Auf den Fersen von Ernest Hemingway

Autor: Wolfgang Stock Seite 1 von 42

John Groth und Ernest Hemingway in der Schnee-Eifel

Studio Europe. John Groths Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg in Europa erscheinen 1945 in den USA.

Im Herbst 1944 stehen die amerikanischen Bodentruppen vor dem Hürtgenwald südöstlich von Aachen, wo der Vormarsch der GIs zum Stehen kommt. Die Alliierten müssen nun die Siegfried-Linie aufbrechen, jenen Wall von Holland bis zur Schweiz mit seinen Bunkern, Stollen und Panzersperren. Erst dann wird es den US-Soldaten möglich sein, bis zum Rhein vorzustoßen und damit dem Nazi-Regime militärisch den Todesstoß zu verpassen. 

Ab September berichtet Ernest Hemingway, er kommt aus dem befreiten Paris, über das Kampfgeschehen in Deutschland. Der Schriftsteller befindet sich zunächst nicht an der Frontlinie im Hürtgenwald, sondern weiter südlich, mitten in der Schnee-Eifel. Die heranrückende US-Armee ist der deutschen Wehrmacht materiell und personell überlegen, doch die dichten Wälder und die zahlreichen Hügel lassen den Einsatz von Panzern nicht zu, es geht deshalb nur schwerfällig voran.

Während Ernest Hemingway in seinen Berichten zu allerlei Überzeichnungen neigt, insbesondere die eigene Person betreffend, berichtet ein anderer Journalist geradeheraus. Nach dem Ende des Krieges wird John Groth im Jahr 1945 seine Erlebnisse in dem Buch Studio: Europe  veröffentlichen. Inklusive seiner Treffen mit Ernest Hemingway. Über Paris und Belgien kommt auch der 36-Jährige Maler John Groth an die Frontlinie in der Schnee-Eifel.

In dem winzigen Eifelort Schweiler, drei Kilometer Luftlinie von der belgischen Grenze entfernt, trifft er Ernest Hemingway zum ersten Mal. Der verlassene Bauernhof der Familie Markgraff am Rande des Dorfes dient Colonel Buck Lanham und den beiden Kriegsreportern als Quartier. Das Haus aus dem Jahr 1732 hat kein fließend Wasser, kein Badezimmer, keinen Strom, keine Heizung. Überstürzt haben es deutsche Soldaten verlassen. 

Have a drink, es sind die ersten Worte des Schriftstellers zu John Groth. Zu jenem Zeitpunkt ist der Autor von Wem die Stunde schlägt und Schnee auf dem Kilimandscharo schon ein berühmter Mann. Schloss Hemingstein wird das heruntergekommene Bauernhaus in Schweiler von Ernest Hemingway großspurig und zugleich spöttisch getauft. Der Erfolgsautor weist den Besitzer Markgraff – einen 73-jährigen Bauern aus Schweiler – an, er möge für Essen sorgen.

Im Schein von Petroleumlampen beugen sich die Amerikaner abends über die Landkarten des unwegsamen Gebietes. Es ist Anfang September 1944 und die Gefahr bleibt groß, dass die deutsche Wehrmacht den Weiler wieder einnimmt. Die Frontlinie verschiebt sich von Tag zu Tag. Hat man morgens ein Dorf erobert, so kann es am Abend wieder an den Gegner zurückfallen.

Als John Groth auf Schloss Hemingstein sich zur Nachtruhe in sein Schlafzimmer im zweiten Stock zurückziehen will, gibt Hemingway ihm zwei Handgranaten mit und meint: Leg sie auf deinen Nachttisch, damit Du schnell an sie kommst. Der verdutzte Groth erwidert, er habe noch nie eine Handgranate in der Hand gehalten. Und der berühmte Schriftsteller zeigt dem Kollegen wie man den Splint zieht, bis zwei zählt, und dann die Granate wirft. Er möge angekleidet im Bett liegen, fügt Hemingway an, aus Vorsicht.

