An den Fersen von Ernest Hemingway

Autor: Wolfgang Stock Seite 1 von 39

Welch ein reiches Leben!

Curtis L. DeBerg: Traveling The World With Hemingway

Dieses Buch im Überformat ist weit mehr als ein Coffee table book. Man schlägt das fast zwei Kilo schwere Werk auf und taucht augenblicklich ein in die aufregende Welt des Ernest Hemingway. Wir reisen nach Oak Park, einem Vorort von Chicago, wo er 1899 geboren worden ist. Das Sommerhaus am Lake Michigan lernen wir kennen, wo die Familie meist die Sommerferien verbracht hat.

Und so geht es chronologisch weiter auf über 200 Seiten: Italien, Paris, Schruns in Österreich, Madrid, das Bullenrennen in Pamplona, Key West in Südflorida, Havanna auf Kuba, das Sun Valley, wo in Ketchum seine Lebensreise zu Ende gehen sollte. Das Buch entführt uns auf eine Zeitreise, die zugleich eine literarische Reise ist.

Das Werk in englischer Sprache entschlüsselt sich auf drei Ebenen. Da sind zum einen die klug ausgewählten Zitate aus seinen Erzählungen und Briefen, zum zweiten finden wir historische Zeitdokumente und dazu gesellen sich drittens aktuelle Fotografien. Der Spannungsbogen dieser drei Ebenen gelingt Autor und Art Director vorzüglich. Durch die Qualität wird man bezaubert von den Orten, damals wie heute, und bleibt beeindruckt von der klaren Sicht Hemingways auf seine Schauplätze. 

Am allerbesten scheint mir das Kapitel über Paris gelungen. Und in der Tat sind dies jene Jahre gewesen, die den jungen Ernest, noch in den Zwanzigern und vollkommen unbekannt, nachhaltig geprägt haben. In der Stadt an der Seine wird er zum Weltenbummler, hier vollzieht er den Umbruch vom Journalisten zum Schriftsteller, hier entwickelt er seinen ureigenen Stil-Rhythmus für die englische Sprache.

Dieses wunderbare Buch nimmt uns mit an all die Schauplätze dieses Jahrhundert-Autors, es inspiriert den heutigen Leser, so wie diese Orte auch Hemingway inspiriert haben. Der Nobelpreisträger von 1954 ist bekanntlich kein Intellektuelle gewesen, sondern ein

Una vida con la muerte al hombro

Der 60. Geburtstag unter dem Kreuz. Mary Welsh schießt diesen Schnappschuss, zwei Jahre vor seinem Tod, auf dem andalusischen Landgut ‚La Cónsula‘. Málaga/Spanien, im Juli 1959. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Ernest Hemingway liegt nachts am Pazifik in seiner stickigen Kammer im Bett, mutterseelenalleine im Dunklen, und kann nicht einschlafen. Denn er muss immerzu nachdenken. Er grübelt über das Leben, über den Tod, über sich. Er liebt das Leben, doch genau genommen kann er nicht begreifen, was das Leben eigentlich ist. So viele Fragen treiben ihn um. Warum kommen wir auf diese Welt? Wieso kann ich denken und fühlen? Welche Kraft treibt uns an? Manchmal kommt ihm das Leben vor wie eine Illusion, wie ein tiefer Traum, aus dem man plötzlich erwacht. Für all seine Fragen kennt er keinen Empfänger und auch keine Antworten. Was bleibt, ist ein unergründliches Rätsel.

So wie er sich als Schriftsteller ebenfalls ein Rätsel bleibt. Wie schafft es ein Mensch, so gut zu schreiben wie er? Und wieso verblasst diese Fertigkeit mit der Zeit, warum entfliegen alle Gedanken und Erinnerungen, so als habe jemand den Dimmer einer Lampe nach unten gezogen? Und wie kann es sein, dass irgendwann das Licht ganz ausgeknipst wird? Ein Mensch, der tot umfällt, ist ja immer noch da, aber wo ist sein Leben hingegangen? Spielt sich die menschliche Existenz etwa nur im Kopf ab? Vielleicht, so denkt er, werden wir das Rätsel des Lebens niemals lösen, vielleicht ist der Mensch zu klein dazu.

