Das Portal zu Leben und Werk von Ernest Hemingway

Kategorie: Hemingway – über ihn Seite 1 von 14

Nicht nur Ernest Hemingway. Kein Tag an einer Universität – trotzdem Literatur-Nobelpreis

Stanford University
Palo Alto
Die Spitze. Campus der Stanford University in Palo Alto/California. Foto: W. Stock, 2005.

Es ist eine interessante Tatsache, dass einige der bedeutendsten Schriftsteller der Literaturgeschichte nie eine Universität besucht haben. Oder ihr Studium frühzeitig abgebrochen haben. Auch wenn es wenige sind, es gibt sie. Kein Akademiker, trotzdem Literatur-Nobelpreis. 

Die meisten Preisträger hatten zumindest irgendeine Form von Hochschulbildung (auch wenn sie abbrachen oder nie abschlossen). Bei anderen jedoch steht kein einziger Tag an einer Universität zu Buche. Diese Schriftsteller bildeten sich meist als Autodidakten in Bibliotheken, auf Reisen oder durch handwerkliche Berufe weiter.

Hier eine Auswahl bekannter Literatur-Nobelpreisträger, die ohne akademischen Grad blieben:

Rudyard Kipling (Nobelpreis 1907) besuchte nur Schulen, ein Stipendium für eine Universität wurde ihm nicht zugeteilt. Der in Bombay geborene Brite fing als Journalist in Indien an.

Knut Hamsun (Nobelpreis 1920): Der Norweger wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und arbeitete als Gemeindeschreiber und Straßenbahnschaffner, bevor er als Schriftsteller bekannt wurde.

George Bernard Shaw (Nobelpreis 1925) hasste das formale Ausbildungssystem und verließ die Schule mit 15 Jahren. Der aus Dublin stammende Brite bildete sich selbst in der British Museum Library weiter und bezeichnete Schulen später als „Gefängnisse“.

Grazia Deledda (Nobelpreis 1926): In ihrer Heimat Sardinien war für Mädchen damals nach der Grundschule Schluss. Sie bildete sich privat weiter und wurde als erste Italienerin mit einem Nobelpreis ausgezeichnet.

Harry Martinson (Nobelpreis 1974): Der Schwede wuchs als Waisenkind auf, das mit 16 Jahren zur See fuhr und jahrelang als Heizer und Matrose arbeitete. Seine Universität war der Ozean.

Joseph Brodsky (Nobelpreis 1987) verließ die Schule mit 15 Jahren in der Sowjetunion und arbeitete in verschiedensten Berufen (u. a. im Leichenschauhaus und in Fabriken), während er sich selbst Literatur und Sprachen beibrachte.

José Saramago (Nobelpreis 1998): Aufgrund der Armut seiner Familie konnte er kein Gymnasium besuchen und machte stattdessen eine Ausbildung zum Schlosser. Der Portugiese war ein klassischer Autodidakt.

Doris Lessing (Nobelpreis 2007) verließ mit 14 Jahren die Schule. Nach harter und schwieriger Jugend ergab sich für die Britin kein Studium.

Ernest Hemingway (Nobelpreis 1954): Der Sohn eines Arztes und einer Opernsängerin ging direkt nach der High School als Lokalreporter zur Zeitung Kansas City Star. Ein Studium war nicht sein Ding, der im Mittelwesten der USA aufgewachsene Naturbursche suchte die Ausbildung im „echten Leben“.

Jetzt gibt es doch noch eine Überraschung. Der mit akademischer Aura auftretende Kaufmannssohn Thomas Mann (Nobelpreis 1929) galt als mäßiger Schüler. Der Lübecker verließ das Gymnasium vorzeitig ohne Abitur und besuchte später lediglich als Gasthörer einige Vorlesungen an der TH München, ohne ein ordentliches Studium abzuschließen.

Diese Beispiele – die Liste ist nicht vollständig – zeigen, dass akademische Bildung nicht selbstverständlich ist. Selbst für Nobelpreisträger. Für die höchste literarische Auszeichnung bleiben

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Die Augen wollen Sonne – Charles Bukowski für Ernest Hemingway

Bukowski
San Fermín in Pamplona – ein tief verankertes Volksfest zwischen Andacht und Radau. Foto: W. Stock, 2024.

The Fighter
Hemingway feels it from the grave
every time the bulls run through the streets of
Pamplona
again
he sits up
the skeleton rattles
the skull wants a drink
the eyeholes want sunlight
the young bulls are beautiful,
Ernest
and you were
too
no matter
what they say
now.

