Ernest Hemingway: Der alte Mann und das Meer. Aus dem Jahr 1952.
Viele Leser sehen in der Der alte Mann und das Meer eine Art Abenteuergeschichte. Oder eine Parabel auf die Beschwerlichkeit im Alltag eines Fischers. Dabei ist dieser Kurzroman von Ernest Hemingway sehr viel mehr. Er ist genau betrachtet eine Erzählung von biblischer Tragweite. In dem Werk wimmelt es nur so von christlichen Symbolen. Die Übereinstimmung des Leidens von Santiago und der Passion von Jesus Christ fallen mehrfach ins Auge.
Während des Kampfes mit dem Marlin schneiden die Angelschnüre tief in Santiagos Hände. Diese Symbolik erinnert an die Wundmale der Kreuzigung von Jesus Christ. Santiago schleppt des Abends den Mast seines Bootes über der Schulter durch das Dorf den Hügel hinauf zu seiner Hütte. Dies ähnelt sehr dem Moment, in dem Gottes Sohn das Kreuz nach Golgatha trägt.
Am Ende des Romans schläft Santiago in seiner Hütte auf dem Bett. Mit ausgebreiteten Armen und dem Gesicht nach unten. Auch das ist kein Zufall, uns kommt die Kreuzigungsposition in den Sinn. Insgesamt dauert der Kampf mit dem Marlin in Hemingways Roman drei Tage. Dies mag man als Zeitgleichheit zu den drei Tagen zwischen Tod und Auferstehung von Jesus Christus sehen.
Direkt im ersten Satz der Novelle stößt uns Ernest mit der Nase auf den tieferen Sinn der Erzählung. Er war ein alter Mann und fischte allein in einem Boot im Golfstrom, und seit vierundachtzig Tagen hatte er keinen Fisch gefangen. Unglaubliche 84 Tage schippert Santiago bereits auf dem Meer, ohne etwas gefischt zu haben. Auch diese Zahl ist mit Absicht gewählt. Sie entspricht in Jahren der Lebensspanne eines Menschen.
Im Kampf mit den Haien stößt der Fischer wiederholt Gebete aus. Er versucht, Kraft und Halt zu finden in seinen Glauben. Er fleht an um Beistand in einer Extremsituation. Santiago wird von Hemingway als frommer Mann angelegt. Die religiösen Porträts in seiner bescheidenen Hütte zeugen davon. Die Bilder von Jesus Christus und der Heiligen Jungfrau Maria erinnern zudem an den erzkatholischen Hintergrund Kubas.
Die religiöse Symbolik in dem Roman steht für Opferbereitschaft, für Durchhaltevermögen und Erlösung. Es sind typisch christliche Themen. Nicht zuletzt die einfache und kräftige Sprache von Hemingways Buch erinnert an
Ein ernster Ernest Hemingway im Herbst 1954 auf Kuba. Auf der linken Stirn ist er noch von den Flugzeug-Unglücken im Januar gezeichnet. Foto: Hans Malmberg, Public Domain.
Ernest Hemingway steht im erwachenden Morgenlicht seines Hauses in Ketchum, in den einsamen Bergen Idahos. Es ist Sonntag, der 2. Juli 1961, die Welt draußen schläft noch. Dieser Mann, der die Weltliteratur revolutioniert hat, wirkt in diesem Moment seltsam zerbrechlich. Langsamen Schrittes geht er in das kalte Vestibül. In seiner Hand ein Jagdgewehr, in der Tasche des Morgenmantels zwei Patronen.
Die Familiengeschichte des Nobel- und Pulitzerpreisträgers verbirgt sich eine tiefe, generationenübergreifende Tragik. Wie ein roter Faden zieht sich ein erschütterndes Muster von Suiziden durch den Stammbaum der Hemingways. Sechs Familienmitglieder teilen dieses düstere Schicksal. Da ist sein Vater Clarence, der sich im Schlafzimmer das Leben nahm, als Ernest 29 Jahre alt war. Da sind zwei seiner fünf Geschwistern sowie seine berühmte Enkelin Margaux, eine Schauspielerin, die Jahrzehnte später mit nur 42 Jahren denselben Weg wählt.
Es scheint, als erbe die Familie nicht nur Namen und Ruhm, sondern auch manisch-depressive Erkrankungen. Clarence Hemingway, von Beruf Arzt, litt unter extremen Stimmungsschwankungen und suchte Zuflucht in einsamen „Ruhekuren“. Auch Ernests Mutter Grace klagte über nervliche Beschwerden. Rückblickend diagnostizieren Wissenschaftler eine bipolare Störung – ein Vermächtnis, das auch Ernest schwer belastet.
Sein Alltag ist ein permanenter Seiltanz zwischen Größenwahn und tiefer Melancholie. Hemingway kämpft mit den Merkmalen einer Borderline- und einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Um den Dämonen zu entkommen, stürzt er sich in aggressive Sportarten, sucht Trost im Schreiben und ertränkt den Schmerz im Alkohol. Nach außen hin mimt er den unerschrockenen Macho, doch das idealisierte Selbstbild kollidiert unablässig mit seinem tatsächlichen Ich.
Er ist ein vollkommen zerrissener Charakter. Er kann höflich sein, im nächsten Moment ruppig. Großzügig und egomanisch. Oft schwankt Ernest zwischen Schüchternheit und Arroganz, zwischen Wärme und rücksichtsloser Härte. Seine partnerschaftliche Bilanz fällt elendig aus. Seine vier Ehen sind von Untreue überschattet, drei enden in einer Scheidung. Am Ende ist er ganz ohne Liebe. Zu den psychischen Wunden gesellen sich im Laufe der Jahre massive körperliche Traumata.
Unzählige Gehirnerschütterungen hinterlassen tiefe Narben. Da ist die Glasscheibe in Paris, die 1928 auf seinen Kopf stürzt, als er betrunken eine Dachfensterschnur mit der Toilettenspülung verwechselt. Da ist der Sturz auf seinem Boot, der Pilar, im Jahr 1950. Und schließlich die beiden Flugzeugabstürze in Ostafrika im Januar 1954: Beim Versuch, sich aus dem Wrack zu befreien, schlägt er den Kopf gegen die Flugzeugtür und erleidet einen Schädelbruch, bei dem Gehirnflüssigkeit aus seinem Ohr austritt.