Der Weg an die Kriegsfront ist für John Groth nicht gerade vorgezeichnet. Der Feingeist studiert am Art Institute of Chicago und an der Art Students League in New York, dort unter anderem bei dem exilierten Berliner Maler und Grafiker George Grosz. Schon frisch im Beruf macht sich John Groth als Illustrator einen guten Namen, in den 1930er Jahren wird er der erste Art Director des Magazins Esquire.

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John Groth hält in Skizzen den Krieg fest, und er malt Ernest Hemingway. Aus John Groth, Studio: Europe, 1945.

Seine Skizzen aus dem Krieg in Europa fallen auf, es ist noch nicht das Zeitalter des Fernsehens. John Groth malt an manchen Tagen über hundert Skizzen. Dabei benutzt der Vielzeichner eine spezielle Technik, die er Speedline nennt. Er skizziert seine aktionsgeladenen Motive mit groben, nicht perfekten und unscharfen Linien, die weißen Flächen werden später koloriert.

John Groth, Jahrgang 1908, stammt aus Chicago, ebenso wie Ernest Hemingway. Obwohl eigentlich Grafiker und Maler, schreibt Groth darüber hinaus auch Artikel aus dem Krieg in Europa, für die Chicago Sun in seiner Heimatstadt. Yanks are in Paris! lautet seine Schlagzeile, nachdem die US Army die französische Hauptstadt eingenommen hat. Ernest Hemingway veröffentlicht seine Berichte in der Chicago Tribune, doch die beiden publizistischen Rivalen finden einen guten Draht zueinander.

Am nächsten Tag rücken die US-Truppen inklusive der Kriegsberichterstatter von Schweiler aus langsam vor. Im benachbarten Bleialf stossen die Amerikaner auf deutsche Zivilisten. Auf Eifel-Bewohner, die zurückgeblieben sind, alte Leute und kleine Kinder. Und Groth wundert sich,

Wie man Hemingway lesen muss

Der Bücherleser Ernest Hemingway, zusammen mit seinem Hund Negrita auf der Finca Vigia in Kuba. Credit Line: Ernest Hemingway Collection/John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Es ist wichtig, wie man sich diesem merkwürdigen Schriftsteller aus Amerika nähert. Literarisch und menschlich, ohnehin. Aber vor allem als Leserin oder Leser. Doch wie liest man ihn am besten? Und wie sollte man ihn nicht lesen? Von der Antwort auf diese scheinbar so selbstverständlichen Fragen hängt einiges ab.

Mein Empfinden nach jahrzehntelanger Beschäftigung mit diesem wilden Kerl ist glasklar: Man muss ihn langsam lesen. Sehr langsam. Jedes Wort sollte man sich auf der Zunge und im Gehirn zergehen lassen. Denn bei ihm kommt es auf jedes einzelne Wort an. Doch zum Langsam-Lesen benötigt man Disziplin und Muße. Es fällt nicht leicht in unserer schnelllebigen Zeit.

Zumal dieser Ernest Hemingway raffinierte Fallgruben gräbt: Seine einfach Sprache verführt dazu, ihn rasch zu lesen. Die Prosa des Nobelpreisträgers von 1954 geht runter wie gezuckerter Daiquirí. Dieser Autor zelebriert in all seinen Werken eine einfache Syntax. Hauptsatz, dann nächster Hauptsatz. Die Sätze und Dialoge: klar und geradeaus. Gerade durch den kurzen Rhythmus erhalten Hemingways Sätze Tempo.

Man darf sich jedoch von diesem Tempo nicht mitreißen lassen. Leichter gesagt als getan! Denn durch die Rasanz kriegt der arme Leser kaum Zeit zum Luftholen, er wird von der Geschwindigkeit der Satzmelodie in den Bann gezogen. Dem überrumpelten Leser bleibt keine Zeit zum Nachdenken, zur Aufmerksamkeit. Und zum Bemerken des Schönen.

Ernest Hemingway ist ein erstklassiger Handwerker. Er ringt um jedes Wort. Es sieht im Ergebnis so einfach aus, weil es perfekt ist. Doch Perfektion fällt nicht voll Himmel, nichts kommt von alleine. Manchmal grübelt er auf Finca Vigía stundenlang über einen Satz.  All my life I’ve looked at words as though I were seeing them for the first time. Mein ganzes Leben lang habe ich Wörter betrachtet, als wenn ich sie das erste Mal sehen würde.

