffen, denn ihre Sehnsucht gehörte dem amerikanischen Kontinent.

Die Fotografin hegte den Plan, die Panamericana von Kalifornien aus hinunter bis nach Feuerland zu bereisen und unterwegs für das deutsche Magazin Kristall zu berichten. Nach einem Jahr Panamericana blieb die abenteuerlustige junge Frau auf dem Highway in Peru hängen. In dem Andenland lernte Modeste von Unruh dann den ungarischen Kunsthistoriker Dr. László von Balás-Piry kennen, der nach dem Krieg ausgewandert war. Die beiden heirateten bald und bezogen ein hübsches Häuschen mit Garten und Pool in Chaclacayo, gut 40 Kilometer östlich von Lima. Der Rest der Reise nach Feuerland war abgeblasen.

In Talara nimmt Modeste von Unruh am Flughafen ein Taxi nach Cabo Blanco. Es ist ein schöner und sonniger Nachmittag am Pazifik in Nordperu. Modeste von Unruh kennt das kleine Fischdorf am Meer

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Cabo Blanco – ein wenig verloren

Cabo Blanco am peruanischen Pazifik, winzig und arg verschlafen,
ein vergessenes Kaff so ziemlich am Arsch der Welt. Ein kleines Paradies also.
Photo by W. Stock

Die massigen Berge und die aschfahle Wüste, die Cabo Blanco umzingeln, scheinen das schmale Fischerdorf geradezu ins Meer drücken zu wollen. Wenn man vom Sechura-Plateau mit dem Auto die staubigen Serpentinen hinunter an die Küste fährt und diesen geruhsamen Flecken erblickt, so kommt dem Besucher Cabo Blanco auf den ersten Blick ein wenig verloren und vergessen vor.

Hinter dem blauen Ortsschild Playa Cabo Blanco hat sich das Leben demgegenüber über die Jahrzehnte hinweg auf eine gemächliche Taktung eingestellt, mit kleinem Handel, kleinen Dienstleistungen und mit dem Fang kleiner Fische. Alles scheint sehr übersichtlich und klein, das Dorf und seine Bewohner sind gewohnt in bescheidener Größenordnung zu denken.

Die Bewohner Cabo Blancos sind arm, leben jedoch nicht im Elend. Denn Cabo Blanco ist ein kleines Fischernest, das sich zur Not vom Fischfang selber ernähren kann und deshalb mit der Welt da draußen nicht allzu viel am Hut hat. Der Fischfang erlaubt dem Dorf seit jeher eine genügsame Autarkie, man braucht nicht viel, um an der Pazifikküste Perus über die Runden zu kommen.

Man findet im Dorf viele prächtige Menschen, selbstbewusste Indios und Mestizen, die stolz sind auf ihren Fischerberuf und die Meisterung ihres beschwerlichen Alltags. Die kleine Kapelle, die drei kleinen Restaurants und die einfachen farbenfrohen Häuser der Costeños leuchten jedenfalls heiter und fröhlich unter dem azurblauen Himmel, auch wenn hier und da der Lack und der Putz ein wenig zerbröselt scheinen.

Cabo Blanco ist ein winziges Dorf ohne echten Dorfkern, ein länglicher Streifen die Küste entlang, mit bescheidenen Gebäuden aus Lehm oder Holz auf der einen Seite der staubbedeckten Straße, und auf der anderen Seite liegt das große Meer. Zu Fuß hat man das Dorf von oben bis unten in

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Don Máximo aus Cabo Blanco liebt das Meer und das Fischen

Máximo Jacinto Fiestas – auf dem Foto als Maat auf Hemingways Boot und heute.
Photo by W. Stock

Máximo Jacinto Fiestas, der pausbäckige Maat, der dem Schriftsteller die Köder präparierte und mit ihm auf hoher See den Johnnie Walker trank, ist verdammt dünn geworden. Er lebt im Norden von Cabo Blanco, an der Carretera nach El Ñuro, einen Steinwurf vom Pazifik Perus entfernt, in einem bescheidenen Häuschen. Freundlich empfängt uns der Greis und bittet uns in sein kleines Haus.

Dort findet man im Wohnzimmer eine schmale Kommode, auf der gerahmte Fotos stehen, dahinter ist die Holzwand hochgezogen mit angehefteten Bildern, ein Aufbau, der einem katholischen Altarschrein gleicht. Die zahlreichen Fotos auf dem Tisch und an der Wand kennen nur ein Thema, sie alle halten die Ereignisse aus dem Jahr 1956 wach.

„Das war die beste Begegnung in meinem Leben, ich bin Gott dankbar, dass ich Ernesto kennenlernen durfte“, murmelt der 93-Jährige glücklich. „Don Ernesto war der umgänglichste Gringo, der je nach Cabo Blanco gekommen ist. Ich kann es nicht erklären, aber er war so ganz anders als die anderen.“ Man habe sich gut verstanden, aber Hemingway habe nicht viel Spanisch gesprochen.

