Das Portal zu Leben und Werk von Ernest Hemingway

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Wenn Worte zu Fäusten werden: Ernest Hemingway geht auf Orson Welles los

Ernest Hemingway
Orson Welles
Ernest Hemingway und Orson Welles schenken sich nichts. Auch wenn es davon kein Foto gibt. Nur eine KI-Montage. Foto: AI-ChatGPT.

Als sich Ernest Hemingway und Orson Welles zum ersten Mal begegnen, prallen zwei Naturgewalten aufeinander. Der eine: ein Großwildjäger, Kriegsreporter, Meister der knappen Sätze. Der andere: ein Wunderkind des Kinos, Stimmenmagier, Egomane mit Shakespeare-Komplex. Beide lieben den Alkohol, den großen Auftritt und die eigene Legende. Dass diese Begegnung irgendwann in einer handfesten Prügelei endet, scheint beinahe zwangsläufig.

Es klingt wie das Drehbuch eines billigen Hollywood-Streifens, doch es hat sich tatsächlich so zugetragen. Im Juli 1937 treffen in einem verdunkelten New Yorker Vorführraum zwei der größten Egos des 20. Jahrhunderts aufeinander. Der literarische Macho Ernest Hemingway und das 22-jährige Wunderkind von Radio und Theater, Orson Welles. Das Ergebnis? Ein handfester Boxkampf, der beinahe die Kinogeschichte verändert hat.

Ernest Hemingway hat das Drehbuch für die antifaschistische Dokumentation The Spanish Earth geschrieben. Da seine eigene Stimme auf den Aufnahmen jedoch zu monoton klingt, engagieren die Produzenten den jungen Orson Welles als Sprecher – ein aufstrebendes Genie, das für seine markante, resonante Stimme bekannt ist.

Mit der Arroganz der Jugend gesegnet, hält Welles den Text von Hemingway für stellenweise zu pompös. Er beschließt, das Skript eigenmächtig zu ändern. Als Ernest den Raum betritt, um sich das Ergebnis anzusehen, ist die Stimmung bereits geladen. Der Autor, der seinen Status als kerniger Naturbursche und Boxer pflegt, verträgt Kritik höchstens in homöopathischer Dosierung – erst recht von einem Kino-Schnösel.

Während Orson Welles eine Passage vorliest, ruft der berühmte Schriftsteller aus dem Dunkeln: „Ein linker Intellektueller will mir erzählen, wie man über Krieg schreibt!“ Orson Welles kontert mit einem spöttischen Kommentar über Hemingways aufgeblasene Männlichkeit. Das ist zu viel für den Kriegsreporter. Der Schriftsteller springt auf, baut sich vor Welles auf und verpasst ihm einen Stoß.

Was folgt, ist kein eleganter Boxkampf, sondern eine chaotische Kneipenschlägerei mitten im Vorführraum. Stühle fliegen, Scheinwerfer wackeln, und auf der Leinwand laufen währenddessen ungerührt die Bilder des Spanischen Bürgerkriegs weiter. Welles beschreibt die Szene später so:  „Wir prügelten uns auf dem Boden, umgeben von Bildern sterbender Soldaten. Es war surreal.“

Wie so oft bei Männern dieses Kalibers endet der Sturm so schnell, wie er aufgezogen ist. Nachdem beide Männer Dampf abgelassen haben und sichtlich erschöpft sind, betrachten sie das Chaos. Hemingway, beeindruckt davon, dass der junge Welles nicht einfach das Weite gesucht hat, holt eine Flasche Whiskey hervor. Sie trinken gemeinsam, lesen den Text und schliessen Frieden. Orson darf einige Änderungen beibehalten, doch am Ende spricht Ernest den Kommentar selbst ein – angeblich, weil seine raue Stimme besser zum Dreck des Krieges passt.

Welles erzählt die Geschichte später

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Ernest Hemingways ‚The Sun Also Rises‘: Nach wie vor liegt ein Summen über der Stadt

Hemingway
Vor genau 100 Jahren erschien The Sun Also Rises. In Europa heißt der Roman Fiesta. Mit diesem Buch gelingt Ernest Hemingway ein Quantensprung in der englischsprachigen Literatur.

Als im Oktober 1926 sein erster Roman erscheint, beginnt für den ehrgeizigen Neuling eine beispiellose Weltkarriere. Ist Ernest Hemingways Fiesta nach 100 Jahren angestaubt? Von wegen! In Wirklichkeit ist die Erzählung aus Pamplona verdammt aktuell.

Von Wolfgang Stock

Sonntagmittag, 6. Juli, explodierte die Fiesta. Anders kann man das nicht nennen. Ernest Hemingways Stadt heißt Pamplona. In der nordspanischen Kleinstadt lässt der junge US-Autor zu großen Teilen sein Erstlingswerk Fiesta spielen. Hinter den Pyrenäen werden seltsame Volkstraditionen gepflegt. Die Tage sind erfüllt mit gottesfürchtigen Prozessionen und die Nächte mit dem Gedröhne lauter Musikkapellen. Gigantes und Cabezudos, vier Meter hohe Riesenpuppen und heitere Großköpfe, streifen durch die Altstadt. Zwischendurch werden Stoßgebete in einer knorrigen Sprache gen Himmel gesandt, und ansonsten brave Frauen und Männer tanzen außer Rand und Band in Trommeltrance, mit Kränzen aus Knoblauch um den Hals.

Die Fiesta de San Fermín beginnt alljährlich am 6. Juli mit dem Chupinazo, zu dem am Mittag Feuerwerksraketen vom Rathausbalkon abgeschossen werden. Nach acht Tagen enden die Sanfermines stets am 14. Juli um Mitternacht mit dem vereinten Klagelied Pobre de mí. Ach, ich arme Seele. Um das katholische Fest herum entwirft der 27-jährige Besucher Ernest Hemingway, der damals in Paris lebt, ein Kaleidoskop menschlicher Irrungen und Wirrungen. Im amerikanischen Original heißt der Roman The Sun Also Rises, das Buch wird auf Anhieb ein Riesenerfolg.

Gefeiert wird in Pamplona zu Ehren des heiligen Fermín, des Schutzpatrons von Navarra. Firminus der Ältere ist der Sohn eines römischen Offiziers, er wird zum Priester geweiht und im 3. Jahrhundert zum Bischof von Amiens ernannt. Der fromme Fermín stirbt den Märtyrertod, ihm wird die Kehle durchschnitten. Seine Reliquien werden der Überlieferung nach aus Frankreich in die Heimatstadt überführt. Der Pañuelico – ein rotes Halstuch, das zum Fest getragen wird – erinnert an sein tragisches Schicksal.