Die körperlichen Verletzungen, kombiniert mit jahrelangem Alkoholmissbrauch, fordern ihren Tribut. Der Bluthochdruck plagt ihn, die Schlaflosigkeit wird unerträglich, Paranoia und schwere Depressionen vernebeln seinen Geist. Nach Aufenthalten in der Mayo Clinic und qualvollen Elektroschock-Therapien verliert er das, was ihm mehr bedeutet als das Leben selbst: die Fähigkeit zu schreiben. Wenn ihm vor einem Manuskript die Worte fehlen, bricht dieser vermeintlich harte Mann in Tränen aus. Seine größte Gabe hat ihn verlassen.
Ob Ernest Hemingways Suizid vermeidbar gewesen wäre, lässt sich historisch
Ernest Hemingway und Miss Mary an Bord der Pilar. Photo Credits: George Leavens. George Leavens Photograph Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.
Im Juni 1942 trägt Ernest Hemingway der US-Botschaft in Havanna eine abenteuerliche Idee vor. Der Schriftsteller will mit der Pilar im Golfstrom vor Kuba Jagd auf deutsche U-Boote machen. Das Vorhaben hört sich verrückt an, ist es auch. Die Aktion hat nichtsdestotrotz einen dramatischen Hintergrund. Seit die USA im Dezember 1941 den Kriegseintritt gegen Hitler-Deutschland erklärt haben, greift die Kriegsmarine mehr und mehr Militär- und Versorgungsschiffe entlang der nordatlantischen Routen an.
Bei Torpedoangriffe versenken U-Boote der Nazis im ersten Halbjahr 1942 im Atlantik 229 Handelsschiffe, die vor allem die Versorgung Großbritanniens sicherstellen sollten. Mit der Ausweitung des Zweiten Weltkriegs heizt sich die Lage auch auf Kuba auf. Ernest sieht nun hinter jedem Busch in den Tropen einen Nazi.
Crook Factory, die Ganoven-Fabrik, nennt der Schriftsteller seine aberwitzige Aktion mit dem ihm üblichen Humor. Doch es ist ihm ernst. Ernesto kennt einige Spanienkämpfer, die im republikanischen Geheimdienst gearbeitet haben. Sie halten deutsche U-Boote vor der Küste der Inseln für möglich. Von der amerikanischen Botschaft in Havanna erhält der bärtige Autor eine Sondergenehmigung für den Umbau der Pilar zu einem kampftauglichen Patrouillenboot.
Hemingways zwölf Meter langes und 3,70 Meter breites Fischerboot wird umgerüstet. Das kleine Boot verfügt über eine speziell angefertigte Flying Bridge, die das Steuern von oben ermöglicht. Angetrieben wird es von einem 75 PS starken Chrysler Hauptmotor. Die Pilar erreicht eine Geschwindigkeit von 16 Knoten, knapp 30 Kilometer pro Stunde, und hat einen geringen Tiefgang von 1,07 Metern.
Die Pilar wird bis zum Anschlag mit Lebensmitteln, Ortungs- und Peilgeräten sowie mit Kriegsgerät beladen. Das kompakte Boot gleicht nun einer Kammer mit Waffenarsenal, statt Angelutensilien werden Jagdgewehre, Sportflinten, Maschinenpistolen und Handgranaten an Bord gebracht. Der Schriftsteller hat für seine Crook Factory eine bunte Truppe zusammen getrommelt.
Zu einer Späher-Abteilung an Land gehören Privatdetektive aus Havanna, junge Jai Alai-Spieler, ein asiatischer Funker und Kellner aus seinen Kneipen in der Altstadt. An Bord der Pilar dürfen neben Ernest, sein Maat Gregorio, ein Fischer aus Cojímar und der Funker. Auch die Söhne, der 14-jährige Patrick und der drei Jahre jüngere Gregory, sie sind auf Urlaub in den Schulferien beim Vater, dürfen mit an Bord.
In den darauffolgenden Wochen patrouillieren Ernest Hemingway und seine Mannschaft den Golfstrom rauf und runter. Die Aufgabe der Besatzung ist klar: Auf dem Meer nach Nazis, Faschisten oder sonstigen sinistren Typen Ausschau halten. Die Gewässer um die einsamen Inseln entlang des Tiefwasserkanals zwischen Kuba und den Bahamas werden nach Anzeichen deutscher Truppenaktivitäten abgesucht. Als passionierter Fischer kennen Ernest und besonders Gregorio jedes Riff, jede Untiefe und jede Sandbank in der Gegend.
Als provisorischer Brückenkopf wird auf der Insel Cayo Confites ein Lager errichtet. Strategisch günstig, bietet das nordöstlich vor Kuba gelegene Eiland zudem einen großen Vorteil. Menschenleere malerische Strände. Hemingways Team nutzt die winzige Insel zur Übernachtung, als Nachschubstation und als sicheren Verbleib für die Söhne.
Die Pilar steuert im Juli und August 1942 entlang der vermuteten Routen der U-Boote. Als Zeitvertreib verbringt die Besatzung den Tag mit stundenlangem Angeln. Die Männer an Bord essen Unmengen an Fisch und Obst. Abgegriffene Romane werden herumgereicht und abenteuerliche Geschichten erzählt. Patrick und Gregory liegen meist auf dem Bug und sonnen sich. Das Team kehrt spät nachmittags zum Basislager in Cayo Confites zurück, um die Beobachtungsberichte an die US-Botschaft zu funken.
Ernest Hemingways Nazi-Jagd endet mit den Schulferien der Söhne. Eine tollkühne Räuberpistole, diese Suche nach Nazis in der Karibik. Die bizarre Aktion wird ein Schlag ins Wasser. Denn Ernest Hemingway und die anderen stoßen
Zum Meer zieht es diesen kernigen Burschen aus Oak Park bei Chicago. Ernest Hemingway in Cabo Blanco, Peru. Im April 1956. Foto: Modeste von Unruh.
Am Meer fühlt Ernest Hemingway sich der Natur so nahe wie nirgends. Herausforderung und Erlösung zugleich findet er am blauen Ozean. Er war ein alter Mann, der allein in einem kleinen Boot im Golfstrom fischte, und er war jetzt vierundachtzig Tage hintereinander hinausgefahren, ohne einen Fisch zu fangen. Mit solch einer Präzision hat eine Parabel auf das Leben anzufangen. Kein Wort zu viel, kein Wort zu wenig. Hier hat jemand etwas begriffen.
