Hemingways Welt

An den Fersen von Ernest Hemingway

Jorge Luis Borges und Ernest Hemingway

Jeder hat so seine Vorstellung vom Paradies.
Foto: W. Stock; München, im Juni 2020.

Das Paradies als eine Bibliothek. So kann man es sehen, so sieht es der Argentinier Jorge Luis Borges. Ein Ernest Hemingway setzt andere Akzente. Unter dem Himmel stelle ich mir eine große Stierkampfarena vor, meint der bärtige Schriftsteller aus den USA. Mit zwei ständig für mich reservierten Plätzen an der Barrera, während draußen ein Forellenbach vorbei rauscht, in dem ich und meine Freunde angeln dürfen.

Oder wenn Ernest Hemingway ein ander Mal von einem Leben im Himmel träumt nach dem Tod, dann spielt sich das im Pariser Ritz ab. Er sieht sich in einer lauen Sommernacht, trinkt ein paar Martinis an der schwarzen Bartheke des Luxushotels, anschließend ein köstliches Dinner mit einer schönen Frau im Le Petit Jardin unter dem blühenden Kastanienbaum. Nach dem einen oder anderen Brandy geht er dann hoch auf sein Zimmer und schmeißt sich in eines von diesen riesigen Betten des Ritz.

So unterschiedlich kann man das Leben betrachten, so unterschiedlich sind die Persönlichkeiten dieser beiden Literatur-Giganten. Jorge Luis Borges, der Porteño vom Jahrgang 1899, brilliert als ein hochgeistiger Tausendsassa: Lyriker, Romancier, Essayist, Philosoph, er ist ein Autor von beeindruckender Belesenheit und mit einer extravaganten Stilkunst. Nach dem Sturz des Autokraten Juan Domingo Perón wird er im Jahr 1955 in Buenos Aires Direktor der Nationalbibliothek, bis ins hohe Alter.

Ernest Hemingway, ebenfalls Jahrgang 1899, ist der offensichtliche Antipode. Ein Naturbursche, eine Schnapsnase, ein Weiberheld. Jemand, der mit breiten Beinen hinaus geht in die Welt. Am liebsten dorthin, wo es mächtig donnert und kracht. Er mag den Stierkampf, die Safari-Jagd und das Angeln von Großfischen. Als Schreiber ist er ein lakonischer Erzähler mit einem einfachen, schnörkellosen Stil. Den Nobelpreis für Literatur kriegt Hemingway, Borges nicht.

Beide Autoren haben sich zu Lebzeiten gekabbelt. Er sei ein Autor von minderer Qualität, hat Borges Anfang 1950 gelästert, bloß ein Journalist mit einer gewissen Fingerfertigkeit, jedoch einer mit kleinem Verstand. Das lässt Hemingway nicht auf sich sitzen. Die Leute um mich sagen, Du wärst der beste spanische Schreiber, kontert der erboste Amerikaner. Aber Du kannst mir mal den Arsch küssen, denn Du hast in Deinem Leben noch nie einen Ball aus dem Spielfeld geschlagen.

Über solch verbale Scharmützel hinweg darf nicht vergessen werden, dass Ernest Hemingway ein Autor ist, den die Lateinamerikaner verehren und innig lieben. Obendrein ist der Vorwurf von Jorge Luis Borges unzutreffend und arg selbstherrlich. Zumal es kaum einen anderen US-Autor gibt, der so viel für den Triumph der lateinamerikanischen Literatur getan hat wie der Mann aus Oak Park bei Chicago.

Ernest Hemingway, der über zwanzig Jahre auf Kuba gelebt hat und leidlich Spanisch spricht, mag die lateinamerikanische Literatur. Dass der Aufschwung der lateinamerikanischen Literaten später in einer solchen Weltgeltung münden konnte, ist auch

Señor Hemingüey im Paradies

Der Gringo Ernest Hemingway auf Kuba. Es werden zwanzig glückliche Jahre.
Grafik: Filippo Imbrighi, Roma

Der bärtige Amerikaner liebt Kuba über alles und die Lebensart der Kubaner nicht minder. Von 1939 bis 1959 wird er auf der tropischen Insel seinen Wohnsitz nehmen, am Rande des Dorfes San Francisco de Paula, es werden zwanzig Jahre voller Glück und Erfüllung. Finca Vigía, für ihn das Paradies auf Erden, dient als Idyll des Rückzugs und der Tollheit zugleich, ein tropischer Palmengarten, der alles bietet, was ein Mann zum Glücklichsein so braucht.