Dieses kraftvolle Gedicht von Charles Bukowski lässt Ernest Hemingway für einen Moment wieder auferstehen: Mitten im Juli, wenn in Pamplona das berühmte Encierro die Altstadt erschüttert. Die Sanfermines, die Hemingway zu Weltruhm verhalf, sind tief in der Seele des Nobelpreisträgers verwurzelt. Bukowski zeichnet diese metaphysische Verbindung auf meisterhafte Weise nach.

Obwohl das Gedicht vor Hochachtung und kühler Sympathie sprudelt, war Bukowskis Beziehung zu seinem literarischen Vorgänger keineswegs frei von Reibung. Anfänglich beäugte er Hemingways inszenierte Männlichkeit und dessen betont lakonischen, hartgesottenen Schreibstil mit einer gewissen Skepsis. Erst mit den Jahren wandelte sich dieser Vorbehalt in eine tiefe und ehrfurchtsvolle Bewunderung.

Bukowski erkannte unter der rauen Oberfläche die schonungslose Ehrlichkeit und eine poetische Radikalität, die seiner eigenen Ästhetik näher war, als er es sich lange eingestehen wollte. Am Ende erweist hier ein literarischer Außenseiter dem anderen die Ehre.

Bukowski zeichnet das Bild zweier geistesverwandter Seelen: Zwei kompromisslose Giganten des US-amerikanischen Realismus, die das Leben

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God Was Always There: The Spiritual Life of Ernest Hemingway

Hemingway
Bill Fleck’s new book explores how Ernest Hemingway found his way to Catholicism. Photo: Dr. Stock Archive, 2026

The public image of the writer Ernest Hemingway is clearly defined: an adventurer, a man who enjoyed life’s pleasures, a womanizer, and a man of action. A rough-and-tumble brawler—whether at war, on safari, or at a bar counter. Yet this superficial view falls short, overlooking his inner self — the contemplative and spiritual Hemingway.

Bill Fleck’s book, Stronger at the Broken Places: Hemingway’s Conversion to Catholicism, fills precisely this gap. Originally written as a master’s thesis under the guidance of renowned Hemingway scholar H. R. Stoneback, the work thankfully sheds light on the Nobel laureate’s life of faith.

Ernest Hemingway – born in 1899 in Oak Park, near Chicago – grew up in a household shaped by Congregationalism. This faith community originated in the English Puritan movement and is deeply rooted in the Calvinist tradition, characterized by a strict belief in God, ambition, and industriousness. As the years went by, the young Hemingway found the rigid principles of his Protestant suburban family stifling. Once he left home, he turned away from that moral world.

A severe wound sustained on the Venetian front during World War I eventually drew him closer to Catholicism: while in an Italian field hospital in July 1918, he received the Anointing of the Sick and was baptized into the Catholic faith. His marriage in May 1927 to his second wife, Pauline Pfeiffer — who came from a devoutly Catholic family – initially strengthened his religious ties.

During the Spanish Civil War, however, Ernest distanced himself from the faith – largely due to the Spanish Catholic Church’s support for the coup leader General Franco. During World War II, following the brutal Battle of Hürtgen Forest, Hemingway once again sought solace in faith. The horrors of war on the German Western Front near Aachen during the winter of 1944–45 ultimately led him back to the world of the Catholic faith.

After 1945, a quiet Catholicism shaped Hemingway’s daily life – not in an ostentatious way, but rather privately and inwardly. At his Cuban estate, Finca Vigía, the tradition of eating fish on Fridays was observed. It went beyond mere outward observances: the exiled Basque priest Father Andrés Untzaín became a close friend, confessor, and spiritual guide to him in Cuba. During his many travels, Hemingway regularly visited cathedrals – often to light candles for deceased friends and relatives.

Ernest did not make a public show of his Catholicism, preferring instead to cultivate his image as a rough-and-tumble brawler. Yet, correspondence with colleagues and priests bears witness to the true state of Hemingway’s spiritual life. It is no coincidence, then, that the American felt most at home in staunchly Catholic countries like Italy, Spain, and Cuba.

Bill Fleck deserves credit for having examined and compiled these biographical traces. In the final third of his book, the American educator explores

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Gott war immer da: Die spirituelle Seite des Ernest Hemingway

Bill Fleck
Bill Flecks Neuerscheinung zeigt, wie Ernest Hemingway den Weg zum Katholizismus fand. Foto: Archiv Dr. Stock, 2026.