Dieser rabaukenhaft auftretende Romantiker verneigt sich mit ganz persönlicher Dankbarkeit vor dem Meer. Und mit viel Demut. Eigentlich ist Demut nicht gerade seine Stärke, doch nahe dem weiten Wasser kann er solche Gefühle zulassen. Das Leben dieses Schriftstellers erschließt sich über das Meer, es bleibt im Denken des Ernest Hemingway der Dreh- und Angelpunkt.
Zeit seines Lebens zieht es ihn an Orte, die dem Meer nahe sind. Nach Cojímar und dem Golfstrom, nach Venedig, wo sich sein Zimmer im Gritti gleichsam mitten im adriatischen Meer befindet, nach La Cónsula bei Málaga, nach Conil ins sonnige Andalusien, nach Barcelona am Mittelmeer, nach Cabo Blanco am Pazifik Perus, nach Key West. Alles Orte, die eingerahmt werden vom Wasser.
In vielen seiner Werke singt er seine Lobeshymne auf das große Meer. Auf den ersten Blick mag es erstaunen, wie liebevoll und wie zärtlich dieser Rüpel und Trunkenbold über das Meer und über die Menschen am Meer schreiben kann. Wen wundert es, dass dieser Amerikaner aus Chicago eine der anmutigsten Liebeserklärungen an das Meer verfasst hat, die jemals zu Papier gebracht worden ist.
Der alte Mann und das Meer, mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, ist eine kurze Erzählung über die Niederlage trotz Sieg. Ein Gleichnis auf das Leben, in der ein einfacher Fischer uns aufzeigt, was Würde ausmacht. Und da sind wir wieder bei den typischen Hemingway-Helden. Bei den Kriegern, die ihren Kampf ganz alleine ausfechten.
Auch der alte Fischer Santiago ist so ein einsamer Kämpfer, der sich tagein, tagaus schindet. Obwohl ihm bewusst ist, dass seine Anstrengung im Misserfolg enden wird. Die Unergründlichkeit der Natur, so lieblich sie an manchen Tagen erscheinen mag, deutet allen Lebewesen zugleich eine klare Grenzziehung an. Der Mensch kann diesen Kampf gegen die Schöpfung nicht gewinnen.
Dennoch bietet das Meer dem Menschen Trost. Es ist wie eine gute Mutter, zu der man immer zurückkommen kann, einerlei wohin es einen gezogen hat und was man so getrieben hat. Früher oder später muss man eh zum Meer. Ir al mar, sagen die Spanier, zum Meer gehen. Auf den Endpunkt zulaufen. Das Meer ist mächtiger als der Mensch, ohne sein Zutun speit es ihn aus und verschluckt ihn später.
Welche Religion man auch fragt, das Meer bleibt ein Mysterium von Werden und Vergehen, ein Mythos, der sich unserem trockenen Denken entzieht. Menschliches Leben entstammt dem Meeresgrund, aber im Meer findet sich auch der Tod. Diese grandiose Ambivalenz hat der Amerikaner Ernest Hemingway in einfachen Sätzen beschrieben. Und möglicherweise hat er so meisterlich über den Menschen schreiben können, weil er das Meer verstanden hat.
Der Mensch in seinem mickrigen Boot müht sich ab tagein, tagaus auf dem großen Meer, das wir Leben nennen. Letztendlich vergebens. Die endlosen Wassermassen liegen
Freunde und Vertraute auf Kuba: Dr. José Luis Herrera Sotolongo, Juan Duñabeitia und Ernest Hemingway.
Man stelle sich vor, du hättest deine erste Schreibaufgabe in der Highschool darüber geschrieben, mit den Hemingways auf Kuba zu Abend gegessen zu haben. Niemand hätte dir geglaubt. Und noch schlimmer: Deine Englischlehrerin – ausgerechnet eine Barmherzige Schwester! – hätte dich vor deinen neuen Mitschülern als Lügnerin bezeichnet. Auch zu Hause hättest du kein Mitgefühl erfahren. „Das hättest du niemals schreiben dürfen“, spottete deine Mutter. „Dein Vater hat uns vergessen. Die Vergangenheit ist vorbei.“
Du fühlst dich, als hättest du alles verloren – deine Muttersprache, deine Kindheitsfreunde. Vor allem aber die Liebe eines einst so fürsorglichen Vaters, nachdem deine Mutter aus persönlichen und politischen Gründen beschlossen hatte, mit ihren beiden Kindern nach New York City auszuwandern. Margarita musste nun auf die englische Version ihres Namens hören: Margaret.
Statt in einer Wohnung mit Meerblick in Miramar lebte Margaret nun als eine der ärmsten Schülerinnen in ihrer Klasse in der Bronx. Ständig geriet sie in Schwierigkeiten, weil sie kein Barett, keine Handschuhe, keinen Rosenkranz oder keine Bibel besaß. Nicht, weil sie rebellisch oder vergesslich gewesen wäre (oh nein, das war sie nicht!). Ihre Mutter konnte sich diese Dinge einfach nicht leisten.
Ist es da verwunderlich, dass sie die bittersüßen Erinnerungen an ihre privilegierte Kindheit für sich behielt – so sehr, dass sie sie Jahrzehnte später sogar vor ihren eigenen Kindern verbarg? Doch die Vergangenheit ist niemals wirklich vorbei. Sie ist eine Reihe aufeinanderfolgender Ausgangspunkte, von denen aus wir uns in die eine oder andere Richtung wenden.
Eines Tages, als ich durch Fotos von Hemingways Schreibrefugium in Kuba, der Finca Vigía – heute ein Museum – scrollte, bemerkte ich, dass dessen Hausmeister eine verblüffende familiäre Ähnlichkeit hatte – mit meiner Highschool-Freundin Margaret! Sofort schickte ich ihr den Artikel per E-Mail. Könnten sie möglicherweise verwandt sein? „Ach klar“, antwortete sie ganz beiläufig. „Das ist mein Cousin Armandito.“
Ihre Bemerkung löste eine kleine Kampagne aus, um die Ehre meiner Freundin wiederherzustellen. Unsere Englischlehrerin hatte die Klosterschule längst verlassen – was auch gut so war. Aber ich wollte, dass unsere ehemaligen Mitschüler erfuhren, dass Margaret keineswegs gelogen hatte, sondern ihre Beziehung zu Papa Hemingway sogar untertrieben hatte.
