Hemingways Welt

An den Fersen von Ernest Hemingway

Schlagwort: Kuba Seite 1 von 3

Hemingways Turm für das Schreiben und für die Liebe

Ein lockerer Ernest Hemingway auf der obersten Etage seines Schreib- und Liebesturms. Die Aussicht reicht bis nach Havanna. Foto: George Leavens

Hinter dem Haupthaus der Finca Vigía findet sich, neben der großen Garage für die Autos, ein kleines Gästehaus, dort kommen Gäste unter, Freunde aus Übersee oder die Söhne, wenn sie in den Schulferien den Vater auf Kuba besuchen. Blickfang des gesamten Anwesens ist schon vom weitem ein rechteckiger Turmbau, etwas versetzt vom Haus. Der Autor hat diesen im Jahr 1947 anbauen lassen, um hier in aller Abgeschiedenheit schreiben zu können.

Hoch oben im vierten Stockwerk des weißen Turms hat Ernest Hemingway sich ein Schreibstudio eingerichtet, hier sitzt er meist den Vormittag über an seinen Manuskripten. Der Ausblick ist atemberaubend, von dort oben hat er einen weiten Blick nach Havanna und bis zum Meer, das etwa zehn Kilometer im Norden liegt.

In diesem weißen Turm hat er sein Meisterwerk Der alte Mann und das Meer geschrieben. Bei seiner Arbeit setzt er sich hinter den Schreibtisch oder er steht vor einem Pult, meist barfuß auf dem abgeschabten Fell einer von ihm erlegten Kudu-Antilope. Auf dem Anwesen läuft Ernest Hemingway am liebsten mit nackten Füßen herum, mit einer kurzen Shorts und mit freiem Oberkörper.

Doch in diesem Turm wird nicht nur hohe Literatur erzeugt, der abgetrennte hohe Bau dient zudem als sein Liebesnest. Hierhin zieht Ernest Hemingway sich zurück, um, wie er den Bediensteten zu verstehen gibt, „zu arbeiten“. Dass er zu dieser Arbeit ab und an eine Frau mitnimmt, die nicht seine eigene ist, darüber schauen die Angestellten der Farm diskret hinweg.

Ernest Hemingway ist in dieser Hinsicht ein schlimmer Finger. Die Ehefrau im Haus, eine feste Geliebte in Havanna, dazu ein Techtelmechtel, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Und Verlockungen laufen einem kraftstrotzenden Mannskerl wie ihm tagtäglich über den Weg. Er braucht nur

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La Bodeguita schwindelt ein wenig mit Ernest Hemingway

La Bodeguita de Medio, eine Oase der Lebensfreude. Havanna, im April 1983. Foto: W. Stock

In der Nähe von Havannas barocker Kathedrale entdecken wir in der engen Gasse Calle Empedrado – Hausnummer 207 – die äußerlich unscheinbare Bodeguita del Medio. Hinter dem Eingang tritt der Gast in den Vorraum einer kleinen Bar, zur Linken befindet sich die dunkle Theke. Den Barraum hindurch  erreicht man das Speisegewölbe, wo an überfüllten Tischen das Beste einer einfachen kubanischen Küche geboten wird.

Wir gehen zunächst zur Bar und bestellen den ersten Mojito. Mojito. Weißer Rum mit Limonensaft und einem frischen Pfefferminzstängel. La Bodeguita del Medio. Die unsterbliche La B del M. Wer in der Bodeguita seinen Mojito trinkt, der spürt den Hauch des Ewigen. Bodeguita, du bleibst, ich gehe!, hat der kubanische Autor Leandro García an die weiße Wand gekritzelt.

Du bleibst, ich gehe. Die Bodeguita del Medio dient auf Kuba als heilige Basilika für den Rum. Ernest Hemingway, der eine halbe Stunde entfernt auf Finca Vigía im Vorort San Francisco de Paula wohnt, ist nicht gläubig im strengen Sinne, allzu oft macht er sich lustig über die Religion. Eher ist er ein Zweifler, der nach einer höheren Kraft sucht. Seine Kirchen sind die Kneipen. Und die schönsten Sätze von ihm sind seine Gebete an Gott.

