Hemingways Welt

An den Fersen von Ernest Hemingway

Kategorie: Kuba Seite 1 von 8

Ernest Hemingway lässt nichts anbrennen

Ernest Hemingway fühlt sich wohl in weiblicher Gesellschaft.
Havanna, Kuba, im Jahr 1954

Der Mann hat einen Schlag bei den Frauen. Neben dem Schreiben und den hohen Prozenten beherrscht die Faszination für das weibliche Geschlecht den Alltag des Ernest Hemingway. The Sun Also Rises wird er im Jahr 1926 sein Erstlingswerk nennen, so lautet eigentlich ein hehres Bibelzitat, aber wenn er auf den Buchtitel zu sprechen kommt, fügt er oft an, like my cock. Nicht nur die Sonne steht hoch bei Ernest Hemingway.

Als Mann lässt er so schnell nichts anbrennen. Gerade auf Kuba setzt er sich immer wieder mit seiner Körperlichkeit angriffslustig in Szene. Hinter der aktionistischen Oberfläche fällt er als Mann auf, der auch emotional nach Liebe sucht. Jedoch er selbst versagt auf ganzer Linie in einem Ehebund, oder in der festen Partnerschaft mit einer Frau, nicht nur einmal, sondern ständig. Vier Ehen und drei Scheidungen bilden da nur die Spitze des Eisbergs ab.

Mit der ehelichen Treue hält er es, weshalb auch immer, zeitlebens locker bis oberlocker. Alle vier Ehefrauen betrügt er ohne schlechtes Gewissen nach Strich und Faden. Ehefrauen, Freundinnen, Gespielinnen, sein Durst auf Liebesabenteuer kennt keine Grenzen, der Frauenverschleiß dieses Nobelpreisträgers für Literatur ist enorm. Ernest Hemingway scheint als Liebhaber mindestens genauso erfolgreich wie als Literat.

Es gibt Tage auf Kuba, da ist er vormittags auf der Finca Vigía mit seiner Ehefrau Mary zusammen, dann nachmittags in Havanna mit der festen Geliebten Leopoldina und hernach kann am Abend noch eine Zufallsnummer dazu kommen. Drei Frauen, bei anderen reicht es fürs ganze Leben, Ernest Hemingway braucht

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Ernest Hemingway – ein kämpferischer Weltenbummler

Eine Doppelseite von Ernest Hemingways Reisepass. Credit Line: Ernest Hemingway Papers Collection, Museum Ernest Hemingway, Finca Vigia, San Francisco de Paula, Cuba

Von seiner Zukunft besitzt der 17-jährige Schüler eine genaue Vorstellung. My name is Ernest Miller Hemingway. I want to travel and write, verrät er 1916 in seinem Notizbuch Memoranda an der Oak Park and River Forest High School. Der hochgewachsene Jugendliche aus einem Vorort von Chicago möchte in der Welt umherreisen und schreiben. Und Ernest Hemingway wird in seinem zukünftigen Lebensjahren diesen Traum verwirklichen.

Sein amerikanischer Reisepass braucht viele Seiten für all die Ein- und Ausreisestempel dieser Welt. USA, Kuba, Bahamas, Mexiko, Peru, Frankreich, Italien, Luxemburg, Belgien, Spanien, Österreich, Schweiz, Deutschland, Belgien, Bulgarien, Türkei, Hong Kong, China, Kenia, Uganda, Tansania. Die Liste kann nicht vollständig sein.

Wir reden nicht von heute, ICE, Jumbo Jet und Lufthansa Frankfurt nach Rio de Janeiro für 650 Euro, hin und retour natürlich. Wir müssen uns schon 100 Jahre in die Welt des jungen Hemingway zurückbeamen. Ernest fängt an im Mai 1918, kurz nach der Schule, als naiver Kerl mit achtzehn Jahren. Wochenlang auf dem Ozeandampfer von den USA nach Europa. Erster Weltkrieg, Italien, Ambulanzfahrer, Schlacht an der Piave. Sechs Monate Lazarett.

Es geht munter weiter im turbulenten Leben dieses Mannes. Bürgerkrieg in Spanien, Zweiter Weltkrieg, Aufstand in China, kubanische Revolution. Dazu Krankheiten, Abstürze mit dem viersitzigen Propeller-Flugzeug. Ernest Hemingway reist gerne dahin, wo es kracht und bummert. Das wird dann kein TUI-Urlaub, all inclusive, sondern mündet in harter Arbeit. Mit hohem Risiko für Leib und Seele. Und dieser Mann kommt nicht ohne Wunden nach Hause.

