An den Fersen von Ernest Hemingway

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Courage und Zweifel des Ernest Hemingway

Die Welt ist so voll von so vielen Dingen, dass ich sicher bin, wir sollten alle glücklich sein wie die Könige. Ernest Hemingway mag das Leben und die Menschen, doch die Zweifel nagen.

Ernest Hemingway hat sich auf Kuba über die Jahre sehr an einen tropischen Müßiggang gewöhnt, er benötigt die Sonne, die Schwüle der Gluthitze und er braucht vor allem das Meer, um überhaupt schreiben zu können. Und wohl auch leben zu können. Er liebt es, aufs Meer zu fahren, im Golfstrom zu fischen, mit den Freunden herumzualbern, gut zu essen und sich des Abends an der Bartheke die Kante zu geben. 

Dieser amerikanische Schriftsteller hat sich seinen eigenen behaglichen Kosmos in San Francisco de Paula eingerichtet, nur einen Steinwurf entfernt von seinem geliebten Meer. Die Welt ist so voll von so vielen Dingen, dass ich sicher bin, wir sollten alle glücklich sein wie die Könige. Doch, gerade auch diese Frage muss er sich auch auf Kuba immer öfter stellen, wie ist es um das Glück des Königs wirklich bestellt?

Ganz im Inneren ist dieser scheinbar extrovertierte Autor ein tief verunsicherter Mensch. Auf den einen oder anderen Beobachter mag Ernest Hemingway mit seinem Riesen-Ego aufgeblasen wirken, aber Obacht, der Mann mit dem grauen Bart ist kein Blender oder Aufschneider. Er gilt selbst bei seinen Kritikern als ein bienenfleißiger und pingeliger Schreiber, dieser Autor muss um seinen Ruhm kämpfen wie ein Löwe, ihm ist nichts in den Schoß gefallen, nicht in der Literatur und schon gar nicht im richtigen Leben.

Der Preis, den er letzten Endes für seinen Weltruhm zu zahlen hat, der erweist sich als hoch. Mehr und mehr ziehen im Leben des Mittfünfzigers dunkle Wolken auf, die wilden Jahre liegen schon lange zurück, die üblichen Zipperlein des Alters haben ihn befallen, das kaputte Bein und den maladen Rücken schleppt er schon seit Jahrzehnten mit. Ganz schlimm sieht es in seinem Kopf aus. Er kann sich schlecht konzentrieren, sein Gedächtnis ist hundsmiserabel, auch das Schreiben fällt ihm schwer.

Wie ein Ertrinkender versucht er seinen Strohhalm zu finden im Leben, er klammert sich an die Erinnerungen, die wegfliegen wollen. An die Kraft, die Tag für Tag abnimmt. Und an die Hoffnung, die immer kleiner wird. Die Fragen, die er sich seit Jugendtagen stellt, schießen immer wieder hoch. Was bedeutet das Leben? Kann man die große, die reine Liebe auf dieser Welt finden? Bin ich, dem die Kriegskugeln und die Flugzeugabstürze nichts anhaben konnten, bin ich, der unverwüstliche Ernest Hemingway, wirklich unsterblich?

Denn der Gedanke an

Jorge Luis Borges und Ernest Hemingway

Jeder hat so seine Vorstellung vom Paradies.
Foto: W. Stock; München, im Juni 2020.

Das Paradies als eine Bibliothek. So kann man es sehen, so sieht es der Argentinier Jorge Luis Borges. Ein Ernest Hemingway setzt andere Akzente. Unter dem Himmel stelle ich mir eine große Stierkampfarena vor, meint der bärtige Schriftsteller aus den USA. Mit zwei ständig für mich reservierten Plätzen an der Barrera, während draußen ein Forellenbach vorbei rauscht, in dem ich und meine Freunde angeln dürfen.

