An den Fersen von Ernest Hemingway

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Ernest Hemingway trifft auf Martha Gellhorn

Martha Gellhorn mit Ernest Hemingway 1937 im Spanischen Bürgerkrieg. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston

Der Schriftsteller lebt von 1931 bis 1939 mit seiner zweiten Ehefrau Pauline Pfeiffer und den beiden gemeinsamen Kindern Patrick und Gregory in dem herrschaftlichen Haus an der Whitehead Street von Key West. Eigentlich könnte Ernest Hemingway sein Leben genießen, er hat beruflich Erfolg, die Familie ist gesund und munter, er selbst befindet sich körperlich in einer guten Verfassung. Alles in allem sind es vergnügte Tage, Wochen und Monate in Südflorida.

We have a fine house here, and the kids are all well, schreibt er in einem Brief, das Haus sei schön und die Kinder wohlauf. Gleichwohl brodelt es in seinem Innersten: Er verhält sich zunehmend reizbar und wirkt angespannt, denn er fühlt sich nicht am Ziel. Freunde bemerken an ihm eine innere Getriebenheit und eine emotionale Ruhelosigkeit. Und auch die Ehe mit der bedrückten Pauline köchelt nur lau vor sich hin.

Ernest Hemingway, auf seinem luxuriösen Anwesen in Key West, will zur Jagd nach Wyoming aufbrechen. Doch zwei Begebenheiten werden die tropische Behaglichkeit ins Wanken bringen. Zum einen erreicht ihn die Nachricht, dass in seinem geliebten Spanien mit dem Putsch reaktionärer Offiziere der Bürgerkrieg ausgebrochen ist. Und zum anderen prallt er auf eine neue Frau, ach was, ein blonder Marschflugkörper auf zwei Beinen donnert auf ihn zu.

Eine wunderschöne 28-jährige Amerikanerin aus Missouri tritt zu Weihnachten 1936 in sein Leben. Martha Gellhorn, auf Urlaubsreise mit Mutter und dem Bruder Alfred in Miami, macht einen Abstecher mit dem Bus nach Key West. Am späten Nachmittag betritt die junge Frau das Sloppy Joe’s in einem schwarzen Kleid, das ihre langen goldblonden Haare noch mehr strahlen lässt. Martha, schlank, mit einem ebenmäßigen jugendlichen Gesicht, zieht sogleich die Blicke aller Männer in der Kneipe auf sich. 

Der Schriftsteller springt aus seinem Hocker an der Theke, nähert sich dem Tisch der Gellhorns, schnappt sich ungefragt einen Stuhl und setzt sich zu der Familie. Ernest Hemingway, stellt er sich vor, Sie müssen den doppelten Daiquirí probieren. Mutter Gellhorn nickt kurz. Vier Papa Dobles, ruft der Autor dem schwarzen Barkeeper Al Skinner zu. Zwischen Martha und Ernest knistert es, von der ersten Sekunde an.

Ein ungewöhnliches Pärchen hat sich da im Sloppy Joe’s gefunden. Hier die blassgesichtige und chic gekleidete Intellektuelle, dort der groß gewachsene sonnengebräunte Hallodri, dem das ungekämmte Haar wild über die Stirn ins Gesicht fällt und der seine Fischershorts mit einem einfachen Hanfstrick gebunden hat. Auf den ersten Blick sieht der wohlhabende Schriftsteller in seiner Kluft aus wie

Ist Ernest Hemingway ein katholischer Autor?

Ernest Hemingway, zwei Jahre vor seinem Tod, in La Cónsula bei Málaga. Spanien, im Juli 1959. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Er ist kein gläubiger Mensch, dieses Friede, Freude, Eierkuchen gehört nicht in die Welt dieses kernigen Mannes. Sein Verhältnis zur offiziellen Religion bleibt zwiegespalten. Religion ist Aberglaube, tönt er groß und relativiert dann, und ich glaube an Aberglaube. Häufig macht er sich über den herkömmlichen Gottesglauben lustig. Doch vieles, was Ernest Hemingway schätzt, überschüttet er gerne mit Spott und Hohn.