Seit 1591 werden in Pamplona die Sanfermines gefeiert, noch älter ist der Lauf vor den Stieren. Ein übermütiges Ritual, das im Mittelalter aus dem Auftrieb des Viehs zum Markt durch Metzgerburschen entstanden ist. Jeden Morgen werden beim Encierro aus den Stallungen im Norden wilde Kampfstiere durch die engen Gassen zur Plaza de Toros gehetzt, wo sie am Abend von den Matadores im Kampf blutig abgeschlachtet werden. Dieses morbide Treiben – als berauschendes Volksfest zelebriert – passt irgendwie gut zu den hoffnungslosen Besuchern aus Paris und zu den dunklen Wolken, die über Europa hängen. 

Zum ersten Mal kommt der junge Hemingway im Juli 1923 nach Pamplona. Der Autor aus einem verschlafenen Vorort von Chicago, er ist vom Jahrgang 1899, zeigt sich bei seinem Trip in die Hauptstadt Navarras elektrisiert von dem mittelalterlichen Schauspiel. Zwischen 1923 und 1959 hat er die Stadt zehnmal besucht, mit einer langen Pause von anderthalb Jahrzehnten nach dem verlorenen Bürgerkrieg. Ab 1953 ist der Schriftsteller dann wieder häufig in Nordspanien.

Der Lautsprecher einer verlorenen Generation

Die Veröffentlichung im Oktober 1926 wirkt wie ein Paukenschlag. Mit The Sun Also Rises erreicht die literarische Moderne einen neuen Markstein. Ein neuer Stoff, ein neuer Stil, ein neuer Autor. Ungeschminkt fängt ein vorlauter Kerl den Defätismus und die wabernde Untergangsstimmung nach dem Ersten Weltkrieg in einer forschen Erzählung ein. Stürmisch vergnügt man sich in den Roaring Twenties, doch vieles bleibt schöner Schein. Tief im Innern erblicken wir eine bedrückte und verlorene Generation. 

Der Ausdruck You are a lost generation geht zurück auf Gertrude Stein, eine einflussreiche Mäzenin, die mit einem literarischen Salon in der Rue de Fleurus Hof hält. Die Schriftstellerin aus Pittsburgh umschreibt derart den Zynismus ihrer Zeitgenossen, hervorgerufen durch den Zivilisationsbruch in den Jahren von 1914 bis 1918. Von ihr, sie wird Hemingways Mentorin, hat Ernest den Tipp erhalten, den Encierro zu besuchen. Gertrude Stein und ihre Gefährtin Alice Toklas kennen das Spektakel seit 1915. In jenen Tagen ist das Fest in Nordspanien ein lokales Ereignis in der damals 35.000 Einwohner zählenden Provinzstadt.

Nach dem großen Krieg in Europa sind die zuversichtlichen Aufbruch-Werte der weitgehend friedfertigen Belle Époque mit einem Mal wie weggeblasen. Was zählen die Erfindungen wie Flugzeug, Automobil und Ozeandampfer angesichts des schrecklichen Krieges? Die Schlacht mit ihren Grabenkämpfen ist abscheulich gewesen. Und am Ende stehen alle als Verlierer da. Deutschland mit Hyperinflation, Reparationen und einer noch größeren Tragödie vor Augen. Auch der Gewinner, die USA, sehen einem düsteren Jahrzehnt entgegen, das 1929 in der Weltwirtschaftskrise detonieren wird.

Eigentlich wäre die Aufgabe von Politik und Gesellschaft, ein friedvolles Wertesystem aufzubauen. Jedoch fehlt dieser kleinmütigen Generation dazu die Kraft. Die labile Zeit braucht kulturelle Vorkämpfer und neue Blickwinkel, durchaus von Tradition gespeist, die Menschen dürstet es nach einem Neustart mit ehrlicher Inventur und mutigen Idealen. Ebenso wie das Themen-Panorama sich öffnen und weiten muss. Und so geht es vor exotischer Kulisse in Fiesta vor allem um die Sinnsuche in Zeiten der Orientierungslosigkeit.

Literarisch ist Hemingways Roman ein revolutionärer Aufschlag Mitte der 1920er Jahre. Während viele Kollegen noch der aufgesetzten Blümchen-Prosa der viktorianischen oder wilhelminischen Epoche nachhängen, schildert der ehrgeizige Arztsohn in seiner Erzählung knallhart die innere und äußere Zerrissenheit der Menschen nach dem Ersten Weltkrieg. Seine spröden Sätze wirken echt und treffen den Nerv der ratlosen jungen Männer und Frauen. Keiner fängt die gallige Atmosphäre so treffsicher ein wie der Amerikaner. Ein Draufgänger wie er ist sehnsüchtig erwartet worden.

Ein Jahr später wird der Roman in Großbritannien verlegt, überraschenderweise unter einem anderen Titel. Der Verlag Jonathan Cape aus London kann mit dem aus einer Bibelzeile entlehnten Buchtitel wenig anfangen. Im Gegenteil, man fürchtet einen Misserfolg, wenn das Buch hinter einem religiösen Zitat läuft. Und so tauft ihn das englische Verlagshaus dummerweise in Fiesta um. Die meisten anderen Verlage in Europa – Deutschland, Spanien und Italien vorneweg – entscheiden sich ebenfalls für Fiesta anstatt des poetischen The Sun Also Rises.

Ein Epochenporträt zwischen Krieg und Krisen

Vor dem Hintergrund des archaischen Bullen-Boheis lässt der Romandebütant allerlei freizügige Eskapaden ablaufen, es kommt eh nicht mehr drauf an. Die Protagonisten in Fiesta – der impotente Jake Barnes, ein erfolgloser Schriftsteller namens Robert Cohn und die liebestolle Lady Brett Ashley – lassen kein Laster aus in Pamplona: Prügeleien, sexuelle Ausschweifungen und vor allem Alkohol bis zum Abwinken. Dem biederen Publikum in der Heimat fährt der Schreck in die Glieder, es ist das Jahrzehnt der Prohibition in den USA. 

Das Café Iruña in Pamplona spielt die heimliche Hauptrolle in Fiesta. Dieses Restaurant dient den Besuchern aus Übersee als Stützpunkt, von dort schwärmen sie aus in die bizarre Zügellosigkeit. Nach dem Essen gingen wir hinüber ins Iruña. Es war schon ziemlich voll, und als der Beginn des Stierkampfs nahte, wurde es noch voller, und die Tische wurden dichter zusammengeschoben. Ein dichtes Summen lag in der Luft, wie jeden Tag vor einem Stierkampf. Dieses Geräusch herrschte zu keiner anderen Zeit in dem Café, ganz gleich, wie voll es war. Das Summen hielt sich, und wir waren mittendrin und ein Teil davon.

Kein Fabulieren im Elfenbeinturm, sondern als Autor mittendrin im Geschehen und gar ein Teil davon. Die Leser sind beeindruckt, wie dieser Debütant aus dem Mittelwesten der USA mit Haut und Haaren hineinspringt in diesen fremden Kosmos. Der neuartige Stil der Erzählung gleicht einer Revolution: kühl, ohne Schnörkel, frei von jeder Wertung, alles weit weg von dem üblichen Erziehungs-Habitus. Das Geschehen wird zudem durch persönliches Erleben begründet, der Autor hat alles mit eigenen Augen gesehen. Hemingway, der in den 1920ern sieben Jahre in Europa gelebt hat, vermag messerscharf zu beobachten und in seinen Dialogen die ätzende Stimmung auf den Punkt abzubilden.