Er vermag dem antiken Philosophen Epikur nicht zu folgen, der darauf hinweist, solange wir leben, sei der Tod ja abwesend. Und unseren eigenen Tod werden wir nicht überleben. Epikurs frohe Botschaft: So lange wir leben, ist unser Tod nicht da. Für Ernest Hemingway jedoch ist der Tod zu jeder Zeit und an jedem Ort gegenwärtig, er vermag den Gedanken an ihn nicht abzuschütteln. Der bärtige Amerikaner begreift nicht, was vor der Geburt war, und vor allem, was nach dem Ableben kommt. Der Tod gehört immer irgendwie dazu, wenn er nachdenkt, alles läuft auf ihn hinaus, der Tod steht als rot blinkendes Warnschild ständig an seinem Wegesrand.

Die Natur mündet im Tod, es gilt von Kindesbeinen an. We are all bitched from the start. Das Sterben beginnt mit der Stunde der Geburt. Ernest Hemingway weiß um die Zerbrechlichkeit der menschlichen Existenz, von dem Tag an, an dem wir auf die Welt kommen, klebt uns allen die Scheiße an den Hacken. Ihm schwant, wie schwer das Sterben für einen Mann wird, der voll im Leben steht. Man braucht viel

Warum hat Ernest Hemingway sich umgebracht?

Ernest Hemingways Eulogie Best of all he loved the fall ziert das Hemingway Memorial oberhalb von Ketchum. Now he will be a part of them forever. Foto: W. Stock, 2018

Er hat zwei Flugzeugunglücke und mehrere Autounfälle überlebt. Eine Mörsergranate, die im Ersten Weltkrieg einen Meter neben ihm explodiert ist, hat ihm wenig anhaben können. Er hat die Amöbenruhr, einen Milzriss und zig Gehirnerschütterungen überstanden. Und auch die Depression, der Alkohol und Diabetes haben ihn nicht kleingekriegt. Doch sein Ende musste er selbst in die Hand nehmen.

Über die Ursache seines Suizids gibt es viele Fehleinschätzungen. Er habe sich umgebracht, weil er als Schriftsteller gescheitert sei, erzählt der Kollege Jorge Luis Borges aus Buenos Aires einen ziemlichen Blödsinn. Er habe nicht mehr schreiben können, mutmaßen andere, dies kommt der Sache näher. Er sei in Wirklichkeit tieftraurig gewesen, weil er sein geliebtes Kuba habe verlassen müssen. Diese Aussage ist nicht falsch, jedoch trifft sie die Ursache nicht im Kern.

Die Wahrheit ist, auch bei einem Jahrhundert-Mann wie ihm, viel profaner. Ernest Hemingway ist körperlich am Ende gewesen, ein Wrack. Der Gemütszustand des Schriftstellers hat sich Ende 1960 rapide verschlechtert, am 30. November wird er nach Rochester in Minnesota geflogen, in das St. Mary’s Hospital. In dem Krankenhaus erhält er wochenlang Elektroschock-Therapien, insgesamt elf an der Zahl. Die Elektroschocks quetschen den letzten Schimmer Lebensmut aus seinem Körper.

Erst am 22. Januar 1961, nach 53 Tagen in Behandlung, wird er aus der Klinik entlassen. Da wiegt er nur noch 83 Kilo, bei einer Größe von 1,83 Meter, sein Gewicht zuvor hat bei 110 Kilo gelegen. Wieder zu Hause in Ketchum taumelt er wie ein Halbtoter durch den Tag, nur noch selten verlässt er das Haus und geht hinunter ins Dorf. Stundenlang sitzt der Schriftsteller auf der langen Couch im Wohnzimmer und starrt, ohne ein Wort zu sagen, vor sich hin.

Am 25. April 1961 wird der geschwächte Nobelpreisträger abermals nach Rochester geflogen. Im St. Mary’s Hospital kommt er diesmal in die geschlossene Psychiatrie. In den ersten fünf Tagen erhält der Schriftsteller vier Elektroschock-Behandlungen. Die Tortur in der Mayo-Klinik verschlimmert seinen Zustand. 