Sein ländliches Anwesen im Süden von Havanna ist wohl Luxus, allerdings kein Protz, eher gediegener tropischer Komfort, der den Alltag angenehm und leicht fließen lässt. Auf Kuba baut sich Ernest Hemingway schnell einen ansehnlichen Freundeskreis auf. Ernest Hemingway pflegt seine Freundschaften, sie sind ihm wichtig. Meist sind es Kubaner oder Exil-Spanier, die zu seinem engen Bekanntenkreis gehören, zu den eigenen Landsleuten hält er eher Abstand.

Der Tag des Schriftstellers folgt einem festen Rhythmus: Den ganzen Vormittag schreibt er eifrig an seinem Manuskript, einerlei wie lang und feucht die Nacht zuvor ausgefallen ist. Dann ein leichtes Mittagessen, gefolgt von einer ausgiebigen Siesta, oft über zwei Stunden, den Nachmittag hält er sich frei. Für Cojímar, den Golfstrom, für einen Abstecher in die Hauptstadt. Zweimal in der Woche fährt er mit dem Lincoln Continental ins El Floridita. Der Tag klingt abends mit dem geselligen Teil aus, in Havanna oder auf Finca Vigía.

Der weltbekannte Schriftsteller kann wunderbar mit den einfachen Menschen, mit jenem Menschenschlag, der ohne groß nachzudenken in den Tag lebt. Gerade die Einfachheit des Lebens zieht ihn auf Kuba an, denn eigentlich ist Ernest Hemingway ein unkomplizierter Mensch, einer jedenfalls, der nicht so viel nachdenken möchte. Auf Kuba ist er der Mensch, der er immer sein wollte. Vor allem ist er ein Mensch, der mit jeder Pore merkt und spürt, dass er lebt, richtig lebt.

Es fühlt sich wunderbar an, dieses unbekümmerte Leben auf seiner sonnigen Insel, die er so sehr braucht, um den Akku für die kühle Welt aufzuladen. Für seine Reportage-Reisen in den Zweiten Weltkrieg, für die Schlacht im Hürtgenwald der Schneeeifel, für die Trips nach New York oder ins kalte London. Auf seiner Finca Vigía hingegen herrscht unentwegt Hochsommer, der Frühling findet an einem Dienstagnachmittag im Mai statt, der Winter bleibt ein gänzlich unbekanntes Phänomen. 

Der Schriftsteller braucht diese sommerliche, wolkenlose Natur, die ihn erwärmt. Der eisige Winter fühlt sich für ihn an wie ein kleiner Tod. Einzig in der Natur folgen dem kalten Winter stets die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings. Im richtigen Leben geht das nicht. Der bärtige Schriftsteller ist kein großer Freund der Kälte und des Winters. Er weiß, am Ende all der Abenteuer da draußen, nach all den Eskapaden und Grausamkeiten wartet sein tropischer Garten Eden auf ihn. 

Und so trifft man auf Finca Vigía einen genügsamen Ernest Hemingway an, einen stinknormalen Kerl in Shorts und ohne steifen Kragen, der barfuß oder in einfachen Schlappen herum läuft und am liebsten

Gary Cooper, der beste Buddy von Ernest Hemingway

Ernest Hemingway, Clara Spiegel und Gary Cooper am Silver Creek in Idaho. Sun Valley, im Januar 1959. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Einer von Ernest Hemingways ganz engen Freunden ist der Schauspieler Gary Cooper. Der Hollywood-Star hat in der ersten Verfilmung eines seiner Werke die Hauptrolle gespielt. A Farewell to Arms kommt im Jahr 1932 in die Kinos, mit Gary Cooper und Helen Hayes als Protagonisten. In einem anderen Land, so heißen Buch und Film auf Deutsch, spielt in der Zeit des Ersten Weltkriegs in Italien. Der Streifen wird bei Publikum als auch bei Kritikern zu einem riesigen Erfolg.

Gary Cooper, im Jahr 1901 im bergigen Montana geboren, wird fortan von den Filmstudios als Darsteller geradliniger Einzelgänger gebucht,  seine Rolle als von allen im Stich gelassener Town Marshall Will Kane in dem Western High Noon12 Uhr mittags in Deutschland – festigt seinen Weltruhm. Der Film, mehr Charakterstudie denn Western, ist hohe Kunst und setzt Maßstäbe. In den Jahren 1941 und 1952 gewinnt Cooper den Oscar als bester Hauptdarsteller.