Bereits bei seinem Debüt legt Ernest Hemingway wenig Wert darauf, mit Glorienschein dazustehen, so wie mancher Kollege. Über seine Romanfiguren macht er kein Geheimnis daraus, ein Kerl mit Ecken und Kanten zu sein. Der Mann aus der bigotten Vorstadt gibt gerne den Rabauken und Stiertöter. In Wirklichkeit ist sein Macho-Gehabe reine Fassade, ein Panzer vor Selbstzweifeln und erlittenen Verletzungen. Diese Unvollkommenheit erweist sich für sein Schreiben als Stärke, denn sie ist ein Türöffner. Die Menschen öffnen sich ihm. Dieser Schriftsteller ist nahbar, ohne diese Nahbarkeit wären seine Erzählungen blutleere Kunstgebilde.

Dabei geht es nicht bloß ums Saufen und um Liebschaften. Beim Fest des Heiligen Firminus werden Tugenden sichtbar, die dem Schriftsteller wichtig sind: Mut, Stolz und Würde. Diese verrückte Mischung aus Lebenslust und Todestragik bleibt Hemingways Hochamt, in Pamplona wird sein Wertekanon im Sommer als Schauspiel unter freiem Himmel aufgeführt. Dieser von seiner Endlichkeit bedrückte Lebemann braucht den Trubel. Hinter allem Budenzauber erspürt Ernest den Kampf gegen den mächtigsten aller schwarzen Stiere. Gegen den Tod.

Der spätere Nobelpreisträger skizziert in Fiesta mit dickem Stift zwei, drei Wege zur Befriedigung. Das Hinauswagen auf unbekanntes Terrain, die arglose Entdeckerfreude und die Neugier auf eine fremde Kultur. Andere Menschen und ihre Gepflogenheiten zu verstehen und wertzuschätzen. Und über allem: Die Anmut der Schöpfung zu erkennen. So wird Pamplona im Juli zum heiligen Termin im Kalender des US-Amerikaners. Bis zuletzt. Im Frühsommer 1961, er ist seit Monaten depressiv und leidet an Verfolgungswahn, wird der Nobelpreisträger ein Telegramm nach Spanien senden. Er wird die Sanfermines für sich und Miss Mary stornieren, die Reservierung im Hotel, die guten Plätze an der Barrera in der Stierkampfarena.

Am 7. Juli 1961, morgens um acht Uhr, laufen in Pamplona nach Eröffnung der Sanfermines die ersten schwarzen Bullen durch die Gassen der Altstadt. Am anderen Ende der Welt, in Idaho am Rande der Rocky Mountains, wird auf dem Dorffriedhof von Ketchum an diesem Freitag ein wuchtiger Sarg in die Erde eingelassen. Mit jenem Mann, der für alle Zeiten die Sanfermines populär gemacht hat.

Ein Mensch sucht seinen Frieden

Der Blick von der Terrasse des Café Iruña schweift noch immer über die monumentale Plaza del Castillo. Von der Belle Époque bis heute scheint die Zeit in Pamplona wie gefroren. Marmortische, goldfarbene Säulen, Riesenspiegel, prächtige Kronleuchter im Modernisme. Auf der langen Theke erstrecken sich die Schalen mit Rollitos de Queso, den Patatas Bravas und dem Jamón Ibérico. Das Café Iruña bleibt der Ruhepol, der Tradition und Moderne zusammenbringt. Dieser Ort dient als Kraftquelle, an der man sich seiner selbst vergewissert, um den kleinen und großen Herausforderungen des Alltags zu trotzen. In diesem Sinne hat Ernest Hemingway seinen Roman Fiesta angelegt.

Das Iruña hat Terror und Tyrannei erlebt, und dennoch steht das Bauwerk am großen Platz majestätisch da, frohgemut und unversehrt, seit 140 Jahren, und um die gute Stube herum spielt sich das kleine Leben ab. Ernest Hemingway, fortwährend ein Suchender, nähert sich in Pamplona seiner Seele. Er findet jene kleine Glückseligkeit, die ein Mensch wie er so braucht. Gutes Essen, reichliche Prozente, Geselligkeit und ein wenig Krawall. Dieser Haudegen mag das Leben und er kostet es aus. Deshalb fällt es ihm so schwer, sterben zu müssen.

Aber da ist mehr. Die Sanfermines sind ein Trubel, der in die Knochen geht. Nach der Fiesta nimmt der Schriftsteller eine Auszeit und fährt hinein in die Stille der Pyrenäen. Am Rio Irati und Rio Urrobi, an den einsamen Bächen rund um das Kloster Roncesvalles gibt er sich der Angelleidenschaft hin. Im Kontrast zum Mordskrach unten in Pamplona geht der Blick nun nach oben. Zum ersten Mal bestaunt die Leserschaft in Fiesta den Zwiespalt, der für Hemingways Werk so typisch werden sollte. Auf der einen Seite das Karussell von Laster und Eitelkeit, das sich um Alkohol, Stierkampf, Krieg und Tod dreht. Auf der anderen Seite die Vergötterung der Natur, die hohen Berge und die grünen Wälder, wo es unverfälschte Erdverbundenheit zu entdecken gilt.

Der hochgewachsene Naturbursche vom Michigan-See braucht das laute Fest, um sich des Lebens zu vergewissern. Genauso wie er die Stille der Natur benötigt, um zur Gemütsruhe zu gelangen. Diese arme Seele sucht Halt in den Gebräuchen, am liebsten in Spanien. Die lebenszugewandte Tradition der Sanfermines, die seit dem Mittelalter tief bei den Bewohnern der Region verwurzelt ist, hilft dabei. Ebenso wie die Stille der Natur. Es bleibt ein steiniger Weg: Dieser Mensch muss seine Mitte finden.

Sieht er eine Hoffnung? Ernest Hemingway, eine Art

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Die Tauro-Fotografen: Mit Hemingway im ‚Callejón‘

Miguel Martín
Ronda
Ernest Hemingway in Ronda mit Antonio Ordóñez vor einem capote, einem Stierkämpfer-Umhang. Foto: Miguel Martín. By courtesy of L. Loro Martín. Foto KI verbessert.

In Spanien ebenso wie in Lateinamerika leisten sich viele Zeitungen während der großen Jahre der Tauromaquia eigene Stierkampf-Reporter. Selbst kleinere Provinzblätter beschäftigen Redakteure, die ausschließlich für die Berichterstattung rund um die Corrida zuständig sind. Diese Positionen gelten in den Redaktionen als prestigeträchtig und begehrt. Ähnlich angesehen ist die Arbeit der Stierkampf-Fotografen, der sogenannten fotógrafos taurinos.

