Ernest Hemingway lebte sieben Jahre in Paris. Die Stadt hat den Autor aus Chicago nicht vergessen.

Seit Dezember 1921 lebt Ernest Hemingway in der Stadt an der Seine, es sind mühevolle Lehrjahre. Paris ist in jenen Jahren eine Metropole im Aufbruch. Autoren, Maler und Komponisten auf der Suche nach neuen Ideen zieht es in die Quartiers der Intellektuellen, zudem inspiriert die Lebenslust der Franzosen einen mit den puritanischen Werten des Mittleren Westens aufgewachsenen Amerikaner. Doch materiell reiht sich der Mann aus einem Vorort von Chicago ein in das Heer mittelloser Schriftsteller aus aller Welt, meist verkrachte Existenzen, die nicht wissen, woher sie das Geld für die nächste Miete nehmen sollen.

Zwar hat der ehrgeizige Mittzwanziger bereits in zwei Pariser Kleinstverlagen veröffentlicht, doch diese Schriften sind wenig mehr als Privatdrucke seiner Expat-Freunde Robert McAlmon und Bill Bird. Von seinem Erstling Three Stories and Ten Poems befinden sich 1923 gerade einmal 300 Exemplare in Umlauf. Ernest Hemingway träumt von einem zahlungskräftigen Verlag, doch der bleibt weit und breit nicht auszumachen.

Der junge Familienvater, Sohn John wird 1923 geboren, erhält von Verlagshäusern aus den USA eine Absage nach der anderen. Damit hat er nicht gerechnet, den Kerl mit dem riesigen Ego übermannen in Paris die Depressionsschübe. Seine Frau versucht, ihn wieder aufzurichten. Hadley glaubt an mich und das ist mehr als genug, um den Schmerz der Absagen zu überbrücken. Das Schreiben der Stories ist schon schwer genug gewesen, aber noch schwerer war, dass sie abgelehnt wurden. Voller Zweifel beginnt er, sich als Autor in Frage zu stellen.

In seinem Heimatland hat Hemingway kein Periodikum gefunden, das seine Kurzgeschichte über Spanien drucken will. Jede angesehene Zeitschrift und auch die verrufenen Magazine haben die Stierkampf-Story abgelehnt. Es sei eine großartige Geschichte, aber sie können sie nicht veröffentlichen, erklärt der Newcomer resigniert in einem Brief an seinen Kollegen Ernest Walsh. Die Story sei zu hart für die Leser.

 Nach all den Tiefschlägen erreicht ihn eine Zusage, überraschenderweise aus Deutschland. Der Herausgeber einer Berliner Zeitschrift mit dem Titel Der Querschnitt will ihn veröffentlichen. Wedderkop schreibt, meine Stierkampf-Story sei wunderbar, verkündet er stolz seinem Freund Harold Loeb. All mein Zeug werde demnächst erscheinen, sagt er. Am 9. Oktober 1924 treffen sich Hermann von Wedderkop und der junge Amerikaner in Paris, im Apartment von Ezra Pound, der schon öfter für das Berliner Magazin geschrieben hat. Ernest Hemingway zeigt sich angetan von dem 24 Jahre älteren Deutschen. Der Kerl ist zu gut, um sich lange halten zu können.

Die Kulturzeitschrift mit dem seltsamen Namen Der Querschnitt erscheint seit 1921 in Berlin. Gegründet hat sie der Kunsthändler Alfred Flechtheim, zunächst als Mitteilungsblatt seiner Galerie. Mitte der 1920er Jahre reiht der Großverleger Hermann Ullstein das Magazin in seinen etablierten Propyläen Verlag ein, die Erscheinungsweise wird auf Monatsrhythmus erhöht, die Auflage steigt auf 20.000 Exemplare.

Jeden Monat überrascht Der Querschnitt als eine Wundertüte mit einem wilden Mix aus Jazz und Modernismus, aus Boxsport und Metropolenklatsch, aus Dadaismus und pikanten Aktfotos. Als Chefredakteur und Herausgeber verantwortet Hermann von Wedderkop ab 1924 die redaktionelle Linie, der Schriftsteller und Übersetzer besitzt einen klaren Blick für die künstlerische Avantgarde. Wedderkop fördert innovative Autoren mit wirklichkeitsnahen Themen und realistischem Stil.

Der Querschnitt druckt zunächst einige schlüpfrige Gedichte Hemingways. Wedderkop veröffentlicht meine ganzen obszönen Arbeiten schneller als ich sie schreiben kann. Der US-Amerikaner zeigt sich begeistert von dem Berliner Zeitgeist-Magazin. Sie behaupten, sie würden alles kaufen, egal, was ich schreibe. Ich fürchte, Von Wedderkop ist verrückt, aber er ist ein wunderbarer Kerl. Und solange Von Wedderkop nicht gefeuert wird, bin ich im Geschäft, schwärmt Ernest Hemingway in einem Brief aus den Winterferien in Schruns am 9. Januar 1925.

