In der Jägerhausstraße des Eifeldorfs Zweifall findet im November 1944 die Begegnung von Ernest Hemingway und J. D. Salinger statt. Foto: W. Stock, August 2026.
Mitte November 1944 erlebt das kleine Dorf Zweifall eine stille Sensation. Zwei der bekanntesten Schriftsteller des Jahrhunderts treffen in diesem Eifelort bei Stolberg aufeinander. Es ist Werner Kleeman, der die Erinnerung an das Treffen in seinen Erzählungen und Briefen lebendig hält. J. D. Salinger, Ernest Hemingway und er sind einen ganzen Abend zusammen gewesen. Heute erinnert wenig an die berühmten Gäste.
Das ehemalige Büro des PRO, in dem militärischen Nachrichtenbüro fand die Begegnung statt, ist heute ein normales Wohnhaus. Es gehört einer alteingesessenen Familie aus Zweifall. Werner Kleeman beschreibt das Brick House in der Jägerhausstraße 87 deutlich in seinen Memoiren. In dem Wohnzimmer in Parterre haben Hemingway, Salinger und Kleeman stundenlang über Literatur und den Krieg gesprochen.
Zwei Giganten der Weltliteratur in Zweifall. Kein Schild und keine Gedenktafel weisen in diesen Tagen auf die historische Begegnung hin. Dennoch weiß die Enkelgeneration der Hauseigentümer um den bedeutenden Besuch. Ebenso wie der eine oder andere Ältere in dem Eifeldorf sich erinnern kann.
So hat Hubert Ramers mit den Eltern und Geschwistern auf der gegenüberliegenden Straßenseite gewohnt, wenige Meter unterhalb der Nummer 87. Der Zweifaller hat Ernest Hemingway noch gut im Gedächtnis. Er sei der einzige Amerikaner gewesen, der ständig eine Kamera vor der Brust getragen habe. Nun hat der Kriegsreporter eigentlich keinen Fotoapparat bei sich, aber mit seinem Feldstecher hat er sich schon von gewöhnlichen Soldaten abgehoben.
Nach dem Krieg sind Ernest Hemingway und J. D. Salinger kein großes Thema in Zweifall. Für die katholische Pfarrbibliothek, anderes hat es in den Adenauer-Jahren nicht gegeben, war der bärtige Nobelpreisträger von 1954 zu unfromm, erzählen Einheimische. Und der Autor von Der Fänger im Roggen ist noch zu unbekannt. Auf das Stolberger Gymnasium gingen Schüler aus dem Dorf erst in den 1950er Jahren, angelsächsische Literatur interessierte damals nicht groß.
Unteroffizier Werner Kleeman, der bei der Begegnung Hemingways mit Salinger in Zweifall die ganze Zeit anwesend ist, entstammt einer gutsituierten jüdischen Familie aus Gaukönigshofen in Unterfranken. In dem idyllischen Bauerndorf mit 600 Bewohnern wird Werner im September 1919 geboren. Der Vater Louis ist Getreidebauer und im Dorf als Händler angesehen. Nach Machtübernahme der Nationalsozialisten verschlechtern sich die Lebensbedingungen der Kleemanns. Dem Schüler Werner wird verboten, weiterhin die Oberrealschule in Würzburg zu besuchen.
Bei den Novemberpogromen 1938 verwüsten Nazis das Haus der Familie, der Getreidehandel endet im Ruin. Ende desselben Jahres wird Werner von dem Gaukönigshofener Gastwirt, einem NSDAP-Mitglied, denunziert und daraufhin ins KZ Dachau verschleppt. Mit Hilfe eines Vetters aus Nebraska als Bürgen kann sich der 19-jährige Häftling freikaufen. Er flieht nach London und emigriert im November 1939 in die USA. Dort ändert er seinen Namen, streicht das letzte ‚n‘ im Nachnamen, kommt bei Verwandten in Queens unter und arbeitet in einem Kaufhaus.
Im Frühjahr 1945, die Wehrmacht steht vor der Kapitulation, fährt Werner Kleeman nach Gaukönigshofen, um die Nationalsozialisten in seinem Ort zur Rede zu stellen. Er findet die Synagoge als Schuppen für die Feuerwehr entehrt, die jüdischen Friedhöfe zerstört, das Elternhaus als Gefängnis für 50 französische Kriegsgefangene missbraucht. Der US-Militärpolizei nennt er die Namen der Dorfbewohner, die an den Pogromen beteiligt waren.
Der Mann, der ihn sieben Jahre zuvor verhaften ließ, wird nun selbst festgenommen. Es ist ein Plot wie aus einem Hollywood-Film: Ein ehemaliger KZ-Häftling lässt jenen Nazi internieren, der ihn einst verraten hat. Werner trifft in seinem Heimatdorf auch anständige Deutsche. So einen Nachbarn, der einige jüdische zeremonielle Gegenstände in einem Koffer versteckt und verwahrt hat.