Margaritas Vater – Dr. José Luis Herrera Sotolongo – war Ernest Hemingways persönlicher Arzt und enger Vertrauter. Viele der ikonischen Fotos von Papa und seiner damaligen Frau Mary wurden von ihrem Onkel Roberto aufgenommen. Ein weiterer Onkel – Armando – vervollständigte das Trio der Brüder im Freundeskreis der Hemingways.
Ernest und die Brüder Herrera Sotolongo lernten sich in Spanien während des Spanischen Bürgerkriegs kennen. Hemingway war als Kriegsberichterstatter tätig und eng mit der 15. Internationalen Brigade (der „Lincoln-Brigade“) verbunden. Margarets zukünftiger Vater diente zu dieser Zeit als Chefarzt der 12. Internationalen Brigade (der „Garibaldi-Brigade“). Diese republikanischen Brigaden wurden von der Sowjetunion unterstützt und kämpften gegen die Truppen von General Francisco Franco, die vom faschistischen Deutschland und von Italien unterstützt wurden.
Ernest Hemingways Arzt auf Kuba: Dr. José Luis Herrera Sotolongo (Madrid 1913 – Havanna 1995).
Wie in vielen Bürgerkriegen waren auch spanische Familien gespalten. Es heißt, dass aristokratische Mitglieder von Margarets Familie gemeinsam mit dem ehemaligen König Spaniens, Alfonso XIII., ins Exil nach Frankreich und Italien gingen. Solch eine Familienbande sollte sich als lebenswichtig erweisen, nachdem der General Franco den Bürgerkrieg gewann. Obwohl man argumentieren könnte, dass die Rolle eines Arztes humanitär angelegt sei, wurde Dr. Herrera Sotolongo zum Tod durch ein Erschießungskommando verurteilt. Dank seiner familiären Verbindungen wurde das Urteil zunächst in lebenslange Haft und schließlich in dauerhaftes Exil auf Kuba umgewandelt. Seine Brüder sollten ihm bald dorthin folgen.
In ihrem Highschool-Aufsatz beschrieb Margaret auf charmante Weise, wie sie ihren Vater samstags begleitete, um Papa zu besuchen. Wie sie auf einem abgenutzten Korbstuhl saß, der ihre Beine zerkratzte, und ihm beim Schreiben zusah. Wie sie Ernests Ehefrau Mary im Garten half oder sich mit ihrer Mutter verschwörte, um das servierte Schildkröten-Steak heimlich zu entsorgen, während die Männer am anderen Ende des Tisches saßen und endlos den Spanischen Bürgerkrieg wieder aufleben ließen.
Als sich die Gäste später an diesem Abend auf der Finca Vigía versammelten, um einen Meteoriten-Schauer zu beobachten, ahnte niemand, dass in jenen Tagen das Ende einer Ära eingeläutet wurde. Wie Margaret eindringlich kommentiert: „Kurz darauf übernahm Fidel Castro die Macht, und das Leben, wie wir es kannten, war für Millionen von uns vorbei.“
Margarita Herrera bei Gartenarbeiten. Ein Hobby, das sie damals mit Mary Hemingway teilte.
Ernests körperliche und geistige Verfassung begann sich zu verschlechtern, und Mary brachte ihn in die Vereinigten Staaten, wo er Schocktherapien unterzogen wurde, um ihn von der alkoholbedingten „Wahnvorstellung“ zu heilen, er werde überwacht. Doch freigegebene FBI-Akten legen nahe, dass dies keine Einbildung war. Die US-Regierung hatte ihn seit seiner Zeit als Journalist im Spanischen Bürgerkrieg als möglichen kommunistischen Sympathisanten überwacht.
Hemingways enge Beziehung zu den spanischen Exilanten in Kuba sowie eine viel fotografierte – jedoch einmalige – Begegnung mit Fidel Castro bei einem Angelturnier befeuerte die Verdächtigungen der US-Regierung noch mehr. Dr. Herrera erklärte, dass Fidel Castro wiederholt um ein Treffen mit Hemingway gebeten hatte, der Schriftsteller jedoch zögerte, darauf einzugehen.
Doktor José Luis Herrera Sotolongo wurde später Kubas erster Gesundheitsminister unter Fidel Castro. Margarita und ihr Bruder sollten ihren Vater nie wiedersehen. Er starb 1995 auf Kuba im Alter von 82 Jahren. In einem seltenen Interview sagte Margarets Vater über den Selbstmord des berühmten Schriftstellers knapp: „Er hätte auf Kuba sterben sollen.“
Cuban friends and close confidants: Dr José Luis Herrera Sotolongo, Juan Duñabeitia and Ernest Hemingway.
What if for your first writing assignment in high school, you wrote about having dinner with the Hemingways in Cuba, and no one believed you? And worse, your English teacher – a Sister of Charity, no less! – called you a liar in front of your new classmates. Nor would there be any empathy at home. „You should never have written that.“ Your mother scoffed. „Your father has forgotten us. The past is past.“
You feel as though you lost everything – your native language, your childhood friends, but most of all, the love of a once doting father, when your mom decided, for personal and political reasons, to emigrate to New York City, with her two children. Margarita now had to answer to its English translation, Margaret. From an apartment overlooking the sea in Miramar, Margaret was now among the poorest students in her Bronx classroom. She was always getting into trouble, for not having her beret, gloves, rosary or Bible. Not because she was rebellious or forgetful (oh no, she wasn’t that)! Her mother simply could not afford those items.
Is it any wonder that she would keep the bittersweet memories of her privileged childhood to herself – to the point of shielding them from her own children decades later? But the past is never past. It is a series of successive points of departure, from which we turn in one direction or the other.
One day, scrolling through photographs of Hemingway’s writing haven in Cuba, Finca Vigía, now a museum, I noticed that its caretaker bore an uncanny family resemblance – to my high school friend, Margaret! I immediately emailed the article to her. Could they possibly be related? „Oh sure,“ she replied casually. „That’s my cousin Armandito.“
That sparked a campaign to vindicate my friend’s honor. Our English teacher had long left the convent, as well she should have. But I wanted our classmates to know that far from lying, Margaret had modestly understated her relationship to Papa Hemingway. Her father, Dr José Luis Herrera Sotolongo was Ernest Hemingway’s personal physician, and close confidant, and many of the iconic photos of Papa and his then wife Mary were taken by her Uncle, Roberto. Another uncle, Armando, completed the trio of brothers in Hemingway’s orbit.