Oder wenn Ernest Hemingway ein ander Mal von einem Leben im Himmel träumt nach dem Tod, dann spielt sich das im Pariser Ritz ab. Er sieht sich in einer lauen Sommernacht, trinkt ein paar Martinis an der schwarzen Bartheke des Luxushotels, anschließend ein köstliches Dinner mit einer schönen Frau im Le Petit Jardin unter dem blühenden Kastanienbaum. Nach dem einen oder anderen Brandy geht er dann hoch auf sein Zimmer und schmeißt sich in eines von diesen riesigen Betten des Ritz.

So unterschiedlich kann man das Leben betrachten, so unterschiedlich sind die Persönlichkeiten dieser beiden Literatur-Giganten. Jorge Luis Borges, der Porteño vom Jahrgang 1899, brilliert als ein hochgeistiger Tausendsassa: Lyriker, Romancier, Essayist, Philosoph, er ist ein Autor von beeindruckender Belesenheit und mit einer extravaganten Stilkunst. Nach dem Sturz des Autokraten Juan Domingo Perón wird er im Jahr 1955 in Buenos Aires Direktor der Nationalbibliothek, bis ins hohe Alter.

Ernest Hemingway, ebenfalls Jahrgang 1899, ist der offensichtliche Antipode. Ein Naturbursche, eine Schnapsnase, ein Weiberheld. Jemand, der mit breiten Beinen hinaus geht in die Welt. Am liebsten dorthin, wo es mächtig donnert und kracht. Er mag den Stierkampf, die Safari-Jagd und das Angeln von Großfischen. Als Schreiber ist er ein lakonischer Erzähler mit einem einfachen, schnörkellosen Stil. Den Nobelpreis für Literatur kriegt Hemingway, Borges nicht.

Beide Autoren haben sich zu Lebzeiten gekabbelt. Er sei ein Autor von minderer Qualität, hat Borges Anfang 1950 gelästert, bloß ein Journalist mit einer gewissen Fingerfertigkeit, jedoch einer mit kleinem Verstand. Das lässt Hemingway nicht auf sich sitzen. Die Leute um mich sagen, Du wärst der beste spanische Schreiber, kontert der erboste Amerikaner. Aber Du kannst mir mal den Arsch küssen, denn Du hast in Deinem Leben noch nie einen Ball aus dem Spielfeld geschlagen.

Über solch verbale Scharmützel hinweg darf nicht vergessen werden, dass Ernest Hemingway ein Autor ist, den die Lateinamerikaner verehren und innig lieben. Obendrein ist der Vorwurf von Jorge Luis Borges unzutreffend und arg selbstherrlich. Zumal es kaum einen anderen US-Autor gibt, der so viel für den Triumph der lateinamerikanischen Literatur getan hat wie der Mann aus Oak Park bei Chicago.

Ernest Hemingway, der über zwanzig Jahre auf Kuba gelebt hat und leidlich Spanisch spricht, mag die lateinamerikanische Literatur. Dass der Aufschwung der lateinamerikanischen Literaten später in einer solchen Weltgeltung münden konnte, ist auch

Ist Ernest Hemingway ein katholischer Autor?

Ernest Hemingway, zwei Jahre vor seinem Tod, in La Cónsula bei Málaga. Spanien, im Juli 1959. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Er ist kein gläubiger Mensch, dieses Friede, Freude, Eierkuchen gehört nicht in die Welt dieses kernigen Mannes. Sein Verhältnis zur offiziellen Religion bleibt zwiegespalten. Religion ist Aberglaube, tönt er groß und relativiert dann, und ich glaube an Aberglaube. Häufig macht er sich über den herkömmlichen Gottesglauben lustig. Doch vieles, was Ernest Hemingway schätzt, überschüttet er gerne mit Spott und Hohn.

Ernest Hemingway, er hat es oft genug gesagt, glaubt nicht an Gott. Er hat Freunde in der Priesterschaft, doch für einen tiefen Gottesglaube fehlt ihm die Demut. Allerdings fällt auf, für einen Atheisten redet dieser Mann verdammt oft über Gott. Und für einen Ungläubigen kann der Amerikaner erstaunlich viel mit dem Glauben und seinen Ritualen anfangen.