In seinen Filmen verkörpert Gary Cooper meist einen Hemingway-Helden par excellence. Einsam, lakonisch, voller Zweifel – aber mutig. Wenn der Schriftsteller das Sagen gehabt hätte, dann wäre sein Roman Der alte Mann und das Meer mit Gary Cooper verfilmt worden und nicht mit Spencer Tracy, den er für eine schreckliche Fehlbesetzung hält.

Obwohl Hemingway und Cooper ganz entgegengesetzte Charaktere sind, von Temperament und politischer Anschauung, vertieft sich über die Jahre ihre Freundschaft. Auf Finca Vigía empfängt der Autor den Hollywood-Mimen mehrmals als Gast, im Sun Valley verabreden sie sich oft zum Urlaub. Der hochgewachsene Gary Cooper, den die Freunde Coop rufen, teilt Hemingways Leidenschaften: die Liebe zur Natur und zu den Bergen der Rocky Mountains, die Jagd, schöne Frauen.

Im Herbst, da toben auf Kuba die Hurrikane, mag der Autor in Idaho auf Jagd nach Wildvögeln gehen, nach Enten, Tauben oder Fasanen. Im Sun Valley Gun Club kann er Tontauben schießen, er spielt mit seinem Buddy Gary Cooper Tennis, in den Flüssen und Bächen um Ketchum kann er ausgiebig Angeln und Fischen. Wenn Ernest und Coop zusammen sind, zeigen sie sich ausgelassen wie die Schulbuben.

Ein fester Freundeskreis kommt im Sun Valley zusammen. Mary und Ernest Hemingway, Gary Cooper und Ehefrau Veronica, genannt Rocky, Fred und Clara Spiegel, Rancher Bud Purdy, Taylor Williams, Tillie und Lloyd Arnold. Es ist ein Grüppchen, das in einer großartigen Natur keine großen Worte macht. Und in der Trail Creek Cabin, einer Partyhütte oberhalb der Sun Valley Lodge, wird abends dann kräftig gefeiert.

Im Frühjahr 1960 unterzieht Gary Cooper sich

Afrika erweitert Ernest Hemingways Horizont

Ernest Hemingway in Afrika im Februar 1954, gezeichnet von den beiden Flugzeugunfällen. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Ende 1933 nehmen Ernest Hemingway und seine zweite Ehefrau Pauline Pfeiffer an einer zehnwöchigen Safari in Ostafrika teil, am 9. Dezember quartiert sich das Paar im Palace Hotel von Mombasa ein. Die Amerikaner besuchen anschließend die Städte Nairobi und Machakos in Kenia, danach brechen Ernest und Pauline zur Serengeti auf und in den Tarangire-Nationalpark von Tansania, zur Jagd auf die afrikanischen Wildtiere.

Ihr Guide in der endlosen Steppe wird der berühmte englische Wildschütz Philip Percival, der legendäre weiße Jäger, der schon den amerikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt auf dessen Safari, im Jahr 1909, begleitet hat. Im Nu lässt sich der Schriftsteller aus Chicago von der Lebenswelt des schwarzen Kontinents betören für sein neues Buchprojekt Die grünen Hügel Afrikas. Ebenso wie für seine beiden Kurzgeschichten Schnee auf dem Kilimandscharo und Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber.

In der Tat beflügelt der fremdartige Alltag den Schriftsteller mental wie thematisch, der Kontinent hebt den Horizont des Autors auf eine neue Stufe. Zuvor war dessen Fokus auf Europa gerichtet, insbesondere auf Frankreich und Spanien. Green Hills of Africa wird 1935 veröffentlicht, The Short Happy Life of Francis Macomber erscheint dann ein Jahr später. Aus seinen von Afrika inspirierten Werken ragt eine Short Story von etwa 40 Seiten heraus: The Snows of Kilimanjaro.

In der Kurzgeschichte Schnee auf dem Kilimandscharo verarbeitet Ernest Hemingway abermals seine Safari-Erlebnisse in Kenia und Tansania, streut allerdings

Der schönste Hemingway-Satz: Sieg

A man can be destroyed but not defeated.
Ein Mensch kann zerstört werden, aber nicht besiegt.