Besonders in Spanien entwickelt sich daraus eine eigene journalistische Tradition: Fast jede größere Stadt verfügt über ihre spezialisierten Chronisten – einen Schreiber und einen Fotografen des taurinen Geschehens. Die Arbeit dieser Fotografen geht weit über die reine Dokumentation eines Kampfes zwischen Mensch und Tier hinaus. Ihre Bilder halten Emotionen, Rituale, gesellschaftliche Spannungen, Kleidung, Publikum und die besondere Atmosphäre der Arena fest.

Jede Region Spaniens besitzt dabei ihren eigenen fotografischen Stil und ihre eigene Beziehung zur Tauromaquia. In Madrid entstehen andere Bildwelten als in Sevilla, Pamplona oder Valencia. Die Stierkampf-Fotografie bewegt sich zwischen Reportage, Kunst und Dokumentation. Entscheidend ist das Spiel aus Licht und Schatten, das spanische Prinzip von Sol y Sombra.

Fotografiert werden Sekundenbruchteile zwischen Gefahr und Kontrolle: die Anspannung im Gesicht des Toreros, die Kraft des Stiers, das Aufwirbeln des Albero-Sandes oder die schwere Stickerei des Traje de Luces, des traditionellen Anzugs der Lichter. Viele Fotografen arbeiten direkt aus dem Callejón, dem schmalen Bereich zwischen Arena und Zuschauerreihen. Von dort aus entstehen Aufnahmen auf Augenhöhe mit dem Geschehen – Bilder, die dem bloßen Blick oft verborgen bleiben.

Die Arbeit am Rand der Arena verlangt höchste Konzentration und schnelle Reflexe. Oft entscheidet ein einziger Augenblick darüber, ob ein Bild ikonisch wird oder der entscheidende Moment verloren geht. Auch Ernest Hemingway schätzte diese unmittelbare Nähe zur Corrida. Bei Stierkämpfen sitzt er bevorzugt in den ersten Reihen hinter dem Callejón. Dies erklärt auch seine enge Verbindung zu vielen fotógrafos taurinos, mit denen ihn teilweise langjährige Freundschaften verbinden.

Jede Arena Spaniens besitzt ihre eigene Architektur, ihr eigenes Licht und damit auch ihre eigene fotografische Identität. Die Plaza de Toros de Las Ventas in Madrid gilt als die anspruchsvollste Arena der Welt. Fotografen müssen hier mit dem harten und kontrastreichen Licht der kastilischen Sonne umgehen können. Gerade in der spanischen Hauptstadt zeugen die Fotografien nicht nur von den Kämpfen in der Arena, sondern auch von dem gesellschaftlichen Wandel auf den Tribünen.

Im Herzen Andalusiens wird die Tradition des Stierkampfes noch gelebt. In Sevilla wirkt die Bildsprache weicher und melancholischer als anderswo. Die berühmte Real Maestranza de Caballería direkt am Fluss Guadalquivir ist bekannt für ihr warmes andalusisches Licht und ihre elegante Architektur.  Der helle Sand reflektiert die Sonne auf besondere Weise und verleiht vielen Fotografien einen fast malerischen Charakter.

Eine zentrale Figur der spanischen Stierkampf-Fotografie ist Francisco Cano Lorenza gewesen. Geboren 1912 in Alicante, hat er sein Handwerk in Madrid gelernt. Weltberühmt wurde er 1947 in Linares. Als einziger Fotograf dokumentiert er den tödlichen Angriff eines Stieres auf den legendären Torero Manolete. Die entstandenen Bilder gehen um die Welt und machen Cano schlagartig bekannt.

Seine Arbeiten erscheinen unter anderem in Zeitungen und Magazinen wie ABC, Marca, El Ruedo oder Aplausos. Als freier Fotograf bleibt er unabhängig und reist von Arena zu Arena, stets auf der Suche nach dem perfekten Augenblick. Vor seine Kamera treten nahezu alle bedeutenden Toreros seiner Zeit, darunter Domingo Ortega, Pepe Luis Vázquez und Luis Miguel Dominguín.

Besonders bekannt wird Cano durch seine Fotografien von Ernest Hemingway. Seine Bilder zeigen den Schriftsteller in den verschiedenen Städten, in den Bars, auf Straßenfesten oder rund um die Plaza de Toros in den 1950er Jahren. Cano erzählt gerne von gemeinsamen Feiern und ausgedehnten Besäufnissen mit Hemingway in Pamplona und Málaga. Im Juli 2016 stirbt Canito im Alter von 103 Jahren.

Eine besondere Situation herrscht während der San-Fermín-Feierlichkeiten in Pamplona. Dort konzentrieren sich viele Fotografen nicht nur auf die Corridas in der Arena, sondern vor allem auf den berühmten Encierro, den morgendlichen Stierlauf durch die engen Gassen der Altstadt. Die Arbeit ist gefährlich: Fotografen bewegen sich oft unmittelbar vor den Stieren, arbeiten mit Weitwinkelobjektiven in dichten Menschenmengen und müssen innerhalb von Sekunden reagieren. 

Viele Fotografien der fotógrafos taurinos besitzen eine fast poetische Wirkung. Manche erinnern an Werke von Künstlern wie Francisco de Goya oder Pablo Picasso. Andere Bilder besitzen eine beinahe religiöse und spirituelle Ausstrahlung. Sie erinnern an die symbolische Bildsprache der Prozessionen während der Semana Santa in Südspanien. Gerade bei

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Ernest Hemingway – King of the Road

Ernest Hemingway
Peru
Er reist gerne und weit. Ernest Hemingway im peruanischen Talara. Im April 1956. Foto: Mario Saavedra-Pinon.

Das stürmische Wirtschaftswachstum der 1950er Jahre zieht einen Eskapismus mit sich. Man will aussteigen aus dem Hamsterrad und hinaus in die Welt. Zu neuen Ufern aufbrechen. JFK verkörpert diesen Anspruch, ebenso die Musik jener Zeit, nicht zuletzt Woodstock. Die Deutschen schauen über die Alpen in Richtung Italien, die Amerikaner gen Süden, nach Havanna, Acapulco und Rio. Das nötige Kleingeld ist nun da, ebenso wie die Bereitschaft über den eigenen Tellerrand zu blicken.

Glücklicherweise wird die Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben auch auf diesen bärtigen Schriftsteller verdichtet. Reisen, Frauen, Saufen, den Alltag genießen. Der Mann aus Oak Park wird zum Helden, nicht zuletzt weil er die Defizite aufzeigt und die neuen Wünsche verkörpert. Ernest Hemingway, der Rabauke und Großkotz. Der Macho und eben auch der Weltenbummler. Globetrotter und Beachcomber – neue Begriffe kommen rasch in Umlaufen. Sie bezeichnen alle das Gleiche: die Lust barfuss hinaus in die Welt zu gehen.