Wer von der Revolution träumen will, für den ist Havanna wie gemacht. In dieser Kapitale der Träumer und Traumtänzer ist die Bodeguita ein feiner Ort. Für alle findet sich hier ein Plätzchen. Es treffen sich Künstler und Malocher, Feingeist und Stoffel, Eierkopf und Saufbruder. So unterschiedlich ihre Biografien auch ausfallen, vor dem Rumglas sind sie alle gleich. 

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My mojito in La Bodeguita, My daiquirí in El Floridita. Ernest Hemingway. Foto: W. Stock, 1983

Unter dünnem braunen Glasrahmen, direkt über dem Schanktisch, umgeben von Dutzenden Martini– und Cinzano-Flaschen, hängt ein Spruch, den man andächtig rezitieren muss, weil er so brillant formuliert ist. My mojito in La Bodeguita, My daiquirí in El Floridita. Darunter dann, schwungvoll die Unterschrift: Ernest Hemingway. Mehr Ideologie braucht es auf Kuba eigentlich nicht.

My mojito in La Bodeguita, My daiquirí in El Floridita. Aber, so ist der Fachmann geneigt zu fragen, hätte der von hohen Prozenten angetriebene Autor auf Kuba nicht wie sonst üblich mit

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Mary Welsh räumt auf, Ernest Hemingway inklusive

Die forsche Mary Welsh kommt Mitte 1945 nach Kuba auf die Finca Vigía und räumt im Leben des Ernest Hemingway erstmal kräftig auf. Foto: George Leavens.

Der Kriegsreporter, von der Brutalität der Kämpfe im Hürtgenwald schwer erschüttert, seine Ehe mit Martha Gellhorn in Trümmern, steht im Winter 1944 hilflos wie ein Kind an den Kriegsgräben Europas. Fernab von seiner Finca Vigía sehnt er sich zurück in sein warmes kubanisches Refugium. Noch vor der Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 verlässt Ernest Hemingway den alten Kontinent.

Im März 1945 fliegt ein ernüchterter Kriegsberichterstatter von Paris über London nach New York, und beeilt sich, nach Havanna zu gelangen. Ernest Hemingway kehrt alleine zurück in sein kleines privates Paradies, wie er sein tropisches Heim in der Karibik bezeichnet. Der Schriftsteller, krank und desillusioniert, fällt auf Kuba in ein tiefes Loch. 

Auf Finca Vigía plagt den gefeierten Schriftsteller alsbald eine schwere Depression, vor allem der Einsamkeit wegen. Er fühlt sich verloren und von Gott und der Welt im Stich gelassen. Der Autor vernachlässigt sich, er ist außer Stande zu Schreiben, er streunt durch Havanna, säuft sich bis zum Morgengrauen durch die Kneipen, alles um seine innere Vereinsamung wegzutrinken.

Jeden Tag schreibt er seiner neuen Liebe Mary Welsh einen Brief nach London und fleht sie an, zu ihm auf die Insel zu kommen. Ich bin nicht ungeduldig, offenbart er sich kleinmütig, ich bin nur verzweifelt. Nach drei gescheiterten Ehen findet der Weltautor sich einsam und verlassen in seinem Tropengarten wieder, es ist niemand da, der ihn trösten und aufbauen kann.

Anfang Mai 1945 erscheint dann endlich Mary Welsh auf der Finca Vigía und findet nicht nur das Anwesen durch den Hurrikan des vergangenen Herbstes heftig geschädigt vor. Noch mehr fällt ihr der verwahrloste Zustand von Ernest auf. Die resolute Mary bringt zunächst Ordnung in die Finca Vigía, ebenso wie in den Alltag des Schriftstellers. Sie sorgt für

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Norberto Fuentes: Hemingway en Cuba

Norberto Fuentes: Hemingway en Cuba, 476 Seiten, Arzalia Ediciones, Madrid 2019

Es ist heutzutage außergewöhnlich, dass ein 1984 erstmals erschienenes Sachbuch im Jahr 2019 in einer aktualisierten Überarbeitung auf den Markt gebracht wird. Doch der spanische Verlag Arzalia Ediciones hat sich an dieses Unterfangen gewagt. Hemingway en Cuba von Norberto Fuentes ist nun, nach 35 Jahren, in einer Neuauflage zu haben.