Ernest Hemingway, Der alte Mann und das Meer

Fedele Temperini rettet das Leben des Ernest Hemingway

Ernest Hemingway erholt sich im Hospital des American Red Cross von seiner Verwundung. Mailand, im September 1918. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

In der Nacht vom 7. auf den 8. Juli 1918 befindet sich der Ambulanzfahrer Ernest Hemingway auf Versorgungsfahrt in Fossalta an der Piave, einer kleinen Stadt, eine halbe Stunde nördlich von Venedig. Im Osten wird das Städtchen von der sacht dahin fließenden Piave begrenzt, die hier knapp hundert Meter breit ist und über die weit und breit keine Brücke führt. Auf der anderen Seite des Flusses liegt der Feind.

Der 18-jährige Ernest passiert einen Abschnitt, den Einheimische als Buso de Burato, als das Loch des Burato, bezeichnen. Mit dem Fahrrad soll der junge Freiwillige den in Schützengräben liegenden italienischen Soldaten Lebensmittel überbringen. Und dazu ein paar kleine Annehmlichkeiten, die die Pein des Krieges ein wenig lindern sollen: Zigaretten, Schokolade, Kaffee, ein paar Frauenbildchen.

Am Westufer der Piave, am Ausläufer der kleinen Stadt, erreicht der junge Amerikaner den Damm, vor dem die Soldaten in Stellung liegen. Auf der anderen Seite der Piave, gerade einmal zweihundert Meter entfernt, lauern in den östlichen Uferauen die österreichischen Truppen, die die Italiener unter Dauerbeschuss halten.

Ernest Hemingway befindet sich gegen ein Uhr nachts auf dem Damm, er will Fedele Temperini, einem 26-jährigen italienischen Soldaten aus dem toskanischen Montalcino gerade die Mitbringsel überreichen, da schlägt nur drei Armlängen von den beiden entfernt eine Mörsergranate ein. Die Explosion mit ihrem lauten Knall und der Druckwelle reißt die beiden Burschen zu Boden.

Die hochkalibrige Granate ist von einem Minenwerfer am Ostufer abgefeuert worden und ist mit Eisenbolzen, Nieten, Stahlstiften und Metallschrott gefüllt. Kugelsplitter und Späne bohren sich tief in Hemingways rechtes Bein. Fedele Temperini, der direkt vor ihm gestanden ist, bekommt das allermeiste ab. Er überlebt die Mörsergranate nicht. Unbeabsichtigt hat der italienische Soldat mit seinem Körper den Amerikaner vor dem Beschuss abgeschirmt und ihm so das Leben gerettet.

Der junge Ernest liegt in einer dunkelroten Pfütze aus warmem Blut und Körperfetzen, um ihn herum tote und verwundete Soldaten. Die Verletzungen sind heftig, doch er befindet sich bei Bewusstsein. Wie in Trance zieht der 18-Jährige einen verwundeten Soldaten vom Damm hinunter, nimmt ihn auf die Schulter und will sich in Richtung Kommandoposten schleppen. Nach wenigen Metern gerät Hemingway in eine Feuersalve von Maschinengewehren.

Trotz seiner beißenden Splitter- und Schussverletzungen erreicht der US-Amerikaner mit dem getroffenen Soldaten auf der Schulter den rettenden Posten hinter der Dammsohle. Die Verletzungen sind lebensbedrohlich, nur knapp entgeht er

Ernest Hemingway und die Marsmenschen

Ernest Hemingway im Kreise der Bruderschaft der Marsmenschen, im Cabo Blanco Fishing Club, im Mai 1956.

Eine kuriose Begegnung ereignet sich Anfang Mai 1956 in Cabo Blanco an der peruanischen Pazifikküste. Aus dem 370 Kilometer entfernten Chiclayo hat sich La Hermandad de los Marcianos, die Bruderschaft der Marsmenschen, angesagt. Diese Bruderschaft, im Dezember 1955 von José Arana, Pancho Cabrea und Ernesto García gegründet, ist kein sinistrer Haufen von Verschwörungsanhängern oder politisch Verirrten.

Vielmehr ist die Hermandad aus der Küstenstadt Chiclayo ein fideler Freundeskreis, in dem bei lauter Musik gut gegessen, viel gelacht und noch mehr getrunken wird. Pepe Arana hat die Hymne der Marcianos geschrieben, die nun im Fishing Club intoniert wird:

Para asentar el marisco: pisco!
para el hígado en destronque: yonque!
para el dolor de cabeza: cerveza!
para el flojo intestino: vino!
para los males del riñón y el corazón: ron!
y para la desdicha, la espumante chicha!

