Das Portal zu Leben und Werk von Ernest Hemingway

Kategorie: Familie Seite 1 von 4

God Was Always There: The Spiritual Life of Ernest Hemingway

Hemingway
Bill Fleck’s new book explores how Ernest Hemingway found his way to Catholicism. Photo: Dr. Stock Archive, 2026

The public image of the writer Ernest Hemingway is clearly defined: an adventurer, a man who enjoyed life’s pleasures, a womanizer, and a man of action. A rough-and-tumble brawler—whether at war, on safari, or at a bar counter. Yet this superficial view falls short, overlooking his inner self — the contemplative and spiritual Hemingway.

Bill Fleck’s book, Stronger at the Broken Places: Hemingway’s Conversion to Catholicism, fills precisely this gap. Originally written as a master’s thesis under the guidance of renowned Hemingway scholar H. R. Stoneback, the work thankfully sheds light on the Nobel laureate’s life of faith.

Ernest Hemingway – born in 1899 in Oak Park, near Chicago – grew up in a household shaped by Congregationalism. This faith community originated in the English Puritan movement and is deeply rooted in the Calvinist tradition, characterized by a strict belief in God, ambition, and industriousness. As the years went by, the young Hemingway found the rigid principles of his Protestant suburban family stifling. Once he left home, he turned away from that moral world.

A severe wound sustained on the Venetian front during World War I eventually drew him closer to Catholicism: while in an Italian field hospital in July 1918, he received the Anointing of the Sick and was baptized into the Catholic faith. His marriage in May 1927 to his second wife, Pauline Pfeiffer — who came from a devoutly Catholic family – initially strengthened his religious ties.

During the Spanish Civil War, however, Ernest distanced himself from the faith – largely due to the Spanish Catholic Church’s support for the coup leader General Franco. During World War II, following the brutal Battle of Hürtgen Forest, Hemingway once again sought solace in faith. The horrors of war on the German Western Front near Aachen during the winter of 1944–45 ultimately led him back to the world of the Catholic faith.

After 1945, a quiet Catholicism shaped Hemingway’s daily life – not in an ostentatious way, but rather privately and inwardly. At his Cuban estate, Finca Vigía, the tradition of eating fish on Fridays was observed. It went beyond mere outward observances: the exiled Basque priest Father Andrés Untzaín became a close friend, confessor, and spiritual guide to him in Cuba. During his many travels, Hemingway regularly visited cathedrals – often to light candles for deceased friends and relatives.

Ernest did not make a public show of his Catholicism, preferring instead to cultivate his image as a rough-and-tumble brawler. Yet, correspondence with colleagues and priests bears witness to the true state of Hemingway’s spiritual life. It is no coincidence, then, that the American felt most at home in staunchly Catholic countries like Italy, Spain, and Cuba.

Bill Fleck deserves credit for having examined and compiled these biographical traces. In the final third of his book, the American educator explores

Loading

Gott war immer da: Die spirituelle Seite des Ernest Hemingway

Bill Fleck
Bill Flecks Neuerscheinung zeigt, wie Ernest Hemingway den Weg zum Katholizismus fand. Foto: Archiv Dr. Stock, 2026.

Das Bild des Schriftstellers Ernest Hemingway in der Öffentlichkeit ist klar umrissen: ein Abenteurer, ein Genießer, ein Frauenheld und ein Mann der Tat. Ein wilder Haudrauf – im Krieg, auf Safari und am Tresen einer Kneipe. Doch diese oberflächliche Sichtweise greift zu kurz und blendet das Innere aus – den nachdenklichen und spirituellen Hemingway.

Bill Flecks Buch Stronger at the Broken Places: Hemingway’s Conversion to Catholicism schließt genau diese Lücke. Die Arbeit, die ursprünglich als Masterarbeit bei dem renommierten Hemingway-Forscher H. R. Stoneback entstand, wirft dankenswerterweise ein helles Licht auf das Glaubensleben des Nobelpreisträgers.

Ernest Hemingway – geboren 1899 in Oak Park bei Chicago – wächst in einem von den Kongregationalisten geprägten Elternhaus auf. Diese Glaubensgemeinschaft entstammt der puritanischen Bewegung Englands und ist tief in der calvinistischen Tradition verwurzelt, die von einem strengen Gottesglauben, Ehrgeiz und Fleiß geprägt ist. Die starren Prinzipien seiner protestantischen Vorstadt-Familie empfindet der junge Hemingway mit den Jahren als einengend. Kaum aus dem Elternhaus heraus, wendet er sich von dieser Moralwelt ab.

Eine schwere Verwundung an der Veneto-Front des Ersten Weltkriegs bringt ihn schließlich dem Katholizismus näher: Im Lazarett in Italien empfängt er im Juli 1918 die Krankensalbung und wird bei dieser Gelegenheit katholisch getauft. Die Hochzeit im Mai 1927 mit seiner zweiten Ehefrau Pauline Pfeiffer, die aus einer erzkatholischen Familie stammt, festigt zunächst die Glaubensbindung.

Während des Spanischen Bürgerkriegs geht Ernest dann auf Distanz zum Glauben – besonders wegen der Unterstützung der katholischen Kirche Spaniens für den Putschisten General Franco. Im Zweiten Weltkrieg, nach der brutalen Schlacht im Hürtgenwald, sucht Hemingway erneut Trost im Glauben. Die Gräuel des Krieges im Winter 1944/45 an der deutschen Westfront bei Aachen führen ihn schließlich zurück zur katholischen Glaubenswelt.