Das Bild des Schriftstellers Ernest Hemingway in der Öffentlichkeit ist klar umrissen: ein Abenteurer, ein Genießer, ein Frauenheld und ein Mann der Tat. Ein wilder Haudrauf – im Krieg, auf Safari und am Tresen einer Kneipe. Doch diese oberflächliche Sichtweise greift zu kurz und blendet das Innere aus – den nachdenklichen und spirituellen Hemingway.

Bill Flecks Buch Stronger at the Broken Places: Hemingway’s Conversion to Catholicism schließt genau diese Lücke. Die Arbeit, die ursprünglich als Masterarbeit bei dem renommierten Hemingway-Forscher H. R. Stoneback entstand, wirft dankenswerterweise ein helles Licht auf das Glaubensleben des Nobelpreisträgers.

Ernest Hemingway – geboren 1899 in Oak Park bei Chicago – wächst in einem von den Kongregationalisten geprägten Elternhaus auf. Diese Glaubensgemeinschaft entstammt der puritanischen Bewegung Englands und ist tief in der calvinistischen Tradition verwurzelt, die von einem strengen Gottesglauben, Ehrgeiz und Fleiß geprägt ist. Die starren Prinzipien seiner protestantischen Vorstadt-Familie empfindet der junge Hemingway mit den Jahren als einengend. Kaum aus dem Elternhaus heraus, wendet er sich von dieser Moralwelt ab.

Eine schwere Verwundung an der Veneto-Front des Ersten Weltkriegs bringt ihn schließlich dem Katholizismus näher: Im Lazarett in Italien empfängt er im Juli 1918 die Krankensalbung und wird bei dieser Gelegenheit katholisch getauft. Die Hochzeit im Mai 1927 mit seiner zweiten Ehefrau Pauline Pfeiffer, die aus einer erzkatholischen Familie stammt, festigt zunächst die Glaubensbindung.

Während des Spanischen Bürgerkriegs geht Ernest dann auf Distanz zum Glauben – besonders wegen der Unterstützung der katholischen Kirche Spaniens für den Putschisten General Franco. Im Zweiten Weltkrieg, nach der brutalen Schlacht im Hürtgenwald, sucht Hemingway erneut Trost im Glauben. Die Gräuel des Krieges im Winter 1944/45 an der deutschen Westfront bei Aachen führen ihn schließlich zurück zur katholischen Glaubenswelt.

Nach 1945 prägt ein leichter Katholizismus Hemingways Alltag – nicht demonstrativ, sondern still und nach innen gekehrt. Auf seinem kubanischen Anwesen Finca Vigía wird freitags traditionell Fisch gegessen. Es bleibt nicht nur bei Äußerlichkeiten: Der baskische Exilpriester Pater Andrés Untzaín wird ihm zum engen Freund, Beichtvater und spirituellen Begleiter auf Kuba. Bei seinen vielen Reisen besucht Hemingway regelmäßig Kathedralen, nicht zuletzt um Kerzen für verstorbene Freunde und Angehörige anzuzünden.

Ernest hängt seinen Katholizismus nicht an die große Glocke, sondern pflegt lieber sein Image eines Rabauken. Doch Briefe mit Kollegen und Priestern legen Zeugnis ab, wie es um die spirituelle Verfassung Hemingways in Wirklichkeit aussieht. So bleibt es kein Zufall, dass der US-Amerikaner sich

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Prezi-Präsentation für alle: Ernest Hemingway und die Religion

Ernest Hemingway und die Religion. Ein Vortrag als Prezi-Präsentation. Über die Jahre sind so zwei Dutzend Präsentationen in meinem Archiv zusammengekommen. Zu allen möglichen Themen rund um Leben und Werk des Ernest Hemingway.

Mal locker und heiter, dann literarisch und tiefer gehend. Von der „Schriftstellerischen Entwicklung des Ernest Hemingway“ über „Die Wohnorte des Ernest Hemingway“ bis hin zu „Ernest Hemingway und die impressionistischen Maler“. Für jedes Thema und jede Gelegenheit ergibt sich ein passender Vortrag. 

In Buchhandlungen, auf Symposien, in Akademien und Bibliotheken – meine Präsentationen zu Ernest Hemingway sind verständlich und kurzweilig angelegt. Keine akademischen Exkursionen, sondern spannende Einblicke nahe am Werk und am Leben des Nobelpreisträgers.

Von halbstündigen Vorträgen bis hin zu zweitägigen Seminaren – jede Form ist darstellbar und in der Praxis erprobt. Für jeden Anlass werden die Präsentationen massgeschneidert. 

