Ernest Hemingways Eulogie Best of all he loved the fall ziert das Hemingway Memorial oberhalb von Ketchum. Now he will be a part of them forever. Foto: W. Stock, 2018

Er hat zwei Flugzeugunglücke und mehrere Autounfälle überlebt. Eine Mörsergranate, die im Ersten Weltkrieg einen Meter neben ihm explodiert ist, hat ihm wenig anhaben können. Er hat die Amöbenruhr, einen Milzriss und zig Gehirnerschütterungen überstanden. Und auch die Depression, der Alkohol und Diabetes haben ihn nicht kleingekriegt. Doch sein Ende musste er selbst in die Hand nehmen.

Über die Ursache seines Suizids gibt es viele Fehleinschätzungen. Er habe sich umgebracht, weil er als Schriftsteller gescheitert sei, erzählt der Kollege Jorge Luis Borges aus Buenos Aires einen ziemlichen Blödsinn. Er habe nicht mehr schreiben können, mutmaßen andere, dies kommt der Sache näher. Er sei in Wirklichkeit tieftraurig gewesen, weil er sein geliebtes Kuba habe verlassen müssen. Diese Aussage ist nicht falsch, jedoch trifft sie die Ursache nicht im Kern.

Die Wahrheit ist, auch bei einem Jahrhundert-Mann wie ihm, viel profaner. Ernest Hemingway ist körperlich am Ende gewesen, ein Wrack. Der Gemütszustand des Schriftstellers hat sich Ende 1960 rapide verschlechtert, am 30. November wird er nach Rochester in Minnesota geflogen, in das St. Mary’s Hospital. In dem Krankenhaus erhält er wochenlang Elektroschock-Therapien, insgesamt elf an der Zahl. Die Elektroschocks quetschen den letzten Schimmer Lebensmut aus seinem Körper.

Erst am 22. Januar 1961, nach 53 Tagen in Behandlung, wird er aus der Klinik entlassen. Da wiegt er nur noch 83 Kilo, bei einer Größe von 1,83 Meter, sein Gewicht zuvor hat bei 110 Kilo gelegen. Wieder zu Hause in Ketchum taumelt er wie ein Halbtoter durch den Tag, nur noch selten verlässt er das Haus und geht hinunter ins Dorf. Stundenlang sitzt der Schriftsteller auf der langen Couch im Wohnzimmer und starrt, ohne ein Wort zu sagen, vor sich hin.

Am 25. April 1961 wird der geschwächte Nobelpreisträger abermals nach Rochester geflogen. Im St. Mary’s Hospital kommt er diesmal in die geschlossene Psychiatrie. In den ersten fünf Tagen erhält der Schriftsteller vier Elektroschock-Behandlungen. Die Tortur in der Mayo-Klinik verschlimmert seinen Zustand. 

Ernest Hemingway will nur raus aus dem Krankenhaus, in dem die Räume abgeschlossen werden, keine Blumen auf dem Zimmer zu finden sind und wo die Fenster mit Gitterstäben gesichert werden. Der Schriftsteller erträgt die rüden Elektroschocks nicht mehr. Ende Juni, nach zwei endlos langen Monaten in der sterilen Klinik, gaukelt Ernest Hemingway den Mayo-Ärzten eine Besserung vor, damit er endlich entlassen wird.

Am 30. Juni 1961 trifft Hemingway in Ketchum ein, der Schriftsteller sieht ganz dürr und ausgemergelt aus, Kopfschmerzen und Gedächtnisstörungen plagen ihn. Sein Gesicht ist mager und eingefallen, der Mann von 61 Jahren sieht aus wie ein 90-Jähriger. Ernest Hemingway kann keinen richtigen Gedanken mehr fassen, und er fühlt, dass sein Leben in dieser Weise nicht weiter gehen kann.

Ernest Hemingway graut es davor, ein drittes Mal in die Klinik eingewiesen zu werden, mit jedem Elektroschock haben sich seine Krankheitssymptome verschlimmert. Er merkt, dass die Kunst der Medizin sein Leiden nicht wird lindern können. Je mehr der Nobelpreisträger seine Zuversicht verloren hat, desto kleiner ist auch der Schrecken vor dem Tod geworden. Der Tod ängstigt ihn nun nicht mehr, ganz ohne jeden Funken Hoffnung, erhält der Gedanke an den Tod jetzt auch etwas Tröstliches.

Die letzten Tage seines Lebens sind entsetzlich für ihn. Der Autor ist an den Zeitpunkt gelangt, an dem er abschließen möchte mit der Welt, er sieht keinen Sinn mehr und keinen Lichtblick in seinem Leben. Er möchte es zu einem Ende bringen, es soll ein Abschied sein nach seinen Regeln. Am nächsten Sonntag, am 2. Juli 1961, in aller Früh, nimmt er es in die Hand.

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