Mit Deutschland hat Werner Kleeman abgeschlossen. Er geht zurück nach New York, heiratet, wird Vater zweier Töchter und baut eine kleine Firma für Innendekoration auf. Die Familie wohnt in einem bescheidenen Haus im Stadtteil Queens. Sein Leben lang lehnt er es ab, Deutsch zu sprechen. Die Freundschaft zu Salinger, eine der wenigen des Schriftstellers, hält bis zu dessen Lebensende. Im Juli 2018 stirbt Werner Kleeman mit 98 Jahren in New York.
Die Begegnung zwischen ihm, Salinger und Hemingway im kleinen Eifelort Zweifall im November 1944 bleibt ein Höhepunkt im Leben von Werner Kleeman. Auch wenn das illustre Trio weitgehend
Im Herbst 1944 tritt der Zweite Weltkrieg in die blutige Phase seiner Entscheidung ein. Anfang Oktober rückt die US-Armee auf Aachen vor. Die deutschen Truppen leisten erbitterten Widerstand, es kommt zu heftigen Kämpfen im Stadtgebiet. Die Kapitulation der Wehrmacht unter Oberst Wilck am 21. Oktober markiert das Ende der NS-Herrschaft in Aachen. Die alte Kaiserstadt ist damit die erste Großstadt, die von den Alliierten erobert wird.
Ende Oktober erreichen die US-Bodentruppen den Hürtgenwald zwischen Aachen und Düren, wo der Vormarsch der Amerikaner zum Stehen kommt. Militärisch ist das unebene Gelände mit den dichten Wäldern und den zahlreichen Hügeln und Tälern schwer zu nehmen. Nur langsam kann die US-Army Dorf für Dorf vorrücken. Der Widerstand der Wehrmacht ist heftig, die Kämpfe in der Südeifel münden an vielen Abschnitten in brutale Stellungskämpfe.
Am 9. November 1944 bricht Hemingway vom Pariser Hotel Ritz Richtung Nordeifel auf. In Begleitung seines Fahrers und Bodyguards Jean Décan sowie des TIME-Korrespondenten William Walton erreicht er sechs Tage später das Quartier des 22. Infanterieregiments. Wo er sich in der Zwischenzeit herumgetrieben hat, behält er für sich. Dank seines Prominentenstatus genießt der Starreporter narrenfreie Privilegien – den Rest nimmt er sich einfach. Völlig ungebunden bewegt er sich hinter den Linien und pendelt bis Ende 1944 regelmäßig zwischen der Front und dem Luxus von Paris.
Die Gefechte im Hürtgenwald – Mann gegen Mann – haben sich verstärkt und sind an Grausamkeit kaum zu überbieten. Death Factory nennen die amerikanischen Soldaten die Gegend um die Kleinstadt Hürtgen, die Toten-Fabrik. Ernest Hemingway kann nichts Gutes berichten in die Heimat. Der Schriftsteller veröffentlicht seine Front-Impressionen in dem Artikel Krieg an der Siegfried-Linie für Collier’s am 18. November 1944.
Auf dem ersten Hügel hatten die Deutschen eine Aussichtsplattform gebaut für hohe Offiziere. Diese diente zur Beobachtung der Manöver, die belegen sollten, dass der Westwall undurchdringbar war. Wir hatten genau jene Barrikadenlinie zertrümmert, mit der die Deutschen in Probeschlachten die Uneinnehmbarkeit des Walls beweisen wollten.
Das Gedröhne der Gewehrsalven hört man bis in das Quartier der Pressevertreter. I’m right back where I was in 1918, schreibt er in Hochstimmung am 18. November 1944 in einem Brief an seine neue Geliebte Mary Welsh. Er sei wieder da, wo er sich zu Ende des Ersten Weltkriegs befunden habe. Damals, als der junge Ambulanz-Fahrer in den letzten Kriegsmonaten an der Piave-Front schwer verwundet wurde.
Doch Ernest irrt. Die Gefechte im Hürtgenwald werden barbarischer ausfallen als die eh schon grausamen Grabenkämpfe in Italien. Der Hürtgenwald war eine Gegend,in der es äußerst schwierig war, am Leben zu bleiben, selbst wenn man nichts weiter tat, als dort zu sein. Die heranrückenden US-Amerikaner sind den deutschen Truppen zwar materiell und personell überlegen. Das zerklüftete Gelände lässt den Einsatz von Panzertruppen jedoch nicht zu. Ebenso sinnlos ist es, die US-Luftwaffe über den dichten Wäldern einzusetzen.