Wenn Sie Interesse an einem Vortrag haben, dann setzen Sie sich bitte mit mir in Verbindung. 

wolfgang@stockpress.de

Vorträge sind möglich auf Deutsch, in Englisch und auf Spanisch.

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Ernest Hemingway – ein nahbares Genie

Ernest Hemingway
Cabo Blanco
Ernest Hemingway – offen und kommunikativ – in Cabo Blanco, im April 1954. Foto: Mario Saavedra.

Was ist dran an dem Kerl, der seit 65 Jahren den Rummel um seine Person vom Dorffriedhof in Ketchum aus betrachtet? Dicke Bücher werden über ihn geschrieben, Filme mit Hollywood-Stars gedreht, Symposien mit seinen Themen abgehalten. Dabei ist er ein ziemlicher Kotzbrocken gewesen, wie man so hört. Tiere töten, Frauen betrügen, Prozente in sich hinein kippen. Der Mann aus Oak Park lässt wenige Fehltritte aus.

Doch zugleich machen ihn solche Schandtaten nahbar. Er ist einer von uns, mit Stärken und Schwächen, mit Mut und Ängsten, so wie wir. Keiner aus dem Poetenturm, keiner mit der gesegneten Aura eines Thomas Mann. Dieser Rabauke sucht den Zwist, provoziert den Widerspruch, seine Unangepasstheit nötigt heimliche Anerkennung aus. Noch heute möchte man sich an ihm reiben. Doch irgendwie bewundern wir ihn.

Nie würde man sich trauen, Jorge Luis Borges auf der Straße in Buenos Aires anzusprechen oder Hermann Hesse in Montagnola von der Seite anzuquatschen. Zu weihevoll die Aura dieser Schriftsteller, dass ein Außenstehender sie stören mag. Es gibt diese Kategorie von Autoren, die abgehoben sind, etwas besseres, Illuminierte, weit weg vom braven Publikum. 

Nicht so Ernest Hemingway. Er geht unters Volk, mit ausgebreiteten Armen und einem Drink in der Hand. Er begegnet den Frauen und Männern in aller Offenheit, er erweist sich als ein Menschenfänger, er kommt von der ersten Silbe klar mit den Leuten. Dabei holt er seine Gesprächspartner ab in ihrer Welt. Seine Sätze und die Inhalte schweben nicht über den Wolken, sondern erweisen sich als Dialog mit Bodenhaftung.

So hasst er es, über Literatur zu sprechen. Er bevorzugt die Themen, die auch den Normalsterblichen umtreiben. Essen, Trinken, Spaß haben. Das schöne Leben, eben. Und wichtig: Er hört den Menschen zu, mit ehrlicher Neugier. Auf der Suche nach neuen Geschichten. Man habe das Zuhören verlernt, lässt er verlauten. Er weiß, wenn er über die Wirklichkeit berichten will, braucht er engen Kontakt zu den Herzen. 

Besondern zu den – sogenannten – einfachen Leuten findet er schnell einen Draht. Er mag sich mit Fischern umgebenen, mit Bauersleuten, mit kleinen Händlern und Barkeepern. Von Professoren, Literaturdozenten, von Industriellen und von Bussi-Bussi-Ladies hält er Abstand. Es ist einfach nicht seine Welt.

„Er ist uns mit Respekt begegnet“, meint der Fischer Rufino Tume aus Cabo Blanco. Und der Kapitän der Pescadores Dos, der die Hemingways im Frühjahr 1956 fünf Wochen auf dem peruanischen Pazifik geschippert hat, wundert sich. Denn Hemingway sei doch der Nobelautor und auf der anderen Seite finden sich lediglich kleine Fischersleut. Doch so denkt er nicht. Ernest respektiert das Individuum, jeden mit seinen ureigenen Fähigkeiten. Ihm ist ein guter Angler lieber als ein quäkender Intellektueller.

Dieser Mann ist nahbar. Nicht weil er es darauf anlegt oder sich dazu zwingt. Der Mann ist nahbar, weil es seinem Naturell entspricht. Auf seine kommerziellen Triumphe bildet er sich wenig ein. Pulitzer, Nobelpreis, in aller Welt gefeiert, reich wie kaum ein zweiter Autor. Die Eitelkeit des Erfolges kitzelt ihn, im Grunde ist

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Ernest Hemingway – war der Suizid vermeidbar?

Ernest Hemingway
Ein ernster Ernest Hemingway im Herbst 1954 auf Kuba. Auf der linken Stirn ist er noch von den Flugzeug-Unglücken im Januar gezeichnet.
Foto: Hans Malmberg, Public Domain.