Ernest Hemingways Hang zur Großsprecherei prägt sich schon damals aus: In Deutschland bin ich als der junge amerikanische Heine bekannt. Seine wachsende Selbstsicherheit verdankt der Mann aus Chicago einem Berliner Magazin. Oft macht er sich lustig über seinen Verleger, es ist ein gutes Zeichen. Wedderschnitt, persifliert Hemingway den Namen des Chefredakteurs liebevoll, der Wedderschnitt vom Querkopf.

Hermann von Wedderkop wird im November 1875 in Mecklenburg geboren, er entstammt einem alten niedersächsischen Adelsgeschlecht. Zunächst arbeitet er als Regierungsbeamter in Köln und Brüssel. Doch der Staatsdienst ist nicht seine Welt, es zieht ihn ins Schöngeistige, zur modernen Kunst, er schreibt Artikel und Bücher. Im Jahr 1907 hat er den Kunsthändler Alfred Flechtheim kennengelernt, der ihn dann später zum Chefredakteur und Herausgeber seines Magazins Der Querschnitt macht. Als Blattmacher gelingt dem Autodidakten, das Kulturmagazin als führende deutsche Avantgarde-Zeitschrift der Weimarer Republik zu positionieren.

Die von Gertrude Stein so titulierte Verlorene Generation, Männer und Frauen mit reichlich Bitternis und wenig Zuversicht, vermag nach dem Ersten Weltkrieg mit dem überkommenen Wertekanon nichts mehr anzufangen. Ebenso hält Hermann von Wedderkop die pomadigen Satzgirlanden eines Thomas Mann für unzeitgemäß, seine neuen Idole heißen Gottfried Benn, Bert Brecht und Alfred Döblin, die in ihren Werken die Verkommenheit und Trostlosigkeit der Gesellschaft schonungslos sezieren. Hemingway fühlt sich verstanden, auch er ist dabei, mit lebensechten Themen und seinem kargen Eisberg-Stil den viktorianischen Rührstücken à la Charles Dickens ein für alle Mal den Garaus zu machen.

Im Sommerheft des Jahres 1925 ist es dann soweit: Der Querschnitt druckt Hemingways Stierkampf-Story. Im folgenden Heft 7, vom Juli 1925, findet sich der zweite Teil der Erzählung über den abgehalfterten Torero Manuel Garcia. Gekonnt improvisiert schon diese Kurzgeschichte von gut 30 Seiten über die Grundmelodie des Hemingway’schen Werkes: den heroischen Kampf gegen die menschlichen Grenzen und die Wahrung von Würde in der unvermeidlichen Niederlage.

Der ehemals berühmte Matador Manuel Garcia erhält das Angebot, gegen ein Gnadenbrot einen letzten Stierkampf zu bestreiten. Im Verlauf der Corrida wird Garcia von dem Stier mehrfach verwundet, kann dem Bullen aber letztendlich den Todesstoß versetzen. Schwer verletzt wird der Matador von den Helfern aus der Arena getragen und in ein Krankenhaus gebracht. Er kommt sofort auf den Operationstisch. Den Ausgang der Geschichte lässt Hemingway offen.

Die Story überzeugt die Leser durch die Kürze und Klarheit ihres Stils, besonders gelungen ist schon hier die unterkühlte Lakonie in den Dialogen. Während andere zeitgenössische Autoren immer noch die gespreizte Stilistik der Vätergeneration pflegen, stochert Ernest Hemingway nicht herum, sondern kommt ohne Umschweife zur Sache. Seine Themen scheinen nicht gedrechselt, sondern treffen das konfuse Lebensgefühl der enttäuschten Männer und Frauen nach dem schrecklichen Ersten Weltkrieg.

Nach Der Querschnitt tritt Hemingways Short Story über den Torero Manuel Garcia unter dem Titel The Undefeated (zu Deutsch: Der Unbesiegte) ihren Siegeszug um die Welt an. Diese typische Hemingway-Erzählung wird in der Winter-Ausgabe 1925/1926 des Pariser Literaturmagazins This Quarter veröffentlicht und schließlich 1927 als Buch in der Sammlung Men Without Women (Männer ohne Frauen) in New York herausgegeben. Ernest Hemingway besteigt von Paris aus den Thron der Literatur wie ein kraftvoller Revolutionär, wie der erste, der einer bedrückten Generation eine neue frische Sprache gibt.