Erst wenn er diese Makellosigkeit der Sprache durch Einfachheit und Exaktheit erreicht hat, zeigt er sich

Old Man back from the Sea

Gleich explodiert jemand: Miss Mary beißt sich auf die Zunge und Ernest schaut arg muffelig. Die Hemingways sind auf Rückreise aus Peru. ‚Miami International Airport‘, am 22. Mai 1956.

Heiterkeit und Eleganz sind ganz aus dem Gesicht der aparten Frau entschwunden. Mary Welsh, sie hat den strapaziösen Flug von Talara nach Miami in den Knochen, wirkt angesäuert. Ernests Ehefrau beißt sich auf die Lippen und straft ihr Gegenüber mit einem eisigen Blick. In der Hand, nebst Zigarette, hält Mrs. Hemingways die Flugtickets. Im Vordergrund erkennt man schemenhaft eine Person, möglicherweise am Check-in oder am Zoll. Vielleicht stellt dieser Mensch irgendeine dämliche Frage, oder – noch schlimmer – womöglich weiß der gute Mann gar nicht, welch eine Berühmtheit da vor ihm steht.

Der Nobelpreisträger wirkt erschöpft und apathisch, über seinem grauen Bart schauen die Augen matt und glanzlos ins Leere, die Mundwinkel fallen nach unten. Das Ehepaar kommt zurück aus Peru und die beiden Hemingways schlagen sich auf dem Miami International Airport mit irgendwelchen blöden Einreiseformalitäten herum. Der Schriftsteller trägt ein dunkles sommerliches Sakko, darunter ein graues T-Shirt, auf seine blaue Krawatte hat er diesmal verzichtet. Auf seinem Kopf sitzt die weiße Jockey-Kappe, mit seiner großen rundlichen Intellektuellen-Brille und der Barttracht müsste man den prominenten Autor eigentlich auf Anhieb erkennen.

Die Stimmung des Ehepaares ist mies, die wunderbaren Wochen am peruanischen Pazifik sind vorüber. Miami (FLA) May 22. Novelist Ernest Hemingway, accompanied by his wife, Mary, pauses for customs inspection in Miami Airport after arrival from Peru, where he spent a month in pursuit of giant black Marlin. Hemingway continued on to Cuba to supervise shooting of a movie based on his book ‚The Old Man and the Sea‘.

Diese Nachricht wird die US-amerikanische Agentur Associated Press samt einem Wirephoto um die Welt schicken, unter der Überschrift OLD MAN BACK FROM THE SEA. Ernest und Mary, bei der Zollkontrolle in Miami, sind aus Peru auf der Heimfahrt nach Kuba. DER ALTE MANN IST ZURÜCK VOM MEER. Das Kapitel Cabo Blanco ist für die Hemingways beendet. Der Nobelpreisträger wollte lernen von diesem fremden Ozean, er wollte in sich hineinsehen, er wollte sich verjüngen am Meer, doch jetzt fliegt er zurück in den Alltag.

Zwischen ignoranten Zollbeamten und aufdringlichen Journalisten im Airport von Miami fühlt der Schriftsteller Ernüchterung und Missmut in sich hochsteigen. Ernest Hemingway hat die Tage genossen auf dem Pazifik, der Rückzug in die Abgeschiedenheit seiner Welt hat ihm gutgetan. Mit dem Ende seines peruanischen Abenteuers haben sich nun

Vor genau 100 Jahren: Paris erobert Ernest Hemingway

Ein junger Journalist in Paris. Das Passport-Foto des Ernest Hemingway aus dem Jahr 1923. Credit Line: Public Domain.

Am 21. Dezember 1921 erreichen Ernest Hemingway und Hadley Richardson nach zwei Wochen auf dem französischen Atlantikdampfer Leopoldina, aus Hoboken bei New York kommend, die europäische Küste. In Cherbourg nimmt das Ehepaar den Nachtzug nach Paris. Wenige Monate zuvor, Anfang September, haben der 22-Jährige Ernest und die acht Jahre ältere Hadley in Horton Bay, in Michigan, im Familienkreis geheiratet.