Ernest Hemingway, er hat es oft genug gesagt, glaubt nicht an Gott. Er hat Freunde in der Priesterschaft, doch für einen tiefen Gottesglaube fehlt ihm die Demut. Allerdings fällt auf, für einen Atheisten redet dieser Mann verdammt oft über Gott. Und für einen Ungläubigen kann der Amerikaner erstaunlich viel mit dem Glauben und seinen Ritualen anfangen.

Auch wenn er eine andere Begrifflichkeit verwendet, katholische Riten und Kategorien wie Sünde, Buße, Selbstkasteiung, Vergebung, Sakrament oder Pilgertum bleiben ihm nicht fremd, besonders in Andalusien. Die Rituale der Religion dienen als Anker für die Seele in Not. Auch er sucht in der Bedrängnis den Zuspruch, auf seine Weise.

Manche seiner Texte lesen sich wie Gebete, die Inhalte erinnern bisweilen an eine Beichte. So verwundert es nicht, dass Ernest Hemingway mit der Novelle über einen alten Mann und den Fisch eine Erzählung von alttestamentarischer Vehemenz verfasst hat. Der alte Mann und das Meer, mit Dutzenden von Anspielungen an religiöse Topoi, kann auch gelesen werden als eine biblische Parabel. Die stilistischen Ähnlichkeiten zwischen dem Alten Testament und Hemingways Werk sind erstaunlich.

„Als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, bekam er Hunger. Da trat der Versucher an ihn heran und sagte: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird“, heißt es in Matthäus 4,2 Die Versuchung Jesu. Und bei Hiob 1,1 Ijobs Rechtlichkeit steht: „Im Lande Uz lebte ein Mann mit Namen Ijob. Dieser Mann war untadelig und rechtschaffen; er fürchtete Gott und mied das Böse.“

Es ist nicht nur der Stil, der überrascht, sondern auch die Hauptfigur. Kann es sein, dass Ernest Hemingway im Fischer Santiago eine Menschwerdung Jesus Christus andeuten will? Dieser einfache Fischer mit seinen zerschundenen Händen, der am Ende der Erzählung den Mast seines Bootes, wie Christus das Kreuz, über der Schulter mühevoll hinauf in sein Dorf zieht.

Manchmal setzt Hemingway seine Wörter – fast ist man geneigt zu sagen, seine Worte – wie

Ernest Hemingways Vorwort zu Gustav Reglers ‘The Great Crusade’

The Great Crusade wurde zuerst in den USA veröffentlicht, in der Übersetzung von Whittaker Chambers und Barrows Mussey.

Gustav Reglers beeindruckender Roman über den Spanischen Bürgerkrieg erscheint im Jahr 1940 im New Yorker Verlag Longmans, Green and Company. Der damals überzeugte Kommunist nennt seine Erzählung The Great Crusade. Der große Kreuzzug. Das Buch erhält einen Ritterschlag: Sein Freund Ernest Hemingway wird das Vorwort zu Das große Beispiel, so heißt das Original schließlich auf Deutsch, schreiben.

Im August 1939 bekommt Ernest Hemingway das dicke Manuskript von The Great Crusade auf seine Farm Finca Vigía bei Havanna übersandt. Der bärtige Amerikaner muss 4,32 Dollar Einfuhrgebühr bei der kubanischen Zollbehörde für die Sendung aus New York zahlen. Sogleich macht sich der prominente Autor in seiner tropischen Wahlheimat an die Lektüre des Textes.

Alsdann schreibt der damals schon weltbekannte Schriftsteller in aller Ausführlichkeit sein Vorwort. Es lohnt, diesen launigen Prolog ein wenig unter die Lupe zu nehmen. Denn er zeigt einerseits die Haltung Ernest Hemingways zu diesem grausamen Bürgerkrieg auf, und er verrät andererseits auch einiges über den Charakter und über die Persönlichkeit des späteren Nobelpreisträgers.