Nach 1945 prägt ein leichter Katholizismus Hemingways Alltag – nicht demonstrativ, sondern still und nach innen gekehrt. Auf seinem kubanischen Anwesen Finca Vigía wird freitags traditionell Fisch gegessen. Es bleibt nicht nur bei Äußerlichkeiten: Der baskische Exilpriester Pater Andrés Untzaín wird ihm zum engen Freund, Beichtvater und spirituellen Begleiter auf Kuba. Bei seinen vielen Reisen besucht Hemingway regelmäßig Kathedralen, nicht zuletzt um Kerzen für verstorbene Freunde und Angehörige anzuzünden.

Ernest hängt seinen Katholizismus nicht an die große Glocke, sondern pflegt lieber sein Image eines Rabauken. Doch Briefe mit Kollegen und Priestern legen Zeugnis ab, wie es um die spirituelle Verfassung Hemingways in Wirklichkeit aussieht. So bleibt es kein Zufall, dass der US-Amerikaner sich

Loading

Ernest Hemingways Mutter – Bildung mit Kälte

Ernest Hemingway
Familie
Familie Hemingway im Oktober 1903: Ursula, Vater Clarence, Ernest, die Mutter Grace und Marcelline Hemingway. Credit Line: Ernest Hemingway Photograph Collection, John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Ernest Miller Hemingway wird um acht Uhr morgens geboren, am 21. Juli 1899 in Oak Park, Illinois. Es wird eine Hausgeburt, im vorderen nach Süden ausgerichteten Schlafzimmer, der Vater, ein Frauenarzt, übernimmt die Aufgabe der Hebamme. Der Säugling wiegt neuneinhalb Pfund, er ist 58 Zentimeter lang und hat dunkelblaue Augen. Der neue Erdenbürger erhält den Vornamen Ernest, wie der Großvater mütterlicherseits. Er sei ein von Gott gesandtes kleines Lämmlein, meint die Mutter beglückt.

Die Mutter Grace Ernestine Hall, sie ist im Juni 1872 geboren, studiert Geige und Klavier, nimmt Gesangsstunden. Als Mädchen ist sie mit ihrer wohlhabenden Familie in den Vorort gezogen, wo sie die Oak Park High School besucht. Dort lernt sie Clarence Edmonds Hemingway kennen, den sie im Oktober 1896 heiratet. Die junge Frau bleibt zuhause, nachdem das erste Kind geboren ist, betätigt sich freischaffend als Musiklehrerin und Malerin.

Grace widmet sich ihrer Passion, der Kammermusik. Die Mutter tritt auf als eine willensstarke Person, deren Interessen vornehmlich im Hochgeistigen liegen. Die hübsche, etwas mollige Frau entstammt einer begüterten Händlerfamilie, sie beschäftigt sich am liebsten mit Opernarien oder steht vor der Staffelei. Darüber hinaus leitet sie den Kinderchor und das Orchester ihrer Kirchengemeinde, der First Congregational Church of Oak Park.

Die Hauskonzerte organisiert sie mit künstlerischer Disziplin und spannt dabei die ganze Familie ein. Es wird viel musiziert bei den Hemingways, jedem Familienmitglied wird ein Instrument zugewiesen. Ernest spielt bei der familiären Konzertmusik das Cello, nicht einmal schlecht, allerdings ohne Hingabe und Ehrgeiz. Nur mit Widerwillen nimmt er an den Musikaufführungen teil, auch an den öffentlichen Auftritten in ihrem Kirchsprengel.

Hausfrau und Mutter – es ist nicht ihr Ding. Oft hört man die Mutter klagen, sie habe den Starruhm einer Opernsängerin für die Familie und die Mutterrolle geopfert. Sie hat in New York bei der berühmten österreichischen Operndozentin Luisa Kapp-Young studiert, Grace besitzt eine schöne Altstimme und hat ihren ersten Auftritt im Madison Square Garden Theatre. In der Tat bricht sie ihre Karriere ab, der Liebe wegen, und zieht zurück nach Oak Park, um Doctor Clarence Hemingway zu heiraten.

Die Mutter Grace achtet auf eine gute kulturelle Bildung in der Familie. Ihren Kindern erklärt sie geduldig Gemälde, sie trägt Gedichte vor, lehrt sie, Lieder zu singen. Es sind Hunderte von Büchern, die sie ihren Kleinkindern vorliest. Vor allem ist es Grace zu verdanken, dass der Sohn außerordentlich belesen und mit den schönen Künsten aufwächst. Obwohl Ernest nie eine Universität besuchen wird, erhält er durch die reichhaltige Lektüre im Elternhaus eine umfassende literarische Prägung.

Auch gelingt es der Mutter, Ernests Interesse für klassische Musik zu wecken, Johann Sebastian Bach wird er zeitlebens verehren, doch seine Liebe zur Tonkunst umspannt alle Genres, von der Oper bis zum Jazz. Wahrscheinlich hätte er als Autor nicht so ein feines Gespür für die Melodie und den Rhythmus seiner Prosa ausbilden können, wenn die Mutter nicht die musikalische Vorbildung dafür gelegt hätte.

Nach außen erscheinen die Hemingways in Oak Park wie ein intakter Familienbund. Mit der bemühten Tugendhaftigkeit verdeckt die Familie jedoch eine ausgeprägte emotionale Kälte. Die zänkische Mutter ist eine Furie und schlägt die Kinder mit der Bürste. Grace, sie hat sich so sehr Zwillinge gewünscht, kleidet Ernest und die ein Jahr ältere Marcelline wie ein Zwillingspärchen ein, feminine Kleidung, dazu Pagenschnitt, und zu allem Verdruss ruft sie den Sohn Ernestine. 