Das 22. Regiment, das sein Freund Colonel Charles Buck Lanham kommandiert, versucht die winzigen Orte wie Großhau, Gey und Rabenheck unter seine Kontrolle zu bringen. Der Widerstand der Wehrmacht ist enorm. Kurz vor Großhau liegt eine kleine Senke mit einer Erhebung, die Hemingway als arschnackten Hügel beschreibt. Aus den verdeckten Stellungen im Wald feuert die deutsche Artillerie unablässig auf alles, was sich bewegt.
Die Wehrmacht hat sich in ihren Bunkern verbarrikadiert. Von wo aus, wie Hemingway schreibt, sie
In Zweifall ist es wohl dieses Haus in der heutigen Jägerhausstraße 87 gewesen, in dem Ernest Hemingway Mitte November 1944 logiert und seine Artikel in die Heimatredaktion übermittelt hat. Foto: W. Stock, August 2026.
Nachdem die US-Truppen die belgisch-deutsche Grenze bei Roetgen überquert haben, sprengen Einheiten der Wehrmacht auf ihrem Rückzug im Hinterland alle Brücken über die Vicht und den Hasselbach. Es hält die GIs nicht auf, in der Nacht vom 13. auf den 14. September 1944 erobern amerikanische Soldaten Zweifall kampflos.
Der Ort ist eine katholisch geprägte Gemeinde mit 850 Einwohnern, nahe am Hürtgenwald, südlich von Aachen und Düren gelegen. Es gibt eine evangelische und eine katholische Kirche, dazu drei Gastwirtschaften. Zwei Wasserläufe – der Hasselbach und der Vichtbach – durchfließen den Ort. Zweifall ist ein Dorf, wie viele andere in der Umgebung. Man hat den Nazi-Oberen nicht gerade zugejubelt, und doch hat man sich irgendwie arrangiert.
Seit der Einnahme des kleinen Eifeldorfes Mitte September 1944 haben die US-Streitkräfte in Zweifall eine Einheit für Presse und Film eingerichtet. Nicht als stationäre Dienststelle wie in größeren Städten, sondern als mobile Stabsabteilung, die dem Frontverlauf nachrückt. Das PRO-Office dient als Anlaufpunkt für die 10 bis 20 US-Journalisten, die über die Schlacht im Hürtgenwald berichten. Hier werden die Presseleute von Führungsoffizieren gebrieft und können zudem kurzzeitig Quartier finden.
Aus Paris kommt Ernest Hemingway Mitte November 1944 in die Gegend um Zweifall und nutzt zwischen dem 10. und dem 15. November die Fernmeldeleitungen der PRO-Verwaltung, um sich mit seinem Auftraggeber in den USA abzusprechen. Und er übernachtet mehrmals in dem Anwesen, das in der heutigen Jägerhausstraße 87 liegt.
Die Elektrizität fällt in dem ganzen Ort oft aus, doch das Büro des PRO besitzt einen Generator zur Notstromversorgung, damit die Reporter dort telefonieren und ihre Depeschen absetzen können. So wird in Zweifall für das Truppenblatt Stars and Stripes geschrieben, ebenso wie die Motion PictureUnit die Rückkehr der Bevölkerung in ihr Dorf für die Wochenschauen in den USA filmt.
In dem Ort treffen im Kriegswinter 1944 zwei der einflussreichsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts zusammen. Hauptmann Marcus Stevenson, der die PRO-Niederlassung leitet, begrüßt an diesem Abend zwei Neuankömmlinge, die beiden Soldaten J. D. Salinger und Werner Kleeman. Die einzige weitere Person im Raum ist ein hochgewachsener, kräftiger Mann in Uniform, allerdings ohne Waffe. Auf seiner Armeejacke steckt das „C“ für Correspondent – Kriegsberichterstatter – gut sichtbar.
Der bullige Mittvierziger hat sich auf dem Sofa breitgemacht, eine Schirmmütze über Stirn und Kopf gezogen und schreibt eifrig Notizen in einen gelben Block. Ernest Hemingway schaut auf, erhebt sich von der Couch und geht auf die zwei Besucher zu. Der Schriftsteller lächelt sanft, umarmt beide herzlich und schenkt dann allen einen Begrüßungsdrink ein.
Seit seinen Romanerfolgen Fiesta und Wem die Stunde schlägt sowie den Reportagen aus dem Spanischen Bürgerkrieg gilt der draufgängerische Amerikaner als ikonische Leitfigur der modernen US-Literatur. Der spätere Nobelpreisträger ist dem 22. Infanterie-Regiment zugeteilt, es steht unter dem Kommando von Oberst Charles Lanham, den Ernest Buck ruft. Der Starschreiber berichtet als akkreditierter Korrespondent für das Wochenmagazin Collier’s aus dem Krieg gegen Hitler.