Norberto Fuentes, ein kubanischer Journalist vom Jahrgang 1943, ist einer der ersten gewesen, der auf der Karibikinsel den Spuren des Gringo Ernest Hemingways gefolgt ist. Der Nobelpreisträger hat bekanntlich von 1939 bis 1960 auf Kuba gelebt, in dem tropischen Anwesen Finca Vigía, am südlichen Stadtrand Havannas.

Das Werk von Fuentes überzeugt als beeindruckende Fleißarbeit, die Originalausgabe zählt knapp 700 Seiten. Der ehemalige Prensa Latina-Reporter hat mit Zeitzeugen aus dem direkten Umfeld gesprochen, mit Angestellten seiner Finca Vigía, mit Freunden aus Havanna. Zusätzlich hat er Fidel Castro persönlich zu Ernest Hemingway befragt. All dies macht sein Werk – damals wie heute – so wertvoll.

Dazu kann Norberto Fuentes wunderbar schreiben, es macht Spass seinen Entdeckungen und Gedankengängen zu folgen. An manchen Stellen kommt Hemingway en Cuba arg plauderhaft daher, das muss man mögen oder auch nicht. Ich jedenfalls mag es. Mit seinem subjektiven Stil schafft es Norberto Fuentes, den Leser mit auf den Zeitsprung ins Havanna der 1950er Jahre zu nehmen.

Das größte Verdient von Hemingway en Cuba hat jedoch ganz woanders gelegen. Das Buch wird Mitte der 1980er Jahre zur Initialzündung, den kubanischen Hemingway für alle Welt aus dem Dornröschenschlaf zu erwecken. Vor Fuentes Werk hat Mister Güey auf Kuba erstaunlicherweise keine allzu große Rolle gespielt. Der amerikanische Nobelpreisträger ist mehr oder weniger vergessen, vielleicht mag dies ein wenig zu viel gesagt sein, jedoch ist er in den 1960er und 1970er Jahren aus dem öffentlichen Bewusstsein Kubas weitgehend entschwunden, man hat andere Sorgen auf der Insel.

Fuentes Buch wird nun Mitte der 1980er Jahre zur Zugmaschine, die dann ganze Industrien nach sich zieht. Die Finca Vigía wird zum Museum umgebaut, der Tourismus spielt die Karte Hemingway, Havana Club kommt in westliche Spirituosen-Regale, der Nobelpreisträger wird zum wissenschaftlichen Forschungsobjekt. Zart werden die Verbindungen zwischen kubanischen und US-amerikanischen Universitäten geknüpft. Das Inventar der Finca Vigía – Hunderte Manuskriptseiten, 9.000 Bücher, unzählige Fotos – wird mit Hilfe der USA gründlich katalogisiert und digitalisiert.

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Die kubanische Originalausgabe von Hemingway en Cuba. Editorial Letras Cubanas, Habana 1984

Die Kultur – neben Ernest Hemingway übrigens auch die Musik, von Dizzy Gillespie über Irakere bis Buena Vista Social Club – sorgt für eine neue Milde im kalten Krieg zwischen Katz und Maus. Trotz Wirtschaftsboykott und Sanktionen lässt die Kultur in den Jahren des Ronald Reagan das Einfallstor für Verständigung und Zusammenarbeit nun einen Spalt breit offen. Es hat historisch einen Zeitpunkt gegeben, im Verlauf der 1980er Jahre, da hat Ernest Hemingway die einzige solide Brücke gebildet zwischen beiden ideologisch so verfeindeten Staaten.