Auch wenn er eine andere Begrifflichkeit verwendet, katholische Riten und Kategorien wie Sünde, Buße, Selbstkasteiung, Vergebung, Sakrament oder Pilgertum bleiben ihm nicht fremd, besonders in Andalusien. Die Rituale der Religion dienen als Anker für die Seele in Not. Auch er sucht in der Bedrängnis den Zuspruch, auf seine Weise.

Manche seiner Texte lesen sich wie Gebete, die Inhalte erinnern bisweilen an eine Beichte. So verwundert es nicht, dass Ernest Hemingway mit der Novelle über einen alten Mann und den Fisch eine Erzählung von alttestamentarischer Vehemenz verfasst hat. Der alte Mann und das Meer, mit Dutzenden von Anspielungen an religiöse Topoi, kann auch gelesen werden als eine biblische Parabel. Die stilistischen Ähnlichkeiten zwischen dem Alten Testament und Hemingways Werk sind erstaunlich.

„Als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, bekam er Hunger. Da trat der Versucher an ihn heran und sagte: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird“, heißt es in Matthäus 4,2 Die Versuchung Jesu. Und bei Hiob 1,1 Ijobs Rechtlichkeit steht: „Im Lande Uz lebte ein Mann mit Namen Ijob. Dieser Mann war untadelig und rechtschaffen; er fürchtete Gott und mied das Böse.“

Es ist nicht nur der Stil, der überrascht, sondern auch die Hauptfigur. Kann es sein, dass Ernest Hemingway im Fischer Santiago eine Menschwerdung Jesus Christus andeuten will? Dieser einfache Fischer mit seinen zerschundenen Händen, der am Ende der Erzählung den Mast seines Bootes, wie Christus das Kreuz, über der Schulter mühevoll hinauf in sein Dorf zieht.

Manchmal setzt Hemingway seine Wörter – fast ist man geneigt zu sagen, seine Worte – wie

Norberto Fuentes: Hemingway en Cuba

Norberto Fuentes: Hemingway en Cuba, 476 Seiten, Arzalia Ediciones, Madrid 2019

Es ist heutzutage außergewöhnlich, dass ein 1984 erstmals erschienenes Sachbuch im Jahr 2019 in einer aktualisierten Überarbeitung auf den Markt gebracht wird. Doch der spanische Verlag Arzalia Ediciones hat sich an dieses Unterfangen gewagt. Hemingway en Cuba von Norberto Fuentes ist nun, nach 35 Jahren, in einer Neuauflage zu haben.

Norberto Fuentes, ein kubanischer Journalist vom Jahrgang 1943, ist einer der ersten gewesen, der auf der Karibikinsel den Spuren des Gringo Ernest Hemingways gefolgt ist. Der Nobelpreisträger hat bekanntlich von 1939 bis 1960 auf Kuba gelebt, in dem tropischen Anwesen Finca Vigía, am südlichen Stadtrand Havannas.

Das Werk von Fuentes überzeugt als beeindruckende Fleißarbeit, die Originalausgabe zählt knapp 700 Seiten. Der ehemalige Prensa Latina-Reporter hat mit Zeitzeugen aus dem direkten Umfeld gesprochen, mit Angestellten seiner Finca Vigía, mit Freunden aus Havanna. Zusätzlich hat er Fidel Castro persönlich zu Ernest Hemingway befragt. All dies macht sein Werk – damals wie heute – so wertvoll.

Dazu kann Norberto Fuentes wunderbar schreiben, es macht Spass seinen Entdeckungen und Gedankengängen zu folgen. An manchen Stellen kommt Hemingway en Cuba arg plauderhaft daher, das muss man mögen oder auch nicht. Ich jedenfalls mag es. Mit seinem subjektiven Stil schafft es Norberto Fuentes, den Leser mit auf den Zeitsprung ins Havanna der 1950er Jahre zu nehmen.