Ernest Hemingway will nur

Ernest Hemingway in Köln

Die Reiterstatue von Kaiser Wilhelm I an der südlichen rechtsrheinischen Rampe zur Hohenzollernbrücke in Köln.
Foto: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons).

Ernest Hemingway ist gut unterwegs in Europa. In einem Brief an William D. Horne vom 17. Juli 1923 blickt er zurück: Und wir flogen (von Paris, W.S.) nach Straßburg, und wir wanderten durch den gesamten Schwarzwald und fischten Forellen, wir fingen viele, und wohnten in kleinen Gasthäusern, und wir machten miteinander Liebe, und wir fuhren dann den Rhein hinunter von Frankfurt nach Köln und besuchten Chink.

In der Tat unternehmen Ernest und Hadley im Sommer 1922 von Frankfurt aus eine lange Schiffsfahrt durch das Rheintal. Die Hemingways passieren den Abschnitt, den die Bewohner als Romantischen Rhein bezeichnen, Rüdesheim, die Burg Katz, den Loreley-Felsen, schließlich erreicht das Ehepaar Koblenz. Von dort geht es weiter, vorbei an den kleinen malerischen Dörfern des Mittelrheins wie Linz und Unkel, bis die beiden Amerikaner schließlich in Köln eintreffen.

Wegen seiner zentralen Lage ist Köln ein Drehkreuz zwischen West und Ost, zwischen Nord und Süd. Über das Rheinland sind die Soldaten an die Westfront marschiert, hierher kommt die geschlagene Armee nach der Niederlage 1918 wieder zurück. Köln wird zur Lazarettstadt, Zerstörung, Not und Hunger beherrschen die Stadt. Der Journalist, der für eine kanadische Tageszeitung schreibt, wäre am liebsten im Grandhotel Excelsior Ernst direkt am Bahnhof untergekommen, dort allerdings haben die britischen Besatzungstruppen ihr Quartier aufgeschlagen. 

Wirtschaftlich und moralisch liegt das Rheinland am Boden. Von der Lebenszugewandtheit seiner Bürger bekommt Ernest Hemingway wenig mit. Land und Region befinden sich in Unruhe, auf die Hohenzollern entlädt sich die Wut der Bevölkerung. Wilhelm I und II haben unsägliches Elend über Deutschland gebracht. Das Vermögen der Deutschen ist in den Kriegsanleihen des Kaisers verpulvert, das Land liegt in Trümmern, man hat sie in eine Schlacht geschickt, die noch sinnloser war als die meisten Kriege.

Der 23-jährige Hemingway kann als Vertreter der Siegermacht die angenehmen Seiten des Währungsverfalls ausleben. An die Familie in Chicago schreibt er am 25. August 1922 einen enthusiastischen Brief: Mit 62 Mark kann man sechs Bier im Krug kaufen. Zehn Tageszeitungen. Fünf Pfund Speiseäpfel, oder eine Eintrittskarte fürs Theater. Ich versuche, Euch das nächste Mal etwas von dem schmucken Geld zu schicken. Die Deutschen haben einige Geldscheine, die sehr schön sind. Ich habe ein paar für Euch zurückgehalten, musste sie dann aber doch ausgeben. Ernie.

Die Rampen der Dombrücke werden von Monumenten preußischer Könige und deutscher Kaiser flankiert. Die rechtsrheinische Reiterstatue von Kaiser Wilhelm I. und das linksrheinische Reiterstandbild von Wilhelm II. symbolisieren das Zeitalter der verhassten Hohenzollern-Herrscher in der Rheinprovinz. Ernest Hemingway informiert darüber im Toronto Star Weekly am 30. September 1922 aus der Domstadt. Riots are Frequent Throughout Germany lautet die Überschrift seines Artikels.