Selbstbewusste wie er auftritt, wird der prominente Reporter von den Militärbehörden behandelt wie eine Diva. Ihm werden Privilegien zuteil wie keinem anderen Kollegen. Der Autor kann über einen Jeep mit persönlichem Chauffeur verfügen, zudem wird er manchmal von einer Ordonnanz begleitet. Gerne nutzt Ernest seine Sonderrechte, um sich hinter den Kampflinien nach eigenem Gutdünken von seiner Einheit abzusetzen.
Doch ist der berühmte Kriegsreporter in der Nordeifel gesundheitlich angeschlagen, die Nachwirkungen eines Bronchialkatarrhs, den er sich in den eisigen Gefilden eingefangen hat, machen ihm zu schaffen. Später werden sich die Beschwerden zu einer heftigen Lungenentzündung auswachsen, mehrmals muss er einen Armee-Arzt konsultieren.
Nachts ist Zweifall ohne Elektrizität stockfinster, über dem Flecken liegt die Dunkelheit der nahen Front. Denn nur einen zweistündigen Fußmarsch entfernt tobt eine der blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Der Einsatz von Panzern und Luftwaffe ist in dem waldbedeckten Gelände unmöglich, die Soldaten stürmen im dichten Unterholz mit Handgranaten und Flammenwerfern aufeinander zu.
Adolf Hitler in der Berliner Reichskanzlei hat den Befehl ausgegeben, jeden Meter Boden zu halten, um den Vorstoß der Amerikaner zum Rhein zu verhindern. Die Verluste auf beiden Seiten sind enorm. Der nasskalte Spätherbst 1944 verwandelt
Dunkle Wolken über Schloß Hemingstein in der Eifel. Das Gehöft in Buchet ist unbewohnt und erinnert mehr und mehr an eine Ruine. Foto: W. Stock, August 2026.
Ernest Hemingway rückt nach der Befreiung von Paris mit den US-Truppen vor in Richtung Osten bis zur Schnee-Eifel. Zwei Wochen verbringt der Amerikaner in Buchet, das keine zehn Kilometer hinter der belgischen Grenze liegt.
Schloss Hemingstein nennt Ernest in Buchet seine Unterkunft am Ortsrand. Es ist feine Ironie, denn wenig erinnert an einen Feudalsitz. Offiziell heißt das schlichte Quartier Haus Frames, es beherbergt in der zweiten Septemberhälfte 1944 den Kommandostab des 22. Infanterie-Regiments. Ein halbes Dutzend Männer hat sich in Schloss Hemingstein verschanzt, in dem Bauernhaus mit Gastwirtschaft, das In der Jennenbach 5 gelegen ist.
Der Schriftsteller aus Oak Park ist in Buchet eine Berühmtheit. Besucher machen in Schloss Hemingstein ihre Aufwartung. Ein Gast kündigt sich für einen Tag an, bleibt dann aber zwei Wochen. Es ist der 36-jährige Autor und Grafiker John Groth. Have a drink, begrüßt Ernest den Kollegen aus Chicago.
Im Schloss Hemingstein will John Groth sich zur Nachtruhe in ein Schlafzimmer im Obergeschoss zurückziehen. Ernest gibt ihm zwei Handgranaten mit und meint: Leg sie auf deinen Nachttisch, damit Du schnell an sie rankommst. Groth erwidert, er habe noch nie eine Granate in der Hand gehalten. Und der Schriftsteller zeigt ihm, wie man den Splint zieht, bis zwei zählt und dann den Sprengkörper wirft. Hemingway fügt hinzu, Groth solle angekleidet im Bett liegen, die Lage sei ernst.
Die Lage ist in der Tat ernst. Und trotzdem wird kräftig gebechert in Schloss Hemingstein. Die meisten GIs kennen den Schriftsteller nicht. „Wer ist dieser Hemingway“, fragt ein Soldat. „Keine Ahnung“, antwortet ein anderer, „aber er ist ein prima Kerl.“ Ein Artillerist mischt sich ein: „Er muss ein hohes Tier sein. Seit einem Monat bin ich in seiner Nähe, wir trinken häufig, aber ich weiß immer noch nicht, was dieser Hemingway beruflich macht.“
Ernest ist hin- und hergerissen vom Krieg. Er sieht ihn als Kreuzzug gegen den Diktator, aber er selbst wirkt zunehmend müde. Der Widerstand der Wehrmacht ist heftig, die amerikanischen Soldaten können den Abwehrriegel an der Siegfried-Linie nicht knacken. Die Schlacht ist blutig, ohne jeden von ihm literarisch gepflegten Romantizismus. Überhaupt ist Ernest Hemingway in keiner guten körperlichen und mentalen Verfassung.
Der prominente Schriftsteller vermisst sein tropisches Kuba, seine Ehe mit klugen Martha Gellhorn liegt zudem in Trümmern, gesundheitliche Beschwerden plagen ihn in der Kälte. Beständig zieht er sich in der beißenden Kälte des Eifelwinters Atemwegserkrankungen zu, bis hin zu einer verschleppten Lungenentzündung. Oft muss dieses eigentlich kernige Mannsbild den Truppenarzt aufsuchen.