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Der junge Fischer Máximo Jacinto Fiestas mit Ernest Hemingway auf dem peruanischen Pazifik vor Cabo Blanco. Photo by Modeste von Unruh.

Don Máximo Jacinto, so geht die Fama um in seinem Dorf, sei in seinen Tagen der beste Carnalero zwischen Tumbes und Chiclayo gewesen. Carnalero, so nennen die Einheimischen jene Fischer mit der Fertigkeit die Carnada, den für die Großfisch-Jagd so entscheidenden Köder, fachgerecht zu präparieren. Und Ernest Hemingways Köder-Präparator erzählt noch heute mit Stolz von der Begegnung mit dem berühmten Schriftsteller. „Auf einer Ausfahrt hatte sich ein Marlin mit der Angelschnur unter dem Boot verheddert. Hemingway rief mich, ich zog mir die Badehose an und ging unter das Boot. Auch das gehörte zu meinen Aufgaben.“ Die Augen des alten Fischers lächeln schelmisch. „Mit einer Zange schnitt ich die Angelschnur durch, damit der Marlin sich befreien konnte.“

Das Schicksal hat dem Fischer Máximo Jacinto nicht immer gut mitgespielt. Er ist fast blind, und er mag am liebsten seinen Stuhl auf der Veranda nicht verlassen. Doch der Fischer Máximo Jacinto Fiestas aus Cabo Blanco ist keiner, der dem Leben große Vorhaltungen macht. „Ich bin mit meinen Leben zufrieden, weil ich das Meer und das Fischen liebe.“ Pescar, den Fisch fangen, das sei seine Aufgabe gewesen, die Pesca habe für sein Auskommen gesorgt. Das Meer hat sein Leben geprägt, dies hat er mit seinem berühmten Freund gemeinsam. „Deshalb bin ich auch in der dritten Klasse von der Grundschule weg und Fischer geworden.“

Der greise Mann, der in seinem Schaukelstuhl alte Tageszeitungen liest, scheint mit dem Leben, so wie es nun mal ist, in Harmonie. Er hat seine Ziele erreicht, was ja nicht jeder sagen kann, wo auch immer er leben mag. „Ich habe meine Familie zusammen gehalten. Einer meiner Söhne ist Taucher und zwei meiner Töchter haben sich mit Fischern verheiratet.“ Eine grenzenlose Wertschätzung besitze er für das Meer, ja, eine fast göttliche Hochachtung. Der Natur muss man nur gehorchen, man darf sie nicht dominieren wollen. Dafür gibt dir das Meer viel zurück, es lässt dich innerlich zur Ruhe kommen. So ähnlich sieht es Ernest Hemingway, der bärtige Amerikaner blickt wie ein Fischer auf die Welt.

Er könne zwar nicht mehr die Strandpromenade entlang schlendern wie noch vor einiger Zeit, aber er liest jeden Tag seine Zeitungen und gerade sei ein

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Nummer 5 lebt!

Ernest Hemingways zerstörtes Zimmer im ‚Cabo Blanco Fishing Club‘.
Photo by W. Stock

Draußen weht der Pazifik einen heißen Wind gegen die Ruine. Auf der Terrasse sind alle Geländer abmontiert und die Pflasterung aufgebrochen. Inmitten der Veranda befindet sich ein ovaler Swimmingpool, ungefähr auf der Höhe der Zimmer mit der Nummer 4 und 5, genau vor jenen Räumen, in denen die Hemingways einst gewohnt haben. 

Das Zimmer mit der Nummer 5, dort wo im Jahr 1956 Ernest Hemingway 36 Nächte geschlafen hat, liegt an der Frontseite am Ende eines schmalen Ganges. Ich finde Hemingways Zimmer komplett leergeräumt vor, selbst der Knauf der Eingangstüre wurde gestohlen. Der Bodenbelag ist entfernt worden, die ganze Kammer riecht stechend nach Morast.

Der rechteckige Raum, sicher nicht größer als 12 Quadratmeter, kommt einem selbst unmöbliert winzig vor. Das kleine Zimmer wäre mit einem Bett, einem bescheidenen Schrank, einem Tisch mit Stuhl und einer Kommode im Nu vollgestellt. Selbst in unbeschädigtem Zustand ist dieses Zimmer kein Ausweis von Luxus gewesen, es ist der Pazifik, der diesem Anwesen seine Eigenart verleiht.

Aus den Tagen des Ernest Hemingway in Cabo Blanco ist lediglich die weiße Jugendstil-Lampe in der gusseisernen dunklen Fassung an der rechten Wand übrig geblieben und auch von der Decke hängt noch eine hübsche, in schwarzes Eisen gefasste Leuchte. Ansonsten ist das Zimmer vollkommen geleert, in dieser verwahrlosten Räumlichkeit hat seit Jahrzehnten keiner mehr gewohnt.