Das junge Paar plant, sich für längere Zeit in Paris niederzulassen. Zunächst mieten sie das Zimmer mit der Nummer 14 im Hôtel Jacob et d’Angleterre in der Rue Jacob im Stadtteil Saint-Germain-des-Prés. Sogleich empfindet Ernest eine tiefe Verbundenheit mit seiner Wahlheimat. Er wird den Protagonisten seines ersten großen Romans – The Sun Also Rises aus dem Jahr 1926 – deshalb Jacob nennen, Jacob Barnes, mit Spitznamen Jake

Als Korrespondent der kanadischen Tageszeitung Toronto Star kommt Ernest nach Übersee, mit dem Auftrag, sich in Europa umzuschauen. Die alte Welt ist in jenen Jahren ein Kontinent in Aufruhr, mit Ländern, die nach dem Weltkrieg durchgerüttelt werden von politischen Konflikten und sozialen Erschütterungen. Der junge Journalist wird hineingeworfen in den alten Kontinent, es ist die Weihnachtszeit 1921 und er weilt weit von der Familie. Briefe dauern Wochen und ein Telegramm kostet einen Dollar pro Wort, ein kleines Vermögen.

Ernest spricht kein Französisch und es wird zwei Jahre dauern, bis er sich einigermaßen verständigen kann. Hadley ist flinker, sie erlernt schnell die fremde Sprache und es wird ihr obliegen, den Schriftverkehr mit den Behörden zu erledigen. Das Ehepaar findet schnell Anschluß an die Expat-Gemeinde in Paris. Gertrude Stein, Ezra Pound, Lewis Galantière und Sylvia Beach von der Buchhandlung Shakespeare and Company in der Rue l’Odéon werden zu guten Freunden. 

Frisch verliebt und voller Träume leben Ernest und Hadley von wenig Geld in der Hauptstadt Frankreichs. Als freier Korrespondent verdient er nicht gerade üppig, eine kleine Erbschaft von ihr hält beide über Wasser. Das Liebespaar verbringt unbeschwerte Monate in der so quirligen Metropole, sie sind arm, aber glücklich, wie Hemingway des Öfteren anmerkt. Es gibt nur zwei Orte auf der Welt, wo der Mensch glücklich sein kann. Die Heimat und Paris.

Das Le Pré Aux Clercs in der Rue Bonaparte, direkt um die Ecke vom Hotel, wird ihr neues Lieblingsrestaurant. Hadley entpuppt sich als Naschkatze, die das französische Gebäck und den köstlichen Kuchen nur so verschlingt. Auch ihr Ehemann wirkt, als lebe er im siebten Himmel. Für einen jungen Mann, der seiner rigiden Erziehung und der nüchternen Enge des Mittelwestens der USA entflohen ist, gleicht das Paris der 1920er Jahre einem

Ein Revolutionär, der als Klassiker endet

Der junge Ernest Hemingway in Paris, im März 1928. Portrait von Helen Pierce Breaker. Credit Line: Ernest Hemingway Photograph Collection, John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Alles geschieht in Paris und ohne Paris bleibt diese Umwälzung nicht vorstellbar. Die Stadt an der Seine ist wie eine Insel des Glücks, alles um sie herum muss sich im Unrat der Zeitläufte suhlen. Nach dem Ersten Weltkrieg liegen die Länder am Boden, Gewinner wie Verlierer. Männer sind in einem sinnlosen Krieg verheizt worden, Werte haben sich als hohl erwiesen, ihr Vermögen haben die Deutschen in den Kriegsanleihen des Kaisers verpulvert, selbst Amerika wird erschüttert von sozialen Konflikten.

Und die Literatur? Wie ein alter Dieselmotor knattert die viktorianische Literaturtradition eines Charles Dickens mit ihren Adelsthemen und dem Schwurbel-Stil dem Friedhof entgegen. Die englische Literatur beharrt immer noch auf diesem belehrenden Aristokraten-Touch, ihre Themen um Londoner Waisenhäuser und hartherzige Lords ermüden die Leser zunehmend. Es geht dem Ende zu mit dem weitschweifigen Gesäusel, doch das Neue gewinnt erst langsam an Kontur. 