Was ist von Ernest Hemingway aus seinen Tagen in Buchet übrig geblieben? Lange Zeit blieb an der Mauer des Anwesens Haus Frames eine Gedenktafel ins Mauerwerk gebohrt.
Hier im „Schloß Hemingstein“ (Frammes-Haus Nr. 5) wohnte Ernest Hemingway beim ersten Vormarsch der Amerikaner im September 1944. Ernest Hemingway* 1899 – † 1961 1954 Nobelpreis für Literatur für seine Erzählung: „Der alte Mann und das Meer“
Die kleine Ortsgemeinde Buchet mit nur 250 Einwohnern hat 1994 – zum 50. Jahrestag des D-Day – die schwarze Gedenkplatte am Anwesen anbringen lassen. Mit dem kleinen Rechtschreibfehler bei Haus Frames. Auf der Tafel steht fälschlicherweise Frammes.
Im rechten Flügel des Erdgeschosses ist 1944 die Dorfkneipe gewesen, gegenüber die Küche, im ersten Obergeschoss die privaten Räume der Wirtsfamilie. Nach Kriegsende führen die Hausbesitzer die Schankwirtschaft noch eine Zeit lang weiter. Apollonia Fuchs, die Eigentümerin von Haus Frames, vermietet das Gehöft danach als Dauerferienwohnung. Heute ist jedes Leben aus dem Haus entschwunden.
Von dem historischen Treffen Ernest Hemingways mit J. D. Salinger existieren keine Fotos. In unseren Tagen kann die KI aushelfen. AI-Foto: Gemini.
In dicke Jacken eingepackt, die M1-Karabiner über der Schulter, stapfen zwei junge Soldaten durch die kalte Novembernacht der Nordeifel. Mit Taschenlampen leuchten sie ihren Weg durch das stockfinstere Dorf, seit Tagen ist in allen Gebäuden die Elektrizität ausgefallen. Die beiden Amerikaner durchqueren den menschenleeren Ortskern von Zweifall, vorbei an der Gastwirtschaft und den Schieferhäusern, die so typisch sind für die Siedlung mit den umliegenden Steingruben.
Schließlich biegen die Soldaten, parallel zum Hasselbach, in die leicht ansteigende Hauptstraße ab. Der Staff Sergeant Jerome David Salinger wird begleitet von dem Unteroffizier Werner Kleeman, beide sind dem Stab der 4. Infanteriedivision zugeteilt. Salinger arbeitet für die Abwehr und Kleeman, ein US-Bürger deutscher Abstammung, ist Dolmetscher der Division. Gemeinsam sind beide Kameraden am D-Day in der Normandie gelandet und später ins befreite Paris eingerückt.
Nun stecken ihre Verbände seit Wochen östlich von Aachen fest, an der Siegfried-Linie mit ihren unzähligen Bunkern, Stollen und Panzersperren erlahmt der Vormarsch der US-Truppen. Salinger und Kleeman ziehen in dem kleinen Ort der nördlichen Eifel an der Hausnummer 14 vorbei. In dem Braunen Haus, dem ehemaligen Sitz der NSDAP-Verwaltung, hat sich nun der Führungsstab der 4. US-Infanteriedivision eingerichtet.
Am Ortsausgang von Zweifall bleiben die beiden Mittzwanziger vor einem zweistöckigen Gebäude mit dem Schild PRO stehen. Das militärische Public Relations Office hat in der damaligen Adolf-Hitler-Straße – heute: Jägerhausstraße 87 – einen Stützpunkt aufgebaut. Gegen acht Uhr abends steigen die zwei Soldaten das Dutzend Stufen der Außentreppe hinauf, passieren die Wache und treten links durch den Haupteingang des höher gelegenen Gebäudes ein.
In Zweifall sind die beiden jungen Amerikaner mit einem Bekannten verabredet. Einem weltberühmten Kriegsreporter, den Salinger vor zehn Wochen in Paris kennengelernt hat. Sein Name: Ernest Hemingway. An der American Bar des Ritz in Paris sind Ernest Hemingway und Salinger zwei Tage nach der Befreiung der Stadt erstmals aufeinander getroffen. In dem Pariser Grandhotel an der Place Vendôme erzählt Hemingway dem Neuling, dass er sich an eine seiner Storys im Monatsmagazin Esquire erinnere. Ob es mehr gäbe?