Ein paar Tage vor Hemingways Ankunft haben die Kölner ihren ehemaligen Kaiser vom Sockel stürzen wollen. Die riesige Reiterstatue von Kaiser Wilhelm, die auf der Kölner Seite der schönen Hohenzollernbrücke über den Rhein steht, weist alle Spuren eines kürzlichen Vorfalls auf, als Deutsche zeigten, was noch in ihnen steckte. Die beiden Mauervorsprünge an Wilhelms mächtigen Eisenstiefeln waren abgebrochen und die Klinge seines Schwertes ist verschwunden. All das wurde zerschlagen, als einige Kölner versuchten, die gewaltige Statue umzustürzen. Es war ein Handgemenge, das als Revolution angelegt war und als kleiner Tumult endete.

Ein Polizist, der versucht die Verwüstung des Denkmals zu stoppen, wird von der Menge ohne lange zu fackeln in

Fausto Canel: Hemingway war eine Attraktion in Havanna

Der kubanische Filmemacher und Autor Fausto Canel. Foto: Canel

Der kubanische Filmemacher Fausto Canel hat 1962 einen bemerkenswerten Kurzfilm über das Leben und das Werk Ernest Hemingways gedreht. Mit den damals bescheidenen technischen Mitteln der Revolutionsjahre hat Canel mit Hemingway einen Film produziert, der den Wirkungskern des Nobelpreisträgers erstaunlich präzise auf den Punkt bringt. Heute kann man sich den Kurzfilm auf YouTube anschauen.

Canel ist 1939 in Havanna geboren und hat sich früh seiner Leidenschaft, den Filmen und dem Kino, gewidmet. Mit 19 dreht er seinen ersten Streifen, er wird Filmkritiker bei der Zeitung Revolución, sein Berufsstart fällt zusammen mit der kubanischen Revolution des Fidel Castro im Jahr 1959. Hautnah hat der junge Journalist die Umwälzungen auf der Karibikinsel von innen aus miterlebt.

Enttäuscht von dem stärker werdenden Totalitarismus des Regimes verlässt Fausto Canel 1968 seine Heimat und geht nach Paris. Er hat für Radio und Fernsehen gearbeitet, auch als Filmregisseur, Regieassistent und Drehbuchschreiber, so bei Projekten mit Tomás Gutiérrez Alea und Jean Seberg. Heute lebt der 82-Jährige als Buchautor in der Nähe von Miami. Ich habe ihn zu seinem Hemingway-Film befragen können.

Don Fausto, wo treffen wir Sie an?
Ich bin zuhause, in Hollywood, Florida, in den USA.

Sie leben in Florida, haben Jahre in Madrid, in Paris und Havanna verbracht. Diese Städte sind auch Lebensstationen von Ernest Hemingway. Kurioser Zufall, nicht wahr?
Ich habe zudem viele Jahre in Los Angeles, Kalifornien, gelebt. Ich glaube, dass solche Zufälle passieren, aber sie sind nicht wichtig. Jedoch, vielleicht hat Hemingways Buch Paris – Ein Fest fürs Leben als ein Antreiber gewirkt, der mich nach Paris gezogen hat. Und Havanna, na, da bin ich geboren. So ist es gekommen.

Wie ist Ihre Leidenschaft für den Film entstanden?
Seit meiner Kindheit bin ich viel ins Kino gegangen. manchmal sechs Stunden am Stück, jeden Samstag, im Cine Neptuno, in Havanna. Dieses Kinogebäude ist heute zerfallen, weil sich kein Verantwortlicher richtig um den Erhalt gekümmert hat.  
Später habe ich Filmkritiken verschlungen, besondern die von G. Caín, hinter dem Pseudonym steckt der später bekannte Schriftsteller Guillermo Cabrera Infante. Die Besprechungen haben mir sehr geholfen, bei der Einordnung. 

Sie haben den Film dann zur Ihrer Profession gemacht.
Glücklicherweise konnte ich ein Stipendium ergattert und habe Filmwesen – Historia y Apreciación Cinematográfica – an der Universidad de La Habana studiert. Mein Professor war José Manuel Valdéz Rodríguez. Es gab damals einen Wettbewerb, der von der Filmgesellschaft Fox veranstaltet wurde, man sollte eine Besprechung zu einer Musikkomödie mit dem Titel Carrousel schreiben. Ich habe den Film verrissen – und habe den Preis bekommen.