Der berühmte amerikanische Autor, im Jahr 1954 verleiht man ihm den Nobelpreis für Literatur, bereist gerne die versteckten Eckchen und die stürmischen Schauplätze unseres Erdballs. Dieser scheinbar ungehobelte Bursche, der nicht nur packende Reportagen und erstklassige Romane schreiben kann, ist zugleich bereit, dafür durch die große weite Welt zu preschen. Denn ihm ist klar, ein Frosch am Boden des Brunnens sieht nur einen kleinen Ausschnitt des Himmels.

Ein weiteres unterscheidet ihn von vielen Landsleuten: Der bärtige Rabauke lässt sich auf das Fremde ein mit Haut und Haaren. Die Welt ist so voll von so vielen Dingen, dass ich sicher bin, wir sollten alle glücklich sein wie die Könige. Ernest ist dafür bekannt, dass er die

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Hemingways Turm für das Schreiben und für die Liebe

Ein lockerer Ernest Hemingway auf der obersten Etage seines Schreib- und Liebesturms. Die Aussicht reicht bis nach Havanna. Foto: George Leavens

Hinter dem Haupthaus der Finca Vigía findet sich, neben der großen Garage für die Autos, ein kleines Gästehaus, dort kommen Gäste unter, Freunde aus Übersee oder die Söhne, wenn sie in den Schulferien den Vater auf Kuba besuchen. Blickfang des gesamten Anwesens ist schon vom weitem ein rechteckiger Turmbau, etwas versetzt vom Haus. Der Autor hat diesen im Jahr 1947 anbauen lassen, um hier in aller Abgeschiedenheit schreiben zu können.

Hoch oben im vierten Stockwerk des weißen Turms hat Ernest Hemingway sich ein Schreibstudio eingerichtet, hier sitzt er meist den Vormittag über an seinen Manuskripten. Der Ausblick ist atemberaubend, von dort oben hat er einen weiten Blick nach Havanna und bis zum Meer, das etwa zehn Kilometer im Norden liegt.

In diesem weißen Turm hat er sein Meisterwerk Der alte Mann und das Meer geschrieben. Bei seiner Arbeit setzt er sich hinter den Schreibtisch oder er steht vor einem Pult, meist barfuß auf dem abgeschabten Fell einer von ihm erlegten Kudu-Antilope. Auf dem Anwesen läuft Ernest Hemingway am liebsten mit nackten Füßen herum, mit einer kurzen Shorts und mit freiem Oberkörper.

Doch in diesem Turm wird nicht nur hohe Literatur erzeugt, der abgetrennte hohe Bau dient zudem als sein Liebesnest. Hierhin zieht Ernest Hemingway sich zurück, um, wie er den Bediensteten zu verstehen gibt, „zu arbeiten“. Dass er zu dieser Arbeit ab und an eine Frau mitnimmt, die nicht seine eigene ist, darüber schauen die Angestellten der Farm diskret hinweg.

Ernest Hemingway ist in dieser Hinsicht ein schlimmer Finger. Die Ehefrau im Haus, eine feste Geliebte in Havanna, dazu ein Techtelmechtel, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Und Verlockungen laufen einem kraftstrotzenden Mannskerl wie ihm tagtäglich über den Weg. Er braucht nur

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Ein Miró für Mrs. Hemingway

Ernest Hemingway, Ehefrau Miss Mary und Verwalter Roberto Herrera Sotolongo im Esszimmer der Finca Vigía. An der Wand: Der Bauernhof von Joan Miró. Foto: George Leavens.

Schon in frühen Jahren beginnt Ernest Hemingway, moderne Kunst zu sammeln. Anfang der 1920er Jahre lebt er mit seiner ersten Ehefrau Hadley in Paris, dort, wo junge Frauen und Männer mit neuen, wilden Ideen von sich reden machen. Die amerikanischen Expatriates in der französischen Metropole scharen sich in jenen Jahren um Gertrude Stein, eine wohlhabende Autorin und Kunstsammlerin. Die Frau aus Pittsburgh führt den Neuankömmling Ernest Hemingway in ihren avantgardistischen Zirkel ein und fördert den talentierten Autor.