Das Frauenbild des Ernest Hemingway steht von Kindesbeinen an unter keinem guten Stern, das Verhältnis zur Mutter sollte ein Leben lang angespannt bleiben. Die Narben sitzen tief bei ihm, dieser Mensch schleppt vielerlei Verletzungen mit sich. Mehr als einmal macht er seine Mutter für den Selbstmord des Vaters verantwortlich. Ich hasse sie, und sie hasst mich, klagt er seinem Verleger Charles Scribner auf Finca Vigía voller Groll.

Ernests Mutter Grace Hall lebt

Loading

Ernest Hemingways Selbstmord: Hybris und Scheitern

Ernest Hemingway
Idaho
Ernest Hemingway, um 1940, vor den Rocky Mountains. Im Sun Valley, wo er seine letzte Ruhe finden sollte. Credit Line: Ernest Hemingway Photograph Collection, John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Sein ganzes Leben lang wird Ernest Hemingway fasziniert vom Tod. Dieser Todestrieb findet sich auch in seinen Romanen. Viele seiner Erzählungen enden mit dem Tod des männlichen Protagonisten. Im Alltag des Schriftstellers sieht es nicht viel besser aus. Als junger Mann muss er den Selbstmord seines Vaters erleben. Auch der Großvater nimmt sich aus dieser Welt, in der Familie Hemingway wimmelt es nur so von Suiziden. Am 2. Juli 1961, in Ketchum, am Fuße der Berge Idahos, kommt er an die Reihe. Doch gescheitert, ist er schon lange vorher.

Denn er hat es nicht geschafft, das irdische Dasein als eine Phase von erfüllter Liebe zu nutzen, von innerer Verbundenheit und von seelischer Zufriedenheit. Ihm wird jene Anmaßung zum Verhängnis, die er immer mit sich herumträgt und die er nie so richtig erkennen kann, weil er so grandios lebt und auch so fabelhaft schreibt. Er hat sich schon über die Tiere gestellt und über manche seiner Mitmenschen. Ihm fehlt einfach die Ergebenheit zu den Regeln des irdischen Seins, denn Demut ist seine Stärke nie gewesen.

Er verlangt der Evolution bis zum Schluss Unmögliches ab: Ernest Hemingway will die Gesetzmäßigkeit der Natur brechen, er möchte die Ordnungsmacht nach seinen Regeln spielen lassen. Und er merkt dabei nicht, dass er mit solcher Hybris so lächerlich daher kommt, wie ein Köter, der die Sonne anbellt. Der große Ernest Hemingway, gefeiert von aller Welt, ist am Ende seiner Lebensreise enttäuscht und unglücklich. Obwohl dieses Leben so voll und bunt gewesen ist, es fehlt ihm etwas. Sein Herz ist leer.

Dieser Nobelpreisträger der Literatur, darin liegt die größte Tragik, hat den tieferen Sinn des Lebens nicht begriffen. Ein Kerl, der so hartnäckig nach Unvergänglichkeit giert wie er, der kann nicht erkennen, dass er nur ein winziger Baustein im Gefüge der Menschheitsgeschichte ist. Vor ihm kamen welche, und nach ihm werden welche kommen. Das Sterben ist gleichbedeutend verknüpft mit dem Schaffen von Raum für etwas Neues. So trägt der einzelne Mensch nicht nur ein Ende in sich, sondern zugleich einen Anfang.

Doch dieser Ernest Hemingway empfindet der Schöpfung gegenüber weder Dankbarkeit noch Wertschätzung. Er versteht nicht, dass der Tod kein Übel ist, sondern dass ihm ein segensreicher Mechanismus innewohnt, denn der Tod ermuntert, die begrenzte Lebenszeit sinnvoll zu nutzen. Lo bueno, si breve, dos veces bueno, erkannte im 17. Jahrhundert der spanische Barock-Philosoph Baltasar Gracián in einem Aphorismus zur klugen Lebensführung. Das Gute, wenn kurz, ist doppelt gut.

Ewiges Leben würde keinen Sinn machen, der Mensch muss Platz machen für die Nachrücker, für seine nächste Generation. Doch mit Familie, den Kindern und Enkeln hat er wenig am Hut. Zu sehr steht er sich mit seiner Genialität selbst im Weg. Diese arme Seele in ihrer Ausweglosigkeit behilft sich damit, große Tiere zu töten, ohne jede Not. Da fehlt nur ein kurzer Schritt, um auch andere Lebewesen zu töten.

Dieser Quadratschädel bleibt bei seiner Linie, bis zum finalen Schlussakkord. Ernest Hemingway möchte auch Herr über den eigenen Tod sein, so wie er Herr über das eigene Leben gewesen ist. Dieser Mann wollte seine dunkle Seite töten, an der Schreibmaschine. Und schließlich mit dem Gewehr. Die beiden Kugeln an einem Sonntagmorgen im Sommer legen aller Welt die tiefe Hoffnungslosigkeit und das nicht zu heilende Scheitern eines verzweifelten Menschen offen.

Der bewunderte und umschwärmte Ernest Hemingway hat resigniert, nicht so sehr vor der Welt oder vor dem Schicksal, dieser Mensch hat kapituliert vor seiner eigenen Utopie. In vielen seiner Bücher hat er darüber wunderbar erzählen können, aber in seinem Leben gelang es ihm nicht, sein Ideal der großen Liebe zu verwirklichen. Wie unglücklich muss ein Mann sein, der sich Knall auf Fall aus dem Hier und Jetzt abmeldet, ohne sich wenigstens bei seiner Frau und den Kindern zu verabschieden?