Es ist der schlaue Fidel Castro höchstselbst gewesen, der erkannt hat, wie nützlich El Americano für das revolutionäre Regime sein kann. Ab Anfang der 1980er Jahre öffnet Castro sein klammes Land behutsam dem westlichen Tourismus, Ernest Hemingway spielt dabei ein Zugpferd. Spanien und Kanada investieren massiv in die touristische Infrastruktur der Insel. Ernest Hemingway wird sozusagen als vertrauensbildende Massnahme benutzt im  Mosaik dieser Öffnung gen Kapitalismus.

Der bärtige Revolutionsführer sucht den Kontakt zu Norberto Fuentes, einem Querkopf, der zuvor mit

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Ernest Hemingway verschlingt alles Gedruckte

In den Buchhandlungen, wie dem La Bohemia Bookstore von Havanna, kennt man Ernest Hemingway als guten Kunden. Credit Line: Ernest Hemingway Papers Collection, Museum Ernest Hemingway, Finca Vigia, San Francisco de Paula, Cuba.

Ernest Hemingway ist nicht nur ein fleißiger Schreiber, sondern auch ein Vielleser. Er kann an keiner Buchhandlung und an keinem Zeitschriftenladen vorbei gehen. Aufmerksam schaut der Amerikaner sich die Auslage an und nicht selten kauft der Autor auf ein Mal zwanzig oder mehr Bücher und Magazine, die er dann auf der Farm gründlich durcharbeitet.

Auf Finca Vigía hat der Schriftsteller zwei Dutzend Zeitschriften aus aller Welt abonniert, von Harper’s Bazaar über Field & Stream bis hin zu Cancha, einem mexikanischen Hahnenkampf-Blättchen. Oft kommt der Postbote von San Francisco de Paula zweimal am Tag auf der Farm vorbei und bringt die Post. Mit einem guten Trinkgeld geht er zurück zu seiner Poststation. 

Juan Pastor, der Chauffeur, fährt jeden Tag nach Havanna, um dort die aktuellen Zeitungen zu kaufen, immer die New York Times, aber auch lokale Blätter wie La Prensa Libre oder den kubanischen El País. Ernest Hemingway kann sich dann auf der Finca Vigía stundenlang aufs Sofa oder in sein Bett legen und ausführlich in der New York Times schmökern.

Wenn Ernest Hemingway nicht schreibt, dann

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Jane Mason, Hemingways schöne Geliebte, auf der Überholspur

Die Geliebte, die Ernest Hemingway Angst macht. Jane Mason mit dem kubanischen Skipper Carlos Gutiérrez an Bord der Anita, im Jahr 1933

Jane Mason lebt auf der Überholspur des Lebens. Partys, Liebschaften, der Champagner. Doch irgendetwas stimmt nicht mit der Geliebten von Ernest Hemingway. Vielleicht ist sie krank, sie selbst will es jedenfalls nicht wahrhaben und auch ihre Umgebung lässt sie es nicht merken. Selbst Ernest Hemingway braucht seine Zeit, bis er erkennt, was los ist. Auch Grant Mason bleiben die Gemütsschwankungen seiner Ehefrau nicht verborgen, er macht sich Sorgen. Jane ist oft angestrengt und angespannt, sie wirkt getrieben von ihren Stimmungen, oft scheint sie wie abwesend.

Jane Masons Dasein spielt sich ab – von ganz jungen Jahren an – wie in einem Prinzessinnenpalast, sie wird verwöhnt und auf einem daunenweichen Thron getragen. Trotz allen Glamours schwant ihr nun in Havanna, dass sie mit zu viel Karacho unterwegs ist auf der Straße des Lebens. Doch die junge Frau glaubt, der Schwermut würde verschwinden, wenn sie nur noch mehr Gas gibt. Ein Arzt diagnostiziert ernste Anzeichen einer manischen Depression.

Auf Kuba schaukelt die Beziehung von Ernest Hemingway und Jane Mason Anfang der 1930er Jahre im Modus von on und off hin und her. Wilde Leidenschaft wechselt ab mit Phasen von entsetzlicher Gleichgültigkeit. Man verkracht sich, trennt sich, dann fällt man sich wieder in die Arme und übereinander her. Das Paar lebt die Extreme aus, ein solides Fundament kann nicht gefunden werden, vielleicht wird es auch gar nicht gesucht. Der Nervenkitzel des Verbotenen dient als zusätzliches Aphrodisiakum, denn nach wie vor sieht die Geliebte Jane auch Ernests Ehefrau Pauline, in Havanna oder auf dem Boot.