Das größte Verdient von Hemingway en Cuba hat jedoch ganz woanders gelegen. Das Buch wird Mitte der 1980er Jahre zur Initialzündung, den kubanischen Hemingway für alle Welt aus dem Dornröschenschlaf zu erwecken. Vor Fuentes Werk hat Mister Güey auf Kuba erstaunlicherweise keine allzu große Rolle gespielt. Der amerikanische Nobelpreisträger ist mehr oder weniger vergessen, vielleicht mag dies ein wenig zu viel gesagt sein, jedoch ist er in den 1960er und 1970er Jahren aus dem öffentlichen Bewusstsein Kubas weitgehend entschwunden, man hat andere Sorgen auf der Insel.

Fuentes Buch wird nun Mitte der 1980er Jahre zur Zugmaschine, die dann ganze Industrien nach sich zieht. Die Finca Vigía wird zum Museum umgebaut, der Tourismus spielt die Karte Hemingway, Havana Club kommt in westliche Spirituosen-Regale, der Nobelpreisträger wird zum wissenschaftlichen Forschungsobjekt. Zart werden die Verbindungen zwischen kubanischen und US-amerikanischen Universitäten geknüpft. Das Inventar der Finca Vigía – Hunderte Manuskriptseiten, 9.000 Bücher, unzählige Fotos – wird mit Hilfe der USA gründlich katalogisiert und digitalisiert.

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Die kubanische Originalausgabe von Hemingway en Cuba. Editorial Letras Cubanas, Habana 1984

Die Kultur – neben Ernest Hemingway übrigens auch die Musik, von Dizzy Gillespie über Irakere bis Buena Vista Social Club – sorgt für eine neue Milde im kalten Krieg zwischen Katz und Maus. Trotz Wirtschaftsboykott und Sanktionen lässt die Kultur in den Jahren des Ronald Reagan das Einfallstor für Verständigung und Zusammenarbeit nun einen Spalt breit offen. Es hat historisch einen Zeitpunkt gegeben, im Verlauf der 1980er Jahre, da hat Ernest Hemingway die einzige solide Brücke gebildet zwischen beiden ideologisch so verfeindeten Staaten.

Es ist der schlaue Fidel Castro höchstselbst gewesen, der erkannt hat, wie nützlich El Americano für das revolutionäre Regime sein kann. Ab Anfang der 1980er Jahre öffnet Castro sein klammes Land behutsam dem westlichen Tourismus, Ernest Hemingway spielt dabei ein Zugpferd. Spanien und Kanada investieren massiv in die touristische Infrastruktur der Insel. Ernest Hemingway wird sozusagen als vertrauensbildende Massnahme benutzt im  Mosaik dieser Öffnung gen Kapitalismus.

Der bärtige Revolutionsführer sucht den Kontakt zu Norberto Fuentes, einem Querkopf, der zuvor mit

Barfuß – die kleine Freiheit des Ernest Hemingway

Am liebsten barfuß: Ernest Hemingway an Bord der Miss Texas, Cabo Blanco, im Mai 1956.
Photo by Modeste von Unruh. Collection WJS.

Auf seinen Ausfahrten in Cojímar oder Cabo Blanco zieht der prominente Schriftsteller stets legere Kleidung an. Oft trägt er eine helle Safari-Jacke aus Baumwolle, die ein Stoffgürtel über dem sichtbaren Bauchansatz zusammen hält. Dazu eine bis zu den Oberschenkel reichende Khaki-Hose und Halbschuhe aus leichtem Leder. An Bord jedoch zieht er die Oberteile meist aus und lässt Sonne und Wind seinen Oberkörper umschmeicheln. Zusätzlich läuft Ernest Hemingway an Bord am liebsten barfuß herum.