Wie war das Kino in jenen Jahren?
In Havanna ging man häufig ins Kino, man konnte sich Filme aus aller Welt anschauen. Die meisten kamen aus den USA, das waren die beliebtesten. Dann gab es einige aus Europa, mehr in den spezialisierten Kinos, und schließlich viele mexikanische Spielfilme. Die waren besonders beliebt bei Besuchern, die nicht so einfach den Untertiteln folgen konnten. Auf Kuba sind damals die Filme nicht synchronisiert worden, auch aus Respekt vor der Arbeit der Schauspieler.

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Eine kubanische Filmdelegation in Hollywood, Kalifornien, im Juni 1959. Von links nach rechts: Alfredo Guevara, Präsident des ICAIC, ein bärtiger Revolutionär, der Filmingenieur Alberto Epstein, der Regisseur Tomás Gutiérrez Alea, Fausto Canel.

Welche Rolle spielte Ernest Hemingway in jenen Jahren auf Kuba?
Hemingway war in den 1950er Jahren eine öffentliche Person, sehr bekannt, fast eine Attraktion in Havanna. Seine Popularität wuchs ins Unermessliche, als 1952 Der alte Mann und das Meer veröffentlicht wurde, das hatte schon Hollywood-Dimensionen. Auf Kuba wurde El Viejo y el Mar zuerst in der Zeitschrift Bohemia veröffentlicht, in einer spanischen Übersetzung von dem großen Lino Novás Calvo, Hemingway wollte das genauso. Der Nobelpreis 1954 hat ihn dann zu einem Mythos gemacht. Wichtig war, dass viele Leute, die normalerweise nicht gewohnt waren, Romane zu lesen, den alten Mann gelesen haben…

Wie entstand die Idee, einen Film über Ernest Hemingway zu drehen?
Eines Sonntagnachmittag im Juli 1961, als ich in die Redaktion der Zeitung Revolución kam, ich schrieb dort Filmkritiken, sagte ein Kollege mir, dass Hemingway gestorben sei. Direkt früh am nächsten Tag präsentierte ich dem Instituto Cubano de Arte e Industria Cinematográficos (ICAIC) – dem Kubanischen Institut für Filmkunst und Filmindustrie – die Idee eines Dokumentarfilms über Leben und Werk Hemingways. Das Projekt wurde sofort genehmigt.

Erstaunlich…
Dem Castro-Regime lag daran, aufzuzeigen, dass sie zwar gegen die Politik der US-Regierung sind, aber nicht gegen die amerikanischen Bürger und schon gar nicht gegen die Kulturschaffenden. Dazu kam, es handelt sich hier um einen Schriftsteller, von dem man meinte, er sei ein Linker und ein Anhänger von Fidel Castro. Die Herausforderung für mich bestand nun darin, einen Film zu drehen, der Hemingway nicht als Propagandafigur des Castrismus benutzt.

Was war die Absicht hinter Ihrem Film Hemingway?
Ich wollte Hemingway so darstellen, wie er gewesen ist, ohne schmückendes Beiwerk, ohne den Überschwang des Mythos. Es ging mir um einen Schriftsteller im Kampf gegen

Adiós, Ernesto, adiós

Unter einem Paar Kiefern liegt das Grab des Ernest Hemingway auf dem Friedhof in Ketchum, Idaho. Foto: W. Stock, April 2018.

Im Morgengrauen des 2. Juli 1961, es ist ein Sonntag vor genau 60 Jahren, drückt eine trockene Luft auf den ergrünten Talkessel. Es wird früh hell in der warmen Jahreszeit oben in den Bergen Idahos und an diesem Tag wirkt das einsame Dorf in dem kleinen Tal noch geruhsamer als an anderen Wochentagen. Das dreigeschossige Haus aus groben braunen Zementsteinen und den breiten Panoramafenstern liegt oberhalb der Stadt Ketchum, ein wenig verborgen über dem Big Wood River, der in einer Senke ruhig dahin rauscht.