Ernest Hemingways physician: Dr José Luis Herrera Sotolongo (Madrid 1913 – Havana 1995).
Ernest and the Herrera Sotolongo Brothers met in Spain during the Spanish Civil War, when Hemingway was a war correspondent, working closely with the 15th („Lincoln“) International Brigade. Margaret’s future father, meanwhile, was serving as Chief Surgeon in the 12th („Garibaldi“) International Brigade. Their Brigades were backed by the Soviet Union (Republicans), and fought against the forces of General Francisco Franco, who had the support of Germany and Italy (Fascists).
As in many Civil Wars, Spanish families were divided. It is said that aristocratic members of Margaret’s family went into exile in France and Italy with the former King of Spain, Alfonso XIII. Such relationships would prove vital when General Franco won the war. Although it might be argued that a doctor’s role is humanitarian, Dr Herrera Sotolongo was sentenced to death by firing squad. Thanks to his family connections, his sentence was commuted, first to life imprisonment, and finally to permanent exile in Cuba. His brothers would soon join him there.
In her high school composition, Margaret charmingly described accompanying her father on Saturdays to see Papa. Of sitting in a worn wicket chair that scratched her legs, and watching him write. Of helping Mary in the garden, or conspiring with her mother to ditch the turtle steak placed before them, while the men sat at the other end of the table, endlessly reliving the Spanish Civil War.
As the dinner guests gathered later that night to watch a meteor shower from Finca Vigía, no one imagined that it was the end of an era. As Margaret poignantly states, „Shortly after, Fidel Castro took over, and life as we knew it ended for millions of us.“
Margarita Herrera in her garden, a pastime she shared in Cuba with Hemingway’s wife, Mary.
Ernest’s physical and mental heath began to decline, and Mary took him to the United States, where he was subjected to shock treatments to cure him of the alcoholic „obsession“ that he was being watched. Declassified FBI files suggest that it was no delusion. The U.S. government had had him under surveillance as a possible Communist sympathizer, since his time as a journalist during the Spanish Civil War.
Hemingway’s close relationship with the Spanish exiles in Cuba, as well as a much photographed – but single – encounter with Fidel Castro at a fishing tournament, did not allay the government’s suspicions. Doctor Herrera stated that Fidel Castro repeatedly asked to meet Hemingway, but the writer expressed his reluctance to do so.
José Luis Herrera Sotolongo would become Cuba’s first
Ernest Hemingway auf dem Meer. Vor Cabo Blanco in Peru, April 1956. Foto: Modeste von Unruh/Colorized. Archiv Dr. Stock.
Er gilt als Rabauke und Raufbold der Weltliteratur. Möglicherweise ist Ernest Hemingway dies zu Beginn seines Werdegangs auch gewesen. Doch dieser flegelhaft auftretende Kerl, er ist vom Jahrgang 1899, hat eine Entwicklung durchlaufen. Von der Kriegsfront im Ersten Weltkrieg über die Stierkämpfe in Pamplona und den Safaris in Ostafrika bis hin zum alten Mann ist es ein weiter Weg. Ebenso wie der von einem scheinfrommen Vorort von Chicago bis hin ins tiefgläubige katholische Kuba.
Möglicherweise erlebt er die Reifung vom selbstgewissen Rebellen hin zum aufrichtig Suchenden. In seinem Spätwerk – vor allem in Der alte Mann und das Meer aus dem Jahr 1952 – hat Hemingway uns Erzählungen hinterlassen, die vor religiösen Chiffren und gottesfürchtigen Metaphern nur so übersprudeln. Man muss indes sorgfältig lesen, denn der Entwicklungsprozess hin zu einem spirituellen Autor weiß der Amerikaner aus Oak Park gekonnt zu verstecken.
Da ist Santiago, der alte Mann aus Cojímar. Der schlichte Fischer kehrt zurück in das Heimatdorf, er hat seinen prächtigen Fang an die Haie verloren. Die Mühsal vieler Tage und Wochen ist umsonst gewesen. Der alte Fischer ist geschlagen, doch nicht gebrochen. Am nächsten Tag wird es ihn mit seinem schlichten Holzboot wieder auf das weite Meer ziehen. Zum Meer hin. Vom Meer heimkommen. Eine starke Metapher.
Das Meer nimmt den Menschen auf, an den meisten Tagen wirft es ihn zurück ins Leben. Niemand weiß, was der folgende Tag auf dem Meer bringen wird. Zumal selbst ein freudiger Abschluss einer Täuschung unterliegt. Über das große Ganze entscheiden andere, Fang und Rückkehr liegt nicht in den Händen des Menschen. Das Meer, was immer und wer immer auch damit gemeint sein mag, ist mächtiger.
La Mar. Umgangssprachlich nennen die meisten Fischer in Lateinamerika das Meer la Mar. Obwohl das Meer im Spanischen offiziell maskulin ist. El Mar. Auch der alte Fischer Santiago, so schreibt Ernest Hemingway in seinem Werk, dachte an die See immer an „la mar“, so nennt man sie auf Spanisch, wenn man sie liebt. Der alte Mann dachte immer an sie als etwas Weibliches, als etwas, was große Gunst gewährt oder vorenthalten kann.
Wie der Ausgangspunkt des Lebens erscheint das Meer, ebenso wie sein Endpunkt. Die Göttin der Liebe und der Schönheit – Aphrodite bei den Griechen und Venus bei den Römern – entsteigt traumhaft den Fluten. Das mit Blut und Samen vermischte Meereswasser schäumt auf und gebiert ein Lebewesen. Die schaumgeborene Göttin, die Herrscherin über Sexualität und Begierde, sichert die Fortpflanzung des Menschen.
Womit ein Pol des Lebens beschrieben wäre. Der andere Pol ist im Spanischen erstaunlicherweise feminin. La Muerte. Der Tod. Im Deutschen maskulin. Eigentlich verrät diese Konnotation die dahinter stehende Geisteshaltung. Das Mindset, wie es im modernen Sprachgebrauch heißt, verrät die Gesinnung der Hispanos. Viva la muerte, brüllen die Revolutionäre in allen Farben. Es lebe der Tod.