Sein gewählter Lösungsweg – mit nur 61 Jahren – ist verständlich, aber falsch. Während ein

Loading

Als Clarence Hemingway erstmals ein Buch seines Sohnes Ernest liest

Three Stories & Ten Poems
Ernest Hemingway
Ernest Hemingways wilder Erstling: Three Stories & Ten Poems. Mit Themen, die dem Vater der Schreck in die Glieder fahren lässt.

Ernest Hemingway lebt seit Dezember 1921 als Korrespondent für den Toronto Star in Paris. Doch die europäische Berichterstattung für die kanadische Tageszeitung wird nicht die Erfüllung seiner Träume. Bald merkt er, die Ambition zieht ihn in Richtung eines Buchautors. Einige Kurzgeschichten, die zumeist in seiner nordamerikanischen Heimatregion spielen, hat er in den letzten Monaten fertiggestellt. 

Three Stories & Ten Poems heißt eine Anthologie, die 1923 in einer Auflage von nur 300 Exemplaren veröffentlicht wird. Verleger ist Robert McAlmon, der die Sammlung von Short Stories und Gedichten in seinem Pariser Kleinstverlag Contact Publishing herausbringt. Das Büchlein ist eher ein Privatdruck des Freundes Robert, aber immerhin, ein Anfang ist getan.

Aus der französischen Hauptstadt übersendet Ernest ein paar Exemplare seines Debütbuches an seine Schwester. Vorsichtig fügt der Mittzwanziger an: „Aber zeig‘ es nicht der Familie!“. Der Sohn weiß, wie die sittenstrengen Eltern ticken. Die Hemingways sind mit den calvinistischen Werten der Einwanderer groß geworden. Fleiß, Askese und ein tiefer Gottesglaube gelten als in Stein gemeißelte Leitlinien.

Da schlägt Sohnemann gehörig aus der Reihe. Sein Lebenswandel erweist sich in der Tat als überaus heikel für einen gutbürgerlichen Haushalt wie den der Hemingways. Es gefällt Ernest, fern jeder bildungsbürgerlichen Ambition, in Paris an Tabus zu rühren. In seinen Erzählungen schreibt der Novize über Kämpfe, über Gewalt, über Gedrücktheit und fehlende Hoffnung. Spürbar legt sich über die Handlung ein grauer Schleier. Der Tod ist in seinen Geschichten so präsent wie der liebe Gott im Vatikan.

Besonders die Kurzgeschichte Up in Michigan, im Jahr 1921 geschrieben, hat es in sich. Die knappe Story Oben in Michigan, spielt in Horton Bay, seinem Hochzeitsort. Unterkühlt beschreibt Ernest, wie die Hauptperson, der Schmied Jim Gilmore, bei einem Spaziergang am Hafen über seine Freundin Liz herfällt. Eine verstörende Handlung, eine Vergewaltigung wohl, hat dieser junge Autor zu Papier gebracht. Gut, dass die Eltern das Debüt ihres Sohnes nicht mitbekommen.

Zwei Jahre später erscheint dann in den USA ein Buch von Ernest. In Our Time lässt sich vor den Eltern nicht verheimlichen. Viele Szenen erscheinen nach wie vor düster und wenig erbaulich. Gerade die Erzählungen rund um den Knaben Nick und seinen Vater, die autobiografische Züge tragen und in der Heimat der Hemingways spielen, irritieren den Leser. Nicks Erlebnisse zeigen einerseits eine anheimelnde Seite der Kindheit, andererseits auch eine, in der Tod und Selbstmord vorkommen.

Die Eltern sind schockiert. Clarence Hemingway, ein angesehener Arzt in Oak Park, ist außer sich. Er empfindet das Werk des Sohnes als Teufelszeug. Einen solchen Dreck werde er in seinem christlichen Haus nicht dulden, brüllt er. Wutentbrannt will der Vater die Bücher an den Verlag zurückschicken. Die Mutter, eine Opernsängerin, drängt darauf, wenigstens ein Exemplar zu behalten.

Ernest fühlt sich herabgesetzt und stellt sich stur. Er lässt weniger von sich hören, die Briefe aus Paris an das Elternhaus werden seltener. Er sieht sich in seiner Autorenehre verletzt und als Schriftsteller verkannt. Die Eltern jedoch, in ihrem heilen Kosmos der bigotten Vorstadt, bekommen von den Wirren jener Zeit wenig mit. Kriege, Kämpfe und Wirtschaftskrisen laufen an

Loading

Patrick Hemingway (1928 – 2025)

Patrick Hemingway
Ernest Hemingway auf Entenjagd mit seinen Söhnen Gregory und Patrick in Idaho im Oktober 1941. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Im August 1959 verfasst Ernest Hemingway auf dem pompösen Landgut La Cónsula in Málaga einen handschriftlichen Brief an seinen Sohn Patrick in Übersee. Dieses Schreiben sprüht nur so vor Glückseligkeit, der Nobelpreisträger möchte seine Welt teilen. Der bärtige Schriftsteller schwärmt von Andalusien, besonders die Region um Cádiz hat es ihm angetan. Das ist eine Gegend, die ich noch nicht gekannt habe, und sie würde Dir sehr gefallen. 

Patrick wird im Juni 1928 in Kansas City geboren, per Kaiserschnitt. Es wird für die schlanke Pauline Pfeiffer eine ausgesprochen schwierige Geburt, über 18 lange Stunden. Sie muss sich tagelang im Krankenhaus von den Geburtsstrapazen erholen. Einige Wochen später wird der Neugeborene in der Privatkapelle der betuchten Pfeiffer-Familie in Piggott von einem Priester katholisch getauft, die Hemingways sind nun zu dritt. Ernests erstgeborener Sohn John lebt bei seiner Mutter Hadley in Chicago.