Der greise Schriftsteller, in seinem blauen Pyjama, hebt sich mühevoll aus seinem Bett und kann sich kaum auf den Beinen halten wegen der kurzen Nacht. Er schlüpft nicht wie sonst in die Hausschuhe aus Filz, die neben dem Bett stehen, sondern kriecht in die braunen Mokassins-Schuhe, er schlängelt sich in den rotkarierten Morgenmantel, den Mary in Italien gekauft hat und der über der Rückenlehne des Stuhls neben dem Fenster hängt, danach huscht er an seinem Schreibtisch vorbei mit der Schreibmaschine und den Büchern und Manuskripten und schlurft kaum vernehmbar aus seinem Schlafzimmer.

Fast geräuschlos tappt er an Miss Marys geschlossener Schlafzimmertüre vorbei, seine Ehefrau schläft noch fest. Vorsichtig geht er die schmale braune Holztreppe herunter, sein Schädel dröhnt, von dem Alkohol am Vorabend, und von dem Schmerz der letzten Wochen, von den vielen Medikamenten und von der Krankheit. Der Nobelpreisträger geht an dem offenen Kamin, dem Fernsehgerät und dem schmalen Bücherbord vorbei, der bauschige Teppichboden dämpft seine Schritte, am Ende des Wohnzimmers nimmt er dann die zwei kleinen Rundstufen rechts hoch zur Küche, geht am großräumigen milchweißen Kühlschrank vorbei, passiert die beiden messingverkleideten Backöfen zum Fenstersims, wo über der Anrichte in einem der schmalen Hängeschränke der Bund mit dem Schlüssel zum Waffenschrank aufbewahrt wird.

Anschließend dreht er sich um und marschiert von der Küche aus, an der kleinen länglichen Gästetoilette vorbei, kaum vernehmbar die enge Rundtreppe ganz nach unten ins Kellergeschoss, das Geländer aus Holz fest umklammernd. Im Souterrain macht er sich auf in Richtung zum Waffenschrank, er steht davor, fischt den Schlüssel hervor und schließt den Spind bedächtig auf. Aus dem Waffenschrank mit den vielen Schusswaffen holt er Marys Lieblingsgewehr aus der Halterung, eine doppelläufige englische Scott & Son, die seiner Ehefrau vor allem zur Jagd auf Tauben dient. Einer auf dem Schrankboden liegenden Packung entnimmt der Schriftsteller zwei Patronen, die er in die Tasche seines Morgenmantels steckt.

Dann verschließt er leise den Waffenschrank. Mit dem langen Schrotgewehr in der Hand schleicht er danach die Treppe hinauf, die Stufen bereiten ihm Mühe, er durchquert das Wohnzimmer, in das von Osten her die ersten Sonnenstrahlen fallen. Doch er bemerkt die Sonne nicht, er geht durch bis ans entgegen gelegene Ende des Wohnzimmers und nimmt die winzige Stufe in das karge Vestibül. Das Vestibül ist ein rechteckiger Vorraum, der als Windfang angebaut wurde, der schützende Eingangsbereich zum Wohngeschoss.

Der schmucklose Raum vor der Eingangstüre, dort wo üblicherweise die Mäntel und die Schuhe abgelegt werden, misst gerade einmal drei, vier Quadratmeter, es gibt nur wenig Freiraum, um sich zu bewegen. Der Autor hat für sein Vorhaben das Vestibül mit Bedacht gewählt, er weiß, seine Frau muss noch weiter in dem Haus leben, und so hat er es aus Rücksicht nicht im Wohnzimmer machen wollen oder im Schlafzimmer, wie sein Vater.

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Die Grabplatte des Ernest Miller Hemingway auf dem Friedhof in Ketchum wird bedeckt von den Mitbringseln der Verehrer. Foto: W. Stock, April 2018.

