Hemingways Welt

Großmaul, Schnapsnase, Schürzenjäger – an den Fersen eines Jahrhundertautors

Trato de comprender la mar – ich versuche, das Meer zu verstehen

Kurz nach Verkündung der Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Ernest Hemingway kreuzt Ende Oktober 1954 das kubanische Fernsehen auf Finca Vigía auf. Der Reporter Juan Manuel Martínez, der sich etwas windig hinter einer dunklen Sonnenbrille versteckt, fragt im gestelzten Duktus recht umständlich nach dem Befinden des Schriftstellers ob der guten Neuigkeit aus Stockholm.

Und Ernest Hemingway stimmt im Sender CMQ, in den 1950er Jahren eine große Radio- und TV-Station auf der Insel, einen Lobgesang auf sein Gastland Kuba an. Seit 1939 lebt er auf Kuba, die Finca Vigía ist sein tropisches Paradies. Auf der Insel, in der Altstadt von Havanna, in San Francisco de Paula oder in Cojímar ist der bärtige Autor aus Amerika bekannt wie ein bunter Hund. Wenn der hochgewachsene Ernest Hemingway irgendwo auftaucht, wird er rasch von einer Menschentraube umringt.

Der amerikanische Autor überrascht im kubanischen TV mit einem gebrummelten Statement in einem nicht ganz fehlerfreien Spanisch. Ein Spanisch, das gar Begriffe aus dem kubanischen Spanisch verwendet. Er sei ein cubano sato, sagt er, er sei ein kubanischer Straßenköter, eine Promenadenmischung aus USA und Kuba, bunt und wild.

Und das Fischerdorf Cojímar, wo sein Roman Der alte Mann und das Meer spielt, sei más o menos sein Pueblo. Dieser armselige Ort sei mehr oder weniger sein Dorf, sein Volk, seine Heimat, wie der wohl situierte Ernest Hemingway sagt, der Begriff Pueblo kann im Spanischen weit ausgelegt werden.

Darüber hinaus erweckt der US-amerikanische Schriftsteller den Eindruck, hier habe nicht ein Mann aus Chicago, sondern eigentlich ein waschechter Kubaner diesen Nobelpreis erhalten. Und so sagt Ernest Hemingway wortwörtlich: Soy muy contento de ser el primer cubano sato de ganar este Premio. Ich bin sehr glücklich, der erste Kubaner zu sein, der diesen Nobelpreis gewinnt.

Und weil er den Literaturpreis ausdrücklich für Der alte Mann und das Meer bekommen hat, äußert sich der frisch gebackene Preisträger nun zum Meer. Denn sein Leben erschließt sich über das Meer. Das Meer hat mein Schreiben beeinflusst wie nichts anderes, sagt er. La Mar es la gran influencia en mi vida. Das Meer habe einen großen Einfluss auf sein Leben, mehr noch, es sei der große Einfluss auf sein Leben.

Fast beiläufig sagt der bärtige Autor dem kubanischen Fernsehreporter Juan Manuel Martínez, auf Finca Vigía, einen ganz entscheidenden Satz ins Mikrophon.

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Ernest Hemingway & Agnes von Kurowsky

Agnes von Kurowsky mit dem verletzten Ernest Hemingway und zwei anderen Krankenschwestern des American Red Cross beim San Siro-Pferderennen in Mailand, Italien 1918. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Im Zug wird Ernest Hemingway im Juli 1918 nach Mailand transportiert, in das Hospital des American Red Cross, das sich in einen alten Palazzo an der Via Alessandro Manzoni 10 befindet. Dort wird er mit drei anderen Verwundeten des Ersten Weltkriegs in ein Krankenzimmer gelegt und vor Erschöpfung fällt der junge Amerikaner sogleich in einen langen Schlaf. In Mailand wird er dann geröntgt und die Wunden werden klinisch behandelt.