Jane Mason entpuppt sich als Femme fatale wie sie im Buche steht. Denn auch ihren Geliebten Ernest hintergeht sie. Während einer Safari in Ostafrika im Jahr 1935 fängt sie ein Liebesverhältnis mit Richard Cooper an, mit einem schneidigen britischen Offizier, der eine riesige Kaffeeplantage in Tansania besitzt, auf der im Jahr zuvor auch Ernest Hemingway gewesen ist. Als Cooper im folgenden Jahr nach Amerika kommt, machen er und Jane dort weiter, wo sie in Afrika aufgehört haben. Jane hält den Seiten-Seitensprung vor Hemingway erst gar nicht diskret.

Die Affäre von Jane mit Richard Cooper bringt emotional das Fass zum Überlaufen. Ernest Hemingway fühlt sich nicht wohl, die Frau ist ihm unheimlich, tief im Inneren macht

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Mary Hemingway schenkt die Finca Vigía dem kubanischen Volk

Das Dokument, in dem die Witwe Mary Hemingway die Besitztümer ihres verstorbenen Mannes auf Kuba dem kubanischen Volk überschreibt. The Pueblo of Cuba schreibt Mary etwas verschachtelt.

Die Stimmung im Kuba des Fidel Castro heizt sich Ende der 1950er Jahre auf, die Situation für die Hemingways auf der Finca Vigía verkompliziert sich. Mich persönlich berührt es nicht. Ich bin für die Herrschaften eine gute Reklame, deshalb werden sie mich wahrscheinlich nicht belästigen. Doch mehr und mehr droht die revoltierende Aufwallung außer Kontrolle zu geraten, die US-Botschaft rät dem prominenten Ehepaar zur endgültigen Ausreise.

Es ist vor allem Mary Welsh, die nach dem Sieg der Castro-Revolution im Januar 1959 den Wegzug aus Kuba vorantreibt. Er hätte wohl bleiben wollen in seinem versteckten Refugium unter der Sonne, sein Traum war, neben dem Ceiba-Baum hinter der Veranda begraben zu werden. Doch Mary dringt darauf, dass ihr Ehemann, der gesundheitlich zusehends abbaut, sich in den USA einer erstklassigen medizinischen Behandlung unterzieht. 

Seit der Machtübernahme der Revolutionäre weilen Ernest und Mary nur noch selten auf Kuba. Als Zweitwohnsitz halten sie an ihrer malerischen Finca Vigía in der Nähe von Havanna noch eine Weile fest, erst am 25. Juli 1960, vier Tage nach seinem 61. Geburtstag, verlässt Ernest Hemingway sein geliebtes Kuba und siedelt zusammen mit Ehefrau Mary nach Ketchum über, in die Bergwelt Idahos am Rande der Rocky Mountains.

Es wird ein schmerzhafter und tränenreicher Abschied aus Kuba. Die Finca Vigía, seine Bücher und die Manuskripte, die Angestellten, alle Freunde, die Katzen und die Hunde muss er zurücklassen, das Lebewohl bricht ihm das Herz. Es gab keinen Ort auf der Welt, Paris ausgenommen, wo er sich so wohl gefühlt hat. Ernest Hemingway verlässt sein Paradies. Für immer.

„Wir wissen nicht, was mit unserem Zeug dort passieren wird“, klagt Mary ihrer Freundin Tillie Arnold aus Ketchum im August 1960, „in Wirklichkeit sind es ja die Schätze unseres ganzen Lebens.“ An George Brown schreibt Mary im Februar 1961, dass Ernest und sie Kuba schrecklich vermissen, die Wärme, den Golfstrom, die Bücher und die Fotos, die Tiere.