Am Meer geht es im Spanischen auch zu Ende. Volver al mar, klagen die Iberer altüberliefert, zum Meer zurückgehen. Und meinen damit, jetzt läuft es auf den Schlusspunkt zu. Die Philosophen sehen im Meer, das sich von den zufließenden Flüssen speist, aber nie überläuft, das Sinnbild für den Kreislauf des menschlichen Seins. Das Meer gibt und nimmt das Leben.
Das Meer ist mit einer Naturkraft ausgestattet, ohne die sich die Erde nicht drehen könnte. Es ist mächtiger als der Mensch. Und deshalb hat Hemingway zu Ende seines Lebens eine Erzählung zu Papier gebracht, in der kein
Ernest Hemingway und Fidel Castro haben sich einmal gesehen. An Land, bei einem Angel-Wettbewerb im Mai 1960. So einträchtig auf dem Meer – das kann allerdings nur die Künstliche Intelligenz unserer Tage. Foto: AI Grok.
In der Nacht vom 6. Februar 1984 führt der kubanische Journalist Norberto Fuentes im Palast der Revolution von Havanna ein ausführliches Interview mit Fidel Castro. Das einzige Thema: Ernest Hemingway. Was der Revolutionsführer über den US-amerikanischen Schriftsteller ausplaudert, ist hochinteressant. Man merkt, die Anmerkungen bleiben nicht bloß dahin gesagt, sondern hier kennt sich einer aus.
Hemingways Werke waren für mich stets gute Begleiter. Es ist doch so, dass man sich in bestimmten Büchern wiederkennen kann. Bei mir war es so, dass ich mich auf der Stelle mit Hemingways Erzählungen identifizieren konnte.
Der berühmte US-Autor, in Chicago geboren, lebte 21 Jahre auf Kuba. So lange hat seine Heimat ihn nie gesehen. Dabei fühlte er nahezu wie ein Kubaner, er fügte sich wie selbstverständlich ein in die fremde Welt. Aus Überzeugung. Mit Freude. Er lernte die Sprache. Die Finca Vigía, im Süden von Havanna. war sein Rückzugsort gewesen. Unter tropischen Palmen regierte hier das schiere Glück. Kuba und Ernest Hemingway, es passte wie Yin und Yang. Die Wertschätzung erfolgte aus beiden Richtungen.
Ich muss „Wem die Stunde schlägt“ mehr als drei Mal gelesen haben. Und ich kenne den Film. Ich habe auch „In einem andern Land“ und „Der alte Mann und das Meer“ mehrfach gelesen. Dazu seine Erlebnisse in Afrika – ich beziehe mich auf seine Erzählungen und Artikel. Alles habe ich verschlungen. Und natürlich die Stücke über seine Abenteuer in der Karibik.
Der Jurist und Rechtsanwalt Fidel Castro ist ein Mann mit hohem Scharfsinn. Studiert, belesen, charismatisch. Man übertreibt wohl nicht, wenn man den Yankee Ernest Hemingway als seinen Lieblingsautor bezeichnet. Dies überrascht, denn Kuba selbst hat viele erstklassige Schriftsteller hervorgebracht. Man sollte dieser wunderlichen Zuneigung also auf den Grund gehen.
Der erste Grund, warum er mich anzieht, ist sein Realismus. Weil Hemingway mich alles mit großer Sauberkeit und Klarheit sehen lässt. Es gibt keine Schwachstellen in seinen Texten. Alles ist überzeugend und alles ist so wirklichkeitsnah. Er hat das Talent, dich in die afrikanische Tiefebene oder in eine Stierkampfarena zu entführen, und es fällt dir schwer, das Gelesene zu vergessen. Weil es so geschrieben ist, als hättest du es selbst erlebt.
Ernest Hemingway ist bekanntlich ein Mann des Meeres. Er liebt das große Wasser über alles. Am liebsten hält er sich nahe dem Ozean auf. Für ihn ist das Meer ein Symbol von Freiheit und Unabhängigkeit. Dazu die Quelle der Evolution. Das Meer gebiert das Leben und am Ende nimmt es das Leben. Es ist unsterblich, da hat es dem Menschen etwas voraus. Diese wundersame Kraft des Meeres ist gleichsam das Thema des Ernest Hemingway.
Ich will etwas verraten. Ein anderer Grund meiner Bewunderung: Hemingway schreibt über das Meer. Ich verbringe viel Zeit auf dem Wasser. Wenn es irgendwie geht, versuche auch ich, ans Meer zu kommen. Ich kenne ihn und ich bewundere ihn. Ich glaube, ich verstehe Hemingways Gefühle, wenn er auf unseren Gewässern segelt.
Er ist ein Weltenbummler, dieser Hemingway. Ein Abenteurer, ohne Frage. Ernesto, ein Mann mit Cojones. Ein kerniger Kerl, der unbeirrt seinen Weg geht. Mit Rückgrat. Und einer, der sich einen Dreck darum schert, was am Wegesrand getuschelt wird.
Ein anderer Grund meiner Bewunderung ist, dass Hemingway ein Abenteurer war. Ein Abenteurer im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Gefühl, das meiner Meinung nach schön ist. Ein Abenteurer ist ein Mensch, der mit der Welt um sich herum unzufrieden ist und es als seine Aufgabe sieht, sie zu verändern. Er muss mit Konventionen brechen. Um dies zu tun, stürzt er sich ins Abenteuer. Dabei lernt er, dass die Welt auch ihn verändern wird. Er wird nicht unversehrt aus diesen Kämpfen kommen. Verletzungen sind unvermeidlich.
Nun ist Ernest Hemingway kein Revolutionär im strengen Sinn gewesen. Ein Marxist schon gar nicht. Auch wenn Fidel Castro ihn ein wenig für seine Ziele einvernehmen möchte. Doch für kollektivistische Ideen ist der Nobelpreisträger eigentlich nicht zu haben. Dazu ist er viel zu sehr Individualist. Kann ein Individualist zugleich Revolutionär sein? Nach innen vielleicht?
Der andere Grund, warum ich Hemingway schätze, hat mit dem zu tun, was ich seine Kühnheit nennen würde. Aber diese Eigenschaft ist etwas, das ich nicht nur an Hemingway, sondern an allen Schriftstellern bewundere.
Möglicherweise hat der Comandante etwas gelernt aus den Romanen und Erzählungen des Amerikaners. Bei dieser Frage kommt der Revolutionsführer ins Schwärmen. Mit Abstand betrachtet, wirkt er in diesem Punkt allerdings ein wenig unglaubwürdig.