In ihrem literarischen Salon in der Rue de Fleurus 27 sammelt Frau Stein die experimentierfreudigen Künstler jener Zeitepoche um sich, nicht nur Autoren und Komponisten, sondern auch zahlreiche Maler, so Pablo Picasso, Henri Matisse, Georges Braque und Juan Gris. Der junge Ernest Hemingway, ein Bauch- und Augen-Mensch, besitzt von früh an ein Gespür für gute Kunst. Ein Gemälde hat es ihm besonders angetan. Der Bauernhof, gemalt von dem Katalanen Joan Miró, der abwechselnd in seiner Heimat und in Paris lebt.

Der Maler aus Barcelona, Jahrgang 1893, er ist sechs Jahre älter als Hemingway, steht am holprigen Anfang seines Erfolgsweges. Der Bauernhof, auf Katalanisch La Masía, wurde von ihm 1921 und 1922 in neunmonatiger Fleißarbeit erstellt. Der 28-jährige Miró ist noch auf der Suche nach seinem eigenen Stil und mischt realistische, naive, phantastische und kubistische Elemente. Auf dem Bild ist der Bauernhof seiner Eltern in Mont-roig del Camp abgebildet, der im Landesinneren südlich von Tarragona liegt.

Das großformatige Bild wird von einem Eukalyptus-Baum beherrscht, der aus einem schwarzen Kreis ragt und im Abendhimmel vom Mondlicht erleuchtet wird. Die Tiere des Hofes – ein Hahn, ein Esel, eine Ziege, ein Hund, eine Taube – verteilen sich wild über das ganze Bild. Unter dem Baum befindet sich ein umgestürzter Blecheimer vor einer Gießkanne, rechts davon die französische Zeitung L’INTRANSIGEANT. Wegen der Faltung kann man nur L’INTR (hinein!) lesen, was der gesamten Komposition eine sexuelle Andeutung verleiht.

Nach diesem Schema versteckt Joan Miró in seinem Gemälde eine Vielzahl kleiner Anspielungen. Jedes Detail erzählt seine Botschaft, wie in Trance vereinen sich viele an sich realistische Eindrücke mit dezenter Kraft zu einem verrückten Traum. Man kann stundenlang vor diesem Gemälde weilen und stets etwas Neues entdecken. Eigentlich markiert dieses Schlüsselwerk Mirós den Beginn des Surrealismus in der Malerei. Man kann wunderbar beobachten, wie in diesem Bild die realistische Darstellung des Landlebens übergeht in abstrakte und dadaistische Motive.

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La Masía, von Joan Miró. Zu Deutsch: Der Bauernhof.

Ernest Hemingway, damals noch ein mehr oder weniger unbekannter amerikanischer Autor in Paris, kauft Mirós Gemälde im Herbst 1925 über den Kunsthändler Léonce Rosenberg. Er möchte das Bild seiner Frau Hadley zum Geburtstag schenken. Der 26-jährige Journalist aus Chicago, in den Anfangsjahren meist klamm, leiht sich den Kaufpreis von 5.000 Franc bei seinem wohlhabenden Freund und Kollegen John Dos Passos.

Als Ernest Hemingway – mit der zweiten Ehefrau Pauline – im Jahr 1928 nach Key West zurück in die USA übersiedelt, kommt Joan Mirós Bild mit. Nach einem weiteren Jahrzehnt und einer weiteren Ehefrau hängt das Gemälde seit 1939 im

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Die Geliebte Adriana Ivancich gratuliert dem noblen Ernest Hemingway mit Kisses

Lola gratuliert Professor Unrat per Telegramm zum Nobelpreis. Glücklich und stolz Deine Freundin zu sein, einst, jetzt und für ewig. Küsse. Credit Line: Ernest Hemingway Papers Collection, Museum Ernest Hemingway, Finca Vigia, San Francisco de Paula, Cuba

Der Schriftsteller, er geht stramm auf die 50 zu, verliebt sich gleich beim ersten Zusammentreffen im Veneto in die schwarzhaarige Adriana Ivancich. Obwohl das Mädchen mit den tiefschwarzen langen Haaren, den grünen Augen, der markanten Nase und den vollen Lippen da gerade erst 18 Jahre alt ist. Doch Ernest Hemingway gibt sich wie sein Oberst Cantwell, seine Romanfigur, die Leidenschaft flammt unlöschbar auf. Einerlei woher man kommt oder welche Jahreszahl in der Geburtsurkunde steht.