So viel Glück ist seinem Mentor in Berlin nicht beschieden. Nach seiner erfolgreichen Zeit beim Querschnitt, die sich von 1924 bis 1931 erstreckt, versucht sich Hermann von Wedderkop selbst als Autor, mit durchwachsenem Erfolg. Sein Werk Deutsche Graphik des Westens wird im Jahr 1938 von der Reichsschrifttumskammer auf die Schwarze Liste gesetzt. Politisch hegt er leise Sympathien für Benito Mussolini und verbringt die Jahre des Nationalsozialismus überwiegend in Italien.

Der polyglotte Adlige schreibt launige Reiseführer, über das Rheinland und über Europas Metropolen. Wie man Freunde gewinnt, den Bestseller des US-Motivationstrainers Dale Carnegie, überträgt er ins Deutsche, wird gar Co-Autor. In der Heimat verschwimmt das Profil dieses einst großen Blattmachers, künstlerisch taucht er ein wenig ab, seine Erfolge geraten in Vergessenheit. Als einer der letzten Träger des Namens von Wedderkop scheint er aus der Zeit gefallen. Der medialen Aufmerksamkeit entschwunden und selbst kinderlos, stirbt Hermann von Wedderkop am 1. Januar 1956 mit 80 Jahren in einem Schweizer Sanatorium.

Zwei Jahre zuvor ist seinem ehemaligen Schützling der Nobelpreis für Literatur verliehen worden. Der ehemals mittellose Novize aus Paris vergisst seinen frühen Förderer nicht. In Paris – Ein Fest fürs Leben, es sind biografisch gefärbte Erzählfragmente seiner sieben Jahre in Europa, erinnert Ernest Hemingway an seinen ersten Verleger in einem Dialog mit der Buchhändlerin Sylvia Beach, er nutzt ihre Buchhandlung Shakespeare and Company in der Rue de l’Odéon als Postadresse.

Es war ein Brief, und er fühlte sich an, als ob Geld darin sei.
“Wedderkop”, sagte Sylvia.
Es muss vom ‚Querschnitt’ sein (…). Es sind 600 Francs. Er schreibt, es kommt mehr. Es ist verdammt komisch, dass Deutschland das einzige Land ist, wo ich etwas verkaufen kann.

Der Querschnitt ist das erste namhafte Medium gewesen, das diesen ehrgeizigen jungen Mann häufig veröffentlicht. Somit haben die Deutschen ihn ein wenig entdeckt, vor allen anderen. Die Dankbarkeit bleibt, auch als Hemingway schon längst ein Autor von Weltrang ist. In The Green Hills of Africa setzt der spätere Nobelpreisträger 1935 der Berliner Zeitschrift ein literarisches Denkmal, als er mit einem österreichischen Safari-Kameraden über seine Anfänge als Autor plaudert. The Querschnitt war eine deutsche Zeitschrift, für die ich einige ziemlich obszöne Gedichte geschrieben habe, und wo ich eine längere Erzählung veröffentlicht habe, Jahre bevor ich in Amerika überhaupt etwas verkaufen konnte.

Die ausführliche Passage aus Die grünen Hügel Afrikas druckt Der Querschnitt im Juni 1936 unter dem Titel The man with the Tyrolese hat unter Nennung des Autorennamens auf anderthalb Seiten nach. Dieser Mut erstaunt. Denn Ernest Hemingway befindet sich auf der Liste jener Bücher, die von den Nazis als „wider den undeutschen Geist“ gesehen werden. Sein Roman In einem andern Land ist während der Bücherverbrennungen im Mai 1933 in die Flammen geschleudert worden.

Das Schicksal meint es in den dunklen Jahren nicht gut mit Der Querschnitt. Politisch bleibt die Zeitschrift zwar eher diffus, doch eckt sie aufgrund ihrer Unangepasstheit des Öfteren an bei den braunen Machthabern. Am 13. Oktober 1936 notiert NS-Propagandaminister Joseph Goebbels in sein Tagebuch: „Gestern: gelesen, gearbeitet. Zwei Zeitschriften Inneres Reich und Querschnitt wegen dreister Unverschämtheiten verboten. Das hat wohlgetan. Die waren wieder frech wie Dreck.“

Durch Der Querschnitt erfährt Ernest Hemingway eine emotionale Bindung zu Deutschland und darüber hinaus einen Zugang zur deutschen Literatur. Er ist ein offener und neugieriger Mensch, als Nicht-Studierter muss er sich vieles abschauen. Über allem vergisst er nicht, wer seine erste Spanien-Geschichte und die vorlauten Poeme veröffentlicht hat. Ein deutsches Magazin und dessen Chefredakteur haben an ihn geglaubt. Dieser Umstand wird Ernest Hemingway vor einem Denkfehler bewahren, der gemeinhin schnell gemacht ist. Deutschland ist nicht nur das Land der Joseph Goebbels und der Bücherverbrenner. Deutschland, das ist auch Alfred Flechtheim und Hermann von Wedderkop.

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