Mit dem kleinen Patrick setzen Pauline und Ernest ihr Nomadenleben fort. Immer nur wenige Tage oder Wochen halten sie sich auf in Wyoming, in Saint Louis, in Chicago, in Massachusetts oder in Manhattan. Des Umherreisens überdrüssig, beschließen Pauline und Ernest, sesshaft zu werden. Die Familie mietet ein Haus in Key West, an der 1425 Pearl Street. 

Die Hemingways, verwöhnt von der Tropensonne und dem blauen Meer, beginnen sich schnell heimisch zu fühlen in Südflorida und wollen in Key West Wurzeln schlagen. Die Familie wohnt ab April 1931 in einem edlen Kolonialhaus an der Whitehead Street, Nummer 907, das Paulines Onkel Gustavus Adolphus Pfeiffer, der Bruder ihres Vaters, für die beiden gekauft hat. Uncle Gus finanziert dem Ehepaar die Immobilie, als verzögertes Hochzeitsgeschenk, wie er gönnerhaft anmerkt. 

Behütet und umsorgt wächst Patrick auf in Key West, damals eine Kleinstadt von 12.000 Bewohnern. Sie gilt als lebensfrohes Fleckchen mit einer geerdeten und hemdsärmeligen Bevölkerung. Nach der Scheidung von Pauline sieht Ernest die Kinder nur in den Sommerferien, welche die drei Söhne meist beim Vater auf Kuba verbringen. Auch wenn John, Patrick und Gregory bei ihren Müttern aufwachsen, bleibt das Verhältnis zum Vater innig und fürsorglich. 

Das Talent zu Schreiben wie Gott hat allerdings keiner der Söhne vom Vater geerbt. Man merkt es schnell, die Söhne versuchen erst gar nicht in die großen Fußstapfen zu treten. So geht jeder Sohn seinen eigenen Weg. Patrick studiert an der Stanford University und in Harvard Geschichte und Literatur. In der Familie wird er Mouse gerufen, weil er so ein knuffiges Mausegesicht aufziehen kann.

Nach Ernest Tod und dem seiner Witwe Mary fällt Patrick die Aufgabe zu, über den reichen Nachlass des Nobelpreisträgers zu wachen. Später wird er alleiniger Nachlassverwalter, weil er die beiden anderen Brüder – John und Gregory – überlebt. In den letzten Jahrzehnten kann keine Neuausgabe erscheinen und kein Merchandising-Artikel ersonnen werden, ohne dass Mouse seine Unterschrift unter den Vertrag setzt.

Der Name Hemingway ist Auszeichnung und Bürde zugleich. Sicherlich, der Bankdirektor grüßt freundlich, aber man hat auch Erwartungen zu erfüllen. „An ihm gemessen zu werden, ist beinahe erdrückend“, hat Patrick einmal über Ernest gesagt. Doch die Verehrung und die Hochachtung für den Vater bleiben ein Leben lang. Patrick meint, sein Vater sei für die Literatur jenes, was Einstein für die Physik gewesen sei.

Als der Schriftsteller sich in seinem Haus in Ketchum den

Loading

Ernest Hemingway – Wie ein wilder Stier

Ernest Hemingway
Idaho
Ein Gewehr, Ernest Hemingway und der Sohn Patrick, genannt Mouse. Es ist Urlaubszeit in Idaho, 1946. Photo Credits: Ernest Hemingway Collection of the John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Ernest Hemingway kann mit Kindern so gar nichts anfangen. Erst als die Söhne groß genug sind, um eine Angel zu halten oder gar ein Gewehr, dann erwacht sein Interesse. An der Angelrute und an einem Schießeisen – beides Apparaturen, die den Tod bringen – sieht er sich als Lehrmeister des Nachwuchses. Wie tief ist die Sehnsucht zur Vernichtung bei Ernest ausgeprägt?

Damit argumentativ keine Schieflage auftritt: Der Nobelpreisträger von 1954 besitzt wunderbare Charakterzüge. Er ist offen und zugewandt, ein guter Freund, er hilft, wenn Hilfe gebraucht wird, jeder soziale oder intellektuelle Dünkel ist ihm fremd. Aber Ernest Hemingway hat auch eine andere Seite. Eine dunkle Seite, auf der Feindseligkeit und Groll zu Hause sind.

Meist fängt es klein an. Der Zorn entlädt sich mehr oder weniger verbal. Den Personen um ihn herum gibt er launige Namen. Pickle, mein Gürkchen, für Ehefrau Mary, Feo, der Hässliche, für seinen Arzt Dr. José Luis Herrera Sotolongo, Mouse für den Sohn Patrick. Mrs. Fathouse Pig – fettes Hausschwein – für seine wunderschöne dritte Ehefrau Martha Gellhorn. 

Die zweite Stufe der Wut bezieht sich auf das Handeln. Subtil, in der Regel. Im Leben des Schriftstellers fällt schon auf, dass er vieles, was er liebt, schlecht behandelt. Seine Ehefrauen, die Söhne und letztendlich wohl auch sich selbst. Steckt Schlimmeres dahinter? Ist es vielleicht ein Zwang, wenn er etwas liebt, immer darauf herumzuhauen bis es kaputt ist?

Will ernest Hemingway mit seinem Hass auf alles und jedes letzten Endes etwa die Liebe totschlagen? Oder, noch schlimmer, kann er möglicherweise gar nicht lieben? Außer die Natur vielleicht, die er tief und innig liebt. Aber was ist mit den Menschen?