Bei einem weiteren Europa-Besuch des Schriftstellers, zusammen mit Ehefrau Miss Mary, weicht Adriana im Frühjahr 1950 wochenlang nicht von seiner Seite, nicht in Venedig und nicht in Paris. Ich liebe Dich aus tiefstem Herzen, eröffnet ihr der liebeskranke Autor, und ich kann nichts dagegen tun. Der alternde Ernest Hemingway blüht auf in der Zweisamkeit mit der jungen Italienerin, er findet wieder Gefallen am Leben und das Schreiben geht ihm leichter von der Hand.

In Paris offenbart der Autor sich ein weiteres Mal der hübschen Venezianerin. „Aber Du hast Mary“, entgegnet Adriana halbherzig. Der unrettbare Romantiker Ernest Hemingway steckt wieder einmal tief im Gefühlssumpf. Ach ja, Mary, erwidert der vernarrte Schriftsteller, sie ist natürlich nett und solide und tapfer. Aber ein Paar kann einen Teil des Weges gemeinsam gehen und dann unterschiedliche Richtungen einschlagen. Das ist mir schon passiert.

Der 50-jährige Schriftsteller ist bereit, für Adriana alles aufzugeben. Ich liebe Dich in meinem Herzen, und ich kann nichts dagegen tun. Er habe nur beste Absichten, beteuert er. Ich weiß, was Du brauchst, um glücklich zu sein. Ich werde fortan leben, um Dich glücklich zu machen, säuselt Ernest Hemingway wie ein verknallter Oberprimaner.

Der Schriftsteller steht unter Testosteron und vermag keinen klaren Gedanken zu fassen. Ich liebe Dich mehr als den Mond und den Himmel und ich werde Dich so lieben, solange ich lebe. Selbst das Schreiben scheint ihm nebensächlich, zum Abschied lädt er sie auf seine Farm Finca Vigía nach Kuba ein und schenkt der jungen Muse seine Royal-Schreibmaschine.

Zum Nobelpreis gratuliert ihm Adriana per Telegramm Ende Oktober 1954 mit Kisses. Die italienische Lola kokettiert heftig mit dem alternden Autor und lässt sich gerne den Hof machen, möglicherweise gibt es sogar ein paar unschuldige Küsse. Mehr wohl nicht. Doch der liebestolle Ernest hört nicht auf und

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La Bodeguita schwindelt ein wenig mit Ernest Hemingway

La Bodeguita de Medio, eine Oase der Lebensfreude. Havanna, im April 1983. Foto: W. Stock

In der Nähe von Havannas barocker Kathedrale entdecken wir in der engen Gasse Calle Empedrado – Hausnummer 207 – die äußerlich unscheinbare Bodeguita del Medio. Hinter dem Eingang tritt der Gast in den Vorraum einer kleinen Bar, zur Linken befindet sich die dunkle Theke. Den Barraum hindurch  erreicht man das Speisegewölbe, wo an überfüllten Tischen das Beste einer einfachen kubanischen Küche geboten wird.

Wir gehen zunächst zur Bar und bestellen den ersten Mojito. Mojito. Weißer Rum mit Limonensaft und einem frischen Pfefferminzstängel. La Bodeguita del Medio. Die unsterbliche La B del M. Wer in der Bodeguita seinen Mojito trinkt, der spürt den Hauch des Ewigen. Bodeguita, du bleibst, ich gehe!, hat der kubanische Autor Leandro García an die weiße Wand gekritzelt.

Du bleibst, ich gehe. Die Bodeguita del Medio dient auf Kuba als heilige Basilika für den Rum. Ernest Hemingway, der eine halbe Stunde entfernt auf Finca Vigía im Vorort San Francisco de Paula wohnt, ist nicht gläubig im strengen Sinne, allzu oft macht er sich lustig über die Religion. Eher ist er ein Zweifler, der nach einer höheren Kraft sucht. Seine Kirchen sind die Kneipen. Und die schönsten Sätze von ihm sind seine Gebete an Gott.