Aber man möchte es nicht an die große Glocke hängen, man fürchte

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Ernest Hemingway und Kid Tunero

Ernest Hemingway inmitten seines kubanischen Freundeskreises im Jahr 1956: Mit dem Musiker Bola de Nieve (rechts), Hemingways Hand liegt auf der Schulter des Boxers Kid Tunero.

Auf Kuba pflegt Ernest Hemingway seine Freundschaften, sie sind ihm wichtig. Meist sind es Kubaner oder Exil-Spanier, die zu seinem engen Bekanntenkreis gehören, zu den eigenen Landsleuten hält er eher Abstand. Es ist schon erstaunlich wie mühelos der amerikanische Schriftsteller in seiner neuen Heimat aufgeht – über die Menschen. Der bekannte Musiker Bola de Nieve ist ein guter Freund, ebenso der kubanische Boxer Kid Tunero.

Mit dem schwarzen Boxkämpfer Evelio Celestino Mustelier, der unter dem Künstlernamen Kid Tunero auftritt, ist Ernest Hemingway besonders eng. Über die Jahre hinweg entwickelt sich zwischen dem Nobelpreisträger und dem Sportler eine große Vertrautheit. Ernest Hemingway lässt den wenig begüterten Kid Tunero und dessen Frau und die Kinder lange Zeit auf der Finca Vigía wohnen, als die Hemingways sich auf mehrmonatiger Europa-Reise befinden.

El Caballero del Ring, wie er im Volksmund anerkennend genannt wird, kommt aus ärmlichen Verhältnissen und steigt auf zum Idol auf der Karibikinsel. Ganz an die Spitze reicht es nicht, dem Kavalier des Boxrings fehlt in seinen Kämpfen die letzte Intensität und wohl auch der Killerinstinkt. Doch immerhin schiebt sich Kubas vielbejubelter Mittelgewicht-Champion bis auf den vierten Rang der Weltrangliste.

Ernest Hemingway, wenn er auf Kuba weilt, verpasst keinen Kampf seines Freundes. Kid Tunero gegen Joe Légon, der bärtige Autor schwärmt noch Jahre von diesem Fight. Kid Tunero ist für mich der kompletteste Athlet, den Kuba je hervorgebracht hat. Eines Tages werde ich dir sagen, warum. Wenn es noch Kavaliere auf Erden gibt, dann ist Tunero einer von ihnen. Geradlinig, wortkarg, unkompliziert. Er ist natürlich und einfach, wie das Brot, wie das Gold.

Evelio Celestino Mustelier wird am 19. Mai 1910 in Las Tunas, im Osten Kubas, geboren. Er kann nicht lange zur Schule gehen und arbeitet auf den Zuckerrohrplantagen, als man auf sein Boxtalent aufmerksam wird. Er siedelt dann nach Havanna über und versucht sich als Berufsboxer. Lew Burston wird sein Manager, er bekommt den letzten Schliff, und setzt sich an die boxende Spitze der Insel.

Im Jahr 1935 geht er nach Europa, der schlanke Boxer kämpft in Barcelona und Paris, später kommt er zurück nach Kuba und versucht auf der Insel, an alte Erfolge anzuknüpfen. Im Palacio de Deportes von Havanna beendet Kid Tunero 1948 seine Boxkarriere mit einem Kampf gegen Hankin Barrows. Für viele junge Kerle wird er Vorbild. Vor der Revolution bleibt das Boxen oft die einzige Möglichkeit für die mittellosen Jugendlichen aus ihrer sozialen Misere herauszukommen. Neben der Kriminalität.

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Trato de comprender la mar – ich versuche, das Meer zu verstehen

Kurz nach Verkündung der Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Ernest Hemingway kreuzt Ende Oktober 1954 das kubanische Fernsehen auf Finca Vigía auf. Der Reporter Juan Manuel Martínez, der sich etwas windig hinter einer dunklen Sonnenbrille versteckt, fragt im gestelzten Duktus recht umständlich nach dem Befinden des Schriftstellers ob der guten Neuigkeit aus Stockholm.