In einem Krieg sollte man aber die Niederlage nicht zugeben – nicht einmal vor sich selbst, schreibt Ernest Hemingway zu Beginn seines fünfseitigen Vorwortes. Wer sie eingesteht, ist endgültig geschlagen. Das ist nicht weit von seinem Lebensmotto A man can be destroyed, but not defeated. Ein Mensch kann zerstört werden, aber nicht besiegt. Er wird sein Credo von Tapferkeit und Resilienz in seinen Veröffentlichungen noch häufig in den verschiedensten Tonarten durchkomponieren.

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Eine vorbildlich editierte Ausgabe von Gustav Reglers Das große Beispiel auf Deutsch ist bei der Büchergilde Gutenberg erschienen.

In seinem Geleitwort erzählt der US-Amerikaner jene Begebenheiten über die Spanienkämpfer, die auch für seine Zeitungsreportagen aus dem Bürgerkrieg so typisch sind. Es gab keinen Mann unter ihnen, der nicht trotz der ständigen Todesgefahr Witze gerissen und zur Bekräftigung darauf gespuckt hätte. Wir hatten den Spucktest eingeführt, als ich mich einer Kindheitserfahrung erinnerte: Wenn man wirklich Angst hat, kann man nicht spucken. In Spanien fehlte mir sehr oft die Spucke, und war der Witz auch noch so gut.

Ernest Hemingway zeigt sich von The Great Crusade angetan. Vor allem lobt er die literarische Aufrichtigkeit des deutschen Autors. Es gibt Ereignisse, die so  groß sind, dass ein Schriftsteller, der sie miterlebt hat, moralisch verpflichtet ist, sie so wahrheitsgetreu wie möglich zu berichten, ohne sich anzumaßen, sie durch Erfindungen zu verändern. Diese Redlichkeit zeichne Gustav Reglers Buch aus. Es kommt selten vor, dass Hemingway einen Maßstab, den er an das eigene Werk anlegt, auch bei einem Kollegen als erfüllt ansieht.

Das Vorwort zu Das große Beispiel spart einen heiklen Punkt nicht aus: das

Ernest Hemingway und Gustav Regler

Ernest Hemingway mit dem Schriftsteller Gustav Regler (rechts) und dem russischen Autor Ilja Ehrenburg (links) Anfang April 1937 an der Front bei Guadalajara. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Im Spanischen Bürgerkrieg freundet sich Ernest Hemingway mit dem deutschen Schriftsteller Gustav Regler an. Der Sohn eines Buchhändlers aus dem saarländischen Merzig, ein Mann vom Jahrgang 1898 und damit ein Jahr älter als der Amerikaner, ist als Politkommissar der XII. Internationalen Brigade zugeteilt. Sympathisch und klug charakterisiert Gustav Regler den berühmten Kollegen aus Übersee nach einem Zusammentreffen an der Guadalajara-Front im April 1937: “Genauso verachtete er [Ernest Hemingway] Literaten und Intellektuelle, es haftete das Parfüm der Feigheit an ihnen; Mut aber war der Maßstab, den Hemingway zuerst an den Menschen anlegte.”

Als im Juni 1937 bei Huesca eine Granate der Franquisten das Auto trifft, in dem auch Gustav Regler sitzt, wird der deutsche Spanienkämpfer schwer verwundet. Nach langer Rekonvaleszenz, als Soldat fortan untauglich, schickt die spanische Regierung den mehrsprachigen Regler in die USA, um für das republikanische Sanitätswesen in Spanien Spenden zu sammeln. Regler, er trifft auch Albert Einstein, gelingt es, eine ansehnliche Summe zusammenzutragen.

Am 7. Februar 1938 kommen Gustav Regler und seine Ehefrau Marieluise Vogeler dann nach Key West. Ernest und Pauline Hemingway empfangen die Reglers mit offenen Armen in ihrem herrschaftlichen Haus. Der Deutsche wird überwältigt von der Wohlhabenheit der Hemingways. Er staunt nicht schlecht über das üppige Anwesen mit Swimmingpool und über den Diener, der zu den Mahlzeiten die Speisen aufträgt. Sein Bild eines Schriftstellers ist bisher ein ganz anderes gewesen, das eines armen Schluckers und Überlebenskünstlers. 

Das deutsche Ehepaar wohnt für einige Wochen im Gästetrakt des Hemingway-Hauses an der Whitehead Street. Gustav Regler reist auf einem spanischen Diplomatenpass, für Marieluise Vogeler hat Hemingway persönlich bei den US-Behörden gebürgt und ihre Reisekosten bezahlt. Der Ortswechsel vom Elend des Bürgerkrieges in den vergnüglichen Alltag Amerikas wirkt wie ein Schock. “Wir waren ohne Geld. Ohne Freund. (Hemingway war da, ein Fels, eine Treue, aber gerade der eine Fels zeigte die Wüste um uns her noch deutlicher.)”, schreibt Regler über den USA-Besuch.

Zurück in Europa wird Gustav Regler bei Kriegsausbruch 1939 in Frankreich im Pyrenäenlager Le Vernet interniert. Ernest Hemingway und andere Freunde lassen ihre Beziehungen spielen. In Paris, an Weihnachten 1939, setzt sich Martha Gellhorn, Ernest Hemingways neue Flamme, persönlich bei den Behörden für Regler ein. Nach seiner Freilassung im März 1940 nehmen Gustav Regler und seine Frau dann ein Schiff nach New York.

Ihr endgültiges Exil finden Gustav Regler und Marieluise Vogeler dann in Mexiko, zunächst in Ajusco, südlich der Hauptstadt, später in Coyoacán, einem pittoresken Vorort vom Mexiko-Stadt. Mit Verkäufen von Mieke Vogelers Bildern, sie ist die Tochter des Worpswedener Malers Heinrich Vogeler, hält das Ehepaar sich über Wasser. Über die Jahre, desillusioniert von seinen Jugendidealen, setzt sich Regler auch öffentlich von der kommunistischen Bewegung ab. Unter dem Eindruck des Hitler-Stalin-Paktes bricht er Anfang der 1940er Jahre endgültig mit der Kommunistischen Partei. Üble Nachreden und bösartige Schmähungen durch ehemalige Gesinnungsgenossen folgen stehenden Fusses.

Die Pleite im Spanischen Bürgerkrieg lastet schwer auf Hemingways Gemüt. Gustav Regler berichtet von einer verstörenden Begegnung. Der berühmte Kollege ist im Frühjahr 1942 zu Besuch bei den Reglers in Mexiko, man verlässt gerade den Tampico-Club, da drückt der Amerikaner unvermittelt seinen Freund

Der schönste Hemingway-Satz: Spanien

Es war seltsam, wieder nach Spanien zu kommen. Ich hatte nie erwartet, in das Land zurückkehren zu dürfen, das ich außer meine Heimat mehr als jedes andere liebe, und ich wollte nicht zurückkehren, solange dort noch einer von meinen Freunden in Haft war.
Ernest Hemingway

Ernest Hemingway – ein kämpferischer Weltenbummler

Eine Doppelseite von Ernest Hemingways Reisepass. Credit Line: Ernest Hemingway Papers Collection, Museum Ernest Hemingway, Finca Vigia, San Francisco de Paula, Cuba

Von seiner Zukunft besitzt der 17-jährige Schüler eine genaue Vorstellung. My name is Ernest Miller Hemingway. I want to travel and write, verrät er 1916 in seinem Notizbuch Memoranda an der Oak Park and River Forest High School. Der hochgewachsene Jugendliche aus einem Vorort von Chicago möchte in der Welt umherreisen und schreiben. Und Ernest Hemingway wird in seinem zukünftigen Lebensjahren diesen Traum verwirklichen.

Sein amerikanischer Reisepass braucht viele Seiten für all die Ein- und Ausreisestempel dieser Welt. USA, Kuba, Bahamas, Mexiko, Peru, Frankreich, Italien, Luxemburg, Belgien, Spanien, Österreich, Schweiz, Deutschland, Belgien, Bulgarien, Türkei, Hong Kong, China, Kenia, Uganda, Tansania. Die Liste kann nicht vollständig sein.

Wir reden nicht von heute, ICE, Jumbo Jet und Lufthansa Frankfurt nach Rio de Janeiro für 650 Euro, hin und retour natürlich. Wir müssen uns schon 100 Jahre in die Welt des jungen Hemingway zurückbeamen. Ernest fängt an im Mai 1918, kurz nach der Schule, als naiver Kerl mit achtzehn Jahren. Wochenlang auf dem Ozeandampfer von den USA nach Europa. Erster Weltkrieg, Italien, Ambulanzfahrer, Schlacht an der Piave. Sechs Monate Lazarett.

Es geht munter weiter im turbulenten Leben dieses Mannes. Bürgerkrieg in Spanien, Zweiter Weltkrieg, Aufstand in China, kubanische Revolution. Dazu Krankheiten, Abstürze mit dem viersitzigen Propeller-Flugzeug. Ernest Hemingway reist gerne dahin, wo es kracht und bummert. Das wird dann kein TUI-Urlaub, all inclusive, sondern mündet in harter Arbeit. Mit hohem Risiko für Leib und Seele. Und dieser Mann kommt nicht ohne Wunden nach Hause.

Der berühmte amerikanische Autor, im Jahr 1954 verleiht man ihm den Nobelpreis für Literatur, bereist gerne die versteckten Eckchen und die stürmischen Schauplätze unseres Erdballs. Dieser scheinbar ungehobelte Bursche, der nicht nur packende Reportagen und erstklassige Romane schreiben kann, ist zugleich bereit, dafür durch die große weite Welt zu preschen. Denn ihm ist klar, ein Frosch am Boden des Brunnens sieht nur einen kleinen Ausschnitt des Himmels.

Ein weiteres unterscheidet ihn von vielen Landsleuten: Der bärtige Rabauke lässt sich auf das Fremde ein mit Haut und Haaren. Die Welt ist so voll von so vielen Dingen, dass ich sicher bin, wir sollten alle glücklich sein wie die Könige. Ernest ist dafür bekannt, dass er die

Warum liebt Ernest Hemingway den Stierkampf?

Ernest Hemingways Original-Eintrittskarte zur Plaza de Toros in Valencia vom 27. Juli 1959. Barrera Número 34, dies sind die vorderen Plätze, direkt vor dem Callejón. Credit Line: Ernest Hemingway Papers Collection, Museum Ernest Hemingway, Finca Vigia, San Francisco de Paula, Cuba

Der Amerikaner Ernest Hemingway hat in Europa immer dem Tod ins Auge gesehen. Im Ersten Weltkrieg, im Spanischen Bürgerkrieg, im Zweiten Weltkrieg. Auch liebt er seither jene Sportarten, bei denen es um Leben und Tod geht oder wo zumindest das Blut in rauen Mengen fließt: den Stierkampf, das Boxen, den Kampf der Hähne, die Entenjagd, das Angeln großer Fische. Um Leben und Tod – es ist sein Thema.

Death in the Afternoon, in der deutschen Ausgabe als Tod am Nachmittag, erscheint im Jahr 1932, dies ist ein Essay über den Stierkampf und dessen Tradition auf der iberischen Halbinsel. In Spanien zeigt man sich überrascht, wie tiefsinnig sich ein Außenstehender in die Philosophie der arte torear à caballo y à pie, in die Kunst des Kampfes gegen den Stier, zu Pferd oder zu Fuß, einzufühlen vermag. Ernests Schilderungen von den Plazas de Toros und aus der Welt des Stierkampfes tragen in Spanien maßgeblich zur Popularität des Mannes aus Chicago bei.

Das Mysterium von Leben und Tod beschäftigt den Schriftsteller Tag und Nacht. Es fasziniert den US-Amerikaner, wie beim Stierkampf in Spanien mit dem Tod gespielt wird, wie der bunte Torero den wilden schwarzen Bullen neckt und vorführt, um ihm am Ende dann unter dem Gejohle der Zuschauer den Todesstoß zu verpassen.

Ernest Hemingway mag ein solches Spektakel, bei dem der Mensch als Todesbote auftritt, die Kollegen Dramatiker haben es allegorisch viele Jahrhunderte auf der Theaterbühne aufführen lassen. Doch Hemingways Tod kommt ohne lang gestrecktes Gewand und ohne dunkle Maske daher, im Stierkampf tritt der richtige Tod in die Arena und am Ende des dritten Tercios wird jemand wirklich tot sein.

Ernest Hemingway selbst tötet die wilden und schönen Tiere mit eigener Hand. Beim Hochseeangeln, auf seinen Safari-Reisen oder beim Schießen der Wildvögel im Sun Valley. Es macht ihm nichts aus, im Gegenteil, er empfindet Freude daran. Dabei liebt der Schriftsteller den Fisch, den er jagt und den er abschlachtet. Doch er kann nicht anders, denn ihn berauscht die Rolle des Jägers, der für einen Moment die Macht über Leben und Tod besitzt.

Das Tier ist sein Freund, doch die Entscheidung über sein Überleben oder über sein Sterben liegt beim Menschen. Darin besteht Hemingways Irrglaube und seine Verblendung: der Mensch als

Ernest Hemingway im Spanischen Bürgerkrieg

Ernest Hemingway mit dem niederländischen Dokumentarfilmer Joris Ivens und Soldaten im Spanischen Bürgerkrieg 1937. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Dem Spanischen Bürgerkrieg steht Ernest Hemingway anfangs gespalten gegenüber. Er mag zunächst weder für die Putschisten noch für die Loyalisten Partei ergreifen, denn er besitzt Freunde in beiden Lagern. Doch dann sagt ihm sein Instinkt, wo in Spanien seine politische Heimat zu finden ist: auf der Seite der einfachen Menschen, bei den liberalen und linken Bürgern und an der Seite all jener, die sich aufrichtig zur gewählten Regierung verhalten.

Als ihm die North American Newspaper Alliance (NANA), ein Zeitungssyndikat von 50 großen Tageszeitungen, den Job als Berichterstatter in Spanien anbietet, ergreift Ernest Hemingway die Gelegenheit und lässt sich als Kriegskorrespondent akkreditieren. Insgesamt viermal wird er in den Bürgerkrieg nach Spanien reisen, meist bleibt er jeweils ein, zwei Monate. Der Schriftsteller wird in jener Zeit mehr als bloßer Beobachter sein, das Herz des Amerikaners pocht für die Seite der linken Republik. 

Im Frühjahr 1937 trifft der amerikanische Autor zum ersten Mal in Kriegsspanien ein. Die spanische Gesellschaft ist schon seit Jahrzehnten aufgewühlt und nun haben sich die sozialen und politischen Konflikte im Bürgerkrieg entladen. Die Putschisten massakrieren den politischen Gegner auf brutalste Weise und ein linker Mob zündet Klöster und Kirchen an und verbrennt Nonnen und Priester bei lebendigem Leib. Dieser von beiden Seiten gnadenlos geführte Bürgerkrieg ist der Kampf der zwei Spanien, der Riss geht durch viele Familien.

Das restaurative Militär unter dem General Francisco Franco, der katholische Klerus, andalusische Latifundistas, die monarchistischen Carlisten und das konservative Bürgertum finden sich auf der putschenden Seite zusammen. Die Republik wird verteidigt von fortschrittlichen Liberalen und von linken Kräften aller Couleur, von Sozialisten, Kommunisten, Trotzkisten und Anarchisten. Und von Separatisten, die zudem für die Unabhängigkeit ihrer Region kämpfen. 

Im Hotel Florida an Madrids Plaza de Callao hat Ernest Hemingway seit Mitte März 1937 das Zimmer 108 bezogen. Schon ein Autor von Weltruf, wird der NANA-Reporter in der spanischen Hauptstadt mit seltenen Privilegien hofiert. Hemingway kann über ein Auto mit Fahrer verfügen, er erhält trotz der Mangelwirtschaft ausreichend Benzin, und er darf ohne Einschränkungen die verschiedenen Frontabschnitte bereisen. Wie ein Feldherren beobachtet der Schriftsteller, hoch zu Pferd, die Frontlinie vor Madrid.

Im Hotel Florida tummeln sich die ausländischen Journalisten und Sympathisanten der Loyalisten. Antoine de Saint-Exupéry wohnt dort, man trifft dort den Maler Luis Quintanilla, der als Geheimdienstchef der Republik in Südfrankreich dient. Ebenso geht dessen Bruder Pepe Quintanilla, der Chef der Geheimpolizei in Madrid, in dem luxuriösen Hotelkomplex ein und aus. Hemingway trifft den Auslandskorrespondenten der New York Times, Herbert Matthews, die Schriftstellerin Lillian Hellman ebenfalls, so wie seinen Freund und Kollegen John Dos Passos. 

Als Martha Gellhorn am 30. März 1937 in Madrid dazustößt, bezieht sie das Zimmer neben Ernest Hemingway. Beide Journalisten genießen ihre Rollen. Er als weltgewandter und umschwärmter Schriftsteller, sie als umwerfende Schönheit und unerschrockene Kriegsreporterin. Martha und Ernest verstehen sich prächtig, sie werden rasch ein Liebespaar, sie machen kein Geheimnis daraus. Um sie herum fallen im Zentrum Madrids die Bomben.

In seinen Depeschen berichtet Ernest Hemingway mit einem kalten Zynismus von den Kämpfen in Spanien, er leitet seinen Sarkasmus jedoch von einem klaren Blick für das Detail ab. Die Leser in den USA werden so in die Handlung wie bei einem Film hineingezogen und finden sich plötzlich mitten im Geschehen wieder. Sie töteten eine alte Frau, die vom Markt kam und nach Hause ging. Was von ihr liegen blieb, war ein Knäuel schwarzer Kleider. Ein Bein war gegen die Wand des nächsten Hauses geflogen.

Ernest Hemingway besucht Pío Baroja

In Madrid, am 9. Oktober 1956, besucht Ernest Hemingway den baskischen Kollegen Pío Baroja am Krankenbett.

Anfang Oktober 1956 will Ernest Hemingway in Spanien den todkranken Pío Baroja in seinem Haus in der Calle Ruiz de Alarcón 12 besuchen, sein Freund José Luis Castillo-Puche hat den Besuch in Madrid arrangiert. Hemingway bewundert diesen baskischen Autor, der so vornehm und gewissenhaft mit der Sprache umzugehen pflegt.

Obwohl die beiden Männer so grundverschieden erscheinen, möchte der Amerikaner dem sterbenden Kollegen Trost und Kraft spenden. Denn Ernest Hemingway ahnt, wie schwer das Sterben ist. Besonders für einen Schriftsteller, der doch jeden Satz für die Ewigkeit denkt und für den jedes Buch als trotzige Auflehnung gegen die Vergänglichkeit angelegt ist.

Für Ernest Hemingway ist es in Madrid fast so, als ob ein Vater stirbt. To You, Don Pío, schreibt der Amerikaner dem Spanier eine Widmung, who taught us so much when we were young and wished to be writers. Für Dich, Don Pío, der uns so viel beigebracht hat, als wir jung waren und Schriftsteller werden wollten.

Und der Amerikaner will Pío Baroja sagen, dass nicht er, Ernest Hemingway, den Nobelpreis verdient habe, denn er sei ja nur ein einfacher Abenteurer. Und was wird der sterbende Pío Baroja auf Hemingways Tiefstapelei antworten? „Caramba!“, wird der greise Mann rufen, einfach nur „caramba!“. Man kann diesen schillernden Ausruf schwer fassen, denn im Spanischen passt er eigentlich immer. Er kann Donnerwetter! meinen, aber auch Zum Teufel damit!

Der Mann aus Chicago wird dem

Ernest Hemingway und Camilo José Cela

Ernest Hemingway trifft Camilo José Cela in Spanien im Jahr 1956.