Aus der calvinistischen Ödnis des Mittleren Westens kommt im Dezember 1921 ein lebenshungriger junger Mann aus Chicago in die französische Hauptstadt, als Korrespondent der kanadischen Tageszeitung Toronto Star. Ernest Hemingway hat nicht studiert, ein Umstand, der sich jedoch durchaus als Vorteil herausstellen wird. Neugierig taucht der 22-Jährige ein in die alte Welt, er liest französische Lyrik, deutschen Naturalismus und spanische Novellen. Und er hört aufmerksam den Ratschlagen zu, die Künstler in Paris ihm verraten.

Gertrude Stein lehrt ihm den Rhythmus der Sprache, die französischen Poeten demonstrieren mit ihrem le mot juste wie wichtig es ist, das treffende Wort zu finden. Die Disziplin des genauen Wortes sensibilisiert ihn für den richtigen Ausdruck, er wird die Technik fortan in seiner Prosa anwenden. Von den Musikkomponisten lernt er, wie wichtig eine Satzmelodie ist. Melodie und Kontrapunkt. Hemingway wird ein Schriftsteller werden mit einer ganz eigenen Tonalität, sein Satzbau bekommt Wiedererkennungs-Qualität.

Dann schaut der Sohn eines Arztes und einer Opernsängerin sich die Farbenpracht der Gemälde eines Henri Matisse oder Paul Cézanne an. Der Amerikaner aus Illinois wird überwältigt, wie es den Künstlern gelingt, die großartige Natur mit nur wenigen Strichen und Farbtupfern froh und leuchtend darzustellen. Er nimmt sich vor, die Landschaft in seiner Prosa so zu schildern, wie die französischen Impressionisten zu malen vermögen. 

Es ist das Handwerk des Schreibens, das Ernest Hemingway sich in Paris aneignet. Einen besseren Ort kann man sich nicht vorstellen. Doch Paris ist mehr. In der Stadt des Lichtes erlebt er, dass trotz Verletzungen und Schicksalsschlägen, die Welt Liebliches zu bieten hat: attraktive Frauen, einen wunderbaren Rotwein, gutes Essen, Boxen und Pferderennen, die Muße im Café, den Trost der Kunst. Paris bewahrt den jungen Mann davor, zum Zyniker zu werden und ermöglicht ihm, sich seiner Zielvorstellung eines guten Lebens klar zu werden.

Eine neue Art zu schreiben ersteht, kurz, lakonisch, auf das Wesentliche reduziert. Hemingways Themen und sein Stil bewegen sich nahe

Ernest Hemingway kauft einen Paul Klee

Ernest Hemingway und der kubanische Journalist Fernando Campoamor im Oktober 1954 auf der ‚Finca Vigia‘. An der Seite das Bild von Paul Klee ‚Monument in Arbeit‘ von 1929. Die Ähnlichkeit des Gemäldekopfs mit dem des Nobelpreisträgers ist verblüffend. Credit Line: Ernest Hemingway Photograph Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Mitte November 1929, drei Wochen nach dem verheerenden Black Thursday an der Wall Street, befindet sich Ernest Hemingway in Berlin. Mit dem Rowohlt Verlag verhandelt er am 15. November die deutschen Rechte zu A Farewell to Arms, das in der Übersetzung In einem andern Land heißen wird. Die Vorschusszahlung, die er von seinem deutschen Verleger bekommt, wird am gleichen Tag ausgegeben. 

Beim Berliner Galeristen Alfred Flechtheim erwirbt der US-Amerikaner ein Gemälde von Paul Klee. Monument in Arbeit heißt das Werk, es ist ein abstraktes Portrait. Paul Klee hat das Aquarell 1929 gemalt, Ernest Hemingway ist beim ersten Anblick von der geheimnisvollen Kraft des Bildes angetan. Mit ein wenig Phantasie kann man es – im Nachgang – als erstaunlich genaue Illustration des späteren Literatur-Nobelpreisträgers betrachten.