Wer von der Revolution träumen will, für den ist Havanna wie gemacht. In dieser Kapitale der Träumer und Traumtänzer ist die Bodeguita ein feiner Ort. Für alle findet sich hier ein Plätzchen. Es treffen sich Künstler und Malocher, Feingeist und Stoffel, Eierkopf und Saufbruder. So unterschiedlich ihre Biografien auch ausfallen, vor dem Rumglas sind sie alle gleich. 

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My mojito in La Bodeguita, My daiquirí in El Floridita. Ernest Hemingway. Foto: W. Stock, 1983

Unter dünnem braunen Glasrahmen, direkt über dem Schanktisch, umgeben von Dutzenden Martini– und Cinzano-Flaschen, hängt ein Spruch, den man andächtig rezitieren muss, weil er so brillant formuliert ist. My mojito in La Bodeguita, My daiquirí in El Floridita. Darunter dann, schwungvoll die Unterschrift: Ernest Hemingway. Mehr Ideologie braucht es auf Kuba eigentlich nicht.

My mojito in La Bodeguita, My daiquirí in El Floridita. Aber, so ist der Fachmann geneigt zu fragen, hätte der von hohen Prozenten angetriebene Autor auf Kuba nicht wie sonst üblich mit

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Mary Welsh räumt auf, Ernest Hemingway inklusive

Die forsche Mary Welsh kommt Mitte 1945 nach Kuba auf die Finca Vigía und räumt im Leben des Ernest Hemingway erstmal kräftig auf. Foto: George Leavens.

Der Kriegsreporter, von der Brutalität der Kämpfe im Hürtgenwald schwer erschüttert, seine Ehe mit Martha Gellhorn in Trümmern, steht im Winter 1944 hilflos wie ein Kind an den Kriegsgräben Europas. Fernab von seiner Finca Vigía sehnt er sich zurück in sein warmes kubanisches Refugium. Noch vor der Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 verlässt Ernest Hemingway den alten Kontinent.

Im März 1945 fliegt ein ernüchterter Kriegsberichterstatter von Paris über London nach New York, und beeilt sich, nach Havanna zu gelangen. Ernest Hemingway kehrt alleine zurück in sein kleines privates Paradies, wie er sein tropisches Heim in der Karibik bezeichnet. Der Schriftsteller, krank und desillusioniert, fällt auf Kuba in ein tiefes Loch. 

Auf Finca Vigía plagt den gefeierten Schriftsteller alsbald eine schwere Depression, vor allem der Einsamkeit wegen. Er fühlt sich verloren und von Gott und der Welt im Stich gelassen. Der Autor vernachlässigt sich, er ist außer Stande zu Schreiben, er streunt durch Havanna, säuft sich bis zum Morgengrauen durch die Kneipen, alles um seine innere Vereinsamung wegzutrinken.

Jeden Tag schreibt er seiner neuen Liebe Mary Welsh einen Brief nach London und fleht sie an, zu ihm auf die Insel zu kommen. Ich bin nicht ungeduldig, offenbart er sich kleinmütig, ich bin nur verzweifelt. Nach drei gescheiterten Ehen findet der Weltautor sich einsam und verlassen in seinem Tropengarten wieder, es ist niemand da, der ihn trösten und aufbauen kann.

Anfang Mai 1945 erscheint dann endlich Mary Welsh auf der Finca Vigía und findet nicht nur das Anwesen durch den Hurrikan des vergangenen Herbstes heftig geschädigt vor. Noch mehr fällt ihr der verwahrloste Zustand von Ernest auf. Die resolute Mary bringt zunächst Ordnung in die Finca Vigía, ebenso wie in den Alltag des Schriftstellers. Sie sorgt für

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Norberto Fuentes: Hemingway en Cuba

Norberto Fuentes: Hemingway en Cuba, 476 Seiten, Arzalia Ediciones, Madrid 2019

Es ist heutzutage außergewöhnlich, dass ein 1984 erstmals erschienenes Sachbuch im Jahr 2019 in einer aktualisierten Überarbeitung auf den Markt gebracht wird. Doch der spanische Verlag Arzalia Ediciones hat sich an dieses Unterfangen gewagt. Hemingway en Cuba von Norberto Fuentes ist nun, nach 35 Jahren, in einer Neuauflage zu haben.

Norberto Fuentes, ein kubanischer Journalist vom Jahrgang 1943, ist einer der ersten gewesen, der auf der Karibikinsel den Spuren des Gringo Ernest Hemingways gefolgt ist. Der Nobelpreisträger hat bekanntlich von 1939 bis 1960 auf Kuba gelebt, in dem tropischen Anwesen Finca Vigía, am südlichen Stadtrand Havannas.