Nicht nur auf seinem Boot, sondern auch auf seiner Farm Finca Vigía im Süden von Havanna zieht der US-Amerikaner es vor, ohne Schuhe zu laufen. Im vierten Stock eines neben das Haupthaus angebauten Turms hat der Nobelpreisträger sich ein Schreibstudio einrichten lassen, von dort hat er einen wunderbaren Blick bis nach Havanna und auf den Golfstrom. Beim Schreiben steht er barfuß vor einem Pult auf dem abgeschabten Fell einer von ihm erlegten Kudu-Antilope. Der gefeierte Autor hat das Gefühl, kreativer zu sein, wenn er barfüßig schreibt.

Auf seinem gesamten Anwesen läuft der Schriftsteller gerne mit nackten Füßen umher, wie ein buddhistischer Mönch, nichts stört zwischen ihm und der Erde. Instinkt und Intuition des Menschen, von Natur angetragen, wird abermals freigelegt und nicht künstlich isoliert. Fest mit blanken Füssen auf dem Boden stehend, lebt Ernest Hemingway das Leben, welches man in jenen Jahren als das eines Beachcombers bezeichnet hat. Ein neugieriger Mensch am Meer, der die Natur und das Leben ohne jeden überflüssigen zivilisatorischen Schnickschnack zu genießen weiß.

Meist trifft man auf Finca Vigía einen genügsamen Ernest Hemingway an, einen stinknormalen Kerl in Shorts und ohne steifen Kragen, einen Burschen, der halbnackt und barfuß herum läuft und die sonnige Natur an sich heran lässt. Der Kleidungsstil des Mannes aus Chicago steht in den Tropen für Entspannung und Befreiung vom großstädtischen Alltagstrott. Wenn Ernest Hemingway eine lange Hose anzieht, dann weiß man, er hat einen Termin in Havanna.

Anfang der 1980er Jahre habe ich in Acapulco mehrfach den nach Mexiko emigrierten Schweizer Teddy Stauffer getroffen. Teddy ist während der Weimarer Republik mit seinen Original Teddies in Deutschland der populärste Swing-Musiker gewesen, bis es die braune Herrschaft nicht mehr zuließ. In Acapulco am Pazifik hat dieser gut aussehende Playboy und Hotelbesitzer dann ohne großen Ballast das sonnige Leben genießen dürfen. Einmal habe ich ihn gefragt, ob er kein Heimweh nach dem beschaulichen Bern habe. Wissen Sie, hat er geantwortet, ich laufe hier in Acapulco immer barfuß herum und glaube, ich kann mich an festes Schuhwerk nicht mehr gewöhnen. 

Vor allem an den Füßen merkt der Mensch, ob er das Gefühl für den eigenen Körper verloren hat. Barfuß in den Tropen spürt man wieder das eigene Ich und eine neue, wilde Lust aufs Leben. Die Gluthitze des Tages öffnet

Cristen Hemingway auf den Spuren des Urgroßvaters

Ernest Hemingway ist nicht nur Journalist, Buchautor und Nobelpreisträger gewesen, sondern zuallererst ein schaulustiger Weltenbummler. Und ohne diesen weiten Horizont ist seine Person und auch sein Werk nicht zu verstehen. Der Mann aus Oak Park, Chicago, findet Freude und Freunde an fremden Orten und Plätzen. Und er entdeckt dort auch seine Themen.

Dieser amerikanische Schriftsteller besitzt die seltene Gabe, die Seele von fremden Ländern und Städten zu ergründen. Und nur so ist die Verehrung zu verstehen, die ihm noch heute beispielsweise in Pamplona, in Paris oder auf Kuba zuteil kommt.

Cristen Hemingway Jaynes ist die Tochter von Lorian Hemingway, die wiederum die Tochter von Gregory Hemingway, dem jüngsten Sohn von Ernest Hemingway, ist. Und Cristen Hemingway geht nun mit ihrem Buch Ernest’s Way auf die weltweite Spurensuche nach der Seele jener Städte, die den Urgroßvater so beeindruckt und geprägt haben.

