Ernest Hemingway im Spiegel
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SpiegelHemlowAm 12. Juli 1961 – damals erschien DER SPIEGEL noch mittwochs – war Ernest Hemingway Titelgeschichte des Nachrichtenmagazins. Auf acht Seiten, von Seite 45 bis 52, berichtete das Hamburger Nachrichtenmagazin – ohne Autorennennung, wie damals üblich – über das Leben und den Tod des amerikanischen Schriftstellers.

Hemingway – wem die Stunde schlägt ist der Artikel überschrieben. Die Fotos in DER SPIEGEL, der damals eine DM kostete, zeigen Hemingway überwiegend als Raubein. Mit Gewehr, mit Toreros, als Piloten, mit einem gefangenen Schwertfisch.

Anlass der Titelgeschichte war Hemingways Selbstmord am 2. Juli in Ketchum, in seinem Haus in den Bergen Idahos. Das ist nun genau 52 Jahre her, und mit dem zeitlichem Abstand eines guten halben Jahrhunderts kann man die Berichterstattung des SPIEGEL einem Urteil unterziehen.

Der Schuß fiel morgens früh um halb acht, so springt der Artikel ohne Umschweif direkt hinein ins Geschehen. So als hätte Hemingway in seinem schnörkellosen Stil einen seiner Romane angefangen. Man erkennt eine SPIEGEL-Schreibe, die noch heute gepflegt wird. Handlungsstränge, die plastisch erzählt werden, wechseln sich ab mit analysierenden Passagen. Die Akteure haben alle Name und ein Gesicht, die ganze SPIEGEL-Geschichte kommt sehr lebendig daher.

Der Artikel ist Hemingway gegenüber nicht unkritisch, besonders den Männlichkeitswahn und die angebliche Kriegsverherrlichung des Nobelpreis-Trägers werden sehr spitz angefasst, irgendwie scheint ein solcher literarischer Raufbold dem deutschen Feuilleton suspekt. Und obwohl Feuilleton eigentlich bunte Blätter meint, zieht der geneigte Kulturbeamte grau in grau vor. Dennoch schimmert hier und da so etwas wie eine Grundsympathie durch den langen Artikel.

Zwar kommen auch seine Kritiker zu Wort, aber man vermag Hemingway einzuordnen. Der schwerste Vorwurf: Seinen Stil empfinde man als Stereotyp, sein Understatement habe sich über die Jahre in Pathos verwandelt.

Der alte Mann und das Meer kommt richtig gut weg. Dies sei eine Meisternovelle, wie das Magazin schreibt, in aller Einfachheit und ohne stilistische Mätzchen geschrieben. Ein Werk über menschliches Scheitern und zugleich menschlicher Unbesiegbarkeit. Diese Beschreibung ist richtig gut getroffen.

Typische SPIEGEL-Häme – oder ist es Neid? – findet sich allerdings auch. Etwa wenn man über seine Jahre auf Kuba schreibt, wo er sich ganz auf die Gewohnheiten und sportlichen Aufregungen eines Millionär-Daseins auf dem Karibischen Meer eingerichtet habe. Nun ja.

Insgesamt ist der Artikel handwerklich sauber geschrieben, informativ und ohne groben Schnitzer. Aber irgendwie – und da ist er nicht ungleich dem heutigen SPIEGEL – ohne Geradlinigkeit, und vor allem auch ohne Herz und ohne Seele.