Ernest Hemingways heimliche Liebschaft mit einer Prostituierten
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Ernest Hemingway und Leopoldina Rodríguez trinken ihre Daiquirís im El Floridita,
Havanna zu Beginn der 1950er Jahre

Häufig sieht man Ernest Hemingway mit einer aufreizenden Kubanerin an der Bar des El Floridita. Es wird dann kräftig getuschelt, denn die attraktive Dame an der Seite des berühmten Schriftstellers gilt in Havanna als eine Frau von nicht gerade bestem Leumund. Sie heißt Leopoldina Rodríguez und die Kubanerin verdient ihr Geld, indem sie nett ist zu den Männern. Diese Leopoldina sieht einfach göttlich aus, sie betört jedermann mit ihrer makellosen Schönheit.

In Inseln im Strom verfremdet Ernest Hemingway die Figur der Liliana ein wenig, er macht ihre Hüften breiter, die Schminke dicker, es kann nicht schaden, wegen Mary. Sie hatte ein hübsches Lächeln, wunderbar dunkle Augen und schönes schwarzes Haar. Ihre Haut war sanft wie olivfarbenes Elfenbein, falls es so etwas gab, auf dem ein leichter rosa Schimmer liegt. Ihr Teint leuchtet wie frisches Mahagoniholz, man kann die Augen nicht von ihr lassen. Das war also dieses schöne Gesicht, das ihm die Theke herunter entgegen schaute. Die Liliana des Romans ist im wirklichen Leben die rassige Leopoldina.

Der verheiratete Schriftsteller lernt Leopoldina Rodríguez Anfang der 1940er Jahre im El Floridita kennen. Irgendetwas zieht ihn magisch zu dieser Frau hin. Jedermann war zuvorkommend zu ihr, und beinahe jeder, den sie ansprach, war irgendwann einmal in den letzten 25 Jahren in sie verliebt gewesen. Und es lässt sich nicht aufhalten, auch Ernest Hemingway verliebt sich in die attraktive Kubanerin. Leopoldina ist eine Frau mittlerer Größe, mit afrikanischem und asiatischem Blut, mit heller Haut, und sie ist um die 40, so genau weiß das keiner. Sinnliche Lippen, eine feine Nase, funkelnde Augen, die Männer hängen an ihr wie der Alkoholiker an der Schnapsflasche.

Antonio Meilán, ein Barkeeper im El Floridita und stiller Zeuge dieser ungewöhnlichen Romanze, erinnert sich im Jahre 1992 gegenüber dem kubanischen Journalisten Ciro Bianchi Ross: „Sie war eine schöne, elegante Mulattin mit einem schillernden Lächeln, endlos langen Beinen, mit runden Hüften, kleinen Brüsten und mit einem Gesicht, in dem sich all das Schelmische und all das Würdevolle der kubanischen Frau ausdrückte. Sie war ein Superweib, das den Teufel im Leib hatte!“

Leopoldina steht voll im Leben, Daiquirís, Zigaretten, Männer, Sex, alles wunderbar. Una mujer de mala vida, wie man so schön im Spanischen umschreibt, wenn man den Begriff Hure vermeiden will. Eine Frau mit schlechter Lebensführung, doch Ernest Hemingway schert sich wenig um gesellschaftliche Konventionen. Wenn ihr Haar anfing, weiß zu werden an den Wurzeln entlang der Stirn und der Scheitellinie, würde sie Thomas Hudson um Geld bitten, um es in Ordnung zu bringen, und wenn sie vom Färben zurückkam, war es glänzend und so natürlich und reizvoll wie die Haare eines jungen Mädchens.

Man mag es kaum glauben, aber es ist, wie es ist. Der weltberühmte Schriftsteller, verheiratet mit einer angesehenen Journalistin, teilt sein Leben mit einer Prostituierten, aus freien Stücken und bei vollem Verstand, das sind die Tatsachen. Ihm jedenfalls bleibt es schnurzegal, was andere hinter vorgehaltener Hand von sich geben oder im Getratsche lästern, er steht zu Leopoldina. Die heißblütige Kubanerin wird zu Hemingways Geliebten, zu einer Vertrauten und auch zu einer richtigen Freundin.

Bei Leopoldina kann der Schriftsteller so ziemlich alles in den Beziehungsbeutel packen, was ihm wichtig ist. Freundschaft, Loyalität, Liebe, Sex, Leidenschaft, Reden, Saufen, all jene Eigenarten, die er normalerweise auf mehrere Menschen verteilen muss. Es scheint schon recht merkwürdig, aber bei einem leichten Mädchen kommt der weltbekannte Autor dem Idealbild einer tief empfundenen Leidenschaft so nahe wie selten.

Über die Jahre entwickelt sich zwischen den beiden eine innige Beziehung. Mit tiefem Vertrauen, reichen Emotionen und mit einer wachsenden Seelenverwandtschaft. Der Schriftsteller ist in der Tat mit Leib und Seele vernarrt in die Frau, er überschüttet die Kubanerin mit Aufmerksamkeit, mit Geschenken und auch mit Geld. Leopoldina, ein schlaues Mädchen, gibt Hemingways Geld meist aus für Bücher oder für Unterricht und unterstützt ihre Familie.

Ernest Hemingway hält die Beziehung zu Leopoldina diskret, nie bekennt er sich öffentlich zu seiner Geliebten. Nur der eine oder andere gute Freund ist eingeweiht. Für Leopoldina mietet der Schriftsteller ein Appartement über dem Kino Astral in der Calle Infanta, Ecke San Martín. Mit Hausmädchen und allem Schnickschnack, es soll der Geliebten an nichts fehlen. Leopoldina bleibt Hemingways Geliebte für anderthalb Jahrzehnte. 

Leopoldina Rodríguez wird zum bedeutenden Mitglied des Zirkels um Ernest Hemingway, die schöne Frau kennt jedermann in Havanna. Künstler, Beamte, Minister, viele wurden in ihrem Bett durchgereicht. Die temperamentvolle Kubanerin wird zu Hemingways wichtigster Quelle für alles Kubanische. Für die Menschen, die Sprache, die Politik, die Kultur, die Folklore, für die Religion. Über 15 Jahre bleiben Ernest und Leopoldina zusammen, das färbt ab. Ihren Einfluss erkennt man besonders an den zahlreichen Kubanismen bei Der alte Mann und das Meer. Denn ohne Hilfe kann ein fremder Autor niemals so tief in die Gefühlswelt der Kubaner eindringen.

Mitte der 1950er Jahre wird bei Leopoldina Krebs diagnostiziert. Es folgt eine monatelange Leidensgeschichte. Ernest Hemingway bleibt an ihrer Seite, der Schriftsteller kommt für alles auf: Krankenhaus, Medikamente, Krankenpflege. Leopoldina Rodríguez stirbt nach schrecklichen Qualen im Jahr 1956 in der Wohnung, die er für sie angemietet hat.

Bei ihrer Beerdigung auf dem alten Friedhof von Havanna sieht man einen korpulenten, groß gewachsenen älteren Mann langsam alleine hinter dem Sarg und der Familie schlurfen, einen Gringo mit weißem Haar und einem dichten grauen Bart, in einer Guayabera mit zu breitem Saum, er trägt eine ausladend kurze Hose, an den Füssen große verdreckte Mokassins-Schuhe. Der Mann grüßt keinen, außer den Krankenpfleger. Und er sorgt dafür, dass auf dem Grab der Leopoldina Rodríguez niemals frische Blumen fehlen.