Je mehr Narben über seiner Seele liegen, desto dünnhäutiger wird er. Weil er in seinem Wertekanon nicht stabil genug ist und auch, weil seine Persönlichkeit in Sachen Liebe über die Jahre emotional nicht mitgewachsen ist. Im Gegenteil: Seit der Ehe mit Hadley geht es mit ihm seelisch bergab. Er lässt sich ablenken, von blonden Strähnen, von langen Flinten und wilden Stieren.

Die höchste Stufe seiner Feindseligkeit kehrt er heraus, wenn er angegriffen wird. Sobald er das Gefühl bekommt, von einem Menschen gekränkt zu werden oder in seinen Empfindungen verletzt zu sein. Dann reagiert er wie ein angeschossenes Raubtier. Ernest kontert schließlich mit offener Aggression, mit kaum verborgenem Hass, er verhöhnt die betreffende Person lang und breit, oft unter der Gürtellinie, auch in seinen Werken.

Lassen sich mildernde Umstände ausmachen? Ernest Hemingway ist ein Gefühlsmensch durch und durch, in allen Facetten. Er kennt den emotionalen Gegenpol zur Missgunst. In ruhigen Stunden ist er ein sympathischer Romantiker. Dieser leutselig auftretende Mann bleibt tief im Inneren eine empfindsame und verletzliche Seele. Dessen harte Schale meist nur den weichen Kern schützen will.

Es gibt die Stunden, wo er in blinder Aggression um sich schlägt. Hinter seinem Zorn liegt oft Selbsthass. Hinter jedem guten Schriftsteller verbirgt sich ein Drama, so sagt man. Es ist ein Unglück, dass dieser so grandiose Schreiber es nicht geschafft hat, seinen inneren Frieden zu finden. Außer in den frühen Jahren vielleicht, mit der

Loading

Jack Hemingway wird von den Deutschen gefangen gehalten

Ernest Hemingway mit seinen Söhnen Patrick, mit Jack in Uniform und Gregory im Club de Cazadores del Cerro auf Kuba. Photo Credits: Ernest Hemingway Photograph Collection, John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

In Paris erfährt Hash im Frühjahr 1923, dass sie schwanger ist. Der Sohn John Hadley Nicanor, mit Kosename kurz Bumby genannt, kommt im Oktober bei einem mehrmonatigen Aufenthalt im kanadischen Toronto zur Welt. John sollte das einzige Kind aus der Ehe von Ernest Hemingway mit Hadley Richardson bleiben. Der Sohn wächst wohlbehütet in Paris auf.

Jack, so wird er in der Familie gerufen, besucht das Dartmouth College und die University of Montana. Ohne Abschluss, Pearl Harbor kommt dazwischen, er geht zur Armee. Mit Eintritt der USA in den Krieg wird Jack Hemingway 1944 nach Frankreich abgeordnet. Schließlich arbeitet er beim militärischen US-Geheimdienst OSS. Da er der französischen Sprache mächtig ist, wird er als Verbindungsoffizier zur Résistance eingesetzt. 

Dann der Schock für ihn und die ganze Familie: In den Vogesen wird Jack im Oktober 1944 von der Wehrmacht festgenommen und ein halbes Jahr im Kriegsgefangenenlager Moosburg an der Isar inhaftiert. In diesem Lager zwischen München und Landshut magert er dramatisch ab. Von 95 Kilo auf 64 Kilo. Nach seiner Befreiung Anfang April 1945 macht er sich auf in Richtung Paris, wo er am 8. Mai den Feierlichkeiten zum Kriegsende beiwohnt.

Trotz seiner Gefangenschaft verbleiben bei Jack keine Ressentiments. Die Wehrmacht hat ihm kräftig zugesetzt, doch er weiß zu unterscheiden. Als ich Jack auf der Frankfurter Buchmesse Ende der 1980er Jahre treffe, kommt er mir als ein liebenswürdiger und offener Gesprächspartner entgegen. Die Deutschen als Feinde, nicht vergessen, aber es ist Historie. So hat auch der Vater gedacht.

Nach dem Krieg wird er kurz in West-Berlin und Freiburg stationiert, dann in Fort Bragg, in North Carolina, bevor er die Armee verlässt. Im Zivilleben widmet er sich seiner Passion, dem Fischen, er betreibt einen Handel mit Angelutensilien. Dann schreibt Jack seine Autobiografie und hält die Erinnerungen an den Vater fest. Misadventures of a Fly Fisherman: My Life With and Without Papa.

Ab 1967 lebt er in Ketchum, in den Bergen Idahos. Dort, wo auch sein Vater die letzten beiden Jahre verbracht hat. Und wo der Nobelpreisträger begraben liegt. Von 1971 bis 1977  ist er Beauftragter des Idaho Fish and Game-Beirates gewesen. Er setzt sich für den Erhalt der Natur ein. In der Region des Sun Valley und des Silver Creek hat er sich als Umweltschützer einen guten Namen erworben.

Jack Hemingway Ketchum

John Hadley Nicanor, genannt Jack, ist der älteste Sohn von Ernest Hemingways. Auch Jack findet seine letzte Ruhe auf dem Dorffriedhof von Ketchum. Foto: W. Stock, 2018.