Cristen Hemingway Jaynes arbeitet als Magazin-Redakteurin und Schriftstellerin. Der familiäre Stempel sitzt: Sie vermag genau zu beobachten, das hat sie mit dem Uropa gemein, und sie kann wunderbar schreiben. Sie ist Autorin der Sammlung von neun Kurzgeschichten The Smallest of Entryways und man kann ihrem Werdegang auf wwww.cristenhemingway.com folgen.

Die junge Autorin besitzt einen wachen Blick, ein offenes Denken und eine einfühlsame Stilistik. Mit jedem Schritt in die Welt des Uropas Ernest Hemingway bewegt sie sich auch einen Schritt in die eigene Geschichte, das spürt man besonders bei den zahlreichen persönlichen Anmerkungen. Cristen fährt nach Paris, nach Italien, nach Key West, nach Kuba, London oder nach Madrid. Und schließlich zu seinem letzten Ort nach Ketchum in Idaho.

Der Urgroßvater ist in all den Städten und Regionen nicht nur Besucher gewesen, sondern er springt stets rein in die Fremde. Er lebt an diesen fremden Orten als seien sie sein Zuhause. Er kämpft, er liebt, er trinkt, er angelt, er rennt mit den Bullen und – natürlich – er schreibt dort. Cristen besucht die La Closerie des Lilas in Paris oder das Sobrino de Botín in Madrid und lässt sich von der Atmosphäre einfangen.

Und wenn man lange genug an jenem Stammplatz sitzt, wo auch er vor Jahrzehnten gesessen hat, und wenn man über ein wenig Imagination und Gespür verfügt, dann kommt man auch dem Werk und vor allem dem Menschen näher. Als Resultat steht eine wunderbare Mischung aus

Ist Ernest Hemingway reich gewesen?

Die Bankmanager bei der First National Bank of Boston haben eine Menge Spass an Ernest Hemingway.

Er entstammt aus dem gut situierten Mittelstand Chicagos. Der Vater ist ein angesehener Frauenarzt gewesen, die Mutter Opernsängerin. Die Familie besitzt ein dreistöckiges viktorianisches Herrschaftshaus aus dem 19. Jahrhundert an der North Oak Park Avenue, mit sechs Schlafzimmern, Turmzimmern und einer Bibliothek. Materiell fehlt es den Hemingways an nichts.

Doch Ernest will von den Eltern unabhängig sein. Mit 22 Jahren geht er im Dezember 1921 für sechs Jahre nach Paris, mit einem kleinen Vertrag als freier Europa-Korrespondent des Toronto Star. Das junge Ehepaar bewohnt eine muffige Wohnung im Quartier Latin, in der Rue du Cardinal Lemoine, Latrine im Treppenhaus. Ernests Ehefrau Hadley bringt eine kleine Erbschaft ein, man kommt im mondänen Paris gerade so über die Runden.

Im Februar 1926 unterzeichnet Ernest Hemingway einen lukrativen Vertrag bei Scribner’s and Sons, einem der besten Buchverlage weltweit, für die beiden Werke Torrents of Spring und The Sun Also Rises. Ernest wähnt sich am Ziel seiner Träume, mit dem vereinbarten Honorar rücken die Geldsorgen weit nach hinten. Zusammen mit seiner zweiten Ehefrau, der vermögenden Pauline Pfeiffer, bewohnt er eine imposante Immobilie im Kolonialstil mit Swimmingpool und allem Schnickschnack in Key West.

Von jungen Jahren an ist Ernest Hemingway ein gut bezahlter Journalist und einer der bestbezahlten Schriftsteller überhaupt. Ein glücklicher Umstand lässt sein Vermögen rapide anwachsen, er braucht nichts zu tun: Viele seiner Romane werden groß von Hollywood verfilmt. Windfall Profits, würde ein Volkswirt sagen, mit den Filmrechten verdient er in manchen Jahren mehr als mit dem Schreiben.