Dies ist ein ziemlich aufgedrehtes Loblied aufs Saufen und aufs Volllaufen lassen, dass sich zudem wunderbar zum Schmettern reimt und frei übersetzt kann man die Verse in etwa so verorten:

Damit der Fisch sich richtig sitzt: Schnaps!
Damit die Leber nicht schlapp macht: Likör!
Gegen die Kopfschmerzen: Bier
Gegen den kraftlosen Darm: Wein!
Gegen den Schmerz in Nieren und Herz: Rum!
und gegen das ganze Elend hier, schäumendes Maisbier!

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Die Hermandad Marciana gibt es in Chiclayo noch heute. Gutes Essen und viel Trinken gehören nach wie vor zu ihren Grundsätzen.

Die ulkige Freizeit-Truppe der Marsmenschen ist in den Cabo Blanco Fishing Club eingefallen, um dem Schriftsteller die Ehre zu erweisen. Bei dieser Gelegenheit will man den prominenten US-Amerikaner in einer kleinen Zeremonie zum Hermand ad Marciana ernennen.

Bekanntlich ist der auf Kuba lebende Ernest Hemingway ja ebenfalls ein Freund der flüssigen Prozente. Der bärtige Nobelpreisträger, keinem Jux abgeneigt, wird jedenfalls an diesem 8. Mai 1956, es ist ein Dienstag, in Cabo Blanco feierlich zum Mitglied der saufenden Bruderschaft aus Chiclayo berufen.

Möglicherweise hat der Mann aus Chicago das Schelmenstück an der Pazifikküste Perus nicht in jeder Hinsicht durchschaut, muss man ja auch nicht unbedingt. Vielleicht hat der leicht überrumpelte Ernest Hemingway gedacht, die Marcianos haben etwas mit seinem geliebten Mar zu tun, zumal Chiclayo nahe dem Meer liegt.

Es ist Halbzeit von Hemingways fünfwöchigem Besuch in Cabo Blanco und die Stimmung ist allseits prächtig. Jedenfalls posiert ein Dutzend gut gekleideter und gesitteter Bürger der peruanischen Mittelschicht, die Samstag Abend gerne einen heben, im

Marlenes Stimme bricht das Herz des Ernest Hemingway

Ernest Hemingway ist in Marlene Dietrich verschossen, in diese Frau mit den endlos schlanken Beinen. Der arme Mann wird überwältigt von ihrer Ausstrahlung. Über Jahre und Jahrzehnte bleibt sie seine Geliebte, wenn auch nur platonisch. Ernest dreht voll auf, wenn er an die blonde Schauspielerin aus Deutschland denkt. Du bist wunderschön, und ich bin hässlich, schreibt der sonst so selbstbewusste Schriftsteller der Schauspielerin im Jahr 1952.

Marlene Dietrich erwidert die Gefühle. „Der faszinierendste Mann, den ich kenne“, lässt die Hollywood-Schauspielerin über ihn verlauten und es klingt ganz so, als wüsste sie, wovon sie redet. Die beiden sind Bruder und Schwester im Geiste. Denn Papa, wie Ernest Hemingway sich von Freunden am liebsten rufen lässt, und die attraktive Berlinerin teilen eine verwandte Auffassung vom Leben.

Genauso wie der Mann aus Chicago liebt Marlene Dietrich die Unabhängigkeit, das Eigenwillige und das Abenteuer. Der Schriftsteller und auch die Schauspielerin benehmen sich ein wenig selbstverliebt, weil jeder im anderen wohl auch ein wenig sein Alter Ego sieht. Möglicherweise möchte Ernest sich über Marlene auch ein wenig mehr selbst lieben.

Die 1950er Jahre, der Höhepunkt ihrer Liebelei, werden zu einer triumphalen Dekade für Marlene. Nachdem ihre Karriere in Hollywood einen Knick erhalten hat, tritt die Berlinerin nun als Entertainerin im Sahara von Las Vegas auf. Sie beginnt die Zusammenarbeit mit dem jungen Burt Bacharach, einem genialen Komponisten und Arrangeur, der aus der Schauspielerin einen umjubelten Gesangsstar formt. 

Obwohl Marlene in Wirklichkeit gar nicht singen kann, sie besitzt eine nicht sehr tragende Stimme, die gerade einmal eine magere Halboktave ausfüllen kann. Wenn die Dietrich Moon River oder Ne me quitte pas singt, klingt es ähnlich wie bei der Weihnachtsfeier im Seniorenstift. Eine Stimme ohne Stimme, spotten die Musikkritiker. Das stimmt, doch es ist nur die halbe Wahrheit.