Drei Kinder. Mariel, die Hollywood-Schönheit. Joan, genannt Muffet. Und Margaux, ein Model und ebenfalls eine Schauspielerin. Jack stirbt am 1. Dezember 2000. Er liegt auf dem Dorffriedhof von Ketchum begraben. One of Natur’s Noblemen steht auf seinem Grabstein. Ein Edler

Loading

Ernest Hemingway: Der Sohn, der zur Transfrau wurde

Ernest Hemingway 
Söhne
Transfrau
Der Vater mit seinen Söhnen auf Kuba: Patrick, Jack und Gregory, zur Linken von Ernest Hemingway. Photo Credits: Ernest Hemingway Photograph Collection, John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Er ist nicht nur der Schriftsteller des Jahrhunderts, sondern auch der Macho des Jahrhunderts. Boxer, Großfisch-Angler, Kriegsreporter, standfester Trinker, Löwenjäger, Frauenheld – Ernest Hemingway lässt wenige Gelegenheiten aus, an seinem maskulinen Image zu basteln. Dieser Mann liebt das Bullenrennen in Pamplona, er steckt zwei schlimme Flugzeugunglücke weg und feiert seine Verwundung im Ersten Weltkrieg. Mehr Macho geht kaum.

Sein jüngster Sohn scheint das schiere Gegenbild. Gregory ist der jüngste seiner drei Söhne, er stammt aus der Ehe mit der erzkatholischen Pauline Pfeiffer. Unter dramatischen Umständen wird Gregory Hancock Hemingway im November 1931 in Kansas City geboren worden. In der Familie wird er Gig oder Gigi gerufen. Ernests letztgeborener Sohn ist zarter und schmächtiger als die beiden größeren Brüder. 

Auf Finca Vigía schlüpft der zehnjährige Gig in die Kleider von Stiefmutter Martha Gellhorn. Ernest kommt zufällig ins Schlafzimmer, bleibt stumm stehen und geht wortlos raus. Tage später, als Vater und Sohn am Swimmingpool sitzen, sagt der Schriftsteller zu Gregory: Gigi, you and I come from a very strange tribe. Gigi, Du und ich, wir kommen schon aus einer sehr komischen Sippe. Das war’s. Kein Zeter und Mordio, vielmehr scheint, als habe sich ein geheimes Band von Empathie und Verständnis um Vater und Sohn gelegt. 

Gregory hebt sich vom Macho-Gehabe seines berühmten Vaters gründlich ab und doch bleibt ein Draht zwischen beiden. Das Leben von Gig verläuft chaotisch: Zunächst wird er Arzt, verliert dann seine Approbation, Alkohol, Scheidung, Depressionen. Und auch als Erwachsener finden er Gefallen daran, sich in Frauenkleider zu zeigen. Mit 64 Jahren unterzieht er sich mehreren Operationen und lässt sich geschlechtsumwandeln. Ab da nennt er sich Gloria Hemingway. 

Im September 2001 wird Gloria von zwei Polizeibeamte in Key Biscayne wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses verhaftet. Betrunken, mit Stöckelschuhen in der Hand und offenem Hemd, nackt durch den Stadtpark stolzierend. Drei Tage später ist Gloria tot, gestorben im Frauengefängnis von Miami, ein natürlicher Tod, das Herz. Mit 69 Jahren.

Der Nobelpreisträger kriegt von all dem nichts mehr mit, er liegt seit über vier Jahrzehnten friedlich auf dem Dorffriedhof von Ketchum in den Rocky Mountains. Lange vorbei die Zeit, wo Gig seinem Vater etwas beweisen musste. Oder ihn – oder sich – in Frage stellen musste. Das Verhältnis zwischen Ernest und Gregory jedenfalls ist zu Lebzeiten schwierig geblieben. Der Macho-Mann und der Trans-Sohn. Wie passt dies zusammen?

In seinem nachgelassenen Roman Inseln im Strom versteckt sich Ernest Hemingway hinter der Hauptfigur des Thomas Hudson. Die autobiografische Erzählung handelt von seiner Zeit auf Kuba. Auch auf die Söhne kommt er zu sprechen.

Mein jüngster Sohn war blond und hatte die Statur eines Schlachtschiffs im Postkartenformat. Er war körperlich ein Ebenbild von Thomas Hudson, nur kleiner, breiter und kürzer. Seine Haut bekam Sommersprossen, wenn sie braun wurde, und er hatte ein lustiges Gesicht und wurde schon altklug geboren. Er war fernerhin ein kleiner Teufel und setzte seinen beiden älteren Brüdern kräftig zu, und er hatte eine dunkle Seite an sich, die niemand außer Thomas Hudson verstehen konnte. 

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist CemeteryBreit-1024x764.jpg

Die Familie Hemingway vereint auf dem Friedhof von Ketchum in Idaho. Um das große Grab des prominenten Vaters liegen die kleineren Grabsteine von Jack und Gregory. Foto: W. Stock, 2018.

Schreibt man so liebevoll über einen Sohn, der das Gegenteil von den Werten des Vaters verkörpert? Gegenüber Freunden bezeichnet Ernest seinen Jüngsten als schwarzes Schaf der Familie, er komme da direkt nach ihm. Ganz so, als ob es eine gemeinsame Sehnsucht gibt. In seinem letzten Roman The Garden of Eden, posthum 1986 veröffentlicht, liest man urplötzlich einen vollkommen neuen Hemingway. Es geht nicht mehr um Toreros und Krieg, sondern um Frauen und Männer, um Maskulinität und Feminität, um Homosexualität und Geschlechtertausch. Gigs Gedanken sind dem Macho nicht fremd

In der Erzählung verbringt das frisch verheiratete Paar David and Catherine die Flitterwochen in Südfrankreich und probiert allerlei aus. Catherine schneidet sich die Haare kurz wie ein Junge, die Rollen verschwimmen, sie haben

Loading

Ernest Hemingway und seine Mutter: Hass und viele Narben

Die Familie Hemingway im Jahr 1903: Schwester Ursula, Vater Clarence, Ernest, Mutter Grace und Schwester Marcelline. Credit Line: Ernest Hemingway Photograph Collection, John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Ernest Hemingway wird im Juli 1899 hineingeboren in die Gutbürgerlichkeit von Oak Park, einem wohlhabenden Vorort von Chicago. Der Vater Clarence ist praktizierender Mediziner, die Mutter Grace Ernestine Hall studiert Klavier und nimmt Gesangsstunden. Ihre Interessen liegen vornehmlich im Hochgeistigen. Die hübsche, etwas mollige Frau entstammt einer begüterten Händlerfamilie, am liebsten beschäftigt sie sich mit Opernarien oder steht vor der Staffelei.