Das Werk von Fuentes überzeugt als beeindruckende Fleißarbeit, die Originalausgabe zählt knapp 700 Seiten. Der ehemalige Prensa Latina-Reporter hat mit Zeitzeugen aus dem direkten Umfeld gesprochen, mit Angestellten seiner Finca Vigía, mit Freunden aus Havanna. Zusätzlich hat er Fidel Castro persönlich zu Ernest Hemingway befragt. All dies macht sein Werk – damals wie heute – so wertvoll.

Dazu kann Norberto Fuentes wunderbar schreiben, es macht Spass seinen Entdeckungen und Gedankengängen zu folgen. An manchen Stellen kommt Hemingway en Cuba arg plauderhaft daher, das muss man mögen oder auch nicht. Ich jedenfalls mag es. Mit seinem subjektiven Stil schafft es Norberto Fuentes, den Leser mit auf den Zeitsprung ins Havanna der 1950er Jahre zu nehmen.

Das größte Verdient von Hemingway en Cuba hat jedoch ganz woanders gelegen. Das Buch wird Mitte der 1980er Jahre zur Initialzündung, den kubanischen Hemingway für alle Welt aus dem Dornröschenschlaf zu erwecken. Vor Fuentes Werk hat Mister Güey auf Kuba erstaunlicherweise keine allzu große Rolle gespielt. Der amerikanische Nobelpreisträger ist mehr oder weniger vergessen, vielleicht mag dies ein wenig zu viel gesagt sein, jedoch ist er in den 1960er und 1970er Jahren aus dem öffentlichen Bewusstsein Kubas weitgehend entschwunden, man hat andere Sorgen auf der Insel.

Fuentes Buch wird nun Mitte der 1980er Jahre zur Zugmaschine, die dann ganze Industrien nach sich zieht. Die Finca Vigía wird zum Museum umgebaut, der Tourismus spielt die Karte Hemingway, Havana Club kommt in westliche Spirituosen-Regale, der Nobelpreisträger wird zum wissenschaftlichen Forschungsobjekt. Zart werden die Verbindungen zwischen kubanischen und US-amerikanischen Universitäten geknüpft. Das Inventar der Finca Vigía – Hunderte Manuskriptseiten, 9.000 Bücher, unzählige Fotos – wird mit Hilfe der USA gründlich katalogisiert und digitalisiert.

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Die kubanische Originalausgabe von Hemingway en Cuba. Editorial Letras Cubanas, Habana 1984

Die Kultur – neben Ernest Hemingway übrigens auch die Musik, von Dizzy Gillespie über Irakere bis Buena Vista Social Club – sorgt für eine neue Milde im kalten Krieg zwischen Katz und Maus. Trotz Wirtschaftsboykott und Sanktionen lässt die Kultur in den Jahren des Ronald Reagan das Einfallstor für Verständigung und Zusammenarbeit nun einen Spalt breit offen. Es hat historisch einen Zeitpunkt gegeben, im Verlauf der 1980er Jahre, da hat Ernest Hemingway die einzige solide Brücke gebildet zwischen beiden ideologisch so verfeindeten Staaten.

Es ist der schlaue Fidel Castro höchstselbst gewesen, der erkannt hat, wie nützlich El Americano für das revolutionäre Regime sein kann. Ab Anfang der 1980er Jahre öffnet Castro sein klammes Land behutsam dem westlichen Tourismus, Ernest Hemingway spielt dabei ein Zugpferd. Spanien und Kanada investieren massiv in die touristische Infrastruktur der Insel. Ernest Hemingway wird sozusagen als vertrauensbildende Massnahme benutzt im  Mosaik dieser Öffnung gen Kapitalismus.

Der bärtige Revolutionsführer sucht den Kontakt zu Norberto Fuentes, einem Querkopf, der zuvor mit

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Ernest Hemingway verschlingt alles Gedruckte

In den Buchhandlungen, wie dem La Bohemia Bookstore von Havanna, kennt man Ernest Hemingway als guten Kunden. Credit Line: Ernest Hemingway Papers Collection, Museum Ernest Hemingway, Finca Vigia, San Francisco de Paula, Cuba.