Ernest Hemingway steht im erwachenden Morgenlicht seines Hauses in Ketchum, in den einsamen Bergen Idahos. Es ist Sonntag, der 2. Juli 1961, die Welt draußen schläft noch. Dieser Mann, der die Weltliteratur revolutioniert hat, wirkt in diesem Moment seltsam zerbrechlich. Langsamen Schrittes geht er in das kalte Vestibül. In seiner Hand ein Jagdgewehr, in der Tasche des Morgenmantels zwei Patronen.

Die Familiengeschichte des Nobel- und Pulitzerpreisträgers verbirgt sich eine tiefe, generationenübergreifende Tragik. Wie ein roter Faden zieht sich ein erschütterndes Muster von Suiziden durch den Stammbaum der Hemingways. Sechs Familienmitglieder teilen dieses düstere Schicksal. Da ist sein Vater Clarence, der sich im Schlafzimmer das Leben nahm, als Ernest 29 Jahre alt war. Da sind zwei seiner fünf Geschwistern sowie seine berühmte Enkelin Margaux, eine Schauspielerin, die Jahrzehnte später mit nur 42 Jahren denselben Weg wählt.

Es scheint, als erbe die Familie nicht nur Namen und Ruhm, sondern auch manisch-depressive Erkrankungen. Clarence Hemingway, von Beruf Arzt, litt unter extremen Stimmungsschwankungen und suchte Zuflucht in einsamen „Ruhekuren“. Auch Ernests Mutter Grace klagte über nervliche Beschwerden. Rückblickend diagnostizieren Wissenschaftler eine bipolare Störung – ein Vermächtnis, das auch Ernest schwer belastet.

Sein Alltag ist ein permanenter Seiltanz zwischen Größenwahn und tiefer Melancholie. Hemingway kämpft mit den Merkmalen einer Borderline- und einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Um den Dämonen zu entkommen, stürzt er sich in aggressive Sportarten, sucht Trost im Schreiben und ertränkt den Schmerz im Alkohol. Nach außen hin mimt er den unerschrockenen Macho, doch das idealisierte Selbstbild kollidiert unablässig mit seinem tatsächlichen Ich.

Er ist ein vollkommen zerrissener Charakter. Er kann höflich sein, im nächsten Moment ruppig. Großzügig und egomanisch. Oft schwankt Ernest zwischen Schüchternheit und Arroganz, zwischen Wärme und rücksichtsloser Härte. Seine partnerschaftliche Bilanz fällt elendig aus. Seine vier Ehen sind von Untreue überschattet, drei enden in einer Scheidung. Am Ende ist er ganz ohne Liebe. Zu den psychischen Wunden gesellen sich im Laufe der Jahre massive körperliche Traumata.

Unzählige Gehirnerschütterungen hinterlassen tiefe Narben. Da ist die Glasscheibe in Paris, die 1928 auf seinen Kopf stürzt, als er betrunken eine Dachfensterschnur mit der Toilettenspülung verwechselt. Da ist der Sturz auf seinem Boot, der Pilar, im Jahr 1950. Und schließlich die beiden Flugzeugabstürze in Ostafrika im Januar 1954: Beim Versuch, sich aus dem Wrack zu befreien, schlägt er den Kopf gegen die Flugzeugtür und erleidet einen Schädelbruch, bei dem Gehirnflüssigkeit aus seinem Ohr austritt.

Die körperlichen Verletzungen, kombiniert mit jahrelangem Alkoholmissbrauch, fordern ihren Tribut. Der Bluthochdruck plagt ihn, die Schlaflosigkeit wird unerträglich, Paranoia und schwere Depressionen vernebeln seinen Geist. Nach Aufenthalten in der Mayo Clinic und qualvollen Elektroschock-Therapien verliert er das, was ihm mehr bedeutet als das Leben selbst: die Fähigkeit zu schreiben. Wenn ihm vor einem Manuskript die Worte fehlen, bricht dieser vermeintlich harte Mann in Tränen aus. Seine größte Gabe hat ihn verlassen.

Ob Ernest Hemingways Suizid vermeidbar gewesen wäre, lässt sich historisch

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Michael Kleeberg – Ein Versuch, Ernest Hemingway zu enträtseln

Michael Kleeberg
Michael Kleeberg und sein neues Werk Achilles in Taormina. Foto: Penguin Books.  
 