„Wem die Stunde schlägt“ erzählt von einer Guerilla und davon, wie sie als Nachhut in einem vom Feind kontrollierten Gebiet völlig frei agieren kann. Ich bin fasziniert von der lebhaften Beschreibungen in diesem Roman. Als ich das Werk zum ersten Mal las, als Student, kam mir vor Augen, wie eine subversive Rebellion aus politischer und militärischer Sicht bei uns auf Kuba aussehen könnte. Als wir dann selber kämpften, wuchs mir das Buch noch mehr an Herz.
Wie steht es um sein berühmtestes Werk? Der alte Mann und das Meer – abgesehen davon, dass diese Erzählung ein nahezu perfekter Roman ist – scheint mir ein höchst merkwürdiges Buch. Diese Novelle handelt von dem kubanischen Fischer Santiago, von dem Jungen Manolín als seinem Helfer, die Handlung spielt sich ab in einem kargen kubanischen Fischerdorf und vor allem auf dem Golfstrom vor Kuba. Alles an dem Roman ist kubanisch – nur sein Autor nicht.
Ich halte „Der alte Mann und das Meer“ für ein Meisterwerk. Es ist außergewöhnlich, dass ein Autor in der Lage ist, so einen fesselnden Roman zu schreiben mit einer einzigen Figur, die sich tagelang in einem Boot auf dem Meer befindet. Mit einen Mann, der zu sich selbst spricht. Ich sage Ihnen, was ich an Hemingway am meisten mag, es sind die Monologe. Ich kenne keinen anderen Autor, der dazu in der Lage ist.
In der Tat spielt sich die Handlung in der kleinen Schaluppe auf dem Golf von Mexiko ab. Wobei der Begriff ‚Handlung‘ ein wenig übertrieben scheint. Zwar kämpft der alte Mann Santiago gegen die gefräßigen Haie, der eigentliche Gegner jedoch scheint ein anderer. Und so kommt es, dass der einfache Fischer andauernd mit sich selber spricht, aber möglicherweise sind seine Monologe, sie kommen dem Leser vor wie Gebete und Fürbitten, an jemand anders gerichtet.
Als ich den Roman zum ersten Mal las, hätte ich mir vielleicht etwas mehr Action gewünscht. Ich habe den Wert dieses Werkes damals nicht in seiner Ganzheit schätzen können. Aber je öfter ich „Der alte Mann und das Meer“ gelesen habe, desto mehr bewundere ich die Erzählung. Wie Hemingway die Aufmerksamkeit des Lesers fesseln kann, allein durch den Dialog eines Mannes mit sich selbst. Und dann kommt die letzte Frustration.
Hemingways Novelle geht tief, sehr tief. Dies hat Doktor Fidel Castro treffsicher erkannt. Ein Mann kämpft, gegen wen und was auch immer. Die 84 Tage des Fischers Santiago auf dem Meer mögen das Abstrampeln des Menschen auf seinem Lebensweg symbolisieren. Die Botschaft wird schnell klar, gekämpft werden muss immer. Um das kleine Glück des kleinen Menschen festzuhalten.
Der Mensch kann sich der widrigen Umgebung stellen, er muss es sogar tun. Der Ausgang des Kampfes ist offen, der Triumph wird nicht immer erreicht werden. Aber die Aufforderung ist, es zu versuchen, den Kampf aufzunehmen. Und dies ist die Botschaft Hemingways, die wir hier, in Kuba, inmitten einer Revolution, im Kopf behalten haben.
Die Haltung des US-Amerikaners zum kubanischen Umsturz des Fidel Castro und des Che Guevara ist zwiespältig. Eigentlich hat er sich nicht mehr vereinnahmen wollen, wie damals im Spanischen Bürgerkrieg. Er hat Freunde auf beiden Seiten. Jedoch mit dem Bauch und den Gefühlen neigt er den bärtigen Revolutionären zu. Der Kopf sendet ihm das eine oder andere widersprüchliche Signal. Doch El Comandante will den berühmten Schriftsteller – nachträglich – ganz auf seine Seite ziehen.
Hemingway war in den entscheidenden und sehr schwierigen Momenten ein wirklicher Gefährte. Auch wir sind seit Jahrzehnten verwundbar und der Zerstörung ausgesetzt. Aber die revolutionäre Losung ist immer wieder und fest: „Den Rückschlag in einen Sieg verwandeln“. Oder: „Sie können uns tausendmal vernichten, aber niemals besiegen“. Das sind revolutionäre Schlachtrufe bei Kundgebungen und Paraden in den letzten 20 Jahren. Hemingway hatte absolut Recht: Ein Mensch kann zerstört werden, aber niemals besiegt.
Ernest Hemingway und Fidel Castro sind sich auf Kuba ein einziges Mal über den Weg gelaufen. Am 15. Mai 1960 beim Torneo Anual de Pesca in Marina Barlovento nahe bei Havanna. Der Revolutionsführer macht beim Angel-Wettbewerb mit und – wie sollte es anders sein – gewinnt das Turnier. Ernest Hemingway ist anwesend, sie treffen sich bei der Pokalübergabe. Es bleibt keine Zeit zum gründlichen Gespräch. Nur ein wenig Small Talk. Dabei wäre der Meinungsaustausch zwischen beiden Bärtigen wohl
Oje, die Krawatte mal wieder viel zu kurz gebunden. Ernest Hemingway auf Reisen. In Talara, in Nordperu, am 16. April 1956. Foto: Mario Saavedra-Pinón.
In einer famosen Reportage für die Zeitschrift HOLIDAY lässt Ernest Hemingway im Juli 1949 tief in sein Inneres blicken. Seit zehn Jahren lebt der amerikanische Starautor auf einem tropischen Anwesen in der Nähe von Havanna. Die Menschen fragen mich, warum ich auf Kuba lebe, und ich sage, weil ich es mag. So weit, so gut. Doch jetzt wird es spannend. Ich kann natürlich auch sagen, ich lebe gerne auf Kuba, weil ich Schuhe nur anziehen muss, wenn ich in die Stadt fahre. Schuhe, immer wieder die Schuhe.
Kein Zweifel, der US-Amerikaner passt wunderbar zu Kuba. Zu dem anarchischen Alltag, zu dem beschaulichen Ehrgeiz, zur entspannten Lebenslust. Er kann sich nicht vorstellen, in New York oder Boston zu leben, seine Heimat ist ihm über die Jahre irgendwie fremd geworden. Und so lässt er sich auf der Insel am liebsten mit Ernesto ansprechen, als einer der ihren. Ernest Hemingway ist ein altmodischer Mann in einem altmodischen Land.