Der junge Schriftsteller mag die moderne Kunst, er kennt viele Maler aus seinen sieben Jahren in Paris. Er kauft zahlreiche Kunstwerke und nimmt sie mit in die USA, später auf sein tropisches Anwesen im Süden Havannas. An den Wänden und auf den Anrichten der Finca Vigía finden sich großartige Bilder avantgardistischer Maler, wertvolle Originale von Paul Klee, Georges Braque, Juan Gris, von Waldo Peirce und Joan Miró.

Der Schriftsteller mag sie alle, allerdings kristallisieren sich bei den Europäern drei Favoriten heraus: Juan Gris, Joan Miró und Paul Klee. El guitarrista und Le torero von Juan Gris, Paul Klees Monument in Arbeit und Der Bauernhof von Joan Miró, das Farmhaus in San Francisco de Paula gleicht in den 1950er Jahren einem kleinen Museum.

Auf der anderen Seite des Raumes, über dem Bücherregal, befand sich Paul Klees ‚Monument in Arbeit‘. Mit diesen Worten erinnert sich Ernest Hemingway in seinem autobiografisch gefärbten Roman Inseln im Strom an die Reise mit seiner zweiten Ehefrau Pauline und an die Herkunft seines Gemäldes. Er wußte heute nicht mehr darüber wie damals, als er es zum ersten Mal in der Galerie Flechtheim gesehen hatte, in dem Gebäude am Fluss, in jenem wundervollen kalten Herbst in Berlin, als sie so glücklich gewesen waren. Aber es war ein gutes Bild, und er betrachtete es gerne. 

Paul Klees Kunstwerk findet über die Jahrzehnte seinen Platz auf der Finca Vigía, Ernest Hemingway hütet seine zahlreichen Bilder wie einen Schatz. Selbst über seinen Tod hinaus verbleiben die Gemälde im Familienbesitz, darauf hat er Wert belegt. Er vermacht alle Kunst seiner Ehefrau Mary Welsh und seinen drei Söhnen. In seinem Testament hat er die moderne Kunst penibel aufgeteilt.

In seinem Letzten Willen hat der Nobelpreisträger verfügt, dass sein ältester Sohn John das Bild Le torero von Juan Gris erhält. El guitarrista, ebenfalls von Juan Gris, geht an den Sohn Patrick. Miss Mary, die vierte Mrs. Hemingway, bekommt Der Bauernhof von Joan Miró. Dem jüngsten Sohn, Gregory, einem Sensiblen, wird Monument in Arbeit von Paul Klee zugeteilt.

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Monument in Arbeit gehört zur Collection Ernest Hemingway, New-York. So das französische Werkverzeichnis von René Crevel.

Paul Klee wird im Dezember 1879 in Munchenbuchsee, in der Schweiz geboren, die Deutschen und die Schweizer werden ihn als Maler für sich reklamieren. Er ist mehr als ein Expressionist, mit den Jahren nähert er sich

Der schönste Hemingway-Satz: Menschen, keine Figuren

„Beim Schreiben eines Romas sollte ein Schriftsteller lebende Menschen erschaffen. Menschen, keine Figuren. Eine Figur ist eine Karikatur.“ Ernest Hemingway, Death in the Afternoon, 1932

Neue Besprechungen zu ‚Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru

Wolfgang Stock: Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru. BoD über amazon.de