Veranstaltung in Berlin mit Michael Kleeberg und Wolfgang Stock

Was macht einen Schriftsteller zur Ikone eines ganzen Jahrhunderts? Was überhaupt zeichnet einen guten Schriftsteller aus? Wie bloß lässt sich dieser rätselhafte Ernest Hemingway decodieren? Das sind die Fragen, die den Helden des Romans Achilles in Taormina – Auf der Suche nach Hemingways letztem Geheimnis umtreiben. Der Name des deutschen Spurensuchers: Michael Kleeberg.

Hemingway ist ein Draufgänger, ein Charmeur und eine Legende gewesen. Und ein Revolutionär des Schreibstils, der die moderne Literatur geprägt hat. Doch hinter dem Erfolgsautor verbirgt sich ein Getriebener, der sich ständig beweisen muss. Im Krieg, am Tresen einer Bar, bei den Frauen. Am Ende seines Lebens ist er innerlich leer. Was ihm in seinen Romanen meisterhaft gelingt, das misslingt Ernest im richtigen Leben kläglich.

Von sich und von anderen verlangt er das Letzte ab. Allen, die ihm zu nahekommen, droht die Gefahr, von seinem Mythos angesteckt zu werden. Auch heute noch? Eine spannende Perspektive, die sich Michael Kleeberg zu eigen macht. Mit einem raffinierten Kunstgriff setzt er sein Alter Ego autofiktional auf die Spur des überlebensgroßen Kollegen.

In dem Vorsatz, sich dem Idol anzuverwandeln, schafft der Berliner Literat ein Feuerwerk an verbürgten Fakten und phantasievoller Fiktion. Alles – Tatsächliches, Imaginiertes und frech Erfundenes – fügt sich zu einer neuen Identität zusammen. Auf seinem Weg kommt Michael Kleeberg dabei Hemingways Geheimnis ziemlich nahe.

Achilles in Taormina – Premiere des Hemingway-Romans
Lesung & Gespräch mit Michael Kleeberg
Moderation: Wolfgang Stock

Michael Kleeberg ist freier Schriftsteller und Übersetzer in Berlin. Für sein Werk erhielt er zuletzt den Preis der Internationalen Hermann Hesse Gesellschaft.

Wolfgang Stock, Publizist, Cheflektor und vor allem Hemingway-Biograf führt das Gespräch mit Michael Kleeberg über seinen neuen Roman.

27. Mai 2026, 19,00 Uhr
Veranstaltungsort: Humboldt-Bibliothek Tegel in Reinickendorf
Eintritt frei

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Ernest Hemingway – der beste Journalist von allen

Ernest Hemingway
Ernest Hemingway schreibt in seinem Londoner Hotelzimmer an einer seiner Reportagen über den Zweiten Weltkrieg. Photo Credits: Ernest Hemingway Collection at the John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Er hat zwei, drei erstklassige Romane geschrieben, dazu ein Dutzend vorzügliche Kurzgeschichten. Zur Hochform läuft dieser Kerl vom Jahrgang 1899 jedoch auf, wenn er für Zeitungen und Zeitschriften arbeitet. Ernest Hemingway ist als Reporter große Klasse. Er gilt als Vorbild für gute Berichterstattung. In den Journalisten-Schulen wird gezeigt, wie eine reduzierte Sprache einsetzt und maximale Wirkung erzielt wird. An den Universitäten wird seine lakonische Sprachführung seziert.

Mit seinem schnörkellosen, präzisen Journalismus ist er das Vorbild für Generationen. Die besten Schreiber, weltweit. Millionen lesen und verehren ihn. Seine Depeschen aus dem Spanischen Bürgerkrieg – knapp, direkt, ohne Pathos – sind die besten Reportagen überhaupt. In diesen späten 1930er Jahren durchlebt Ernest Hemingway seinen Höhepunkt als journalistischer Schreiber. Sie töteten eine alte Frau, die vom Markt kam und nach Hause ging. Was von ihr liegen blieb, war ein Knäuel schwarzer Kleider. Ein Bein war gegen die Wand des nächsten Hauses geflogen.

Kein Flitterkram, den Text nicht aufblähen mit Adjektiven, ganz ohne Schinden von Eindruck. Dafür: einfach, klar und präzise. Die Wirkung muss sich im Nachgang der Lektüre entfalten, sie darf nicht im Artikel vorgegeben werden. Moral entsteht im Kopf des Lesers, nicht beim Journalisten. So hielt er es bei seinen Reportagen aus dem Zweiten Weltkrieg. In Hürtgen gefroren die Toten alle einfach, und es war so kalt, dass sie mit roten Gesichtern gefroren. Reine Szene, wie im Film. 