Und Ernest Hemingway stimmt im Sender CMQ, in den 1950er Jahren eine große Radio- und TV-Station auf der Insel, einen Lobgesang auf sein Gastland Kuba an. Seit 1939 lebt er auf Kuba, die Finca Vigía ist sein tropisches Paradies. Auf der Insel, in der Altstadt von Havanna, in San Francisco de Paula oder in Cojímar ist der bärtige Autor aus Amerika bekannt wie ein bunter Hund. Wenn der hochgewachsene Ernest Hemingway irgendwo auftaucht, wird er rasch von einer Menschentraube umringt.

Der amerikanische Autor überrascht im kubanischen TV mit einem gebrummelten Statement in einem nicht ganz fehlerfreien Spanisch. Ein Spanisch, das gar Begriffe aus dem kubanischen Spanisch verwendet. Er sei ein cubano sato, sagt er, er sei ein kubanischer Straßenköter, eine Promenadenmischung aus USA und Kuba, bunt und wild.

Und das Fischerdorf Cojímar, wo sein Roman Der alte Mann und das Meer spielt, sei más o menos sein Pueblo. Dieser armselige Ort sei mehr oder weniger sein Dorf, sein Volk, seine Heimat, wie der wohl situierte Ernest Hemingway sagt, der Begriff Pueblo kann im Spanischen weit ausgelegt werden.

Darüber hinaus erweckt der US-amerikanische Schriftsteller den Eindruck, hier habe nicht ein Mann aus Chicago, sondern eigentlich ein waschechter Kubaner diesen Nobelpreis erhalten. Und so sagt Ernest Hemingway wortwörtlich: Soy muy contento de ser el primer cubano sato de ganar este Premio. Ich bin sehr glücklich, der erste Kubaner zu sein, der diesen Nobelpreis gewinnt.

Und weil er den Literaturpreis ausdrücklich für Der alte Mann und das Meer bekommen hat, äußert sich der frisch gebackene Preisträger nun zum Meer. Denn sein Leben erschließt sich über das Meer. Das Meer hat mein Schreiben beeinflusst wie nichts anderes, sagt er. La Mar es la gran influencia en mi vida. Das Meer habe einen großen Einfluss auf sein Leben, mehr noch, es sei der große Einfluss auf sein Leben.

Fast beiläufig sagt der bärtige Autor dem kubanischen Fernsehreporter Juan Manuel Martínez, auf Finca Vigía, einen ganz entscheidenden Satz ins Mikrophon.

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Von Hemingways ‚Bohemia‘ zur Leprakolonie

Ernest Hemingway auf dem Cover des kubanischen Wochenmagazins Bohemia.

Als The Old Man and the Sea, Ernest Hemingway hat die Erzählung um die Jahreswende 1950/1951 geschrieben, auf den Markt kommt, da schlägt die Story in den USA ein wie eine Bombe. Am 1. September 1952 erscheint der kurze Roman zunächst in voller Länge im Magazin LIFE, die Zeitschrift hat dem Schriftsteller 30.000 Dollar für den Vorabdruck gezahlt.

Das großformatige Magazin wird den Kioskverkäufern zwischen San Francisco und Boston aus der Hand gerissen. LIFE sorgt mit dieser Ausgabe für einen nie erreichten Auflagenrekord: Innerhalb von zwei Tagen werden in den Vereinigten Staaten 5,2 Millionen Hefte verkauft.

Ein paar Tage später erscheint dann die Buchausgabe mit 127 Seiten beim New Yorker Verlag Charles Scribner’s Sons. Das Publikum in Amerika schließt Ernest Hemingways Erzählung von dem alten Fischer Santiago, dem Jungen Manolín und dem Fisch schnell ins Herz. The Old Man and the Sea wird einer der größten Bucherfolge aller Zeiten. 

Über 3.800 Briefe erhält der Schriftsteller zur Finca Vigía, von Lesern, die seine Novelle verschlungen haben und ihm nun danken. Und weil bei einer Anzeige für Ballantine-Bier sehr auffällig seine Adresse auf Kuba zu erkennen gewesen ist, werden die Tausende Briefe nicht an den Verlag in New York, sondern direkt nach San Francisco de Paula geschickt.

Der Postbote des armen kubanischen Dorfes hat einen

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