Packende und einfühlsame Biographie
Eigentlich wollte ich nur mal reinlesen, doch dann konnte ich nicht mehr aufhören und habe Cabo Blanco an einem Sonntag gelesen. Das Buch beginnt ein klein bisschen hölzern, doch schon bald hat es mich in die Welt des Schriftstellers und Lebemannes Ernest Hemingway gesogen. Denn das ist der erzählerische Trick von Cabo Blanco: Wir lesen gleich mehrere Geschichten:
– Hemingways Zeit in Cabo Blanco, fünf Wochen Dreharbeiten zu der Hollywood-Verfilmung von Der alte Mann und das Meer in Peru, bei denen Hemingway selbst Tag für Tag auf Jagd nach einem Marlin geht
– Hemingways Leben in all seinen Facetten: die Kindheit, die Frauen, die Freunde, die Orte (Paris, Chicago, Spanien, Florida, Kuba)
– Hemingway Innenleben, die Geschichte eines Autors, der am Ende nicht mehr so leben kann, wie er es will – für mich der spannendste Teil.
Autor Wolfgang Stock hat mit Cabo Blanco ein Buch geschrieben, das ich gar nicht erwartet hätte. Den Roman des Lebens von Ernest Hemingway, ausgehend von dieser kleinen Episode in Peru. Detailgenau recherchierte Fakten wechseln mit Passagen, die sich ins Fiktive trauen, ohne jemals abzuheben. Erzählungen verknoten sich zu einer Lebensgeschichte.
Ich habe sämtliche Werke von Hemingway gelesen und einige Biographien über ihn. Er war und ist einer der Autoren, die ich bewundere. Ich war in seinen Häusern in Key West und auf Kuba und beim Lesen von Stocks Buch bin ich wieder in die Welt von Hemingway eingetaucht, habe ihren Charme, aber auch ihre Tragik gespürt. Es war schön. Danke an den Autor für dieses wunderbare Buch.
Thomas Pyczak
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Wunderbare Biographie
Der fast 60-jährige Ernest Hemingway reist 1956 für einige Wochen mit seiner Frau Mary zu den Dreharbeiten des Films „Der alte Mann und das Meer“ nach Cabo Blanco in Peru. Dort, im legendären Cabo Blanco Fishing Club, tummelt sich die Prominenz. Hemingway genießt die Zeit im Fishing Club und die Jagd nach dem riesigen Schwarzmarlin.
Muss man zu dieser Reise eine ganze Biographie von 340 Seiten geschrieben werden? Ja! Der Autor, Wolfgang Stock, beschreibt die Ereignisse, den Ort und die Personen so lebhaft, dass ich das Buch regelrecht verschlungen habe. Der Schreibstil ist lebendig und die Sprache ist in der Gegenwart. So hat man das Gefühl direkt vor Ort mit Hemingway zu sein und die Zeit im Fishing Club hautnah miterleben zu können. Ich konnte das Meer riechen, die Hitze spüren, auf dem Fischerboot mitfahren und sogar (obwohl ich nicht fische und das auch nicht gut finde) nachempfinden, warum Hemingway das Fischen so geliebt hat. Ich habe viel über Hemingway gelesen und auch sein Anwesen auf Kuba besucht. Seine Zeit in Cabo Blanco war mir aber völlig unbekannt. Der Autor hat sehr intensiv recherchiert und sich auf den komplexen Charakter Hemingways eingelassen. Historische Hintergründe, wie der Cabo Blanco Fishing Club, werden ebenfalls sehr lebendig geschildert. Ich habe so viel gelernt und mich dabei sehr unterhalten gefühlt. Ergänzt wird die Biographie mit eindrucksvollen schwarz-weiß Fotos aus der Zeit und einem Glossar am Ende des Buchs.
Fazit: eine wundervolle und spannende Biographie vom Hemingway`s Reise nach Peru. Ich kann das Buch wärmstens empfehlen. Ein Highlight!
Aiki
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Ernest Hemingway mit Pascin im Dôme

Jules Pascin: Ein Mann mit einem Glas Wein. In Paris. Aus dem Jahr 1923.

Paris in den 1920er Jahre ist für jemanden, der in der calvinistischen Enge des amerikanischen Mittelwestens groß geworden ist, ein himmelweites Paradies der Sinnenfreude. Während in der Heimat Wirtschaftskrisen, Mafia und Prohibition die gute Laune verderben, hockt der aus dem Land vertriebene Müßiggang im Café de Flore in Saint-Germain-des-Prés und nippt an einem Cabernet

Die französische Hauptstadt zieht all die jungen Frauen und Männer an, die auf Neues aus sind. Maler mit frischen Stilformen, Schriftsteller mit rasanten Texten, Komponisten, denen acht Töne nicht genügen. Ernest Hemingway wird hineingeworfen in diese quirlige Welt, er taucht ein, er lernt und er genießt die Unbeschwertheit und das Wohlbehagen an der Seine. 