Von Dezember 1921 bis März 1928 lebt Ernest Hemingway mit Ehefrau Hadley in Paris. Seinen Lebensunterhalt bestreitet der Jungvermählte mit journalistischen Artikeln, er hat einen freien Vertrag mit dem Toronto Star. Von Paris aus bereist der junge Korrespondent den Kontinent, oft sieht man ihn in Italien, in der Türkei, der Schweiz, Spanien und in Deutschland. Die frühen Kabinettstückchen für die kanadische Tageszeitung, allesamt aus dem Jahr 1922, bleiben bemerkenswert. Denn sie verraten, wie der damals 23-jährige Ernest Hemingway als Schreiber funktioniert.

Der US-Amerikaner schreibt einfach und schön, ja schön einfach, aber immer voller Respekt für die Faszination des Fremden. Wenn Sie am Morgen aufwachen und über dem Goldenen Horn einen Nebel sehen, aus dem die Minarette schmal und glatt zur Sonne hochwachsen und der Muezzin die Gläubigen zum Gebet ruft, in einer Stimme, die sich hebt und senkt wie die Arie einer russischen Oper, dann begrüßt Sie die Magie des Ostens. So beschreibt Ernest Hemingway sein Erwachen in Konstantinopel, in einem Artikel aus dem Oktober 1922. 

Der junge Journalist aus einem Vorort am Michigan See besitzt eine phänomenale Beobachtungsgabe. Punktgenau wirken seine Schilderungen in Bezug auf Landschaften, auf Menschen und auf das lokale Kolorit. Wie ein Künstler malt er seine Stücke und wahrt die Harmonie von präziser Optik und subjektiver Handlung. Hemingways Credo: Mittendrin und ein Teil davon. Man muss schon nahe herangehen.

Das Verdienst des Nobelpreisträgers von 1954 ist, dem Journalismus eine andere Blickrichtung gegeben zu haben. Seine Herangehensweise verlangt, genau hinzuschauen. Bisweilen wirkt sein Ansatz sehr detailverliebt, aber eine kräftige Beobachtungsgabe ist das allerwichtigste Talent eines guten Reporters. Ernest Hemingway macht es uns vor, dieser Mann schreibt mit dem Auge. 

Informationen und Gefühle gilt es zu transportieren. Nur durch Beschreibung. Die Menschen fragen mich, warum ich auf Kuba lebe, und ich sage, weil ich es mag. Ich kann natürlich auch sagen, ich lebe gerne auf Kuba, weil ich Schuhe nur anziehen muss, wenn ich in die Stadt fahre. So erklärt er seine Liebe zu seiner Wahlheimat Kuba in dem Zeitschriftenartikel The Great Blue River im Juli 1949.

Seine kühle Lakonik hat Generationen von Reportern geprägt. Bis heute. Gerade bei jenen, die ihr Metier grandios beherrschen, bemerkt man den Einfluss des Mannes aus Chicago. In seinen besten Stücken achtet er auf

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Ist Ernest Hemingway ein Antisemit?

Ernest Hemingway
The Sun Also Rises
Ernest Hemingway: The Sun Also Rises. Aus dem Jahr 1926. Sein erster großer Roman und sein Durchbruch.

In einem seiner besten Romane, in dem Frühwerk The Sun Also Rises, hat Ernest Hemingway eine Figur geschaffen, an der Leserschaft und Forscher zu Knabbern haben. In Fiesta – so heißt das Werk auf Deutsch – tritt uns ein schillernder Akteur namens Robert Cohn entgegen.  

Robert Cohn war einmal Mittelgewichts-Champion von Princeton. Glauben Sie nicht, dass mir das als Boxtitel sonderlich imponiert, aber Cohn bedeutete es viel. Er machte sich nichts aus Boxen, tatsächlich war es ihm zuwider, aber er lernte es, gründlich und unter Schmerzen, um seine Schüchternheit und das Minderwertigkeitsgefühl zu bekämpfen, das sich aufgrund seiner Erfahrungen als Jude in Princeton in ihm breitgemacht hatte. 

So fängt Fiesta an, gleich im ersten Abschnitt. Subtil, aber merkbar entwirft Hemingway den Protagonisten als jüdischen Prototyp. Robert Cohn, eine zentrale Figur in der Erzählung, besucht die Militärakademie, studiert in Princeton, er ist ein guter Boxer und Football-Spieler. Von Anfang an legt der spätere Nobelpreisträger ein Spottbild auf seine Romanfigur. Mal Waschlappen, mal Nervensäge. Cohn ist unsicher und sensibel, dann eifersüchtig und aufdringlich. Als Außenseiter schlägert er sich gerne, mit der Liebe bleibt es schwierig.