Salinger gibt dem arrivierten Kollegen seine Kurzgeschichte Last Day of the Last Furlough, die von der Saturday Evening Post einen Monat zuvor veröffentlicht worden ist. Er habe die Lektüre genossen, meint der Mann aus Oak Park nach der Lektüre. Jesus, he has a hell of a talent, soll Ernest in Hochstimmung ausgerufen haben. Gleichermaßen zeigt sich Salinger von seinem weltbekannten Kollegen begeistert. Hemingway sei großzügig, freundlich und ganz ohne Starallüren.
In dem winzigen Eifeldorf Zweifall sitzen nun Mitte November 1944 zwei Giganten der Weltliteratur zusammen und trinken Champagner aus Aluminiumtassen. Auch in Zweifall, in dem spartanischen Kontor des PRO, verstehen sich der Nachwuchsschreiber und der Starreporter prächtig. Obwohl sie vom Temperament so grundverschieden sind. Hier der breitbeinige und ungehobelte Naturbursche vom Michigan-See, dort der schlaksige und zurückhaltende Kopfmensch aus der Großstadt.
Vier Stunden, bis kurz vor Mitternacht, bleiben die drei Amerikaner an diesem Abend im PRO-Büro beisammen und reden. Ernest Hemingway und der zwanzig Jahre jüngere J. D. Salinger plaudern über Bücher und Schreibtechniken. Der Neuling spitzt die Ohren, der Einfluss des berühmten Kollegen auf den Novizen wird von nun an zunehmen. Beide Autoren sollten Zeit ihres Lebens freundschaftlichen Kontakt halten.
Nach Ende des Zweiten Weltkrieges arbeitet Jerome Salinger, der vorzüglich Deutsch spricht, zunächst als Zivilist für eine Abteilung des US-Nachrichtendienstes im fränkischen Gunzenhausen. Er heiratet, später siedelt er in die USA über. Der Kontakt zu Hemingway reißt indes nicht ab. Er sei ein wirklich guter Schreiber, lässt Ernest des Öfteren verlauten. Seine Familie möge ihn und schicke ihm häufig Zeitschriften nach Kuba.
Die Bewunderung des bärtigen Nobelpreisträgers für den Kollegen ist grundehrlich. Als Hemingway 1959 in Madrid eine neue Sekretärin engagiert, kauft er ihr sogleich ein Exemplar von The Catcher in the Rye. In ihren Memoiren Running With the Bulls verrät Valerie, die zeitgenössischen Autoren, die Hemingway am meisten bewunderte, sind J. D. Salinger, Carson McCullers und Truman Capote. Eine signierte
Michael Kleeberg und sein neues Werk Achilles in Taormina. Foto: Penguin Books.
Veranstaltung in Berlin mit Michael Kleeberg und Wolfgang Stock
Was macht einen Schriftsteller zur Ikone eines ganzen Jahrhunderts? Was überhaupt zeichnet einen guten Schriftsteller aus? Wie bloß lässt sich dieser rätselhafte Ernest Hemingway decodieren? Das sind die Fragen, die den Helden des Romans Achilles in Taormina – Auf der Suche nach Hemingways letztem Geheimnis umtreiben. Der Name des deutschen Spurensuchers: Michael Kleeberg.
Hemingway ist ein Draufgänger, ein Charmeur und eine Legende gewesen. Und ein Revolutionär des Schreibstils, der die moderne Literatur geprägt hat. Doch hinter dem Erfolgsautor verbirgt sich ein Getriebener, der sich ständig beweisen muss. Im Krieg, am Tresen einer Bar, bei den Frauen. Am Ende seines Lebens ist er innerlich leer. Was ihm in seinen Romanen meisterhaft gelingt, das misslingt Ernest im richtigen Leben kläglich.
Von sich und von anderen verlangt er das Letzte ab. Allen, die ihm zu nahekommen, droht die Gefahr, von seinem Mythos angesteckt zu werden. Auch heute noch? Eine spannende Perspektive, die sich Michael Kleeberg zu eigen macht. Mit einem raffinierten Kunstgriff setzt er sein Alter Ego autofiktional auf die Spur des überlebensgroßen Kollegen.
In dem Vorsatz, sich dem Idol anzuverwandeln, schafft der Berliner Literat ein Feuerwerk an verbürgten Fakten und phantasievoller Fiktion. Alles – Tatsächliches, Imaginiertes und frech Erfundenes – fügt sich zu einer neuen Identität zusammen. Auf seinem Weg kommt Michael Kleeberg dabei Hemingways Geheimnis ziemlich nahe.
Achilles in Taormina – Premiere des Hemingway-Romans Lesung & Gespräch mit Michael Kleeberg Moderation: Wolfgang Stock
Michael Kleeberg ist freier Schriftsteller und Übersetzer in Berlin. Für sein Werk erhielt er zuletzt den Preis der Internationalen Hermann Hesse Gesellschaft.
Wolfgang Stock, Publizist, Cheflektor und vor allem Hemingway-Biograf führt das Gespräch mit Michael Kleeberg über seinen neuen Roman.