Ernest Hemingway, ein Gefühlsmensch durch und durch, ist entflammt von ihrer Stimme. Wer wäre das nicht? Ihre ganze Erscheinung, das grazile Auftreten, die betont laszive Garderobe und erst recht diese zerbrechliche Raucherstimme, ummanteln die Dietrich mit einer Aura, die in der Musikwelt ihresgleichen sucht. Als sie Pete Seegers Antikriegslied Where Have all the Flowers Gone mehr flüsternd und flehend als singend darbietet, läuft es selbst den Deutschen eiskalt über den Rücken.

Go ´Way from my Window, eigentlich ein mittelprächtiger alter Folksong von John Jacob Niles, singt Marlene Dietrich so hingebungsvoll, dass man

Ist Ernest Hemingway ein katholischer Autor?

Ernest Hemingway, zwei Jahre vor seinem Tod, in La Cónsula bei Málaga. Spanien, im Juli 1959. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Er ist kein gläubiger Mensch, dieses Friede, Freude, Eierkuchen gehört nicht in die Welt dieses kernigen Mannes. Sein Verhältnis zur offiziellen Religion bleibt zwiegespalten. Religion ist Aberglaube, tönt er groß und relativiert dann, und ich glaube an Aberglaube. Häufig macht er sich über den herkömmlichen Gottesglauben lustig. Doch vieles, was Ernest Hemingway schätzt, überschüttet er gerne mit Spott und Hohn.

Ernest Hemingway, er hat es oft genug gesagt, glaubt nicht an Gott. Er hat Freunde in der Priesterschaft, doch für einen tiefen Gottesglaube fehlt ihm die Demut. Allerdings fällt auf, für einen Atheisten redet dieser Mann verdammt oft über Gott. Und für einen Ungläubigen kann der Amerikaner erstaunlich viel mit dem Glauben und seinen Ritualen anfangen.

Auch wenn er eine andere Begrifflichkeit verwendet, katholische Riten und Kategorien wie Sünde, Buße, Selbstkasteiung, Vergebung, Sakrament oder Pilgertum bleiben ihm nicht fremd, besonders in Andalusien. Die Rituale der Religion dienen als Anker für die Seele in Not. Auch er sucht in der Bedrängnis den Zuspruch, auf seine Weise.

Manche seiner Texte lesen sich wie Gebete, die Inhalte erinnern bisweilen an eine Beichte. So verwundert es nicht, dass Ernest Hemingway mit der Novelle über einen alten Mann und den Fisch eine Erzählung von alttestamentarischer Vehemenz verfasst hat. Der alte Mann und das Meer, mit Dutzenden von Anspielungen an religiöse Topoi, kann auch gelesen werden als eine biblische Parabel. Die stilistischen Ähnlichkeiten zwischen dem Alten Testament und Hemingways Werk sind erstaunlich.

„Als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, bekam er Hunger. Da trat der Versucher an ihn heran und sagte: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird“, heißt es in Matthäus 4,2 Die Versuchung Jesu. Und bei Hiob 1,1 Ijobs Rechtlichkeit steht: „Im Lande Uz lebte ein Mann mit Namen Ijob. Dieser Mann war untadelig und rechtschaffen; er fürchtete Gott und mied das Böse.“

Es ist nicht nur der Stil, der überrascht, sondern auch die Hauptfigur. Kann es sein, dass Ernest Hemingway im Fischer Santiago eine Menschwerdung Jesus Christus andeuten will? Dieser einfache Fischer mit seinen zerschundenen Händen, der am Ende der Erzählung den Mast seines Bootes, wie Christus das Kreuz, über der Schulter mühevoll hinauf in sein Dorf zieht.

Manchmal setzt Hemingway seine Wörter – fast ist man geneigt zu sagen, seine Worte – wie

Der schönste Hemingway-Satz: Pariser Café

„Bis ich an der Place Saint-Michel ein gutes Café erreichte, das ich kannte. Es war ein angenehmes Café, warm und sauber und freundlich, und ich hängte meinen alten Regenmantel zum Trocknen an die Garderobe, legte meinen abgewetzten verwitterten Filzhut auf die Ablage über der Bank und bestellte einen café au lait.“
Ernest Hemingway Paris – Ein Fest fürs Leben

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