Marlene Dietrich, Hemingways ferner Engel
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MarleneAngel1Aus allen Winkeln dieser Welt schreibt Ernest Hemingway an Marlene Dietrich, die in New York lebt. Er sendet Grüße an die Schauspielerin, kumpelhafte Liebeserklärungen, kleine Gedichte, alles aus der Ferne.

Ernest Hemingway und die Dietrich haben sich 1934, bei einer Atlantik-Überquerung auf dem Dampfer Ile de France kennengelernt. Hemingway kommt aus Ostafrika und will über Paris nach Key West, Marlene fährt zurück nach Hollywood. Es knallt gleich, irgendwie, Anziehung auf den ersten Blick.

Was willst du denn im Leben wirklich machen?, schreibt Hemingway an Marlene. Allen Kerlen das Herz brechen für zehn Cents? Mein Herz kannst du jederzeit brechen, wenn du willst, für fünf Cents, und das Geld bringe ich noch mit.

Die Romanze der beiden beginnt draufgängerisch. Ich verliebe mich in Dich, mein Kraut, schlimm. Und Marlene erwidert seine Gefühle. “Ich könnte Dich nicht mehr lieben, als ich es tue.” Und sie schreiben sich Botschaften voller Leidenschaft wie zwei frisch verliebte Pennäler. Bis 1959 werden über dreißig Briefe von Hemingway zusammen gekommen sein. Und Marlene antwortet. 31 Briefe von ihr sind bekannt.

Eigentlich hasst Hemingway alles Deutsche. Wie kann es da sein, dass er sich in eine Frau verliebt, deren Landsleute Millionen Väter, Mütter und Kinder umgebracht haben. Deren Volk einen Wahnsinnigen zum Führer erwählt hat und für ihn in einen Krieg gegen die Menschlichkeit marschiert sind?

Wie kann es sein, dass das Gute sich in das Schlechte verliebt? Wobei, auch das weiß man, Marlene hat gegen die Nazis opponiert. Hemingway imponiert, wie Marlene gegen diesen Wahnsinn gekämpft hat, wie eine Löwin.

Papa, wie auch Marlene den zwei Jahre älteren Schriftsteller nennt, teilt sein Leben mit der Dietrich. Wenn sie sich sehen, reden die beiden stundenlang über Paris, über Filme und Bücher, Hemingway gibt ihr Manuskripte zu lesen, sie quasseln und sie träumen. Er schreibt an Marlene, wenn er nicht schlafen kann, manchmal um vier Uhr in der Nacht. My little Kraut, ich liebe Dich mehr als alles andere und du weißt das verdammt genau, schreibt Ernest ihr 1950 aus Kuba. Oder ein Brief endet ziemlich großkotzig, aber auch verdammt feurig. Ich glaube, man kann sagen, Du und ich, wir haben erreicht, was andere Menschen nicht erreicht haben. Und was? Und Scheiße. Ich liebe dich wie immer, Papa.

Drei Jahre hat Marlene, ab 1938, in Paris gewohnt, im Hotel Lancaster. In der Suite Nummer 45, in der Rue de Berri 7. Bis es nicht mehr geht. Ernest findet, diese Stadt passt gut zu Marlene. Später wohnt sie in New York, in der Park Avenue 410. New York, nein, das ist keine Stadt für Marlene. Paris, ja, für ihn ist Marlene Paris. Und dem romantischen Paris gehört seine Sehnsucht. Wir sind immer dorthin zurückgekehrt, egal, wer wir waren oder wie es sich verändert hatte. Es hat sich immer gelohnt, und wir bekamen stets etwas zurück für das, was wir mitgebracht hatten.

Die 50er Jahre, der Höhepunkt ihrer Brief-Romanze, werden zu einer überragenden Zeit für die Dietrich. Nachdem ihre Karriere in Hollywood einen Knick erhalten hat, tritt sie nun in Las Vegas auf, sie beginnt die Zusammenarbeit mit Burt Bacharach, der aus ihr einen umjubelten Gesangsstar macht. Obwohl die Dietrich gar nicht singen kann. Aber sie verfügt über viel Charisma. Eine Stimme ohne Stimme, spotten die Musikkritiker. Marlene wird abermals zur Diva.

Und Ernest Hemingway? Er ist verrückt nach ihr, sein ganzes Leben. Er sucht so vieles in Marlene, was er nicht hat, oder was er hat, aber zu entschwinden droht: Paris, die Schönheit, das Forsche, das Leben, die Liebe. Die ferne Liebe.