27. Mai 2026, 19,00 Uhr Veranstaltungsort: Humboldt-Bibliothek Tegel in Reinickendorf Eintritt frei
Große Geheimnisse um diesen bärtigen Nobelautor gibt es eigentlich keine mehr. Jeder Winkel seines Lebens ist ausgeleuchtet, jeder Nerv gekitzelt. Doch nach Hinweis von Michael Kleeberg stolpert man in einem seiner Romane plötzlich über eine scheinbar harmlose Aussage: Am liebsten mochte ich Ernest Udet. Dieser kleine Satz hat sich in Hemingways Venedig-Werk Über den Fluss und in die Wälder eingeschlichen. Man liest schnell darüber hinweg, es sieht nach der üblichen Theken-Aufplusterei von Ernest aus. Oder doch nicht?
Kannte Ernest Hemingway den deutschen Jagdflieger des Ersten Weltkriegs? Jenes Flieger-Ass, das Carl Zuckmayer als General Harras im Theaterstück Des Teufels General nachempfunden hat. Waren Ernest Hemingway und der im Nazi-Sumpf versinkende Ernst Udet wirklich Freunde und tranken Bruderschaft? Kleeberg sucht akribisch nach Belegen für diese steile These. Und tatsächlich findet er allerlei Indizien in den lichten Sphären von Name-Drops und in Gestalt von Zeitzeugen. Wahr oder geflunkert?
Die Udet-Geschichte ist natürlich nur Vorwand. Vielmehr gilt es einem Mythos auf den Grund zu gehen. „Dem Geheimnis, dem Magischen, dem Unerklärlichen auf die Spur zu kommen, das den Normalmenschen von all denen unterscheidet, mit denen das Schicksal es besonders gemeint hat“, wie Michael Kleeberg treffend schreibt. Achilles in Taormina heißt sein neues Buch. Ein Leben auf der Suche nach Hemingways letztem Geheimnis. Auf 320 Seiten nimmt er uns mit zu einer wahnwitzigen Achterbahnfahrt durch die von Hemingway beeinflussten Schauplätze.
In bester Laune schlüpft der 66-jährige Berliner Autor dazu in die fiktionale Rolle des Hemingway-Forschers Dr. Kleeberg, Redakteur beim US-Magazin Atlantic Monthly, mit eigener – durchaus hemingway’esken – Biografie. Er geht in die Revolution nach Nicaragua, verliebt sich, er trifft später auf Agnes, die nun greise erste Liebe des jungen Hemingway. Er besucht Heinz Rühmann am Starnberger See, spricht mit der Tochter von Carl Zuckmayer in der Schweiz, er begibt sich zu Hemingways dritter Ehefrau Martha Gellhorn nach London und unterhält sich im Sun Valley mit Gregory, dem jüngsten Hemingway-Spross.
Michael Kleeberg, einer der interessantesten Schriftsteller seiner Generation, recherchiert gründlich, kann im Detail überzeugen und spannt mit Erfahrung den großen Bogen. Er ist ein Autor, der über den Tellerrand blickt, jemand, der mit bodenständiger Schwungkraft wandelt zwischen Tradition und Moderne. Kleeberg – auch so ein Unangepasster, den man in keine Schublade stecken möchte – legt seine Prosa kurzweilig und zielsicher an und ist frei von Gefallsucht in Bezug auf irgendwelche Communitys.
Die Frage bleibt: Warum hallt der „Hemingway-Sound“ über die Jahrzehnte hinweg so kräftig nach? „Es gelang Hemingway da etwas, was nur wenigen Autoren gelingt, nämlich eine Epoche zu prägen und zu definieren“, betont Kleeberg gleich zu Beginn seines Buches und hier liegt das eigentliche Geheimnis, das es zu entschlüsseln gilt. Wie schafft es ein Mensch, so einfach und dennoch mit Tiefgang zu schreiben? Wie kann jemand mit so vielen Narben auf der Seele eine solche Herzenswärme zu Paris und Pamplona auf Papier ausbreiten?
Munter mixt Michael Kleeberg die verbürgten Fakten und seine erfundenen Begebenheiten zu einem vielfältigen Kaleidoskop aus Realität und Fiktion. Raffiniert robbt sich Kleeberg an das literarische Mysterium heran, jenseits aller Klischees von Großwild-Jagd und Schnapsgedrossel. Beim Lesen bemerken wir, die Themen des Nobelpreisträgers von 1954 – die Lust am Leben, die Sehnsucht nach Liebe und der Kampf um Würde – sind längst nicht aus der Zeit gefallen.