Der junge Ernest Hemingway ist schlimm verletzt, er muss monatelang im Mailänder Hospital behandelt werden. Die Verwundungen erweisen sich als dauerhaft, manche Nerven bleiben taub für den Rest seines Lebens, die Kniescheibe seines rechten Beines wird künstlich ersetzt. Broken Doll, zerbrochenes Püppchen, wird der noch jugendlich wirkende Ernest im Croce Rossa Americana genannt. Und Püppchen hat verdammt viel Glück gehabt. Nur einem neu entwickelten Wundwaschverfahren hat er es zu verdanken, dass sein Bein nicht amputiert werden muss.

In der Mailänder Klinik des American Red Cross lernt Ernest Hemingway seine erste große Liebe kennen. Sein Schwarm heißt Agnes von Kurowsky, eine US-Amerikanerin, ihr Vater stammt aus Polen. Agnes, eine mütterlich wirkende Frau, arbeitet als Krankenschwester im amerikanischen Rotkreuz-Hospital. Ernest, vor ein paar Tagen 19 Jahre alt geworden, hat gerade sein erstes großes Abenteuer, den Ersten Weltkrieg, mit einer Mörsergranate im Bein verloren.

Vom Krankenbett weg verliebt sich der junge Patient in die große Frau mit schönem schwarzen Haar. Die bezaubernde Agnes ist sieben Jahre älter als Ernest und kommt aus Washington D.C., wo sie in einer Bibliothek gearbeitet hat. Der junge Ernest Hemingway ist hin und weg von der Frau, am liebsten möchte er Agnes sofort heiraten. Er offenbart sich und schreibt ihr flammende Liebesschwüre, auch Agnes ist von dem stattlichen Kerl angetan, man kommt sich näher und beide schmieden Pläne einer gemeinsamen Zukunft in den Staaten.

Als es ihm besser geht, unternehmen die beiden Verliebten Ausflüge in die Umgebung. Sie besuchen das Pferderennen in San Siro und erkunden das Zentrum von Mailand. Ernest, an einem Krückstock, trägt die Uniform des American Red Cross ohne Rangabzeichen und am Ärmel mit einem großen „V“ für Volunteer. Während sein linker Fuß in Springerstiefel steckt, trägt Ernest Hemingway an seinem verletzten rechten Fuß über dem Verband eine Hauspantoffel.

Doch nach ein paar Wochen lässt die Angebetete den jungen Kerl kalt

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Ronald Reagan schlägt zu

Ronald Reagan schlägt Angie Dickinson. Nicht im wirklichen Leben, natürlich, sondern auf der Leinwand. In dem Film The Killers. Das Buch zu dieser Hollywood-Produktion geht auf eine Kurzgeschichte von Ernest Hemingway zurück. Seine Short Story The Killers hat der spätere Nobelpreisträger erstmals im März 1927 im Scribner’s Magazine veröffentlicht.

Die lakonische Erzählung handelt von zwei Berufsverbrechern, die Henry’s Lunch-Room, ein einfaches Restaurant in der Kleinstadt, heimsuchen und dort auf einen schwedischen Boxer namens Ole Andreson warten, den sie zu morden trachten. Die beiden Kriminellen bedrohen den Stammgast Nick, den Kneipenwirt George und den schwarzen Koch mit einer Schrotflinte und lauern ihrem Opfer auf, das allerdings nicht erscheint.

Ernest Hemingways Kurzgeschichte The Killers ist mehrfach fürs Kino und auch für das Fernsehen verfilmt worden. Die beste Fassung stammt vom Regisseur Robert Siodmak aus dem Jahr 1946, mit Burt Lancaster und Ava Gardner in den Hauptrollen. Der bärtige Schriftsteller aus Chicago mag diese schwarz-weiße Version sehr gerne, diese Produktion bringt in der Tat alles mit, was einen guten Film noir so auszeichnet. Zu Recht hat Ernest Hemingway Siodmaks The Killers stets als seinen besten Film bezeichnet.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist TheKillersReagan.jpgDon Siegel verfilmt den Stoff im Jahr 1964 erneut, mit Lee Marvin und John Cassavetes. Und mit Ronald Reagan. Der spätere US-Präsident spielt in dem Film den Räuber Jack Browning, einen schießwütigen Bankräuber. The Killers ist Ronald Reagans letzter Kinoauftritt und zudem seine einzige Rolle als Mordbube.