Mit seiner dritten und vierten Ehefrau – nacheinander – wohnt Ernest Hemingway in den 1940er und 1950er Jahren am Stadtrand von Havanna, auf einem Landgut mit Namen Finca Vigía. Allein der Unterhalt des riesigen Anwesens kostet 4.000 Dollar im Monat, ein Vermögen in der damaligen Zeit. Das Dutzend Bedienstete will bezahlt werden, man pflegt einen bodenständigen, aber doch kostspieligen Lebensstil.

Der Nobelpreis im Jahr 1954 ist mit einem Scheck über 36.000 Dollar verbunden. Viel bleibt nicht davon über. Denn Ernest Hemingway ist ein großzügiger Charakter. Von dem Preisgeld schenkt er René Villarreal, dem jungen Majordomus der Finca, und den anderen Bediensteten eine Gratifikation von je zehn Monatsgehältern. Und Miss Mary stellt er einen Bankscheck der First National über 2.000 Dollar aus.

Es gibt nicht wenige klamme Kollegen, denen Ernest Hemingway generös unter die Arme gegriffen hat, ohne dies an die große Glocke zu hängen. Durch die Buchtantiemen in den USA, durch die Auslandsrechte und die Verfilmungen kommt genug herein, dass sich Ernest material keine Gedanken machen muss. Soweit man weiß, legt er sein Geld auf der Bank konventionell an, keine Aktien oder Anleihen, sein Reichtum wächst auch so. 

Als Ernest Hemingway aus eigenem Entschluss im Juli 1961 aus dem Leben scheidet, soll er ein Vermögen zwischen 6 und 8 Millionen Dollar hinterlassen haben. Will man eine solche Millionensumme in heutiger Kaufkraft darstellen, so muss man

Hanns-Josef Ortheil: Der von den Löwen träumte

Hanns-Josef Ortheil: Der von den Löwen träumte.
Lucherhand, 2019

Auf die Neuerscheinung eines deutsche Autors gilt es aufmerksam zu machen. Hanns-Josef Ortheil schildert in seiner Erzählung den Besuch Ernest Hemingways in Venedig im Jahr 1948. Der berühmte Schriftsteller befindet sich in einer Schaffenskrise, er hat seit langem nichts mehr veröffentlicht.

Schwermut überfällt ihn und die Zweifel nagen, ob er überhaupt ein großer Autor ist. Können die Traumstadt Venedig und eine schöne Venezianerin dem Amerikaner aus der Krise helfen?

Hanns-Josef Ortheil, ein Kölsche Jung und Literatur-Professor, verwebt im Wesentlichen drei Handlungsstränge: der Besuch des prominenten Autors in Italien, die reale Liebelei mit der blutjungen Aristokratentochter Adriana Ivancich und die fiktionale Entstehungsgeschichte von Der alte Mann und das Meer mit dem Fischerjungen Paolo. Ortheil ist ein ganz famoser Schreiber, mit Gespür für Rhythmus und Tempo, Langatmigkeit kann da keine aufkommen. 

Der Buchtitel ist wunderbar gewählt und widersteht der Verlockung mit beispielsweise Hemingway in Venedig stärkere Verkaufsimpulse zu setzen. Denn es geht in erster Linie um Ernest Hemingway, um jenen Der von den Löwen träumte. Der Satz spielt an auf eine Sequenz in der Der alte Mann und das Meer, man kann die Metapher über sein ganzes Leben legen. Er selbst wollte immer so stark sein wie ein Löwe, der Löwe als das Symbol für Kraft und Jugend, ja in letzter Konsequenz, er wollte unsterblich sein. 

Ortheils Roman ist kenntnisreich und erfrischend lebendig geschrieben, ganz ohne Phrasen aus dem Poeten-Stübchen. Diese Nähe lässt sich nur erreichen, wenn der Autor die Wege des Ernest Hemingway in Venedig quasi nachgegangen ist. Dies hat Hanns-Josef Ortheil mit Sicherheit getan, sonst könnte man nicht so anschaulich über das Gritti, über Torcello und die versteckten caffetterias dieser Stadt schreiben.