Der kernige Bursche aus Oak Park verkörpert diesen Mythos, den die biederen Schlipsträger tief in der Seele tragen. Warum auch nicht? Das Wirtschaftswunder ist vollbracht, Mann und Frau werden nun offen für das Leben abseits von Werkbank und Schreibtisch. Der allgemeine Wohlstand verstärkt die Projektion unserer Wünsche und Sehnsüchte. Ernest braucht bloß ein wenig nachzulegen und die Lautstärke des Spektakels voll aufzudrehen.

Doch seine Trips sind immer mehr als nur flüchtiges Sightseeing oder ein hastiges Weltenbummeln. Hinter seinen Reisen verbergen sich tiefer Respekt und eine enorme Zuneigung. Ja, man kann die ausgedehnten Besuche fremder Länder bei einem Menschen mit solcher Neugier und derlei Tiefgang als Liebe bezeichnen. Genauso: Als Gefühl und Leidenschaft. Kuba, Spanien, Italien. Es werden Regionen seines Herzens.

Es ist ein merkwürdiger Umstand der Literaturgeschichte, dass bedeutende Schriftsteller aller Epochen nie eine Hochschule besucht haben. Ihre Universität wird die Straße, in Dunkeln wie im Hellen. Diese Autoren bilden sich als Autodidakten in Bibliotheken, im Beruf oder eben auf Reisen weiter. Ihre Weltanschauung rührt daher, dass sie sich die Welt angeschaut haben. On the Road, wie ein Kollege sein Buch im Jahr 1957 wunderbar überschrieben hat. 

Die zahlreichen Auslandsreisen beflügeln Ernest Hemingway mental wie thematisch. Sie weiten seinen Horizont, regen ihn an zu neuen Erzählungen und bereichern den Fundus seiner Themen. Nach der Rückkehr vermag er im tropischen Ambiente von Key West oder auf Finca Vigía, die Eindrücke und Empfindungen der Reisen in packende Artikel und Manuskripte umzusetzen.

Ernests Reisen zeigen Wirkung auf sein Schreiben. Seine Erzählungen sind durch Recherche und Zeitzeugen vor Ort verbrieft. Er ist kein Autor, der vom Pferd erzählt. Erwartungsgemäß das Ganze, nun ja, ein wenig Aufplustern und Aufblasen. Große Reden schwingen und auf den Putz hauen, es entspricht schon seinem Naturell. Allerdings weniger in den Büchern. Den dicken Maxe gibt er an der Theke, nicht zwischen den Buchdeckeln.

Jedoch, es ist nicht nur das Reisen. Eine innere Haltung muss dazukommen. Die Entschlossenheit zum lernwilligen Beobachten. Neugierde auf das Unbekannte. Nicht zu urteilen, dafür um so

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Der schönste Hemingway-Satz: Alter Mann an der Brücke

Ernest Hemingway
Art by Raúl Villarreal.

Es war Ostersonntag, und die Faschisten rückten gegen den Ebro vor. Es war ein grauer, bedeckter Tag mit tiefen Wolken, darum waren ihre Flugzeuge nicht am Himmel. Dies und die Tatsache, dass Katzen für sich selbst sorgen können, war alles an Glück, was der alte Mann je haben würde.

Ernest Hemingway:
Alter Mann an der Brücke, 1938

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Ein meisterhaftes Cover: Ernest Hemingways ‚Fiesta‘ auf Baskisch

Ernest Hemingway
Die baskische Ausgabe von Fiesta. Grafisch ein kleines Meisterwerk von Antton Olariaga. Der Inhalt von Hemingway sowieso.

Manche Cover von Ernest Hemingways Werken – hauptsächlich jene Umschläge aus den USA – sind ein optischer Genuss. Gerade an Fiesta und Der alte Mann und das Meer haben sich zahlreiche Künstler versucht, meist mit mittelprächtigem Erfolg. Nun gilt es, von einem Kleinod aus Europa zu berichten. Denn Fiesta – jenes Romandebüt, das Hemingway zu großen Teilen in Pamplona spielen lässt – überrascht uns mit einer baskischen Ausgabe.

Dies ist ein beachtenswertes Unterfangen, zumal Baskisch eine weitgehend isolierte Sprache ist, die von lediglich 800.000 Menschen in Nordspanien und Südfrankreich gesprochen wird. Das Baskische ist die einzige Sprache in Westeuropa, die nicht zur indogermanischen Sprachfamilie gehört. Baskisch wird lediglich im Pyrenäengebiet, im Baskenland und in Navarra, sowie in Teilen des südwestlichen Frankreichs gesprochen.

(Ich frage mich, wie kalkuliert man ein Buch für eine solch begrenzte Zielgruppe? Wir haben damals bei ECON bei einer theoretischen Leserschaft von 100 Millionen Käufern (D, A, CH) meist eine Erstauflage von 3.000 Exemplaren gedruckt. Auf die baskische Ausgabe gerechnet, würden wir da bei 24 Exemplaren liegen. Wie will man bei solchen Zahlen den Übersetzer, die Grafik und den Druck finanzieren? Aber dies ist eine andere Geschichte.)  

Ernest Hemingway besaß zeit seines Lebens eine innige Beziehung zu diesem Landstrich. Oft und gerne hat er die Region zwischen San Sebastián und Bilbao bereist. Die Sanfermines im Juli in Pamplona sind ein heiliger Termin in seinem Kalender. Kultur und Charakter der Basken mag der US-Amerikaner aus tiefem Herzen. Viele Exil-Basken gehören auf Kuba zu seinem Freundeskreis.

Die Zeichnung auf dem Cover der baskischen Ausgabe stammt von dem Illustrator und Comic-Zeichner Antton Olariaga. Auf Baskisch heißt es im Impressum: Liburuaren azala eta diseinua: Antton Olariaga. Buchumschlag und Gestaltung: Antton Olariaga. Bekanntlich heißt Hemingways Buch in Europa Fiesta, in den USA ist man bei dem emotionalen Titel The Sun Also Rises geblieben. Im Baskischen gerät der Werkname beinahe zum Zungenbrecher: Eguzkia jaikitzen da. Im Jahr 2021 ist die Übersetzung beim Verlag Erein & Igela erschienen.

Pamplona Hemingway
Ernest Hemingway im Sommer 1925 in Pamplona. Ernest Hemingway, Harold Loeb (mit Brille), Lady Duff Twydsen (mit Hut), Ehefrau Hadley, Donald Ogden Stewart und Pat Guthrie. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Dabei nutzt Antton Olariaga einen Kniff, der in der Branche als Umrandungs-Technik bezeichnet wird. Der Kölner C. O. Paeffgen hat dieses Verfahren in Deutschland zur Perfektion gebracht. Anhand einer realen Vorlage werden Personen und Gegenstände mit dickem Stift eingefasst. Sie kommentieren den Alltag auf subtile, bisweilen ironische Weise. Durch die Umrandungen erhalten die Werke eine ausgeprägte Brechung, sie verleihen den Motiven eine ungewohnte Wirkung, das Original bekommt bisweilen gar eine neue Dimension.

Solche Skizzen halten in der Regel fotografische Szenen fest, sie frieden ein und fokussieren die Aufmerksamkeit auf Details. Der Betrachter wird durch die Umrandungen auf Personen und Utensilien gelenkt, die einem sonst womöglich entgangen wären. Das Bild bekommt eine andersartige Perspektive, eine innere Tiefe, eine neue Gestalt und manchmal auch eine neuartige Botschaft. Diese Doppeldeutigkeit besitzt mitunter einen Schuss feiner Ironie, es ist wie bei guter Satire, man kann sich nie sattsehen.

Vor allem als Comic-Zeichner und Karikaturist hat Antton Olariaga sich einen Namen gemacht. Er ist ein bekannter baskischer Illustrator, 1946 in der Nähe von San Sebastián geboren. Seit den 1970er Jahren hat er zudem zahlreiche Buchcover entworfen. Sein Stil setzt auf vereinfachte Figuren, warme Farben und leicht persiflierte Gesichter – es entspricht genau der Zeichnung auf diesem Hemingway-Cover.

Die Szene selbst ist von einem berühmten Foto aus dem Jahr 1925 inspiriert. Der Schriftsteller sitzt mit Freunden auf der Veranda eines Cafés in Pamplona. Vermutlich entstand das Foto vor dem Café Iruña oder vor der Bar Txoko, beide an der Plaza del Castillo. Man kann den dunklen Hintergrund schwer ausmachen. Diese Lokalitäten spielen jedenfalls eine Hauptrolle in Hemingways erstem großen Roman, der im Oktober 1926 erschien, und das Lebensgefühl der Lost Generation einfängt.

Antton Olariaga hat diese Szene eines historischen Fotos mit dem späteren Nobelpreisträger frei interpretiert. So treffsicher, dass dieses Cover im Nu zu einem meiner Lieblinge geworden ist. Denn es vereint – ganz im Sinne des Meisters der Lakonik – Tradition und Fortschritt zugleich. Besser – Maestro – lässt sich Hemingway kaum ins Bild setzen! Ein meisterhaftes Cover. So sollte es bei diesem Jahrhundert-Autor immer sein.

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Ernest Hemingway – ein nahbares Genie

Ernest Hemingway
Cabo Blanco
Ernest Hemingway – offen und kommunikativ – in Cabo Blanco, im April 1954. Foto: Mario Saavedra.

Was ist dran an dem Kerl, der seit 65 Jahren den Rummel um seine Person vom Dorffriedhof in Ketchum aus betrachtet? Dicke Bücher werden über ihn geschrieben, Filme mit Hollywood-Stars gedreht, Symposien mit seinen Themen abgehalten. Dabei ist er ein ziemlicher Kotzbrocken gewesen, wie man so hört. Tiere töten, Frauen betrügen, Prozente in sich hinein kippen. Der Mann aus Oak Park lässt wenige Fehltritte aus.

Doch zugleich machen ihn solche Schandtaten nahbar. Er ist einer von uns, mit Stärken und Schwächen, mit Mut und Ängsten, so wie wir. Keiner aus dem Poetenturm, keiner mit der gesegneten Aura eines Thomas Mann. Dieser Rabauke sucht den Zwist, provoziert den Widerspruch, seine Unangepasstheit nötigt heimliche Anerkennung aus. Noch heute möchte man sich an ihm reiben. Doch irgendwie bewundern wir ihn.

Nie würde man sich trauen, Jorge Luis Borges auf der Straße in Buenos Aires anzusprechen oder Hermann Hesse in Montagnola von der Seite anzuquatschen. Zu weihevoll die Aura dieser Schriftsteller, dass ein Außenstehender sie stören mag. Es gibt diese Kategorie von Autoren, die abgehoben sind, etwas besseres, Illuminierte, weit weg vom braven Publikum. 

Nicht so Ernest Hemingway. Er geht unters Volk, mit ausgebreiteten Armen und einem Drink in der Hand. Er begegnet den Frauen und Männern in aller Offenheit, er erweist sich als ein Menschenfänger, er kommt von der ersten Silbe klar mit den Leuten. Dabei holt er seine Gesprächspartner ab in ihrer Welt. Seine Sätze und die Inhalte schweben nicht über den Wolken, sondern erweisen sich als Dialog mit Bodenhaftung.

So hasst er es, über Literatur zu sprechen. Er bevorzugt die Themen, die auch den Normalsterblichen umtreiben. Essen, Trinken, Spaß haben. Das schöne Leben, eben. Und wichtig: Er hört den Menschen zu, mit ehrlicher Neugier. Auf der Suche nach neuen Geschichten. Man habe das Zuhören verlernt, lässt er verlauten. Er weiß, wenn er über die Wirklichkeit berichten will, braucht er engen Kontakt zu den Herzen. 

Besondern zu den – sogenannten – einfachen Leuten findet er schnell einen Draht. Er mag sich mit Fischern umgebenen, mit Bauersleuten, mit kleinen Händlern und Barkeepern. Von Professoren, Literaturdozenten, von Industriellen und von Bussi-Bussi-Ladies hält er Abstand. Es ist einfach nicht seine Welt.

„Er ist uns mit Respekt begegnet“, meint der Fischer Rufino Tume aus Cabo Blanco. Und der Kapitän der Pescadores Dos, der die Hemingways im Frühjahr 1956 fünf Wochen auf dem peruanischen Pazifik geschippert hat, wundert sich. Denn Hemingway sei doch der Nobelautor und auf der anderen Seite finden sich lediglich kleine Fischersleut. Doch so denkt er nicht. Ernest respektiert das Individuum, jeden mit seinen ureigenen Fähigkeiten. Ihm ist ein guter Angler lieber als ein quäkender Intellektueller.

Dieser Mann ist nahbar. Nicht weil er es darauf anlegt oder sich dazu zwingt. Der Mann ist nahbar, weil es seinem Naturell entspricht. Auf seine kommerziellen Triumphe bildet er sich wenig ein. Pulitzer, Nobelpreis, in aller Welt gefeiert, reich wie kaum ein zweiter Autor. Die Eitelkeit des Erfolges kitzelt ihn, im Grunde ist

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Im Herzen von Ronda: Ernest Hemingway, Orson Welles und der Chronist Miguel Martín

Miguel Martín
Ronda
Ernest Hemingway 1959 vor der Stierkampf-Arena in Ronda. Eingerahmt von Cayetano Ordóñez und seinem Sohn Antonio. Foto: Miguel Martín. By courtesy of L. Loro Martín.

Es ist die Welt des Ernest Hemingway: Ronda, die magische Stadt im andalusischen Hinterland. Sie gilt als eine der Wiegen des modernen Stierkampfs. Der Nobelpreisträger ist eng mit der Torero-Dynastie Ordóñez aus Ronda befreundet. Besonders mit Antonio Ordóñez, dem Sohn von Cayetano Ordóñez. Hemingway bewundert Cayetano bereits seit den 1920er-Jahren, in seiner Zeit geht ihm der Ruf als elegantester Matador Spaniens voraus.

Am liebsten schaut sich Ernest Hemingway die Kämpfe in Ronda an. Die dortige Plaza de Toros gilt als eine der schönsten weit und breit. Die kreisrunde Anlage dient zahlreichen Stierkampf-Arenen weltweit als Vorbild. Die Plaza in Ronda wurde im 18. Jahrhundert von dem Architekten José Martín de Aldehuela erbaut, als Sandsteinbau mit einer auf Säulen ruhenden Bogengalerie. Außerdem wurden in Ronda vor über zweihundert Jahren die bis heute geltenden Regeln des Stierkampfs festgelegt.

Zwischen dem kleinen Ronda und dem großen Sevilla besteht seit jeher ein Konkurrenzverhältnis. Die Rondeños stehen für einen nüchternen und statischen Stil. Die Sevillanos hingegen setzen auf Eleganz und Ästhetik. Mit Sevilla ist der Nobelpreisträger nie warm geworden, obwohl die dortige Arena direkt am Guadalquivir als Prunkstück gilt. Für Ernest bleibt das bodenständige Ronda die Nummer eins.

Das wohl berühmteste Hemingway-Foto aus Ronda datiert vom 10. September 1959. Es zeigt ein historisches Treffen in Ronda: Ernest Hemingway gemeinsam mit dem legendären Torero Antonio Ordóñez und dessen Vater Cayetano. Der Vater, in der Stierkampfwelt als Niño de la Palma bekannt, dient als reales Vorbild für den 19-jährigen Torero Pedro Romero in Hemingways Roman Fiesta.

Im Umfeld der berühmten Plaza de Toros de Ronda entsteht das Foto. Im Hintergrund sind ein großes Tor und ein Reiter auf einem Pferd zu sehen, was auf den Einzug oder die Vorbereitungen zu einer Corrida hindeutet. Um den US-Amerikaner herum stehen mehrere Männer in der traditionellen Tracht der Toreros, dem Traje de Luces, dem sogenannten Lichterkleid.

Der 60-jährige Ernest verbringt den Sommer und Frühherbst 1959 in Spanien, um die Rivalität zwischen den beiden Spitzen-Toreros der Epoche zu dokumentieren: Antonio Ordóñez und Luis Miguel Dominguín. Es ist ein eindruckvolles Foto, das Hemingways Liebe zu Andalusien erahnen lässt. Der Nobelpreisträger, umringt von Spaniern, taucht ein in die Volkskultur seines Gastlandes. Der Fotograf des wunderbaren Bildes heißt

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Ernest Hemingways Spanien – zum Sterben schön

Churriana
Málaga
Es wäre ein wunderbarer letzter Platz für ihn gewesen. Nun bleibt das Wandmosaik. Auf dem Landgut La Cónsula, Churriana in der Nähe von Málaga. Foto by W. Stock, 2019.

Spanien ist sein Land. Klima, Bräuche, die manchmal etwas aus der Zeit gefallenen, aber ehrlichen Traditionen, der Wein, die Gastronomie. Spanien ist damals ein Staat von erzkatholischer Prägung. Regiert von einem faschistischen Diktator, der sich an die Macht geputscht hat. Wo keine Meinungsfreiheit herrscht, wo seine Werke verboten sind, wo die Frauen kein Bankkonto eröffnen und sich nicht scheiden lassen dürfen und wo politische Gegner im Gefängnis laden. Trotzdem fühlt er sich wohl in Spanien.

Ernest Hemingway sieht über diese schrecklichen Zustände hinweg. So groß ist die Liebe. Der feiste Diktator und dessen Sippschaft fechten ihn wenig an. Er hält Abstand und blendet aus. Die freudigen Gefühle erweisen sich als stärker: Seine Seele wird froh in Spanien. Vor allem mag er hier die Menschen. Männer und Frauen mit unverstellter Neugier, mit ausgelassener Lust am Leben und mit einem geerdeten Umgang in den Dörfern und auf den Plätzen. Spanien ist – von Herz und Seele – sein Land. Denn Spanien ist so wie er.

Der Sommer 1959 wird zu einem Höhepunkt seines Lebens. Ein letzter. Da kann Ernest Hemingway noch Dutzende Stierkämpfe genießen, es macht ihm wenig aus, wochenlang von Stadt zu Stadt zu ziehen, er genießt seine Clique um sich, er poussiert mit Frauen, die vierzig Jahre jünger sind als er. Der 60-Jährige ist entzückt von dem üppigen Essen, von den herrlichen Fischgerichte und von dem guten Rotwein. Spanien ist, eigentlich wie immer, sein Herzensland.

Ein Jahr später sieht es ganz anders aus. Wenn man kurz vor dem Ende steht, kann man sich nichts mehr vormachen. Anfang August 1960 fasst Ernest Hemingway einen Entschluss, der in seiner Umgebung auf Unverständnis stößt. Der Schriftsteller will so schnell wie möglich weg aus den USA. Seine seelische Leere muss er auffüllen, wenn es überhaupt weitergehen soll. Kurzentschlossen nimmt der gebrechliche Autor, gegen den Rat seines Arztes und seiner Ehefrau Mary, von New York aus den TWA-Nachtflug nach Madrid.

Diesmal fliegt er ganz alleine, Miss Mary bleibt in ihrer neuen Appartementwohnung in Manhattan. Normalerweise reist der Nobelpreisträger immer in Begleitung, meist sind Freunde oder seine Frau dabei. Am 5. August 1960 kommt der Schriftsteller in Spanien an und wird direkt zur Finca La Cónsula in Churriana im Norden von Málaga gefahren. Ernest bekommt wie im Vorjahr sein Eckzimmer auf der oberen Etage über dem Schwimmbad. 

Seine Rückkehr nach Spanien wird zu einem letzten Aufbäumen. Zwischen Bilbao und Cádiz findet ein ausgebrannter Ernest Hemingway seine heile Welt, sein andernorts versinkendes Paradies, mit der sinnenfreudigen Lebensart, mit dem Stierkampf, dem guten Essen. España es el último buen país, diktiert Hemingway einem einheimischen Journalisten ins Notizbuch. Spanien sei das letzte gute Land.

Ernesto freut sich, die vertrauten Freunde auf La Cónsula wiederzusehen. Am liebsten möchte er für immer in Andalusien bleiben und die Zeit zurückdrehen, er sehnt sich danach, nochmals solch ein wilder und zäher Bursche wie früher zu sein. Der alte Ernest Hemingway trauert in Spanien seiner verlorenen Jugend nach. Möglicherweise sucht er auch nach jenem inneren Frieden, den es für einen Abgang braucht.

Die Erinnerung an die guten Tage bleibt ein letzter Strohhalm. Der von aller Welt gefeierte Schriftsteller ist offensichtlich am Ende. Jeder sieht und merkt es. In wenigen Monaten ist er stark gealtert. Seine Körper besteht nur noch aus Haut und Knochen. Mit den alten Freunden spricht er wenig, wenn es eben geht, vermeidet er jeden tiefergehenden Kontakt. Der sonst so lebensfrohe Ernest Hemingway reagiert durchweg mit Verweigerung, sobald seine Umgebung versucht, ihn aufzumuntern.

Auch das Reisen fällt ihm schwer. In Madrid schließt er sich ein in sein Zimmer des Hotel Suecia und verlässt es tagelang nicht. Der Schriftsteller verfällt in eine manische Antriebslosigkeit. Er weilt nun schon seit zwei Monaten in dem Land und wird zunehmend apathisch und verwahrlost immer mehr. Er fühlt, das Ende ist nicht weit. Tief im Herzen spürt er, wenn er Spanien Adiós sagen muss, dann auch dem Leben.

In Wirklichkeit weiß der bärtige Autor, mit dieser Reise im Spätsommer 1960 nimmt er endgültig Abschied von seinem geliebten Spanien. Von jenem Land, das er so liebt wie kein anderes. Von Spanien, das zeit seines Lebens seine Heimat gewesen ist, jedenfalls wenn die

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Ernest Hemingway: Ein Fahrer namens Hipolito

Ernest Hemingway
Spanien
Ernest Hemingway und der Regisseur Joris Ivens 1937 vor einem vom Krieg zerstörten Auto. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Der schnauzbärtige Amerikaner ist ein international gefeierter Star-Reporter und wird im Spanischen Bürgerkrieg mit allen Privilegien ausgestattet. Der Schriftsteller, der in Key West lebt, erhält ein Auto, einen persönlichen Fahrer, trotz Knappheit ausreichend Benzin und darf sich zwischen den Frontlinien bewegen. Ernest Hemingway, dessen Herz für den Widerstand gegen Franco schlägt, dankt der Republik mit brillanten Reportagen.

Eines meiner Lieblingsstücke aus dem Spanischen Bürgerkrieg ist jenes, in dem Hemingway von seinen Fahrern erzählt. Ernest fabuliert nicht über die Schlacht, die bösartigen Faschisten und die tapferen Loyalisten. Nein, er schreibt am 22. Mai 1937 eine NANA-Depesche über seine Chauffeure. Wir  hatten eine Menge verschiedener Fahrer in Madrid. Der erste hieß Tomás, war ein Meter fünfzig und besonders unansehnlich, ein verirrter Zwerg aus einem Velázquez, den man in einen blauen Overall gesteckt hatte.

Die Chauffeure von Madrid – im Original: The Chauffeurs of Madrid – ist eine Reportage aus dem Frühjahr 1937. Die spanische Hauptstadt, noch in den Händen der republikanischen Kräfte, wird von Francos Truppen umlagert. Die Bomben und Granatenhagel der Aufständischen fallen auf die Stadt. Der Korrespondent aus den USA beschreibt die Arbeit und das Leben seiner insgesamt fünf Fahrer, die unter gefahrvollen Bedingungen den prominenten Autor kutschieren.

Danach bekamen wir David. David war ein junger Anarchist aus einer Kleinstadt bei Toledo. Seine Ausdrucksweise war von einer so äußersten, so unbegreiflichen Scheußlichkeit, dass man bei jedem zweiten Wort seinen Ohren nicht traute. (..) Er war von untadeliger Tapferkeit, und als Chauffeur hatte er nur einen Nachteil: Er konnte nicht Autofahren.

Liebevoll schildert Hemingway die Persönlichkeit seiner verschiedenen Fahrer, die ihm während seiner Zeit in Madrid zur Verfügung gestellt werden. Aller Gefahr zum Trotz wird der amerikanische Korrespondent von ihnen zu den Frontlinien und heil zurück ins Hotel gebracht. Diese permanente Todesnähe und die surrealen Szenen im belagerten Madrid haben sich über das Alltagsleben der sonst so lebensfrohen Spanier gelegt, aus dem brutalen Krieg gelingt kein Entrinnen.

Anhand der Charakterstudien seiner Fahrer zeigt Hemingway die ganze Breite des spanischen Widerstandes gegen die Franquisten. Ernest baut seinen Text, der in zahlreichen US-Tageszeitungen veröffentlicht wird, anekdotisch auf. Der Stil wirkt aufgekratzt und überaus lebendig, wie ein Brückenschlag von der Literatur zum Journalismus. Die Stimmungen, die Menschen und die kleinen Alltagsdetails, die Ernest einfängt, fügen sich zu einem facettenreichen Panoramabild des kriegsgeschüttelten Madrid. 

Hemingways letzter Chauffeur heißt Hipolito. Dieser Hipolito ist ein Tausendsassa wie aus dem Buche. Er konnte fahren, verstand etwas vom Motor, und wenn Sie ihm sagten, dass er um sechs Uhr früh kommen sollte, so war er zehn Minuten vorher zur Stelle. Solche Kerle braucht es in Madrid. Denn Hunderte von Granaten schlagen ein auf die mehr und mehr zermürbte Metropole.

Der Artikel ist ein gutes Beispiel für Hemingways direkte Prosa, die durch ihre literarische Perspektive eine hohe atmosphärische Dichte erreicht. Wir fuhren die Gran Via hinunter. Sie war bedeckt mit Scherben. Auf den Gehsteigen waren Granattrichter. Häuser waren eingestürzt, und wir mussten einen Bogen um einen Trümmerhaufen und einen zerschossenen Vorbau machen, um ins Hotel hineinzukommen.

Hemingway beschreibt nicht abstrakt oder faktenbasiert, was den Kampf um die Republik ausmacht. Im Krieg geht es zwar um Bomben, die fallen, um Schützengräben, die halten müssen und um Leiche, die begraben werden müssen. Solche Tatsachen deutet Ernest nur leicht an. Diesen Krieg begreift die Leserschaft im fernen Amerika am besten, wenn die Menschen in den Mittelpunkt gestellt werden. 

Am Ende der Zusammenarbeit zwischen dem berühmten Autor und dem Spanier lehnt Hipolito eine Geldzuwendung von Hemingway strikt ab, auch für die Familie nicht. Obwohl es in jenen Kriegstagen an allem fehlt. Stolz und Leidenschaft genügen ihm. Hipolito ist ein sympathischer und unpolitischer Hansdampf. An Hipolitos Mut und an seiner Pfiffigkeit kann man Kraft und Zuversicht für den Abwehrkampf gegen die Faschisten schöpfen.

Es geht um die Demokratie in Spanien, natürlich, gegen den Putschgeneral. Allerdings, Hemingway spürt es, der Kampf um

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