Danach zieht der Schauspieler sich aus Hollywood zurück und geht in die Politik. Seine weitere Karriere ist einzigartig: Von 1967 bis 1975 wird Ronald Reagan zunächst zum Gouverneur von Kalifornien gewählt und von 1981 bis 1989 amtiert er als der 40. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Noch heute ist Ronald Reagan seinen amerikanischen Landsleuten als einer der beliebtesten und erfolgreichsten Präsidenten in Erinnerung.

Allerdings hat Don Siegels The Killers nicht

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Der schönste Hemingway-Satz VIII

Everything about him was old except his eyes and they were the same color as the sea and were cheerful and undefeated.

Alles an ihm war alt, nur seine Augen nicht, und die hatten dieselbe Farbe wie das Meer und waren heiter und unbesiegt.

Ernest Hemingway, Der alte Mann und das Meer

‚Hemingway desconocido‘, der unbekannte Hemingway

Hemingway desconocido, der unbekannte Hemingway, so lautet der Titel einer peruanischen Neuerscheinung über den US-amerikanischen Nobelpreisträger. Cuatro crónicas secretas sobre el escritor en el Perú y el mundo. Vier geheime Berichte über den Schriftsteller in Peru und in der Welt, so heißt es etwas reißerisch im Untertitel.

Geschrieben hat dieses spanischsprachige Buch der Journalist Omar Zevallos, ein Buchautor und Karikaturist aus dem südperuanischen Arequipa, ein Mann vom Jahrgang 1958. Und Omar ist natürlich ein eingefleischter Aficionado des Ernesto Hemingway, man merkt es dem Werk an, das Herzblut steckt zwischen den Seiten. 

Der Nobelpreisträger besuchte im April und Mai 1956 das peruanische Fischerdorf Cabo Blanco und in der Tat gibt es über diese fünfwöchige Episode in Hemingways Biografie vergleichsweise wenig Informationen. Mario Saavedra, der Reporter vom feinen El Comercio, hat im Jahr 2005 ein großformatiges Büchlein herausgebracht, mit wunderbaren Fotos, denn Mario war Zeuge mit Ohr und Auge in Cabo Blanco. Ansonsten wird man nicht viel Gescheites finden.

Nun merkt man dem Buch von Omar Zevallos die große Fleißarbeit an, denn er hat über

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Ernest Hemingway & Pauline Pfeiffer

Ernest Hemingway und Pauline Pfeiffer auf ihrem tropischen Anwesen in Key West, Florida. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Die Scheidung von Hadley ist im Januar 1927 durch, im Mai wird Pauline Pfeiffer dann die zweite Ehefrau von Ernest Hemingway. Die Flitterwochen verbringt das verliebte Pärchen in Le Grau-du-Roi, in der Camargue. Pauline sei eine lebenslustige Frau mit viel Humor, eine hervorragende Journalistin, so wird sie von Kollegen beschrieben, sie habe für ihre Zeitschriften großartige Geschichten geschrieben. Ernest Hemingway zeigt sich von der gewandten Frau hellauf begeistert.

Die Hemingways kehren Paris bald den Rücken und beschließen nach der Übersiedlung in die USA, sich in Florida fest niederzulassen. Die Familie wird in Key West Wurzeln schlagen, ganz an der Spitze der Keys. Das Ehepaar, nun mit den Kindern Patrick und Gregory, wohnt ab April 1931 in einem edlen Kolonialhaus an der Whitehead Street, Nummer 907. Das vornehme Anwesen hat Paulines Onkel Gustavus Adolphus Pfeiffer, der Bruder ihres Vaters, für die beiden gekauft.

Zusammen mit Pauline lebt der Schriftsteller von 1931 bis 1939 in dem Haus von Key West. Meist verbringt die Familie dort die in Florida sonnigen Wintermonate, im Sommer geht es dann nach Europa oder oft in die Berge, nach Wyoming oder Montana, wo Ernest seiner Leidenschaft, dem Jagen, nachgehen kann. Der Schriftsteller ist eine Größe in der Stadt, er hat einen beachtlichen Freundeskreis aufgebaut. Ernest Hemingway schreibt vormittags, nachmittags geht er mit den Freunden fischen im Golf von Florida und abends ist er zumeist im Sloppy Joe’s anzutreffen

Alles in allem sind es vergnügte Tage, Wochen und Monate in Key West, doch ist Ernest Hemingway in jenen Jahren wirklich glücklich? Hat er seine Mitte gefunden? We have a fine house here, and the kids are all well, schreibt er in einem Brief, das Haus sei schön und die Kinder wohlauf. Als Schriftsteller hat er sich einen ordentlichen Namen gemacht, doch Freunde bemerken an ihm eine innere Getriebenheit. Und auch die Ehe mit der kränklichen Pauline köchelt nur noch lau vor sich hin.

Während des Spanischen Bürgerkrieges fängt Ernest Hemingway eine handfeste Affäre mit der Kollegin Martha Gellhorn an. Seit der Jahreswende

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Ernest Hemingway liebt die Katzen – aber er tötet die Tiere

Ernest Hemingway mit einer seiner Katzen, Finca Vigía, Kuba, im Herbst 1949.
Photo by Paul Radkai, by courtesy of Marton Radkai.

Im Süden Havannas, etwas außerhalb des ärmlichen Dorfes San Francisco de Paula, wohnt der Schriftsteller auf seiner Finca Vigía, mehr als zwanzig Jahre lang. Auf dem tropischen Anwesen lebt er seit 1939, umhegt von einem Dutzend Dienstpersonal, zusammen mit seiner dritten Ehefrau Martha Gellhorn, ab Mitte der 1940er Jahre mit der vierten Ehepartnerin Mary Welsh. Die Zahl der Menschen auf Finca Vigía wird nur noch von der Anzahl der Haustiere übertroffen.

In Glanzzeiten halten die Hemingways sechs Hunde und achtunddreißig Katze auf dem riesigen Landsitz. Der Schriftsteller ist ganz vernarrt in all die Tiere. Die Katzen und die Hunde auf der Finca sind ihm wichtig, liebevoll betreut er sie, sorgt sich um sie, spricht mit ihnen. Wie ein Vater kümmert er sich um die Kreaturen.

Besonders die Katzen liebt Ernest Hemingway über alles. Eine Katze ist redlich in ihren Gefühlen. Menschen, aus welchem Grund auch immer, können ihre Gefühle verbergen, aber eine Katze kann das nicht. Einer seiner Lieblingskater heißt Cristobal Colón und dieser Christoph Kolumbus wird von ihm gekrault, selbst wenn er am Schreibpult steht und an einem wichtigen Manuskript arbeitet.

Die Katzen besitzen auf Finca Vigía Narrenfreiheit, Ernest erlaubt so ziemlich alles. Sie dürfen auf Tischen und Schränken umherkrabbeln, sich in den Hausschuhen und in den Safari-Stiefeln bequem machen, und überall in Haus umherstreifen und über das weitläufige Landgut stromern, als seinen sie die Monarchen des Anwesens.

Für seine vielen Katzen räumt der Autor eine ganze Etage seines Arbeitsturms frei, Ernest schreibt im Obergeschoss, die Katzen dürfen auf der unteren Ebene des Turms machen, was sie wollen, es ist ihr Reich. Der Schriftsteller spielt gerne mit den Tieren und die Fotos von der Finca Vigía zeigen meist einen ausgeglichen und doch melancholischen Menschen inmitten der heilen Natur.

Die Verantwortung für seine Tiere nimmt er ernst. Sie erhalten regelmäßig ihr Futter und wenn sie

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Ernest Hemingways Familie

Die Familie Hemingway in Oak Park, im Jahr 1906: Die Schwestern Marcelline und Madelaine, Vater Clarence, Mutter Grace, Schwester Ursula und Ernest. (v. l. n. r.); Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Ernest Miller Hemingway wird um acht Uhr morgens geboren, am 21. Juli 1899 in Oak Park, Illinois, einem Vorort von Chicago. Der konservative Wohngürtel um die Großstadt mit den vielen Kirchen und Kapellen hat so gar nichts am Hut mit dem liberalen Geist der Handelsmetropole. Die liegt zwar nur zehn Meilen von Oak Park entfernt, doch bewegt sich dort das Leben mental wie auf einem anderen Planeten.

Im Grunde genommen blicken die gutbürgerlichen Bewohner des Stadtrandes voller Verachtung nach Norden auf das Lotterleben Chicagos. In der Großstadt prägen Wirtschaftskrisen, soziale Konflikte, ein kaum versteckter Rassismus und die allgegenwärtige Mafia den Alltag, damit will man im wohlhabenden Speckgürtel nichts zu tun haben. 

Ernest wächst auf in einer angesehenen Familie, die nach außen wie ein Tugendhort erscheint. Die Hemingways gehören zur oberen Mittelschicht, der Vater arbeitet als praktizierender Mediziner, die Mutter ist Opernsängerin und Malerin. Die Familie besitzt ein dreistöckiges herrschaftliches Haus an der Oak Park Avenue, materiell fehlt es der Familie Hemingway an nichts.

Ernest hat fünf Geschwister, den jüngsten Bruder Leicester und die vier Schwestern Marcelline, Madelaine, Ursula und Carole. Es wird viel kammermusiziert in der Familie, jedes Familienmitglied spielt ein Instrument, Ernest bekommt das Cello zugewiesen. Nur mit Widerwillen nimmt er an den Konzerten, auch den öffentlichen, in ihrem Bezirk, teil.

Von 1913 bis 1917 besucht Ernest die Oak Park and River Forest High School. Er ist ein hochgewachsener Bursche, der viele Sympathien auf sich zieht. Er begeistert sich für den Sport, speziell fürs Boxen, das Schwimmen und den Football, und er spielt zwei Jahre im Schulorchester. Auch bei den Mädchen der Schule hat er einen Schlag, es gibt schon den einen oder anderen Schwarm.

Seine besten Leistungen verbucht er

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Ernest Hemingways Liste für Cabo Blanco

Ernest Hemingways Moleskine: Auf zwei Seiten Notizen zu Cabo Blanco.

Ernest und Mary Hemingway fliegen von Havanna über Miami ins südamerikanische Cabo Blanco. Fünf Wochen im April und Mai 1956 wird das prominente Ehepaar in dem winzigen peruanischen Fischerdorf verweilen. Am Pazifik wollen sie einen riesigen Marlin fangen und die Dreharbeiten der Second Unit zu dem Hollywood-Film Der alte Mann und das Meer ein wenig anleiten.

Cabo Blanco wird von dem weltberühmten Autor – zwei Jahren zuvor hat er den Nobelpreis für Literatur erhalten – gut vorbereitet. Die Reise nach Peru ist ihm wichtig. Ernest freut sich auf das fremde Meer, auf den wilden Pazifik, wo es an der Schnittstelle zwischen kaltem Humboldt-Strom und den warmen Äquatorial-Gewässern die größten Marline überhaupt geben soll. Eine Handvoll Freunde aus Kuba begleitet den Nobelpreisträger auf diesem exotischen Trip.

Auf seinen Ausfahrten in Cabo Blanco wird der Schriftsteller mehr oder weniger die gleiche Kleidung anziehen wie zwei Jahre zuvor auf der Safari in Ostafrika. Im Januar 1954 hat er zusammen mit Miss Mary Kenia und Uganda besucht, erfolgreich gejagt, war allerdings auch in zwei verheerende Unfälle mit Flugzeugabstürzen verwickelt.

Der Autor trägt eine helle Safari-Jacke aus etwas zu dicker Baumwolle, die ein Stoffgürtel über dem sichtbaren Bauchansatz zusammen hält. Dazu eine bis zu den Oberschenkel reichende Khaki-Hose und Halbschuhe aus leichtem Leder. An Bord zieht Ernest Hemingway es dann vor, meist barfuß zu laufen.