Ernest Hemingway ist nicht nur ein fleißiger Schreiber, sondern auch ein Vielleser. Er kann an keiner Buchhandlung und an keinem Zeitschriftenladen vorbei gehen. Aufmerksam schaut der Amerikaner sich die Auslage an und nicht selten kauft der Autor auf ein Mal zwanzig oder mehr Bücher und Magazine, die er dann auf der Farm gründlich durcharbeitet.

Auf Finca Vigía hat der Schriftsteller zwei Dutzend Zeitschriften aus aller Welt abonniert, von Harper’s Bazaar über Field & Stream bis hin zu Cancha, einem mexikanischen Hahnenkampf-Blättchen. Oft kommt der Postbote von San Francisco de Paula zweimal am Tag auf der Farm vorbei und bringt die Post. Mit einem guten Trinkgeld geht er zurück zu seiner Poststation. 

Juan Pastor, der Chauffeur, fährt jeden Tag nach Havanna, um dort die aktuellen Zeitungen zu kaufen, immer die New York Times, aber auch lokale Blätter wie La Prensa Libre oder den kubanischen El País. Ernest Hemingway kann sich dann auf der Finca Vigía stundenlang aufs Sofa oder in sein Bett legen und ausführlich in der New York Times schmökern.

Wenn Ernest Hemingway nicht schreibt, dann

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Jane Mason, Hemingways schöne Geliebte, auf der Überholspur

Die Geliebte, die Ernest Hemingway Angst macht. Jane Mason mit dem kubanischen Skipper Carlos Gutiérrez an Bord der Anita, im Jahr 1933

Jane Mason lebt auf der Überholspur des Lebens. Partys, Liebschaften, der Champagner. Doch irgendetwas stimmt nicht mit der Geliebten von Ernest Hemingway. Vielleicht ist sie krank, sie selbst will es jedenfalls nicht wahrhaben und auch ihre Umgebung lässt sie es nicht merken. Selbst Ernest Hemingway braucht seine Zeit, bis er erkennt, was los ist. Auch Grant Mason bleiben die Gemütsschwankungen seiner Ehefrau nicht verborgen, er macht sich Sorgen. Jane ist oft angestrengt und angespannt, sie wirkt getrieben von ihren Stimmungen, oft scheint sie wie abwesend.

Jane Masons Dasein spielt sich ab – von ganz jungen Jahren an – wie in einem Prinzessinnenpalast, sie wird verwöhnt und auf einem daunenweichen Thron getragen. Trotz allen Glamours schwant ihr nun in Havanna, dass sie mit zu viel Karacho unterwegs ist auf der Straße des Lebens. Doch die junge Frau glaubt, der Schwermut würde verschwinden, wenn sie nur noch mehr Gas gibt. Ein Arzt diagnostiziert ernste Anzeichen einer manischen Depression.

Auf Kuba schaukelt die Beziehung von Ernest Hemingway und Jane Mason Anfang der 1930er Jahre im Modus von on und off hin und her. Wilde Leidenschaft wechselt ab mit Phasen von entsetzlicher Gleichgültigkeit. Man verkracht sich, trennt sich, dann fällt man sich wieder in die Arme und übereinander her. Das Paar lebt die Extreme aus, ein solides Fundament kann nicht gefunden werden, vielleicht wird es auch gar nicht gesucht. Der Nervenkitzel des Verbotenen dient als zusätzliches Aphrodisiakum, denn nach wie vor sieht die Geliebte Jane auch Ernests Ehefrau Pauline, in Havanna oder auf dem Boot.

Jane Mason entpuppt sich als Femme fatale wie sie im Buche steht. Denn auch ihren Geliebten Ernest hintergeht sie. Während einer Safari in Ostafrika im Jahr 1935 fängt sie ein Liebesverhältnis mit Richard Cooper an, mit einem schneidigen britischen Offizier, der eine riesige Kaffeeplantage in Tansania besitzt, auf der im Jahr zuvor auch Ernest Hemingway gewesen ist. Als Cooper im folgenden Jahr nach Amerika kommt, machen er und Jane dort weiter, wo sie in Afrika aufgehört haben. Jane hält den Seiten-Seitensprung vor Hemingway erst gar nicht diskret.

Die Affäre von Jane mit Richard Cooper bringt emotional das Fass zum Überlaufen. Ernest Hemingway fühlt sich nicht wohl, die Frau ist ihm unheimlich, tief im Inneren macht

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