Im September und Oktober des Jahres 1956 bereist Ernest Hemingway Spanien. Er schaut sich das Land seines Herzens von neuem an, jahrelang hat der Amerikaner sein Lieblingsland nicht besuchen dürfen. Erst im Sommer 1953 erlaubt das franquistische Regime dem Schriftsteller die Einreise nach Spanien. Der klamme Diktator erhofft sich von dem Besuch des weltbekannten Autors einen Propagandaerfolg und eine Ankurbelung des Tourismus.

Bei seinem Besuch im Jahr 1956 wohnt Ernest Hemingway einigen Corridas bei und trifft sich mit einheimischen Schriftstellern. Unter den Kollegen, die mit dem bärtigen Nobelpreisträger zusammen kommen, befindet sich auch Camilo José Cela, ein galizischer Autor vom Jahrgang 1916. Die beiden laufen sich im El Escorial über den Weg, der Klosterburg im Nordwesten von Madrid.

Dem Spanier fällt auf, Ernest Hemingway gibt sich als ein Kollege ohne Dünkel, jemand, der über den Konventionen steht. Man ist sich sogleich sympathisch. Cela, der in Palma auf Mallorca lebt, kränkelt zeit seines Lebens, in frühen Jahren schlägt er sich mit einer heftigen Tuberkulose rum. Trotzdem wird ihm ein langes Leben vergönnt bleiben, er stirbt im Jahr 2002 in Madrid, im Alter von 85 Jahren.

Über die Jahrzehnte wird Camilo José Cela, in Iria Flavia geboren, südwestlich von Santiago de Compostela, zu einem der wichtigsten Schriftsteller seines Landes. Wie so viele spanische Autoren wirkt er als literarischer Generalist, als Romancier, Essayist, Philosoph und Journalist in einem. Auch er, ein Grande von eher konservativer und besonnener Art, erhält aus Stockholm den Nobelpreis für Literatur, im Jahr 1989, genau 35 Jahre nach Ernest Hemingway.

Das bekannteste seiner über 70 Werke heißt La Colmena, die Erzählung Der Bienenkorb spielt im Madrid der 1940er Jahre. Szenischer Treffpunkt ist das Café der Doña Rosa, wo die Fäden der unterschiedlichen Lebensgeschichten des vom Bürgerkrieg gezeichneten Kleinbürgertums zusammenlaufen. Cela schildert den Alltag in den Hinterhöfen und Absteigen, die persönlichen Schicksale von Liebe, Suff und Enttäuschung.

Erst durch diesen fein verschachtelten Roman hält das wegen Franco isolierte Spanien Anschluss an die moderne Weltliteratur. Obwohl Camilo José Cela im franquistischen Apparat durchaus Förderer besaß, wurde sein Buch wegen seiner erotischen Passage und der offenen Darstellung der sozialen Wirklichkeit Spaniens auf die schwarze Liste gesetzt. Die Erstausgabe erschien 1951 daher in Argentinien, erst vier Jahre später durfte der Roman in einer veränderten Fassung in Barcelona herauskommen.

Camilo José Cela, seit 1957 Mitglied der Real Academia de la Lengua Española, wird sich nach Ende des Franquismus auch politisch engagieren. Nach dem Tod des Diktators im Jahr 1975 und im Übergang zur Demokratie wirkt er von 1977 bis 1979 als von König Juan Carlos ernannter Senator an der Erarbeitung der neunen demokratischen Verfassung Spaniens mit. Fortan gilt er als einer der großen Intellektuellen des Landes.  

Celas Schreibstil wird als Tremendismo bezeichnet, ein Stil, der mit einer ungeschminkten Darstellung der sozialen Probleme einher geht, der Weg zur Verlorenen Generation ist nicht weit. Camilo José Cela gilt als der Schriftsteller Spaniens, der Ernest Hemingway literarisch am nächsten steht. Beide eint ein realistischer Blick auf die Wirklichkeit, eine poetische Sprachmelodie und – trotz aller Widrigkeit – eine spürbare Lust am Leben.

Was ihn bei der Begegnung mit Hemingway beeindruckt habe? Die

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