In dem klitzekleinen Baderaum hinter dem Zimmer kann man

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Don Ernesto hat uns alle umarmt

Rufino Tume, der ‚Miss Mary‘ auf den Pazifik hinaus fuhr, hat den Hemingways einiges zu verdanken. Photo by W. Stock

Rufino Tume, der Kapitän der Pescadores Dos und der Miss Perú, lebt schräg gegenüber vom Restaurant Cabo Blanco. Er kann sich lebhaft an den Autor aus Amerika erinnern. „Ernesto war ein ganz feiner Kerl“, meint der Fischer in Cabo Blanco, nun 85 Jahre alt, und wippt sacht in seinem Stuhl aus Bast, „er hat mir in meinem Leben sehr geholfen.“

Überhaupt, auf die Hemingways lässt Rufino Tume nichts kommen. „Ernesto era un gringo muy buena gente“, sagt er, Ernesto sei ein verdammt guter Gringo gewesen. Muy buena gente, so sagt man in diesen Breiten, prächtige Leute, sehr anständige Menschen, mehr geht eigentlich nicht. “Era un hombre de buen tomar, y muy sencillo y amable.“ Er konnte ganz gut einen heben, nicht zu viel, ein Kerl halt, sagt Rufino, und der Gringo sei sehr umgänglich und liebenswert aufgetreten.

Der Fischer Rufino bringt es zu bescheidenem Wohlstand in Cabo Blanco, er baut sich ein Haus, bekommt vier Kinder, kauft sich einige Camionetas, es ist genug Geld da. Bis 1988, bis zu seinem Unfall. Er fährt von El Alto die steile Bergstraße zur Küste herunter, plötzlich wird er ohnmächtig, er sackt in den Sitz hinein, das Steuer ist führerlos, sein Auto kommt von der Fahrbahn ab, er verunglückt schwer.

Rufino kann sich an nichts mehr erinnern, vielleicht ist er kurz eingeschlafen. Die Krankheit verschlingt sein gesamtes Vermögen. Doch die Begegnung mit Ernest Hemingway und Mary sollte dem Bootskapitän Rufino Tume noch von Nutzen sein. Der peruanische Fischer lässt seine Lähmung auf Kuba behandeln, mit zwei seiner Söhne besucht er die Insel. Und dort zeigt er einem Arzt ein Foto, von ihm mit Ernest Hemingway, aus den Tagen im Jahr 1956 in Cabo Blanco.

Von diesem Augenblick an ändert sich alles für Rufino in dem kubanischen Krankenhaus. Der Arzt erzählt ihm, wie

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Pablos Traum hat sich erfüllt

An den Wänden des schlichten ‚Restaurant Cabo Blanco‘ erinnern Fotos an den bärtigen Besucher. Photo by W. Stock

Der Traum von Pablo Córdova, dem jungen Barkeeper im Fishing Club, ist Wirklichkeit geworden. Das eigene Gasthaus, von dem er Ernest Hemingway im April und Mai 1956 so vorgeschwärmt hat, heißt Restaurant Cabo Blanco und steht mitten im Fischerdorf direkt an der Strandpromenade. Als Barkeeper im Klubhotel hat der Peruaner dem bärtigen Gringo jeden Abend den Whiskey eingeschenkt und dem berühmten Gast irgendwann auch sein Herzen ausgebreitet und von seinen Wünschen an das Leben berichtet.

Es ist eine einfache Lokalität, ganz in weiß gehalten, mit einer offenen Terrasse zum wunderbaren Meer hin, die einen Blick über das Wasser bis hin zum Horizont gewährt. Das Restaurant mit sechs, sieben kleinen Tischen, das zum Mittag einen großartigen frischen Fisch aufträgt, wird heute von Orlando Córdova geführt, von Pablos Sohn.

In Pablos Restaurant, in dem Meeresgetier wie das Cebiche de Mero oder der Pulpo al Olivo als Spezialität angeboten wird, scheint der Geist des bärtigen Gringos allgegenwärtig. Auf zahlreichen eingerahmten Erinnerungsfotos über dem Durchgang zur Küche ist der Nobelpreisträger mit dem Peruaner Pablo Córdova zu finden, und ein jeder Besucher bestaunt die alten Bilder und sofort kommt eine lebhafte Konversation in Gang.

Als Pablo noch lebte, konnte er persönlich jedem Besucher erzählen, wie glücklich seine Tage mit diesem Ernest Hemingway gewesen waren, und Zeitungsreporter aus Lima oder Buenos Aires sind nach Cabo Blanco hochgekommen und haben seinen Anekdoten gelauscht. Doch die Geschichten aus erster Hand über die Freundschaft des amerikanischen Starautors mit dem einfachen Barkeeper aus Cabo Blanco sind mit ihm im Jahr 2014 verstummt.

Pablo, meint Ernest Hemingway

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