Der junge Amerikaner, er ist Anfang 20, lernt die kulturelle Avantgarde jener neuen Zeitepoche kennen. Ernest Hemingway trifft auf Ezra Pound, James Joyce, Joan Miró, Pablo Picasso, Gertrude Stein, Ford Madox Ford, F. Scott Fitzgerald. Man nennt sie die lost generation, die verlorene Generation, weil nach dem schlimmen Krieg die Werte modrig geworden sind, und das Neue erst langsam an Kontur gewinnt.

An einem Abend trifft Ernest Hemingway im Café du Dôme am Boulevard du Montparnasse den bulgarischen Maler Jules Pascin. Der Expressionist, Jahrgang 1885, macht vor allem durch freizügige Frauenakte von sich reden. Hemingway gesellt sich zu dem Maler, der mit zwei bildhübschen jungen Frauen, seinen Modells vom Arbeitstag, an einem Tisch sitzt.

Im Laufe des Gesprächs fragt ein zunehmend betrunkener Pascin den US-Amerikaner, ob er nicht mit einer der beiden Frauen in Bett möchte. Und prompt macht sich dann eine der Schönen fordernd an den Schriftsteller heran, zeigt ihre Reize, Pascin bietet sein Atelier als Liebesnest an. Doch Ernest Hemingway löst sich aus der lasziven Situation, verabschiedet sich und geht nach Hause zu seiner Ehefrau Hadley.

Jules Pascin ist ein Ruheloser. Budapest, Wien, London, München, Berlin, die USA, der Bulgare reist viel. Dies hat er mit Hemingway gemein. Die beiden verstehen sich gut. Der Mann aus Chicago mag den Stil des Künstlers und seinen jovialen Charakter. Pascin war ein sehr guter Maler, und er war betrunken, ständig, vorsätzlich betrunken, aber bei klarem Verstand. In der Tat malt Pascin wie ein Besessener, Tausende Bilder und Skizzen.

Ein manischer Künstler, angetrieben von Rastlosigkeit und dem Alkohol. Im Grunde seines Herzens indes ein Romantiker. Hin und her gerissen zwischen Ehefrau, Geliebte und seinen Modells. Wenn er feiert, und er feiert jeden Tag, findet man ihn in den Bars und Restaurants von Paris, umringt von Freunden und koketten Frauen. Seine Bilder verkaufen sich gut, das schöne Geld fließt in den Wein.

Das Schicksal meint es nicht gut mit dem Maler. Früher hat er farbenprächtige Landschaften auf Kuba und in Mexiko gezeichnet, mit der Zeit werden seine Gemälde und Zeichnungen

A Man: Ein Mann oder ein Mensch?

Ernest Hemingway: A man can be destroyed but not defeated.

Ernest Hemingway hat seine Philosophie in aller Deutlichkeit in Der alte Mann und das Meer niedergeschrieben. „Aber der Mensch darf nicht aufgeben“, sagte er. „Ein Mann kann vernichtet werden, aber nicht besiegt.“ So lautet seine trotzige Botschaft an alle Menschen, die gegen die Widrigkeiten des Schicksals kämpfen. A man can be destroyed but not defeated.

A man. Nun kann man diesen Begriff als ein Mann oder auch als ein Mensch übersetzen. Im Englischen ist beides möglich. Bei The Old Man and the Sea ist klar, hier handelt es sich um Santiago, einen alten Fischer aus Cojímar. A man. Ein Mann. Aber: A man can be destroyed but not defeated. Ein Mann? Ein Mensch? Und was ist mit den Frauen?

Versuchen wir es so. Ernest Hemingway zieht immer nur zarte Konturen. Eisberg-Stil. Viel bleibt der Imagination des Lesers überlassen. Insofern kann sich jeder seine eigene Wirklichkeit erschaffen. So sollte gute Literatur eigentlich auch angelegt sein. Die Botschaft stellt sich damit auf eine Meta-Ebene: Ein Mensch kann äußerlich zerstört werden und innerlich trotzdem stark bleiben. Unbesiegt.

Jeder kennt das. Ein Mensch kann eine Niederlage erleiden, aber er muss kämpfen bis zum Schluss. Beated but not defeated, man kann geschlagen werden, aber nicht besiegt. Es gilt für Männer, für Frauen, für alle, für

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