Hausfrau und Mutter – es ist nicht ihr Ding. Die Gestaltung des Familienalltags überlässt Grace der Hausgehilfin, um den Nachwuchs kümmern sich meist die Kindermädchen. Auch kocht sie höchst ungern, oft gibt sie solche Tätigkeiten an die Hausangestellten ab oder an ihren Ehemann, der mit Freude das Essen zubereitet. Zuweilen kümmert Clarence sich auch um die Wäsche und hilft beim Einmachen von Konserven. 

Oft hört man die Mutter klagen, sie habe den Starruhm einer Opernsängerin für die Familie und die Mutterrolle geopfert. Sie hat in New York bei der österreichischen Operndozentin Luisa Kapp-Young studiert, Grace besitzt eine schöne Altstimme und hat ihren ersten Auftritt im Madison Square Garden Theatre. Die talentierte Mittzwanzigerin erhält später gar ein Angebot des Metropolitan Opera House. Doch in der Tat bricht sie ihre Karriere ab, der Liebe wegen, und zieht zurück nach Oak Park, um Doctor Clarence Hemingway zu heiraten.

Wer in der Ehe der Hemingways die Hosen anhat, ist klar. Dem Willen von Grace haben sich alle unterzuordnen. Den Kindern verordnet sie strikte Regeln und legt ihnen genaue Pflichten auf, sie bestimmt das Freizeitverhalten und die Kulturaktivitäten. Der heranwachsende Ernest mit seinen eher sportlichen Hobbys beginnt sich mehr und mehr zu widersetzten, und nimmt die Konflikte zwischen Sohn und Mutter in Kauf.

Die Mutter Grace achtet auf eine kulturelle Bildung in der Familie. Ihren Kindern erklärt sie geduldig Gemälde, sie trägt Gedichte vor, lehrt sie, Lieder zu singen. Es sind Hunderte von Büchern, die sie ihren Kleinkindern vorliest. Vor allem ist es Grace zu verdanken, dass der Sohn außerordentlich belesen und mit den schönen Künsten aufwächst. Obwohl Ernest nie eine Universität besuchen wird, erhält er durch die reichhaltige Lektüre im Elternhaus eine umfassende literarische Prägung. 

Auch gelingt es der Mutter, Ernests Interesse für klassische Musik zu wecken. Johann Sebastian Bach wird er zeitlebens verehren, doch seine Liebe zur Tonkunst umspannt alle Genres, von der Oper bis zum Jazz. Wahrscheinlich hätte er als Autor nicht so ein feines Gespür für die Melodie und den Rhythmus seiner Prosa ausbilden können, wenn die Mutter nicht die musikalische Vorbildung dafür gelegt hätte. 

In der Familie erlebt der heranwachsende Ernest erlebt ein Wechselbad der Gefühle. Die Familie ist materiell bestens versorgt, im emotionalen Miteinander bleibt jedoch vieles auf der Strecke. Grace vermitteln ihren Kindern den klassischen Bildungskanon, man besucht Opernaufführungen und Theatervorstellungen oder geht in Museen. Mit der bemühten Tugendhaftigkeit verdeckt die Mutter jedoch eine ausgeprägte emotionale Kälte. 

Den Vater verehrt der heranwachsende Ernest sehr, Clarence bringt dem Jungen bei zu Schwimmen, zu Zelten, er zeigt ihm das Klettern und Bergsteigen, der Vater lehrt ihn zu Jagen, die Beute auszuschlachten und eine Feuerstelle anzulegen. Dennoch kann das Elternhaus mit seiner Gemütsarmut und der emsigen Strebsamkeit kein Vorbild für den energiegeladenen Ernest sein. Direkt nach der Schule, mit gerade einmal 18 Jahren, macht der abenteuerlustige Jugendliche sich schnell aus dem Staub und verlässt Oak Park auf immer.

Im Dezember 1928 erlebt Ernest Hemingway innerhalb der Familie ein schlimmes Trauma: Clarence, der geliebte Vater, erschießt sich im elterlichen Schlafzimmer. Dr. Clarence Edmonds Hemingway hat sich umgebracht, als sein Sohn Ernest 29 Jahre alt ist. Der Sohn macht Grace noch viele Jahre den Vorwurf, den Vater in den Tod getrieben zu haben. „Von den frühesten Tagen meiner Freundschaft mit Ernest“, schreibt General Charles Lanham, „sprach er von seiner Mutter immer nur als ‚diese Schlampe‘. Er hat mir sicherlich tausendfach erzählt, wie sehr und auf wie viele verschiedene Arten er sie gehasst hat.“

Das Frauenbild des Ernest Hemingway steht von Kindesbeinen an unter keinem guten Stern, das Verhältnis zur Mutter sollte ein Leben lang angespannt bleiben. Die Narben sitzen tief bei ihm, dieser Mensch schleppt vielerlei Verletzungen mit sich. Ernests Frauen dürfen

Loading

Seite 1 von 4

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén