Das Portal zu Leben und Werk von Ernest Hemingway

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Jorge Luis Borges mag Ernest Hemingway nicht besonders

Jorge Luis Borges
Jorge Luis Borges und Ernest Hemingway. Zwei Jahrhundert-Schreiber. Wie Freunde in Paris? Eher nicht. Persönlich getroffen haben sie sich nie. Foto: ChatGPT.

Obwohl vom gleichen Jahrgang – Geburtsjahr 1899 – verkörpern diese zwei Schriftsteller die Antipoden der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts. Die Rede ist von dem Argentinier Jorge Luis Borges und dem US-Amerikaner Ernest Hemingway. Beide Autoren repräsentieren eine völlig unterschiedliche Herangehensweise an die Literatur.

Der Schreibstil von Jorge Luis Borges ist barockhaft, intellektuell und voller Anspielungen. Weniger als Romancier tritt der Südamerikaner auf, mehr wie ein philosophischer Denker und anspornender Fantast. Der Mann aus Buenos Aires bleibt zeitlebens von Büchern und von der Lektüre besessen. Dieser im Habitus weltabgewandte Stubengelehrter und halbblinde Bibliothekar liebt, sich in den Labyrinthen des Geistes zu verirren. Metaphysischen Rätsel treiben ihn um, seine Themen drehen sich um Träume, Chiffren und Mysterien.

Hemingway Stil hingegen kommt betont minimalistisch und schmallippig daher. Der hemdsärmelige Mann aus einem Vorort von Chicago führt sich auf wie ein juveniler Abenteurer und Jäger. Hyper-männlich, körperbetont und lebensnah. Die Themen des Nobelpreisträgers von 1954 drehen sich um den Stierkampf, die Jagd und den Krieg. Mut, Würde und Tod bilden die Herzstücke seiner Bücher. Ernest Hemingway versus Jorge Luis Borges. Nüchterner Realismus gegen magischen Idealismus, will man meinen, ein ungleicher Kampf.

Ein Großstadt-Mensch wie Jorge Luis Borges – stets im Anzug mit Krawatte – wandelt in den Straßen von Buenos Aires oder weilt in der feinen Schweiz. Doch am liebsten verkriecht er sich in seiner argentinischen Nationalbibliothek im Stadtteil Recoleta. Sein Lebensstil bleibt bescheiden, er lebt in einer schlichten Wohnung, ohne jede Extravaganz. Von den zahllosen Büchern abgesehen.

Ernest Hemingway wiederum – in Shorts, Shirt und Sandalen – lässt auf Kuba alle fünfe gerade sein und genießt das Leben. Zu Frauen und Prozenten sucht er Nähe. Abstand hält er zu den Metropolen und deren Verdrießlichkeiten. Papa sucht sein kleines Glück unter Palmen am Meer. Ihn interessiert weniger die Geisteskraft, sondern der Zauber des richtigen Lebens. 

Für die Zurschaustellung der Männlichkeit hat der Gelehrte Borges wenig übrig. Er findet den Fokus auf physische Gewalt, Stierkampf und Krieg oberflächlich. Mehr als einmal hat Jorge Luis sich kritisch über den virilen Kollegen geäußert. I dislike Hemingway, rutscht ihm in einem Interview heraus. Er meint, der bärtige Amerikaner sei ausgezeichnet als Schöpfer von Mythen. Vor allem über sich selbst. Mehr Persona denn Substanz.

Ich mag Hemingway nicht besonders. Er ist ein Mann, der sich sehr für seine Männlichkeit interessiert. Und dies ist etwas, was mich langweilt. Ernests Werk bezeichnete der Argentinier als brutal und geistlos. Für Jorge Luis Borges ist wahre Tapferkeit eine Sache des Geistes oder der Metaphysik, nicht das Abknallen von Löwen und Antilopen. Er tue ihm fast leid. Hemingway ist ein Mann, der ständig beweisen muss, dass er ein Mann ist.

Trotz seiner Abneigung gegen das Aufplustern und das Testosteron-Aufpumpen erkennt Borges die Verdienste des Kollegen an. Hemingway sei ein exzellenter Handwerker, der die Kurzgeschichte technisch präzisiert habe. Ein Handwerker. Es hört sich abfällig an aus Borges Mund. Es ist, wie es ist: Ihre literarischen Ansichten und Temperamente liegen zu weit auseinander. Gegenseitige Wertschätzung oder gar Freundschaft? Fehlanzeige.

Ernesto bleibt dem hispanischen Lebensraum zugeneigt, ebenso wie Jorge Luis den amerikanischen Idealismus verehrt. Die Welten der beiden überschneiden sich zwar zeitlich, aber künstlerisch und mental bleiben sie Lichtjahre voneinander entfernt. Borges betrachtet Hemingway eher als ein gesellschaftliches Ereignis, das er mit einer Mischung aus Amüsement und Verachtung beobachtet.

Die beiden Giganten verstehen sich nicht besonders. Weder im Sinne von Sympathie, noch in Bezug auf einen produktiven Austausch. Borges respektiert den Amerikaner zwar als Phänomen der Zeit, findet ihn aber künstlerisch als eindimensional und uninteressant. Zu sehr ist

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Die Suche nach der reinen Linie: Ernest Hemingway und Constantin Brâncuși in Paris

Constantin Brâncuși
Die Sehnsucht nach dem Wesentlichen: Constantin Brâncuși nähert sich dem künstlerischen Kern in Paris. Ebenso wie Ernest Hemingway.
Foto: C. Stock, 2026

Anfang der 1920er Jahre ist Paris das Epizentrum der künstlerischen Avantgarde. In den verrauchten Cafés von Montparnasse und den spartanischen Ateliers der Rive Gauche treffen zwei Personen aufeinander, die auf den ersten Blick nicht gegensätzlicher sein können. Hier der junge, vitale amerikanische Journalist Ernest Hemingway, der an einer neuen, schnörkellosen Prosa feilt. Dort der rumänische Bildhauer Constantin Brâncuși, ein introvertierter Mystiker, der in seinem Atelier den Marmor und die Bronze bis zur absoluten Essenz vereinfacht.

Obwohl sich keine tiefe Freundschaft zwischen den beiden entwickelt, kreuzen sich ihre Wege in den Zirkeln um Ezra Pound und Gertrude Stein regelmäßig. Es entsteht eine Komplizenschaft der Moderne in Paris, jeder kennt jeden in der Szene der Innovatoren. Man lästert kräftig übereinander, und doch mag man sich irgendwie. Denn alle sind Teil derselben kreativen Explosion. Und sie teilen eine radikale künstlerische Philosophie, die das Fundament der Moderne bilden wird: den Verzicht auf das nutzlose Ornament.

Der Schreiber Ernest Hemingway erarbeitet in Paris seine Eisberg-Theorie. Er kommt zur Überzeugung, dass ein Autor sieben Achtel seiner Botschaft weglassen kann und die Geschichte dennoch an Tiefe gewinnt. Hinter den einfachen Sätzen des Mannes aus Oak Park verbirgt sich die emotionale Spannung des Nicht-Gesagten. Die Prosa dieses Naturburschen ist kurz, direkt und frei von Schnörkeln. Der Mittzwanziger in Paris schneidet in seinen Erzählungen alles Überflüssige weg, um dem Kern der Wahrheit nahezukommen.

Genau diese Reduktion leitet auch den bärtigen Constantin Brâncuși. Während traditionelle Bildhauer des 19. Jahrhunderts Detail und Detail anhäufen, geht Brâncuși den umgekehrten Weg. Den Schriftsteller und den Bildhauer verbindet eine ähnliche Vorstellung von Klarheit, Reduktion und Wahrhaftigkeit in der Kunst. Der eine arbeitet mit Worten, der andere mit Stein, Bronze und Holz – und beide suchen nach dem Wesentlichen.

Damit revolutionierte Constantin Brâncuși die moderne Skulptur und beeinflusst Generationen von Künstlern. Ernest Hemingway wiederum revolutioniert die Literatur, indem er abrüstet und mit wenigen Worten sowie kargen Dialogen intensive Bilder und Gefühle erzeugt. Auch er wird zum Vorreiter einer neuen Art zu schreiben und von Kollegen und Journalisten oft kopiert. 

Constantin Brâncușis Atelier in der Rue Rambuteau im Stadtteil Le Marais gilt als lebens- und trinkfreudiger Treffpunkt der Avantgarde. Der Bildhauer arbeitet nicht nur an seinen Skulpturen, sondern inszeniert den künstlerischen Raum als Gesamtkunstwerk. Licht, Materialien und Anordnung der Werke sind sorgfältig aufeinander abgestimmt. Besucher berichten von einer fast spirituellen Wirkung des Ateliers. 

Der Autor von Fiesta schätzt die kompromisslose Hingabe an die Kunst und erkennt darin eine Haltung, die seiner eigenen Arbeit ähnelt. Häufig erwähnt Ernest Hemingway den Bildhauer mit Bewunderung in seinen Briefen. Oft werden Fotos der Skulpturen in avantgardistischen Zeitschriften wie This Quarter oder Transatlantic Review neben den Artikeln abgedruckt. Als Ernest Walsh im Mai 1925 das neue Magazin This Quarter gründet, sind Ernest Hemingway und Constantin Brâncuși die Zugpferde.

Von Hemingway erscheint in dieser Erstausgabe die Kurzgeschichte Big Two-Hearted River, der Bildhauer ist mit über 40 Fotografien vertreten. Ernest schreibt dazu am 28. März 1925 an den Verleger: Das wird eine verdammt gute Zeitschrift. Die Sachen von Brancusi sind nicht schlecht. Wenn man die Fotos zurecht schneidet, dann werden sie sehr gut aussehen. Manche sind brillant. Ganz feine Stücke, jedenfalls. Alleine diese Grafiken sind eine eigene Besprechung wert.

Beide Künstler sind starke Persönlichkeiten mit einem ausgeprägten Sinn für Disziplin. Hemingway sucht das Abenteuer beim Stierkampf, auf Safaris oder bei den Frauen, während Brâncuși ein zurückgezogenes Künstlerleben führt. Dennoch verbindet sie die Überzeugung, dass wahre Kunst nur durch Einfachheit und absolute Ehrlichkeit entstehen kann.

Seit Jahrzehnten gelten Ernest Hemingway und Constantin Brâncuși als Ikonen der Moderne. Ihre Werke zeigen, dass

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Ist Ernest Hemingway unmodern?

Ernest Hemingway
Der alte Seebär Ernest Hemingway in Cabo Blanco/Peru. Im April 1956. Foto: Mario Saavedra-Pinon.

Angriffsfläche bietet der Bärtige genug. Hauptvorwurf, vor allem von Kollegen: Er sei unmodern. Ein oller Seebär, der schreibt. Einer, der in T-Shirt und Shorts herumläuft. Jemand, der sich an wilde Bullen herantraut und sich an riesigen Marline am Haken ergötzt. Ein durch und durch merkwürdiger Kerl. Ohne Zweifel, so ganz anders als der normale Schriftsteller. Jedenfalls passe er nicht in die moderne Zeit. Seine Inhalte und sein Stil – schrecklich altbacken. Aktuelle Themen, die unter den Nägeln brennen, seien bei ihm nicht zu finden.

Die Linken kritisieren, soziale Kämpfe kenne er nicht. Nur Kämpfe mit Stieren. Probleme der Arbeiterklasse, wie bei Der Dschungel von Upton Sinclair, scheinen ihm fremd. Darüber schreibt er nicht. Feine Psychogramme menschlicher Niederung in der Art von Die Katze auf dem heißen Blechdach wie beim Kollegen Tennessee Williams? Fehlanzeige. Berufsprobleme à la Willy Loman? Ist alles nicht seine Welt.

Mit den Schattenseiten des Kapitalismus hat Ernest Hemingway in der Tat nichts am Hut. Sorgen und Nöte im Beruf, Ehezwist, Emanzipation, der Moloch der Metropole, prekäres Dasein, Rassendiskriminierung, gesellschaftliche Benachteiligung. Gibt es, mehr als genug. Doch dies sind nicht seine Themen. Im Gegenteil, Ernest Hemingway verachtet die literarische Selbstbemitleidung der Großstadt-Neurotiker. Deshalb hat er sich auf Kuba verkrochen, in seine tropische Finca, weit weg von der Tretmühle seiner Landsleute. 

Auch sein Schreibstil ist anders. Komplizierte Sätze und eierköpfige Ausschweifungen finden wir nicht in seiner Prosa. Ernesto mag vielmehr die ungekünstelte und unverstellte Erzählung. Alles selbst gesehen und schmerzlich erlebt. Das ist sein Kosmos. Die Welt, wie sie wirklich daher kommt. Fischer, Kneipiers und Malocher gehören zu seinen Freunden. Intellektuelle und Geschäftsleute, Menschen, die man gemeinhin so als Elite betitelt, eher nicht.

Und so schlagen die Gegner kräftig auf ihn ein. Man reibt sich in der Öffentlichkeit an ihm. Einerseits. Andererseits kopiert man ihn, Kolleginnen und Kollegen folgen seiner Marschroute. Sein schnörkelloser Stil, die detailversessene Darstellung der Natur und die kraftvolle Sprache werden typisch für viele Schriftsteller, weltweit. Ernest Hemingway wird ein Stilbildner, bis heute hat er ganze Autorengenerationen beeinflusst.

Die Aufzählung seiner Eleven gerät lang: Truman Capote, Nelson Algren, Malcolm Lowry, Bruce Chatwin, Tom Wolfe. Alles Top-Schreiber, alleine aus der angelsächsischen Sprachwelt. In Deutschland: Heinrich Böll, Arno Schmidt, Hans Fallada, Wolfgang Borchert, Alfred Andersch, Siegfried Lenz und Luise Rinser. Es ist nur eine Auswahl, zu viele stehen auf der Liste.

In ihrer Authentizität besitzen Hemingways Erzählungen etwas, das niemals aus der Zeit fallen kann: Nähe und Glaubwürdigkeit. Belanglosigkeit, dies wäre ein gewichtiger Vorwurf. Doch Ernests Themen bleiben zu sehr geerdet, als dass sie platt und oberflächlich wirken könnten. Der Nobelpreisträger von 1954 kommt aus der urwüchsigen Tradition eines Mark Twain. Es ist ihm gelungen, die englische Literatur von den salbungsvollen Manierismen der Charles Dickens-Schule zu befreien. 

Dieser Schriftsteller kann das Außenleben wie kein Zweiter messerscharf beobachten. Präzise wie ein Chirurg legt er seine Sätze und Dialoge an. Alles Unnütze muss weg, der Plauderton im Literarischen liegt ihm nicht. Ernest Hemingway kommt direkt zur Sache. Und erzählt dabei nicht das volle Programm. Eisberg, eben. Diese Mischung macht seine Einzigartigkeit aus.

Der Mann aus einem gutbürgerlichen Vorort von Chicago folgt keiner Mission. Er will nicht bekehren, nicht indoktrinieren, nicht belehren. Er will bloß zeigen, wie das Leben wirklich läuft. Seine Prosa zielt kraftvoll auf die Seele des Menschen. Denn es geht um ein Anliegen, das niemals altert: Es geht um den freien Willen und um innere Freiheit. Seine Erzählungen handeln von Sieg und Niederlage im Alltag. Die Botschaft lautet: Verlieren, ja – aber in Würde. Seit der Mensch denken kann, ist

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Duell der Giganten: Ernest Hemingway vs. Thomas Mann

Ernest Hemingway
Thomas Mann
Wahrscheinlich hätten sie sich gut verstanden. Doch getroffen haben sie sich nie. Thomas Mann und Ernest Hemingway. Foto ChatGPT. (Huch: So perfekt ist AI dann doch nicht. Wem gehört die Hand auf Ernests Schulter?)

Ernest Hemingway ist ein Meister der kurzen Sätze. Prägnant legt er seine Sprache an, überdies kahl und kühl, auf jedes unnütze Beiwerk verzichtend. Die Prosa des Nobelpreisträgers von 1954 kommt sparsam, lakonisch und zugeknöpft daher. Aber meist zielgerichtet auf den Punkt gebracht. Eine Schreibkunst, ähnlich wie die millimetergenauen Skizzenrollen eines Architekten. Akkurat und ohne jede Kapriole.

Thomas Manns Erzählkunst entspricht dem schieren Gegenteil. Lange Schachtelsätze, Girlanden aus Adverbien und Adjektiven und als Zugabe noch ein Nebensatz. Blümchen-Prosa. Die Sprache des Lübeckers ist, nun ja, überaus mitteilsam, geradezu redselig, der Herr des Hauses befindet sich in Plauderlaune. Am Ende der Lektüre weiß man bei Thomas Mann nicht so recht, um was es zu Anfang eigentlich ging.

Hemingways Stil hingegen ist sorgsam darauf bedacht, nicht allzuviel zu verraten. Gehalt und Dynamik sollen – wie im Kopfkino – der Phantasie der Leser überlassen bleiben. Thomas Manns Stil dagegen schwurbelt und schnattert bis der Arzt kommt. Der Autor von Der Zauberberg umkreist das Objekt mehrmals, weitläufig und ausschweifend. Er redet nicht nur mehr als nötig, seine Sätze gleichen einem Wasserfall. 

Nehmen wir den wunderbaren Roman Fiesta aus dem Jahr 1926, der Roman ist Ernest Hemingways Durchbruch als Schriftsteller. Es geht um US-Intellektuelle, die das Baskenland während des San Fermín-Festes besuchen und verzweifelt sind auf der Suche nach der Sinnhaftigkeit im Lebens. Große Klasse wie Ernest die Pamplona-Sequenz anfängt:

Sonntagmittag, 6. Juli, explodierte die Fiesta.

Packend, auf den Punkt, atmosphärisch dicht. Besser kann man das nicht machen. 

Wie hätte Thomas Mann die Eröffnung der Sanfermines beschrieben? Ich vermute in etwa so:

„Sonntag, unter fiebernder Mittagssonne, am sechsten Tage des Juli, entlud sich die Fiesta in einer Detonation, in einem Gewirr plötzlicher, von Hitze, Stimmen und einem fast feierlich zu nennenden Übermaß an Lebensäußerung getragenen Ausweitung des Ereignisses, bei der Zeit, Ordnung und Zurückhaltung im Land der Basken für einen Augenblick ihre Geltung einzubüßen schienen, sodass jenes bis dahin noch überschaubare Beisammensein sich, von einer eigentümlich schicksalhaften Heiterkeit ergriffen, in einen Zustand rauschhafter Unübersichtlichkeit verwandelte, den man, bei nüchterner Rückschau, wohl mit Recht als Explosion bezeichnet werden konnte.“

Viele geraten bei solchem Satz-Gepluster in Verzückung, in Wirklichkeit ist diese Dichtung ein nerviges Geplapper. Prägnant zu schreiben, ist eine Kunst. Ausschweifend zu formulieren, eine Schwäche. Die gleiche Beobachtung können wir zu Ende der Sanfermines ausmachen. Ernest Hemingway wirft uns mit vier einfachen Wörtern aus dem Geschehen:

Die Fiesta war vorbei.

Wow! Das muss man sich trauen. Die Fiesta war vorbei. Mehr muss man nicht sagen. Sprache wie unter einem Brennglas, pointierter geht es nicht. Unser Thomas Mann hätte wohl eher folgendes zu Papier gebracht:

„Die Fiesta neigte sich dem Schlussakkord zu, und was eben noch, von flackernder Musik, dem süßlich schweren Duft verschütteten Weins und der unerquicklich heiteren Unordnung menschlicher Nähe durchtränkt, die Plaza mit einem beinahe übermütigen Anspruch auf Dauer erfüllt hatte, zog sich nun, gleichsam errötend über die eigene Vergänglichkeit, in ein müdes Nachklingen zurück, sodass in Pamplona jene stille, leicht beschämte Leere eintrat, in der man erkennt, dass jenes Zwischenspiel, welches eben noch als Ereignis gegolten hatte, bereits zur Erinnerung herabgesunken war.“

Oh mein Gott! Ernest Hemingway vs. Thomas Mann. Wenn Ernest Hemingway der Chirurg ist, der präzise seine Instrumente setzen muss, dann kultiviert Thomas Mann den Habitus eines

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José Luis Herrera Sotolongo war Ernest Hemingways persönlicher Arzt

Ernest Hemingway
José Luis Herrera Sotolongo
Freunde und Vertraute auf Kuba: Dr. José Luis Herrera Sotolongo, Juan Duñabeitia und Ernest Hemingway.

Man stelle sich vor, du hättest deine erste Schreibaufgabe in der Highschool darüber geschrieben, mit den Hemingways auf Kuba zu Abend gegessen zu haben. Niemand hätte dir geglaubt. Und noch schlimmer: Deine Englischlehrerin – ausgerechnet eine Barmherzige Schwester! – hätte dich vor deinen neuen Mitschülern als Lügnerin bezeichnet. Auch zu Hause hättest du kein Mitgefühl erfahren. „Das hättest du niemals schreiben dürfen“, spottete deine Mutter. „Dein Vater hat uns vergessen. Die Vergangenheit ist vorbei.“

Du fühlst dich, als hättest du alles verloren – deine Muttersprache, deine Kindheitsfreunde. Vor allem aber die Liebe eines einst so fürsorglichen Vaters, nachdem deine Mutter aus persönlichen und politischen Gründen beschlossen hatte, mit ihren beiden Kindern nach New York City auszuwandern. Margarita musste nun auf die englische Version ihres Namens hören: Margaret.

Statt in einer Wohnung mit Meerblick in Miramar lebte Margaret nun als eine der ärmsten Schülerinnen in ihrer Klasse in der Bronx. Ständig geriet sie in Schwierigkeiten, weil sie kein Barett, keine Handschuhe, keinen Rosenkranz oder keine Bibel besaß. Nicht, weil sie rebellisch oder vergesslich gewesen wäre (oh nein, das war sie nicht!). Ihre Mutter konnte sich diese Dinge einfach nicht leisten.

Ist es da verwunderlich, dass sie die bittersüßen Erinnerungen an ihre privilegierte Kindheit für sich behielt – so sehr, dass sie sie Jahrzehnte später sogar vor ihren eigenen Kindern verbarg? Doch die Vergangenheit ist niemals wirklich vorbei. Sie ist eine Reihe aufeinanderfolgender Ausgangspunkte, von denen aus wir uns in die eine oder andere Richtung wenden.

Eines Tages, als ich durch Fotos von Hemingways Schreibrefugium in Kuba, der Finca Vigía – heute ein Museum – scrollte, bemerkte ich, dass dessen Hausmeister eine verblüffende familiäre Ähnlichkeit hatte – mit meiner Highschool-Freundin Margaret! Sofort schickte ich ihr den Artikel per E-Mail. Könnten sie möglicherweise verwandt sein? „Ach klar“, antwortete sie ganz beiläufig. „Das ist mein Cousin Armandito.“

Ihre Bemerkung löste eine kleine Kampagne aus, um die Ehre meiner Freundin wiederherzustellen. Unsere Englischlehrerin hatte die Klosterschule längst verlassen – was auch gut so war. Aber ich wollte, dass unsere ehemaligen Mitschüler erfuhren, dass Margaret keineswegs gelogen hatte, sondern ihre Beziehung zu Papa Hemingway sogar untertrieben hatte.

Margaritas Vater – Dr. José Luis Herrera Sotolongo – war Ernest Hemingways persönlicher Arzt und enger Vertrauter. Viele der ikonischen Fotos von Papa und seiner damaligen Frau Mary wurden von ihrem Onkel Roberto aufgenommen. Ein weiterer Onkel – Armando – vervollständigte das Trio der Brüder im Freundeskreis der Hemingways.

Ernest und die Brüder Herrera Sotolongo lernten sich in Spanien während des Spanischen Bürgerkriegs kennen. Hemingway war als Kriegsberichterstatter tätig und eng mit der 15. Internationalen Brigade (der „Lincoln-Brigade“) verbunden. Margarets zukünftiger Vater diente zu dieser Zeit als Chefarzt der 12. Internationalen Brigade (der „Garibaldi-Brigade“). Diese republikanischen Brigaden wurden von der Sowjetunion unterstützt und kämpften gegen die Truppen von General Francisco Franco, die vom faschistischen Deutschland und von Italien unterstützt wurden.

Ernest Hemingways Arzt auf Kuba: Dr. José Luis Herrera Sotolongo (Madrid 1913 – Havanna 1995).

Wie in vielen Bürgerkriegen waren auch spanische Familien gespalten. Es heißt, dass aristokratische Mitglieder von Margarets Familie gemeinsam mit dem ehemaligen König Spaniens, Alfonso XIII., ins Exil nach Frankreich und Italien gingen. Solch eine Familienbande sollte sich als lebenswichtig erweisen, nachdem der General Franco den Bürgerkrieg gewann. Obwohl man argumentieren könnte, dass die Rolle eines Arztes humanitär angelegt sei, wurde Dr. Herrera Sotolongo zum Tod durch ein Erschießungskommando verurteilt. Dank seiner familiären Verbindungen wurde das Urteil zunächst in lebenslange Haft und schließlich in dauerhaftes Exil auf Kuba umgewandelt. Seine Brüder sollten ihm bald dorthin folgen.

In ihrem Highschool-Aufsatz beschrieb Margaret auf charmante Weise, wie sie ihren Vater samstags begleitete, um Papa zu besuchen. Wie sie auf einem abgenutzten Korbstuhl saß, der ihre Beine zerkratzte, und ihm beim Schreiben zusah. Wie sie Ernests Ehefrau Mary im Garten half oder sich mit ihrer Mutter verschwörte, um das servierte Schildkröten-Steak heimlich zu entsorgen, während die Männer am anderen Ende des Tisches saßen und endlos den Spanischen Bürgerkrieg wieder aufleben ließen.

Als sich die Gäste später an diesem Abend auf der Finca Vigía versammelten, um einen Meteoriten-Schauer zu beobachten, ahnte niemand, dass in jenen Tagen das Ende einer Ära eingeläutet wurde. Wie Margaret eindringlich kommentiert: „Kurz darauf übernahm Fidel Castro die Macht, und das Leben, wie wir es kannten, war für Millionen von uns vorbei.“

Margarita Herrera
Margarita Herrera bei Gartenarbeiten. Ein Hobby, das sie damals mit Mary Hemingway teilte.

Ernests körperliche und geistige Verfassung begann sich zu verschlechtern, und Mary brachte ihn in die Vereinigten Staaten, wo er Schocktherapien unterzogen wurde, um ihn von der alkoholbedingten „Wahnvorstellung“ zu heilen, er werde überwacht. Doch freigegebene FBI-Akten legen nahe, dass dies keine Einbildung war. Die US-Regierung hatte ihn seit seiner Zeit als Journalist im Spanischen Bürgerkrieg als möglichen kommunistischen Sympathisanten überwacht.

Hemingways enge Beziehung zu den spanischen Exilanten in Kuba sowie eine viel fotografierte – jedoch einmalige – Begegnung mit Fidel Castro bei einem Angelturnier befeuerte die Verdächtigungen der US-Regierung noch mehr. Dr. Herrera erklärte, dass Fidel Castro wiederholt um ein Treffen mit Hemingway gebeten hatte, der Schriftsteller jedoch zögerte, darauf einzugehen.

Doktor José Luis Herrera Sotolongo wurde später Kubas erster Gesundheitsminister unter Fidel Castro. Margarita und ihr Bruder sollten ihren Vater nie wiedersehen. Er starb 1995 auf Kuba im Alter von 82 Jahren. In einem seltenen Interview sagte Margarets Vater über den Selbstmord des berühmten Schriftstellers knapp: „Er hätte auf Kuba sterben sollen.“

Englische Version: José Luis Herrera Sotolongo was Ernest Hemingway’s personal physician

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José Luis Herrera Sotolongo was Ernest Hemingway’s personal physician

Ernest Hemingway
Cuban friends and close confidants: Dr José Luis Herrera Sotolongo, Juan Duñabeitia and Ernest Hemingway.

What if for your first writing assignment in high school, you wrote about having dinner with the Hemingways in Cuba, and no one believed you? And worse, your English teacher – a Sister of Charity, no less! – called you a liar in front of your new classmates. Nor would there be any empathy at home. „You should never have written that.“ Your mother scoffed. „Your father has forgotten us. The past is past.“

You feel as though you lost everything – your native language, your childhood friends, but most of all, the love of a once doting father, when your mom decided, for personal and political reasons, to emigrate to New York City, with her two children. Margarita now had to answer to its English translation, Margaret. From an apartment overlooking the sea in Miramar, Margaret was now among the poorest students in her Bronx classroom. She was always getting into trouble, for not having her beret, gloves, rosary or Bible. Not because she was rebellious or forgetful (oh no, she wasn’t that)! Her mother simply could not afford those items.

Is it any wonder that she would keep the bittersweet memories of her privileged childhood to herself – to the point of shielding them from her own children decades later? But the past is never past. It is a series of successive points of departure, from which we turn in one direction or the other.

One day, scrolling through photographs of Hemingway’s writing haven in Cuba, Finca Vigía, now a museum, I noticed that its caretaker bore an uncanny family resemblance – to my high school friend, Margaret! I immediately emailed the article to her. Could they possibly be related? „Oh sure,“ she replied casually. „That’s my cousin Armandito.“ 

That sparked a campaign to vindicate my friend’s honor. Our English teacher had long left the convent, as well she should have. But I wanted our classmates to know that far from lying, Margaret had modestly understated her relationship to Papa Hemingway. Her father, Dr José Luis Herrera Sotolongo was Ernest Hemingway’s personal physician, and close confidant, and many of the iconic photos of Papa and his then wife Mary were taken by her Uncle, Roberto. Another uncle, Armando, completed the trio of brothers in Hemingway’s orbit.

Dr José Luis Herrera Sotolongo
Ernest Hemingways physician: Dr José Luis Herrera Sotolongo (Madrid 1913 – Havana 1995).

Ernest and the Herrera Sotolongo Brothers met in Spain during the Spanish Civil War, when Hemingway was a war correspondent, working closely with the 15th („Lincoln“) International Brigade. Margaret’s future father, meanwhile, was serving as Chief Surgeon in the 12th („Garibaldi“) International Brigade. Their Brigades were backed by the Soviet Union (Republicans), and fought against the forces of General Francisco Franco, who had the support of Germany and Italy (Fascists).

As in many Civil Wars, Spanish families were divided. It is said that aristocratic members of Margaret’s family went into exile in France and Italy with the former King of Spain, Alfonso XIII. Such relationships would prove vital when General Franco won the war. Although it might be argued that a doctor’s role is humanitarian, Dr Herrera Sotolongo was sentenced to death by firing squad. Thanks to his family connections, his sentence was commuted, first to life imprisonment, and finally to permanent exile in Cuba. His brothers would soon join him there. 

In her high school composition, Margaret charmingly described accompanying her father on Saturdays to see Papa. Of sitting in a worn wicket chair that scratched her legs, and watching him write. Of helping Mary in the garden, or conspiring with her mother to ditch the turtle steak placed before them, while the men sat at the other end of the table, endlessly reliving the Spanish Civil War. 

As the dinner guests gathered later that night to watch a meteor shower from Finca Vigía, no one imagined that it was the end of an era. As Margaret poignantly states, „Shortly after, Fidel Castro took over, and life as we knew it ended for millions of us.“

Margarita Herrera
Margarita Herrera in her garden, a pastime she shared in Cuba with Hemingway’s wife, Mary.

Ernest’s physical and mental heath began to decline, and Mary took him to the United States, where he was subjected to shock treatments to cure him of the alcoholic „obsession“ that he was being watched. Declassified FBI files suggest that it was no delusion. The U.S. government had had him under surveillance as a possible Communist sympathizer, since his time as a journalist during the Spanish Civil War. 

Hemingway’s close relationship with the Spanish exiles in Cuba, as well as a much photographed – but single – encounter with Fidel Castro at a fishing tournament, did not allay the government’s suspicions. Doctor Herrera stated that Fidel Castro repeatedly asked to meet Hemingway, but the writer expressed his reluctance to do so.

José Luis Herrera Sotolongo would become Cuba’s first

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Michael Kleeberg auf der Suche nach Ernest Hemingways letztem Geheimnis

Michael Kleeberg
Michael Kleeberg: Achilles in Taormina, Mai 2026.

Große Geheimnisse um diesen bärtigen Nobelautor gibt es eigentlich keine mehr. Jeder Winkel seines Lebens ist ausgeleuchtet, jeder Nerv gekitzelt. Doch nach Hinweis von Michael Kleeberg stolpert man in einem seiner Romane plötzlich über eine scheinbar harmlose Aussage: Am liebsten mochte ich Ernest Udet. Dieser kleine Satz hat sich in Hemingways Venedig-Werk Über den Fluss und in die Wälder eingeschlichen. Man liest schnell darüber hinweg, es sieht nach der üblichen Theken-Aufplusterei von Ernest aus. Oder doch nicht?

Kannte Ernest Hemingway den deutschen Jagdflieger des Ersten Weltkriegs? Jenes Flieger-Ass, das Carl Zuckmayer als General Harras im Theaterstück Des Teufels General nachempfunden hat. Waren Ernest Hemingway und der im Nazi-Sumpf versinkende Ernst Udet wirklich Freunde und tranken Bruderschaft? Kleeberg sucht akribisch nach Belegen für diese steile These. Und tatsächlich findet er allerlei Indizien in den lichten Sphären von Name-Drops und in Gestalt von Zeitzeugen. Wahr oder geflunkert?

Die Udet-Geschichte ist natürlich nur Vorwand. Vielmehr gilt es einem Mythos auf den Grund zu gehen. „Dem Geheimnis, dem Magischen, dem Unerklärlichen auf die Spur zu kommen, das den Normalmenschen von all denen unterscheidet, mit denen das Schicksal es besonders gemeint hat“, wie Michael Kleeberg treffend schreibt. Achilles in Taormina heißt sein neues Buch. Ein Leben auf der Suche nach Hemingways letztem Geheimnis. Auf 320 Seiten nimmt er uns mit zu einer wahnwitzigen Achterbahnfahrt durch die von Hemingway beeinflussten Schauplätze.

In bester Laune schlüpft der 66-jährige Berliner Autor dazu in die fiktionale Rolle des Hemingway-Forschers Dr. Kleeberg, Redakteur beim US-Magazin Atlantic Monthly, mit eigener – durchaus hemingway’esken – Biografie. Er geht in die Revolution nach Nicaragua, verliebt sich, er trifft später auf Agnes, die nun greise erste Liebe des jungen Hemingway. Er besucht Heinz Rühmann am Starnberger See, spricht mit der Tochter von Carl Zuckmayer in der Schweiz, er begibt sich zu Hemingways dritter Ehefrau Martha Gellhorn nach London und unterhält sich im Sun Valley mit Gregory, dem jüngsten Hemingway-Spross.

Michael Kleeberg, einer der interessantesten Schriftsteller seiner Generation, recherchiert gründlich, kann im Detail überzeugen und spannt mit Erfahrung den großen Bogen. Er ist ein Autor, der über den Tellerrand blickt, jemand, der mit bodenständiger Schwungkraft wandelt zwischen Tradition und Moderne. Kleeberg – auch so ein Unangepasster, den man in keine Schublade stecken möchte – legt seine Prosa kurzweilig und zielsicher an und ist frei von Gefallsucht in Bezug auf irgendwelche Communitys.

Die Frage bleibt: Warum hallt der „Hemingway-Sound“ über die Jahrzehnte hinweg so kräftig nach? „Es gelang Hemingway da etwas, was nur wenigen Autoren gelingt, nämlich eine Epoche zu prägen und zu definieren“, betont Kleeberg gleich zu Beginn seines Buches und hier liegt das eigentliche Geheimnis, das es zu entschlüsseln gilt. Wie schafft es ein Mensch, so einfach und dennoch mit Tiefgang zu schreiben? Wie kann jemand mit so vielen Narben auf der Seele eine solche Herzenswärme zu Paris und Pamplona auf Papier ausbreiten?

Munter mixt Michael Kleeberg die verbürgten Fakten und seine erfundenen Begebenheiten zu einem vielfältigen Kaleidoskop aus Realität und Fiktion. Raffiniert robbt sich Kleeberg an das literarische Mysterium heran, jenseits aller Klischees von Großwild-Jagd und Schnapsgedrossel. Beim Lesen bemerken wir, die Themen des Nobelpreisträgers von 1954 – die Lust am Leben, die Sehnsucht nach Liebe und der Kampf um Würde – sind längst nicht aus der Zeit gefallen. 

Mit Imagination steuert Kleebergs Roman in Taormina auf einen homoerotischen Höhepunkt zu, inklusive der Entdeckung einer diesbezüglichen Kurzgeschichte des Jungen Nick. „Ein Mann, der sich in Männergesellschaft so pudelwohl fühlt und alle bannt, obwohl er mit Abstand der jüngste ist, und dabei permanent von Frauen redet – was will der?“ Der Drang zur Männlichkeit im männlichen Verbund enge ihn ein, meint Kleeberg. Doch für die Befreiung aus dieser Bedrängnis fehle ihm Kraft und Hoffnung. Auch hier bleibt die Zerrissenheit.

Tief greift Michael Kleeberg in die stilistische Trickkiste: Authentizität, Täuschung und Imitation nutzt er als Brückenschlag zum großen Vorbild. Voller Rasanz heftet sich der Protagonist an die Fersen von Ernesto, mit jedem Kapitel mehr schwärmt sich der gebürtige Stuttgarter in einen Rausch. Weil Tatsächliches und Fabuliertes von ihm so virtuos verschachtelt wird, weiß man am Ende nicht mehr, wo oben und unten ist. Ist vielleicht auch unwichtig. Dies kennen wir seit Hemingways Lebzeiten. Wahr und erfunden – es sind nicht Kategorien, die so richtig zu einem bunten Leben passen.

Wer diesen Rabauken aus Oak Park bei Chicago in seiner vollen Bedeutung begreifen will, der muss

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Ärger im Autoren-Himmel wegen Ernest Hemingway

Hemingway in Heaven
Hemingway im Himmel
Der Heiligenschein steht diesem kernigen Mannsbild nun wirklich nicht. Foto: AI-ChatGPT.

Mitte Oktober 1954 erreicht Petrus im Autoren-Himmel eine Nachricht aus Stockholm. Das Königliche Komitee beabsichtige, dem US-Amerikaner Ernest Hemingway den Nobelpreis für Literatur zu verleihen. Ob Einwände bestehen?

Eilig beruft Petrus das Kollegium der Nobelautoren ein. Und da sitzen die Giganten der Sprache an einem Tisch über den Wolken und sind gespannt. Verehrte Damen, meine Herren, hebt Petrus an, der Nobelpreis soll in diesem Jahr an den Kollegen Ernest Hemingway gehen. Die schwedische Akademie möchte unsere Meinung dazu.

Schrecklich, ergreift der Engländer John Galsworthy als Erster das Wort, ganz grauenvoll. Im Grunde seines Herzens ist der Kerl ein ungehobelter Plebejer. Wer kann mir etwas über seine Familie sagen?
Petrus wirft einen Blick in die Unterlagen. Der Vater war Arzt in einem Vorort von Chicago, die Mutter Opernsängerin.
Entsetzlich, jammert John Galsworthy. Alles Kleinbürger. Warum schreibt der Mann nicht schöne Geschichten über den Adel? Lässt sich ein Duke oder Earl in seiner Ahnengalerie finden?
Ach, Johny, Du mit deinem Aristokraten-Fimmel, fährt ihm Luigi Pirandello in die Parade, in Amerika gibt es keine Dukes.
Dann wenigstens einen Baron, lässt der Autor der Forsyte Saga nicht locker.

Der Bursche hat keinen Humor, meint George Bernard Shaw ernst, ich kenne nicht eine einzige Stelle in seinen Büchern, wo ich gelacht hätte. Vollkommen sauertöpfisch, dieser Herr.

Noch schlimmer, er ist ein Bourgeois durch und durch, meldet sich nun Sinclair Lewis. Die Arbeiterklasse kommt nicht vor in seinem Werk, auch Berufsprobleme scheinen nicht existent. Soziale Kämpfe gibt es nicht, stattdessen Kämpfe mit Stieren. Meine Damen und Herren, diese gesellschaftliche Ignoranz dürfen wir nicht auch noch befördern.

Ehrlich gesagt, mir gefällt sein Lebenswandel nicht. Der Alkohol. Und wie er die Frauen behandelt, hebt jetzt der US-Dramatiker Eugene O’Neill an, alles bis zum Exzess. Er ist nicht mehr als ein Alkoholiker. Kein Schriftsteller, der trinkt. Sondern ein Säufer, der schreibt. Er ist hinter jeder Frau her. Von solchen Kerlen habe ich genug.

Aber er mag Paris, wirft André Gide zaghaft ein. Er hat sieben Jahre bei uns gelebt. In meiner Heimatstadt. Er hat so poetisch über die Pariser Bistros und das Leben in Paris geschrieben.
Papperlapapp, André, er ist ein Macho, fährt ihm die Schwedin Selma Lagerlöf streng in die Parade. Er lebte gerne in euren Breiten, weil er da für seine Frauengeschichten und die Säufertouren auch noch Beifall bekommen hat. Das ist der einzige Grund.

Er ist kein Humanist, raunt Gerhart Hauptmann mit leiser Stimme, es fehlt mir die philosophische Tiefe bei dem Mann. So ein Werk wie meinen ‚Bahnwärter Thiel‘ würde der nie hinbekommen. Große Bedenken von meiner Seite, wegen flatterhaftem Charakter und weltanschaulicher Oberflächlichkeit.

Hemingway und Nobelpreis, das geht überhaupt nicht. Rudyard Kipling setzt einen grimmigen Gesichtsausdruck auf. Ich habe Kinderbücher geschrieben und er ist ein schlechter Vater. Der bessere Weltenbummler bin ich eh.

Petrus hat eine solch vehemente Kritik nicht erwartet und zeigt sich ratlos. Hilfesuchend blickt er an den Kopf des Tisches.

Dort sitzt der Ehrenpräsident Johann Wolfgang von Goethe, kooptiertes Mitglied auf ewig. Der Dichter-Titan steht auf und ergreift das Wort. Meine verehrten Damen und Herren, Sie vergessen bei Ihrer Kritik eines: die Menschen mögen ihn. Sie lieben ihn und lesen ihn. Er verkauft mehr Bücher als wir alle zusammen. Und er hat – kurzer Blick zu Gerhart Hauptmann – gegen Hitler und Franco gekämpft. Und die kleinen Sünden, nun ja,

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Ernest Hemingway – das Leben als leiser Kampf

Ernest Hemingway 1956
Ernest Hemingway auf dem Pazifik vor Cabo Blanco in Peru. Im April 1956. Foto: Modeste von Unruh, AI-colorized. Archiv: Dr. Stock.

Jeder Mensch kämpft einen Kampf. Diese Schlacht ist nicht greifbar und laut, sondern versteckt und dauerhaft. If you want to understand a certain kind of quiet heroism, read Hemingway. He found the extraordinary in the ordinary. Dieses Zitat stammt von Tom Hanks. Das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen finden. So sieht der berühmte Schauspieler das stille Heldentum des hemingway’schen Helden. 

Die Hollywood-Legende liegt richtig. Tom Hanks hat die Essenz des Werkes von Hemingway verstanden. Nebenbei bemerkt: Der Mime besitzt ein Ferienhaus in Ketchum, dem Sterbeort von Ernest. Als Schauspieler dramatischer Rollen vermag er den Kern von Hemingways Helden wohl klarer zu erkennen als andere. Was nicht ganz einfach ist. Denn Papas Helden leiden, aber sie leiden still. Doch bei Hemingway kann das Schweigen lauter sein als der Radau.

Der Nobelpreisträger von 1954 ist ein Virtuose des Weglassens. Es ist wie der Blick auf den Eisberg, zwischen den Zeilen steht mehr als erzählt wird. Einerlei, ob es sich um den Boxer handelt, der seine besten Jahre hinter sich hat. Oder um den Soldaten, der den Krieg nicht aus seinem Kopf bekommt. Oder um den Stierkämpfer, der um eine Corrida bettelt. Hemingways Protagonisten suchen nach Würde in einer Welt, die für Verlierer wenig bereithält. Trotzdem muss der Held seinen letzten Kampf ausfechten. 

Seinen letzten Kampf? Ernests Leitfiguren – häufig Stierkämpfer, Jäger oder Fischer – kämpfen, um ihre Würde zu bewahren. Ihr Kampf ist leise und unsichtbar und wird zur Bewährungsprobe. Wie bei dem alten Fischer Santiago in Der alte Mann und das Meer. Seine Niederlage gegen die Haie symbolisiert nicht das Scheitern. Sondern den inneren Sieg. Stolz, Durchhaltevermögen und Hoffnung wiegen stärker als das Debakel.

Jeder Kampf in den Erzählungen des Ernest Hemingway ist weit mehr als nur eine physische Auseinandersetzung. Letztlich folgen seine Helden einer ethischen Überzeugung: Tapferkeit und Würde im Angesicht des Todes. Von den Protagonisten fordert die Beschäftigung mit der eigenen Endlichkeit große Seelenstärke und Charakterfestigkeit. Äußerlich lassen sich die inneren Konflikte nicht lösen. Es sei denn, man gibt auf. Für den bärtigen Naturburschen vom Michigan See selbstverständlich keine Option. 

In seinen Erzählungen umreißt Ernest den Konflikt, unter schwierigen Bedingungen mit Würde zu leben. Der Mann aus Chicago zeigt, dass Haltung und Mut im Kampf eine tiefere Bedeutung haben als der Sieg selbst. Am meisten beeindruckt, wie diese Helden mit einer Niederlage umgehen. Trotz der Pleite starten sie jeden Tag einen weiteren Versuch. Kein großes Wehklagen. Kein Lecken der Wunden. Ohne jede Motivation von außen.

Der alte Mann Santiago strahlt trotz seiner Niederlage eine menschliche Größe aus. Weil er sich nicht besiegt gibt und am nächsten Tag mit seinem armseligen Fischerboot wieder herausfahren wird. Und jeder Mensch, diese Botschaft will Ernest uns mit auf den Weg geben, vermag seine ureigene Würde zu wahren. Denn Siegen ist einfach. Die Niederlage hingegen verliert ihr Stigma, wenn der Verlierer mit moralischer Stärke antwortet.

Oft sind es traditionelle Werte und Ansichten, die vor dem Schlimmeren schützen. Wertvorstellungen, die Ernest nicht in den satten USA vorgefunden hat, sondern in bitterarmen Ländern wie Kuba und Spanien. Katholische Glaubenssätze wie Sünde, Buße und Vergebung erlebt er besonders während der Semana Santa in Andalusien und bei den Sanfermines im Baskenland. Insofern sind Hemingways Werte weder neu noch fremd. Dieser ungehobelte Autor hat den althergebracht Wertekanon des Abendlandes nur neu verpackt und in die heutige Zeit geschoben.

Hemingways säkulare Helden stellen sich dem Leben und dem Tod mit kühler Geradlinigkeit. Seine Protagonisten kommen

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Gertrude Stein – die kluge Lehrmeisterin des Ernest Hemingway

Gertrude Stein
Er solle sich mit dem Aufregenden befassen, das er in Europa vorfinde. Pamplona, da gäbe es alljährlich ein Spektakel rund um Leben und Tod. Ernest beherzigt den Ratschlag der Gertrude Stein. Und so nimmt die Literaturgeschichte ihren Lauf.

Am 8. Februar 1922 besuchen Ernest Hemingway und seine Frau Hadley zum ersten Mal die amerikanische Schriftstellerin Gertrude Stein, es ist eine Einladung zum Nachmittagstee. Die wohlhabende Kunstsammlerin und einflussreiche Mäzenin wohnt in Paris zusammen mit ihrer Lebensgefährtin Alice Toklas in einem feudalen Apartment in der Rue de Fleurus. Gertrude Stein ist zu jenem Zeitpunkt 48 Jahre alt, Ernest gerade einmal 22. Die resolute Frau nimmt schnell die Aufgabe einer Mentorin ein für den jungen Mann aus Oak Park.

