Jack Hemingway fährt auf der Fahrkarte des Vaters
4.8 4 vote[s]

Auf einer Buchmesse im Oktober, es muss so Ende der 1980er Jahre gewesen sein, zieht mich der Foreign Rights Manager von McGraw-Hill am Ende der Verhandlung zur Seite. Ich habe damals als Verlagsleiter beim ECON Verlag in Düsseldorf gearbeitet und bin in Frankfurt auf Ausschau nach interessanten Neuerscheinungen aus den USA.

Ob ich nicht Lust habe, so fragt der Rights Manager kollegial, Jack Hemingway kennenzulernen, den Sohn von Ernest Hemingway. Er sei hier gleich um die Ecke anzutreffen, am Buchstand der Amerikaner. Was für eine Frage!, bemerke ich zum Rechte-Manager in bester Laune, natürlich habe ich.

Jack Hemingway sieht so aus, wie Millionen anderer US-Amerikaner auch aussehen. Nicht sehr groß, aber auch nicht gerade klein, ein wenig korpulent, aber nicht dick, ein heiterer Blick, ein offenes Wesen. Ein feiner Schnauzbart, die schüttere Haarpracht, korrekter Anzug. Sollte man Wochen nach dem Treffen ein Phantombild anfertigen müssen, es schiene ein Ding der Unmöglichkeit.

Nice to meet you, schaut mich Jack Hemingway aufgeschlossen an. It’s my pleasure, antworte ich. Do you like Frankfurt? Jack ist zur Buchmesse in die Mainmetropole gekommen, um sein Buch Misadventures of a Fly Fisherman: My life with and without Papa vorzustellen.

Ich verschlinge jede Zeile Ihres Vaters, sage ich, er ist ein wundervoller Autor. Danke, nickt er kurz, als gelte das Kompliment ihm selbst. Während wir im Gespräch bleiben, wächst in meinem Kopf die Ähnlichkeit des Sohns mit seinem Vater. Der Körperbau, obwohl er kleiner und schlanker ist, der verschmitzte Gesichtsausdruck, die Bewegung, diese Präsenz. Er ist der Sohn des Vaters.

Trotzdem spürt man irgendwie, dass Jack es leid sein muss, andauernd nur die Rolle Sohn zu spielen. Wo bleibt denn die eigene Persönlichkeit?, scheint er hilflos fragen zu wollen. Doch er ist und bleibt Ernest Hemingways Sohn. Der Spross des großen Hemingway. Der Junior vom berühmten Vater. Der Nobelpreisträger-Sohn.

Mit vollem Namen heißt er John Hadley Nicanor Hemingway, Hadley, wie seine Mutter. Und Nicanor, so wie der spanische Stierkämpfer Nicanor Villalta y Serrés, den sein Vater so bewunderte. John Hadley Nicanor, aber alle Welt nennt ihn Jack. Der einzige Sohn aus Ernest Hemingways erster Ehe, jener mit Elizabeth Hadley Richardson. Bumby wurde Jack, Jahrgang 1923, als Kind in der Familie gerufen.

Wenn er Erfolg hat, dann hat er Erfolg, weil der Vater Erfolg hatte. Man lädt ihn nicht ein, weil man diesen netten Kerl mag, sondern weil er der Filius von Ernest Hemingway ist. Deshalb durfte er ein Buch schreiben, aus diesem Grund ist er nach Frankfurt auf die Buchmesse eingeflogen worden. Man zeigt auf ihn und meint den Vater. So ist er von Beruf Sohn. Das Schreibtalent allerdings hat er nicht vom Vater geerbt, wie sollte es auch sein?

Auch sonst gibt es nichts außergewöhnliches zu berichten. Denn so ein Sohn vom großen Ernest Hemingway ist ein armes Würstchen: Er kann in seinem Leben machen, was er will. Wäre er ein guter Golfspieler geworden, Gouverneur in Montana oder Direktor bei Goldman Sachs – trotzdem wäre er von morgens bis abends der Sohn von Ernest Hemingway geblieben.

Also hat Jack es vorgezogen, nichts zu werden. Ein kleines Buch hier, eine Möbelkollektion dort, sicher, den berühmten Namen versilbern – er fährt auf der Fahrkarte des Vaters. Was soll es, Jack hat sich seinem Schicksal ergeben. Gegen den gewaltigen Schatten des Vaters gibt es kein Anleuchten, der gute Jack wirft die Batterie erst gar nicht an.