Der ausgezehrte alte Mann sucht mühsam mit seinem knochigen Rücken Halt an der glatten Westwand des Vestibüls, die dünnen Mokassins hauchdünn auf den Holzbohlen des kleinen Raums. Und dann winkelt der Schriftsteller behutsam die Knie an und

Radio-Tipp: Die Lange Nacht über Ernest Hemingway

Von einsamen Kämpfen und stillen Niederlagen
Die Lange Nacht über Ernest Hemingway
Von Tom Noga
Regie: Tom Noga

An Ernest Hemingway (1899 -1961) scheiden sich die Geister. Für die einen ist er ein Aufschneider, der sich als Kriegsheld inszenierte (der er nicht war) und sich gerne mit seinen Jagdtrophäen abbilden ließ, mit riesigen Schwertfischen etwa, die ihn um das Zweifache überragen. Andere fasziniert gerade seine Männlichkeit, die Kompromisslosigkeit, mit der er sich in jedes Abenteuer stürzte, und sei es noch so aussichtslos.

Die einen kritisieren seine Romane als flach, eindimensional und sprachlich bescheiden. Anderen gefällt gerade dies: seine unprätentiöse, packende Sprache, seine Direktheit, der Reichtum an Bildern, die seine Romane und Kurzgeschichten wie Filme wirken lassen. Fest steht: Ernest Hemingway hat die englischsprachige Literatur vom Schwulst des viktorianischen Zeitalters befreit.

Als Autor ist er aus dem Elfenbeinturm der Kunst ausgebrochen. Ein Super-Macho, ein amerikanischer Held, der dorthin ging, wo es weh tat: in den Boxring, in den Krieg, auf Safari, zum Hochseefischen. Und der dann darüber schrieb. Seine Protagonisten sind

‘Hemingway’, ein kleines Meisterwerk von Fausto Canel

Der kurze Dokumentarfilm Hemingway, bisher in den Hemingway-Kreisen wenig bekannt, ist in vielerlei Hinsicht ein bemerkenswertes künstlerisches Meisterstück. Der schwarz-weiße Streifen, den man heute auf Youtube abrufen kann, wurde im Jahr 1962 von dem kubanischen Filmemacher Fausto Canel im Stile des italienischen Neorealismus gedreht und montiert.

In jenen Jahren ist Fausto Canel ein junger Filmverrückter aus Havanna, Journalist bei Revolución und Lunes, zudem Mit-Gründer des Instituto Cubano de Arte e Industria Cinematográficos (ICAIC). Nach der Castro-Revolution im Januar 1959 wird überwiegend steinharter Agitprop gedreht, es herrscht mehr und mehr ein strenger Propagandazwang unter den Bärtigen, wie Fausto Canel in seiner Biografie Sin pedir permiso anschaulich erzählt.

Umso erstaunlicher das Werk Hemingway. Es kommt weitgehend ohne die übliche Propaganda und den sozialistischen Holzschnitt aus, obwohl sich das Thema Ernest Hemingway und Fidel Castro dafür anbietet. Im Gegenteil, das Drehbuch ist betont poetisch angelegt. Es stammt aus der Feder von Canels damaligem Kollegen Lisandro Otero, der später zu einem der wichtigen Autoren der Karibikinsel werden sollte. 

Der 23-jährige Fausto Canel quartiert sich 1962 mehrere Tage auf Hemingways Finca Vigía in San Francisco de Paula ein, um ein Gefühl für sein Sujet zu entwickeln. Im Gästetrakt des Anwesens, unter einem Bett, entdeckt er dann zufällig einen alten Koffer mit Dokumenten und Fotos, die der Filmemacher in sein Werk einbaut. Im Resultat sind die Schnitte, Einblendungen und Überblendungen des Films von erstklassiger Machart. Die klare Stimme von Carlos Fernández führt durch den Dokumentarfilm.

Vor allem besitzt Fausto Canels 35 mm-Film Hemingway sympathische Tiefe, sowohl optisch, als auch inhaltlich. So schafft es der blutjunge Kubaner an zahlreichen Stellen, Hemingways Faible für starke Naturbilder in seinen Film einzubauen. Der Kubaner nähert sich künstlerisch dem US-Amerikaner: In dem 20-Minuten-Film arbeitet Canel, ebenso wie Ernest Hemingway in seinen Erzählungen, stark mit Tier-Symbolik.