Gertrude Stein ist eine Schriftstellerin von ungeheuerem Fleiß und mit Mut zur Veränderung. Sie veröffentlicht originelle Erzählungen und Bühnenwerke, auch der Umfang ihres Briefwechsels bleibt beachtlich. Mit ihrer experimentellen Erzählweise – wie in ihrem tausend Seiten dicken Hauptwerk The Making of Americans – setzt sie sich über die üblichen grammatikalischen Konventionen hinweg, verzichtet weitgehend auf Satzzeichen und baut endlose Variationen und Satzwiederholungen ein. Doch der kommerzielle Erfolg der risikofreudigen Autorin erreicht nicht den verdienten Ruhm. Ihr Einfluss auf die Vertreter der Lost Generation allerdings bleibt beachtlich, gleichermaßen wie ihre Rolle als Vorkämpferin feministischer Ideale.

Paris in den 1920er Jahren ist ein brodelnder Ideentopf. Auf einmal wird nicht mehr nur impressionistisch oder expressionistisch gemalt, sondern es elektrisieren Stilrevolutionen wie Kubismus, Surrealismus und Dadaismus. Künstler malen wirr und konfus, wie aus einem überdrehten Traum. Schriftsteller schreiben ohne Punkt und Komma, mancher Roman liest sich wie aus dem Tollhaus geworfen. All dies ist eine aufregende Welt für einen Arztsohn aus dem biederen Speckgürtel von Chicago.

Bei Frau Stein in Paris gehen die experimentierfreudigen Künstler jener Zeitepoche ein und aus. Die Maler Pablo Picasso, Henri Matisse, Juan Gris und Georges Braque, auch die Schriftsteller Ezra Pound, F. Scott Fitzgerald, Ford Madox Ford und James Joyce oder die Komponisten Darius Milhaud und Arthur Honegger. Zu ihnen gesellt sich ab Februar 1922 ein unbekannter Journalist namens Ernest Hemingway. Der hochgewachsene Korrespondent für die kanadische Tageszeitung Toronto Star fällt auf durch ein gesundes Selbstbewusstsein und höhere Ambition.

Die Mäzenin aus Pittsburgh ist eine Person von Einfluss und Erfahrung in den Pariser Künstlerkreisen, sie findet Gefallen an dem kernigen Kerl und fördert seine Begabung als Autor. Sie erkennt die innovative Qualität von Ernests Schreibweise auf den ersten Blick. Er könne vielleicht irgendeine neue Art von Schriftsteller werden, sagt sie. Doch mehr als einmal fällt der hemdsärmelige Amerikaner unangenehm auf in der soignierten Runde des literarischen Salons in der Rue de Fleurus 27.

Der junge Journalist redet in einem fort über Sex. „A man talking so much about sex“, meint Frau Stein pikiert, „must be either important or impotent.“ Wer so viel über Sex redet, der müsse entweder important oder impotent sein. Auch Hadley hat zu knabbern. Die bodenständige Mrs. Hemingway wird mit der lesbischen Künstlerin nicht so recht warm und fühlt sich in deren Gesellschaft unwohl. Sprachlos reagiert sie, als Gertrude Stein vorschlägt, Hadley solle ihr schönes langes Haar doch kurz schneiden lassen. 

Trotz manch Reibereien wird Gertrude Stein zu einer scharfsinnigen Lehrmeisterin für den angehenden Erzähler. Sie liest seine Entwürfe, korrigiert umsichtig, regt Verbesserungen an. Als sie das Manuskript Up in Michigan durcharbeitet, bezeichnet sie die Geschichte als unpublizierbar. Gertrude Stein hält vor allem Hemingways Schauplätze für passé, das meiste spielt sich in der nördlichen Seenlandschaft seiner ländlichen Heimatregion ab. Er möge doch nicht über Dinge schreiben, die keiner lesen will. Im gebeutelten Europa lägen die Themen doch auf der Strasse.

Klar und deutlich erkennt die lebenskluge Gertrude Stein das Potential von Ernest Hemingway als Romancier und als Schreiber von Kurzgeschichten. Einen Zeitungsreporter sieht sie in ihm nicht, verschwendetes Talent. Als der Mittzwanziger die nicht einfache Entscheidung treffen muss, mit dem Journalismus aufzuhören und seinen Korrespondentenvertrag zu kündigen, ermutigt sie ihn, ins Risiko zu gehen. Ihre literarischen Ratschläge sind für den Novizen noch wichtiger.

Zunächst sensibilisiert Gertrude Stein den jungen Autor für die Wichtigkeit der Wörter, sie erklärt ihm die Bedeutung von Wortwiederholungen, drängt ihn zu einer minimalistischen Erzählweise, Ernests lakonische Sätze zeigen ihren Einfluss. Der junge Journalist akzeptiert Gertrude Stein als seine Lehrmeisterin, es geht so weit, dass er ihre Angewohnheiten kopiert und beispielsweise seine Texte in einem blauen Notizbuch festhält, ganz wie sie. Ernest zeigt sich als ein aufmerksamer Zuhörer und eifriger Schüler.

Hemingway, der nie eine Hochschule besucht hat, lernt schnell. Ab 1924 ist er nicht mehr auf die Ratschläge der Frau Stein angewiesen. Seine Sicht der Dinge, seine Themenkreise und sein literarischer Stil beginnen sich zu festigen. Auch die Leser erkennen sein Talent. Sein erster großer Roman The Sun Also Rises – er spielt vorwiegend in Pamplona während der Sanfermines – schlägt 1926 ein wie eine Bombe. Ernests Art zu schreiben und seine Themen wirken unverbraucht und freiheraus.

Der Erste Weltkrieg hat die Menschen verändert. Die Kämpfe an der Front sind grausam gewesen. Ein solcher Zivilisationsbruch lässt eine lost generation zurück, der Begriff ist von Gertrude Stein geprägt. Er meint eine Generation, deren Werte und Zuversicht mit einem Schlag zerstört worden sind. Mit dem Naturburschen, der rund um den Lake Michigan aufgewachsen ist, kommt nun ein neuer Typus in die Welt der Literatur. Ernest Hemingway schwingt sich empor zur Stimme der belesenen Mittelschicht, dieses Mannsbild erstrahlt als Identifikationsfigur, auf die so viele gewartet haben. Endlich! Ein Erlöser, wenn man will, literarisch zumindest.

Privat vertieft sich die Freundschaft zunächst. Gertrude Stein und Alice Toklas werden Taufpatinnen von Sohn John, der im Oktober 1923 geboren wird und in Paris aufwächst. Liebevoll kümmert sich das lesbische Paar um den Sprössling der Hemingways, es geht mit dem Baby spazieren, besucht die Spielplätze und die Parks, wie den Jardin du Luxembourg, der bei der Rue de Fleurus um die Ecke liegt.

Die Freundschaft jedoch zerbricht nach wenigen Jahren, 1926 verkracht sich Ernest mit Gertrude, es sind

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