Dieser an einen Freund angelehnte Charakter verkörpert einen typischen US-Intellektuellen aus vermögendem Elternhaus: Robert Cohn gehörte dank seinem Vater zu einer der reichsten jüdischen Familien von New York und dank seiner Mutter zu einer der ältesten. Von Hemingway wird er erkennbar mit jüdischen Klischees aufgebaut und wirkt quasi als Gegenentwurf zu dem Naturburschen aus dem Mittleren Westen, den der junge Ernest darstellt. Den Handlungsstrang mit Robert Cohn hätte ich so nicht gemacht und als Lektor auch nicht durchgehen lassen. 

Es kommt noch ärger. In dem Gedicht Ratschläge für einen Sohn aus dem Jahr 1931:

Trau niemals einem weißen Mann,
Bring keinen Juden um,
Gib niemals deine Unterschrift,
Sitz nicht in Kirchen rum.

Auch wenn vieles spitzzüngig überzeichnet wird, der spätere Nobelpreisträger spielt mit dem Feuer. Wir wissen, Hemingway ist in keiner Beziehung pingelig gewesen. In seinen Briefen betitelt er Franzosen gerne als frogs, wops bleibt für Italiener oder kike für einen Juden. Diese Begriffe gelten heute als ungehobelt und zutiefst beleidigend. Damals – auch unter Kollegen – gang und gäbe. Sie entsprachen dem Zeitgeist in manchen Kreisen. Und wir haben im Hinterkopf: Nesto liebt seit Kindesbeinen die Provokation.

Ernest, Jahrgang 1899, wächst in einem Elternhaus mit antisemitischen Denkmustern auf. Die Familie wohnt in einem gutbürgerlichen Vorort von Chicago, sie entstammt der calvinistischen Einwanderer-Generation. Deren Werte liegen in Fleiß, Ehrgeiz, Bodenständigkeit und in einem tiefen Gottesglauben. Mit Abneigung schaut diese bescheiden auftretende Gesellschaftsschicht auf die – meist jüdische – Elite an der Ostküste, die in New York und Boston mit schnellen Bankgeschäften und im weltweiten Handel große Reichtümer erwirtschaftet. 

Doch warum rückt Hemingway seinen Protagonisten Robert Cohn in Fiesta so in den Fokus? Neben all den Ausschweifungen in Sachen Alkohol und Sex scheint dies dem Autor wohl wichtig, um den Zwiespalt und die Trostlosigkeit der lost generation zu charakterisieren. Da bietet sich die Rolle eines unreifen Müßiggängers aus gutem Haus mit reichlich Geld geradezu an. Cohn vereint wie unter einem Brennglas zahlreiche negative Klischees: Aufdringlichkeit, Schwatzhaftigkeit, Gewalttätigkeit und Selbstmitleid. Doch bleiben dies stilistische Schablonen, die mehr ins Lächerliche denn ins Antisemitische zielen. 

Wenn Antisemitismus als aggressive Form von Judenhass oder Judenfeindlichkeit aufgefasst wird, so passt Hemingway nicht in diese Schublade. Der Nobelpreisträger von 1954 ist kein ideologisch verbohrter Antisemit, jedoch äußert er sich bisweilen in stereotypen oder abwertenden Formulierungen über Juden. Antisemitische Vorurteile und sprachliche Entgleisungen bedienen den unseligen Geist damaliger Tage, ein lebenserfahrener Autor müsste dies eigentlich erkennen.

Die antisemitischen Aspekte seines Denkens muss man offen benennen und kritisch hinterfragen. Ohne etwas zu entschuldigen oder verharmlosen zu wollen. Die Judenpogrome bilden einen grauenhaften Zivilisationsbruch in der Menschheitsgeschichte. Doch mit diesen Massenmorden der Nazis hat Ernest nichts am Hut. Hemingway ist unzweideutig immer ein Antifaschist gewesen. Er hat die Loyalisten gegen die franquistischen Putschisten im Spanischen Bürgerkrieg unterstützt, ebenso wie er später im Kampf gegen Hitler während des Zweiten Weltkriegs aktiv gewesen ist.

Ernest Hemingway hat jüdische Freunde und Kollegen und arbeitet kreativ mit ihnen zusammen. Gertrude Stein, seine Mentorin, den Schriftsteller Harold Loeb, einen Bekannten in Paris, der wohl als Vorlage für die Figur des Robert Cohn in dem Roman dient. Oder Sidney Franklin, den amerikanischen Matador. Nicht zuletzt seinen von ihm

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