Vielleser des Ernest Hemingway werden den feinen Humor bemerken, mit dem sich der Kölner dem Mann aus Oak Park nähert. Dabei skizziert er den Menschen Hemingway überaus sympathisch und liebevoll. Nicht über die sattsam bekannten Klischees des Säufers, Weiberhelden oder des Raubeins, vielmehr porträtiert Ortheil ihn – zurecht – als

Ernest Hemingway erhält den Nobelpreis für Literatur

Per Telegramm erfährt Ernest Hemingway am 28. Oktober 1954 auf seiner kubanischen Farm von der Verleihung des Nobelpreises für Literatur an ihn. Credit Line: Ernest Hemingway Papers Collection, Museum Ernest Hemingway, Finca Vigia, San Francisco de Paula, Cuba

Am späten Vormittag des 28. Oktober 1954 trudelt auf Finca Vigía nahe von Havanna ein Telegramm aus Stockholm ein. Nachdem er die Nachricht gelesen hat, stampft Ernest Hemingway in Marys Schlafzimmer, wo seine Ehefrau noch schläft, der Abend ist lang geworden. Mein Kätzchen, mein Kätzchen, ruft der bärtige Schriftsteller aufgeregt, ich habe das Ding bekommen. Mary reibt sich den Schlaf aus den Augen. Du weißt doch, das schwedische Ding. Mary springt aus ihrem Bett, umarmt ihren Ehemann.

Unter dem Amtszeichen Telégrafo del Estado steht auf dem erdfarbenen Papier des Telegramms mit Datum Octubre 28 de 1954, 11:00 a.m. folgender Wortlaut des Generalsekretärs der schwedischen Wissenschaftsakademie Dr. Anders Österling: At its session today the Swedish Academy decided to award you the 1954 Nobel Prize for literature and I would accordingly request you to notify me if you accept the award. Er möge doch bitte kurz Bescheid geben, ob er die Auszeichnung annehme.

Der Nobelpreis für Literatur. Gibt es auf der Welt eine Trophäe, die dem Leben eines Schriftstellers größeren Glanz verleiht? Er sei ein Wegbereiter, so die Laudatio, er habe eine neue Erzähltechnik entwickelt. Für seine kraftvolle und stilbildende Beherrschung der modernen Erzählkunst, wie zuletzt in ‚Der alte Mann und das Meer‘, schreibt die schwedische Akademie später in der Begründung. 

Schon sein erstes richtiges Buch The Sun Also Rises schlägt im Jahr 1929 ein mit einem Donnerhall. Der frische Stil der Erzählung wird bejubelt, sachlich, lakonisch, durch persönliches Erleben des Autors verbrieft, ein bärenstarker Abenteurer tritt auf, der mit der scheinheiligen Ehrpusseligkeit der ergrauten Vätergeneration bricht. Eigentlich verharrt die angelsächsische Literatur jener Jahre auf Charles Dickens-Niveau, man hegt weiterhin diesen blumigen viktorianischen Schreibstil mit seinen weitschweifigen Verzierungen der Prosa. Sicherlich alles gut gemeint, jedoch erschreckend harmlos und vorgestrig.

Von den Lesern wird Ernest Hemingway mit seinen lebensnahen Themen und dem zeitgemäßen Schreibstil wie eine Lichtgestalt empfangen. Endlich einer, der die ermüdenden Luftblasen des Althergebrachten mit einem Knall zum Platzen bringt. Der Mann aus Chicago wird vor allem deshalb verehrt und geliebt, weil dieser Schriftsteller mit

Hemingway was the greatest man the world has ever known

Hemingway was the greatest man
The world has ever known.
He wrote he fought he drank a lot
And called Cuba his home!
Hemingway once caught a fish
Except it was a Great White
Then he beat that shark in a game of cards
And fucked the shark all night.

Hemingway liberated Paris
It’s a trophy on his shelf. 
He pushed a tank into a lake
And punched

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