Dieses kurze Kunstwerk gilt es neu zu entdecken, sechs Jahrzehnte nach seiner Entstehung. Ausgehend von der verlassenen Finca Vigía und der aus dem Off gesprochenen Todesnachricht vom Juli 1961, touchiert Fausto Canel die entscheidenden Stationen in Hemingways Leben. Kindheit, Erster Weltkrieg, Paris, Spanien, Bürgerkrieg, Key West, Kuba. Ganz zum Schluß kommt Canels Film auf die Finca Vigía zurück. Eine von Hemingways so geliebten Katzen schleicht sich stumm aus dem Bild.

Ein Interview mit dem Regisseur Joris Ivens, der mit Ernest Hemingway als Drehbuchschreiber und Sprecher den Film The Spanish Earth gedreht hat, nimmt großen Raum ein. Ivens, der zu dieser Zeit

Paris – The Greatest Luck

“Wenn du soviel Glück hattest, als junger Mensch in Paris gelebt zu haben, dann bleibt die Stadt für den Rest deines Lebens bei dir, einerlei wohin du auch gehen magst. Denn Paris ist ein Fest fürs Leben.”

Wir alle hatten gute Tage

Ernest Hemingway macht sich Notizen im Gemeinschaftsraum
des ‚Cabo Blanco Fishing Clubs‘, im April 1956.
Foto: Modeste von Unruh.

Gut 3.000 Kilometer Luftlinie entfernt, in seiner Wahlheimat Kuba, werden die Filmarbeiten am peruanischen Pazifik aufmerksam verfolgt. Der Nobelpreisträger Ernest Hemingway und der kubanische Sportfischer Elián Argüelles halten sich mit einigen Kameraleuten vor der Küste Cabo Blancos in Peru auf, um einen tausend Pfund schweren Marlin vor die Kamera zu bekommen, berichtet der Diario Nacional aus Havanna. Mehrere Kameramänner filmen die Fangversuche der beiden Männer in peruanischen Gewässern. Hemingway und Argüelles haben bereits je zwei Schwertfische gefangen. Die Kamera lief, als Hemingway seinen zweiten Marlin am Haken hatte. Aber der Fisch widersetzte sich stark und verteidigte sein Leben. Wahrscheinlich werden jene Aufnahmen, die man von seinem Überlebenskampf filmte, auch in dem Spielfilm verwendet werden.

Ernest Hemingway wirkt von der Anspannung der letzten Wochen erschöpft, das trockene Klima mit seinen sengenden Sonnenstrahlen bereitet ihm an Armen und Beinen nun Schmerzen, die Pigmentflecken auf seiner Gesichtshaut haben sich entzündet. Zudem piesackt ihn ein unverfrorenes Bataillon aus Schmeißfliegen, Mosquitos und Zancudos, die jeden Abend unerbittlich sein winziges Hotelzimmer in Beschlag nehmen und nervtötend umher surren oder schmerzhaft zustechen. Sein Wohlbefinden wird in Cabo Blanco auf eine harte Probe gestellt.

Doch im Fishing Club und an Bord der Miss Texas lässt der Nobelpreisträger sich nicht groß etwas anmerken und er beklagt sich auch nicht. Bei einer der letzten Ausfahrten nimmt Ernest Hemingway den peruanischen Bootskapitän Jesús Ruiz More kumpelhaft zur Seite. Am liebsten würde ich noch sechs Tage länger bleiben, Jesús, bedeutet der Schriftsteller dem untersetzten Bootsmann aus Cabo Blanco. Vámonos, Don Ernesto, entgegnet Jesús Ruiz, nur zu, da draußen springen so viele Marline im Wasser, die nur auf uns warten.

In den Artikeln, die er nach seiner Abreise aus Nordperu auf der Finca Vigía verfasst, zieht der amerikanische Autor ein inspirierendes Resümee seiner Expedition nach Cabo Blanco. Wir alle hatten gute Tage, weil es dort rau und stürmisch war. Diese anregende Heimeligkeit entspricht nicht ganz der Wahrheit, denn in Wirklichkeit hat

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