Der Schriftsteller hasst diese aufgesetzte Theatralik anderenorts. Das Geschnatter in der Großstadt, die sozialen Verwicklungen der urbanen Mittelschicht. Alles Oberfläche für ihn, im besten Falle Zerstreuung und Ablenkung vom Alltag. Darum sollen sich andere Autoren kümmern, sein Kosmos ist bodenständig und heißt Italien, Andalusien und Ostafrika. Es sind die Berge und Wälder, die ihn faszinieren, die wilden Stiere, die weite Steppe, das blaue Meer.
Als sein Nachbar Frank Steinhart in San Francisco de Paula April 1948 den Besuch des feinen Duke of Windsor anzeigt und zu einer eleganten Party lädt, da muss er mehrmals überredet werden. Eigentlich will er dort nicht hin, es ist nicht seine Welt. Lieber bleibt er auf seiner Finca Vigía. Doch Steinhart lässt nicht locker, drängt wiederholt am Telefon, Ehefrau Miss Mary pocht ebenfalls auf Teilnahme ihres Gatten.
Schließlich lässt der prominente Schriftsteller sich breitschlagen und geht widerwillig hin. Allerdings nicht in feinem Zwirn und langer Hose, sondern wie im Alltag, in Shorts und Sandalen. Ganz so, als komme er geradewegs vom Swimming-pool im Garten. Unter all den Anzugsträgern wird der Autor zum Tuschel-Thema des Abends. Doch der ehemalige König Eduard VIII. nähert sich ihm, man unterhält sich zwanglos. Schließlich legt der englische Aristokrat sein Jackett ab und lockert seine Krawatte.
Schuhe, Schlips, Sakko. Ein Graus für Ernesto. Wenn er auf Reisen ist, zieht er im Hotelzimmer als erstes das dicke Jackett und sein langärmeliges Hemd aus. Er entledigt sich der langen Hose, schießt die steifen Schuhe in die Ecke, rupft die Socken und feuert die blöde Krawatte in den Koffer. Dann kramt er die weißen Shorts hervor, streift ein kurzärmeliges Polo aus Baumwolle über und schlüpft in offene Sandalen.
Freunden und Besuchern fällt auf, dass er wenig Wert auf Kleidung legt. Die Farbe des Jacketts, in der Regel grünlich, ist, nun ja, von unbegrenzt modischem Zauber. Man sieht, der prominente Autor hat es nicht so mit dem Äußeren. Die Hose oft zu knapp geraten, die Krawatte meist zu kurz gebunden, die Fußbekleidung ungeputzt. Gerade in lateinamerikanischen Gefilden ist dies ein No-Go, denn in jenen Breiten gilt gutes und sauberes Schuhwerk als Ausweis von Vornehmheit.
Doch vornehm will er nicht sein. Allüren und Blasiertheit sind ihm fremd. Die Optik ist ihm einerlei. Und Schuhe hasst er wie die Pest. Am liebsten läuft er barfuß rum wie ein armer Schlucker. Bestenfalls schlüpft er in Sandalen oder Mokassins. Den feinen Anzug und dunkles Schuhwerk braucht er nicht, da kann der Kaiser von China kommen.
Trotzdem wird die Party beim Nachbarn Steinhart dann doch noch zum Erfolg. Denn der Duke of Windsor ist eine verdammt
Der rüstige Gregorio Fuentes vor seinem schlichten Haus in der Anhöhe von Cojímar. Kuba, im April 1983. Foto: W. Stock.
Im April 1983 hatte ich das Glück, mit Gregorio Fuentes in Cojímar sprechen zu können. Es war ein abenteuerlicher Weg bis in das kleine Fischerdorf. Denn die sozialistische Insel war zu jener Zeit abgeschottet zu westlich-kapitalistischen Staaten, die Öffnung zum internationalen Tourismus kam erst ein paar Jahre später. Doch ergab sich die Möglichkeit, mit einer mexikanischen Gruppe einzureisen, Visum inklusive, und ich konnte mich auf Kuba mehr oder weniger frei bewegen.
Irgendwann traf ich in Cojímar dann Gregorio Fuentes, über zwei Jahrzehnte der Kapitän von Ernest Hemingways Boot Pilar. Und gerne plauderte der Skipper über seine Zeit mit dem Nobelpreisträger, erst viel später war er dazu nur gegen harte Dollars zu bewegen. Auch gesundheitlich schien Gregorio voll auf der Höhe, der 85-Jährige besaß eine feste Stimme und ein gutes Gedächtnis. Auch wenn er in seinen Anekdoten manches zu übertreiben pflegte, halt ganz der Papa.
Beim Stöbern in alten Unterlagen ist mir die Audio-Datei von 1983 in die Hände gefallen. Das Treffen, nun schon über 40 Jahre her, bleibt in Erinnerung. Ich war damals ein junger Wissenschaftler von der RWTH Aachen, für zwei Jahre lebte ich in Mexico City. Auf den Spuren Ernest Hemingways bewegte ich mich damals noch nicht, vielmehr zog mich eine Feldforschung im Medienbereich auf Fidel Castros Insel.
Das Gespräch mit Gregorio fängt deshalb etwas förmlich an. Jedoch mag die Begegnung mit dem alten Gregorio in der Retrospektive möglicherweise die Initialzündung zu tieferer Befassung mit Ernest Hemingway gewesen sein.
Hier ein kleiner Ausschnitt aus dem Gespräch. Interview mit Gregorio Fuentes, Cojímar, April 1983.
Wie ist Ihr Name und in welcher Beziehung standen Sie zu dem großartigen Schriftsteller? Ich heiße Gregorio Fuentes. Die Beziehung zu Hemingway? Ich habe mit ihm gearbeitet. Hatten Sie selbst ein eigenes Boot? Nein, er hatte sein eigenes Boot gehabt. Ich war sein Bootsführer. Waren sie so etwas wie Freunde? Von dem Moment an, wo ich für ihn arbeitete, waren wir enge Freunde. Wenn man so viele Jahre mit einem Herrn wie Hemingway zusammenarbeitet, dann ist man Freund. Sonst hätte ich auch nicht so lange für ihn gearbeitet.
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