Obwohl den Autor Komplikationen an den Augen plagen, trägt er im glutheißen Nordperu auch bei prallstem Sonnenschein keine Sonnenbrille. Wenigstens zieht der Nobelpreisträger in der sengenden Sonne seine Baumwoll-Kappe an, ohne deren Schutz es in diesen Breiten böse enden kann.

Auf Finca Vigía hat Ernest Hemingway auf zwei Seiten in sein Moleskine akribisch aufgeschrieben, was er auf die Reise nach Peru mitnehmen möchte. List Cabo Blanco hat er die Blätter seines Büchleins überschrieben, und unter anderem aufgeführt: Rods, Rod Case, Headers, Hooks, Gaff, two Harpoons, Lines – das ist das Angelzeugs wie Haken, Angelschnüre und Angelruten.

Dann folgt die Auflistung der Kleidung: Hemden, eine Jacke, Caps, die Windjacke, eine Krawatte, Trenchcoat, Stiefel, eine Flanell-Hose, Sneakers, Brillen und Fishing Gloves, die Angel-Handschuhe. Und am Ende der zweiten Seite steht Books. Flott unterstrichen und dann ein dicker Punkt. Auf die Auswahl der Bücher möchte Ernest Hemingway wohl ein besonderes Augenmerk legen.

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Die zweite Seite von Hemingways Liste für Cabo Blanco.

Die Reise nach Peru soll ein Erfolg werden. Wir schreiben Mitte April 1956, es geht körperlich langsam bergab mit ihm, und auch das Schreiben fällt ihm schwer. Er braucht den Erfolg. In Peru, aber er braucht den Erfolg vor allem in sich drin. Das Schicksal hat ihm in den letzten Jahren schlimm mitgespielt.

Er ist erst Mitte 50 und sieht doch schon aus wie ein alter Mann. Sein Körper und seine Geisteskraft haben schon vor den Flugzeugabstürzen in Afrika nach und nach abgebaut, doch die starken Verbrennungen, die schweren Kopfwunden und die zahlreichen inneren Verletzungen setzen ihm so heftig zu, dass nichts mehr so ist wie in den guten Jahren.

Von Hemingways ‚Bohemia‘ zur Leprakolonie

Ernest Hemingway auf dem Cover des kubanischen Wochenmagazins Bohemia.

Als The Old Man and the Sea, Ernest Hemingway hat die Erzählung um die Jahreswende 1950/1951 geschrieben, auf den Markt kommt, da schlägt die Story in den USA ein wie eine Bombe. Am 1. September 1952 erscheint der kurze Roman zunächst in voller Länge im Magazin LIFE, die Zeitschrift hat dem Schriftsteller 30.000 Dollar für den Vorabdruck gezahlt.

Das großformatige Magazin wird den Kioskverkäufern zwischen San Francisco und Boston aus der Hand gerissen. LIFE sorgt mit dieser Ausgabe für einen nie erreichten Auflagenrekord: Innerhalb von zwei Tagen werden in den Vereinigten Staaten 5,2 Millionen Hefte verkauft.

Ein paar Tage später erscheint dann die Buchausgabe mit 127 Seiten beim New Yorker Verlag Charles Scribner’s Sons. Das Publikum in Amerika schließt Ernest Hemingways Erzählung von dem alten Fischer Santiago, dem Jungen Manolín und dem Fisch schnell ins Herz. The Old Man and the Sea wird einer der größten Bucherfolge aller Zeiten. 

Über 3.800 Briefe erhält der Schriftsteller zur Finca Vigía, von Lesern, die seine Novelle verschlungen haben und ihm nun danken. Und weil bei einer Anzeige für Ballantine-Bier sehr auffällig seine Adresse auf Kuba zu erkennen gewesen ist, werden die Tausende Briefe nicht an den Verlag in New York, sondern direkt nach San Francisco de Paula geschickt.

Der Postbote des armen kubanischen Dorfes hat einen

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