Ernest Hemingway als Mädchen
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Oje, der kleine Ernest Hemingway als Mädchen. Ob das Macho-Gesummsel der späteren Jahre eine Rebellion gegen die Einkleidung in der Kindheit ist?

Je länger Ernest Hemingway darüber nachsinnt, desto mehr muss er sich eingestehen, dass er ein ziemlich lausiger Familienvater ist. Seine drei Söhne, die er meist nur in den Sommerferien sieht, wachsen bei den Müttern in den USA auf. Er selbst hat sich sein Leben auf seiner kubanischen Finca Vigia bei Havanna, fernab von allem, kommod eingerichtet. Doch sein Daheim ist leer, weil nur er es ausfüllt.

Er hat es als Kind nicht anders erlebt. Ernest Miller Hemingway wird um acht Uhr morgens geboren, am 21. Juli 1899 in Oak Park, Illinois, einem Vorort von Chicago. Die Familie gehört zur oberen Mittelschicht, der Vater arbeitet als Mediziner, die Mutter ist Opernsängerin und Malerin. In der Familie herrscht die calvinistische Askese des Mittelwestens, nicht zuletzt im emotionalen Miteinander. 

Die Mutter, Grace Hemingway, erweist sich als ein schlimmer Drache und schlägt die Kinder mit der Bürste. Den kleinen Ernest steckt sie jahrelang in Mädchenkleider und lässt seine Haare mädchenhaft lang wachsen. Ob’s gut gewesen ist, lernt man wahrscheinlich als Fallstudie im ersten Semester Psychoanalyse, Proseminar Trauma-Therapie.

Auch der Vater Clarence, ein Arzt, prügelt die Kinder und bestraft streng, aber in Wirklichkeit ist er ein Waschlappen. Doch den Vater verehrt der junge Ernest sehr. Er hat den Sohn früh in die Natur mitgenommen und ihm an den Bächen und Flüssen um den Lake Michigan das Fischen beigebracht. Die Hemingways besitzen das Sommerhaus Windemere am Walloon Lake im Norden Michigans und die Eltern verbringen dort mit den Kindern die Sommermonate.

Familie allerdings hat der junge Ernest Hemingway nicht gelernt, so wie man gut Schwimmen oder Autofahren lernen kann. Die Gefühlswelt im Elternhaus bleibt puritanisch kühl und auf das produktive Funktionieren ausgerichtet. Das Heim in Oak Park kann kein Vorbild für den jungen Ernest sein. Kaum achtzehn, da hat er sich schnell aus dem Staub gemacht. Nach Kansas, als Lokalreporter zum City Star, ein paar Monate später als Freiwilliger des Red Cross Ambulance Corps nach Italien, an die Front des Ersten Weltkriegs.

Noch als Erwachsener plagt den kernigen Schriftsteller ein Alptraum: Er träumt von seiner Mutter, die sonntags hinauf kommt ins Kinderzimmer und dem Jungen, der den Pagenschnitt eines Mädchens trägt, nun ein blütenweißes Mädchenkleid anziehen will. Und wie der kleine Junge blind um sich schlägt und sich gegen das Kleidchen sträubt. Als der Junge fortläuft, rennt die Mutter feixend hinter ihm her, in der rechten Hand das Mädchenkleid schwingend wie ein Lasso. Als sie den Jungen schließlich einfängt und ihm das Kleid überstülpt und der Junge nicht aufhört zu weinen, da prügelt die Mutter den Jungen grün und blau bis kein Mucks mehr aus der kleinen Kreatur herauskommt.

Es wundert nicht, das Verhältnis von Ernest Hemingway zu seiner Mutter Grace ist seit der Kindheit schwierig und bleibt ein Leben lang gestört. Später macht er die Mutter für den Selbstmord des Vaters verantwortlich. Zu der Beerdigung der Mutter im Juni 1951 erscheint der Sohn Ernest nicht. 

In der Natur, an den Seen und am Meer, findet Ernest Trost. Schon als junger Mensch spürt er am Wasser die Momente von Frieden, er braucht diese innere Harmonie, denn dieser Mensch schleppt vielerlei Verletzungen mit sich herum. „Hemingway hat Narben vom Kopf bis zur Spitze seines rechten Fußes“, sagt der Schriftsteller und Psychologe José María Gatti aus Buenos Aires. „Man kann sagen, dass die Geschichte seines Lebens auf seinem Körper aufgemalt ist.“

Am Meer findet Ernest Hemingway zwar keine Heilung, aber doch Linderung seiner Verletzungen. Die Wunden, die das Elternhaus in der Kindheit geschlagen haben, reißen auch später nicht ab: Der geliebte Vater Clarence erschießt sich im Dezember 1928 mit dem Revolver im elterlichen Schlafzimmer. Es trifft den Sohn wie ein Donnerschlag, ohne jede Vorwarnung und ohne Abschied nehmen zu können.

Dieses ganze Macho-Getue, wie große Fische und stolze Steppentiere zu jagen und auch hübsche Frauen, ist möglicherweise eine Reaktion auf die Verweiblichung durch die Muter. Und vielleicht will er mit seinen zerstörerischen Taten sich gegen die Schöpfung auflehnen, weil er den Vater so vermisst. Ein letztes Mal noch wird er dem Vater nacheifern. Am 2. Juli 1961, an einem Sonntagmorgen, wird Ernest Miller Hemingway es dem Vater gleichtun.