Mit Imagination steuert Kleebergs Roman in Taormina auf einen homoerotischen Höhepunkt zu, inklusive der Entdeckung einer diesbezüglichen Kurzgeschichte des Jungen Nick. „Ein Mann, der sich in Männergesellschaft so pudelwohl fühlt und alle bannt, obwohl er mit Abstand der jüngste ist, und dabei permanent von Frauen redet – was will der?“ Der Drang zur Männlichkeit im männlichen Verbund enge ihn ein, meint Kleeberg. Doch für die Befreiung aus dieser Bedrängnis fehle ihm Kraft und Hoffnung. Auch hier bleibt die Zerrissenheit.
Tief greift Michael Kleeberg in die stilistische Trickkiste: Authentizität, Täuschung und Imitation nutzt er als Brückenschlag zum großen Vorbild. Voller Rasanz heftet sich der Protagonist an die Fersen von Ernesto, mit jedem Kapitel mehr schwärmt sich der gebürtige Stuttgarter in einen Rausch. Weil Tatsächliches und Fabuliertes von ihm so virtuos verschachtelt wird, weiß man am Ende nicht mehr, wo oben und unten ist. Ist vielleicht auch unwichtig. Dies kennen wir seit Hemingways Lebzeiten. Wahr und erfunden – es sind nicht Kategorien, die so richtig zu einem bunten Leben passen.
Wer diesen Rabauken aus Oak Park bei Chicago in seiner vollen Bedeutung begreifen will, der muss
Das Berliner Magazin Der Querschnitt ist das erste große Medium, das eine Erzählung von Ernest Hemingway veröffentlicht. Vor allen anderen. Im Juni 1925. Foto: Archiv Dr. Stock.
Vor genau hundert Jahren – im Sommer 1925 – druckte ein Berliner Kulturmagazin die Kurzgeschichte eines völlig unbekannten US-Schriftstellers. Es sollte der Auftakt eines rasanten Aufstiegs werden. Der Name des Neulings: Ernest Hemingway.
Von Wolfgang Stock
Deutschland zu hassen, dafür gäbe es auf Ernest Hemingways Lebensweg genug Anlässe. Nach Machtübernahme der Nazis kommt der US-Autor auf die Schwarze Liste, im Mai 1933 wird sein Anti-Kriegs-Buch In einem andern Land öffentlich verbrannt. Als Reporter im Spanischen Bürgerkrieg erlebt er das gnadenlose Bombardement der Legion Condor gegen die einheimische Zivilbevölkerung. In den Vogesen wird im Oktober 1944 sein ältester Sohn von der Wehrmacht festgenommen und ein halbes Jahr im Kriegsgefangenenlager Moosburg an der Isar inhaftiert. Dem blanken Horror begegnet der Amerikaner dann im Winter 1944, wenige Kilometer hinter der Front im Hürtgenwald, wo in den dichten Wäldern der Nordeifel eine der blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs stattfindet.
Kaiser Wilhelm, Hitler, die Nazis – die Krauts zu verabscheuen, das müsste dem Autor aus Oak Park bei Chicago eigentlich leichtfallen. Doch Ernest Hemingway hasst Deutschland und die Deutschen nicht. Vor allem aus einem Grund, ein Mensch verhindert dies. Sein Name: Hermann von Wedderkop. Von Freunden Weddo gerufen. Heute ist dieser bedeutende Medienmann der Weimarer Republik fast vergessen. Wedderkop ist wunderbar. Sie zahlen mir 550 Francs, jubelt in Paris der junge Autor im Januar 1925. Er kann das Geld aus Berlin gut gebrauchen.
Seit Dezember 1921 lebt Ernest Hemingway in der Metropole an der Seine, es sind beschwerliche Lehrjahre für den ambitionierten Journalisten. Mühsam hält der junge Vater, Sohn John wird 1923 geboren, seine dreiköpfige Familie über Wasser. Ein kleiner Erbschaftsfonds von Ehefrau Hadley verhindert das Schlimmste. Vor kurzem hat er seinen einträglichen Vertrag als Europa-Korrespondent der kanadischen Tageszeitung Toronto Star gekündigt, Ernest Hemingway geht voll ins Risiko. Der Sohn eines Arztes hat einen Traum: Er möchte Schriftsteller werden.
Paris ist in jenen Jahren eine Weltstadt im Aufbruch. Literaten, Maler und Musiker auf der Suche nach neuen Ideen zieht es nach Saint-Germain-des-Prés oder zum Boulevard du Montparnasse, wo im Café de Flore oder Le Dôme die Freude am Dasein ausgelebt wird. Einem jungen Amerikaner, der mit den calvinistischen Werten des Mittleren Westens aufgewachsen ist, muss Rive Gauche vorkommen wie eine Pforte ins Himmelreich. Autoren, die berühmt werden wollen, gibt es zur Genüge in der Stadt an der Seine. Zwar hat der Mittzwanziger, Hemingway ist vom Jahrgang 1899, bereits in zwei Pariser Kleinstverlagen veröffentlicht, doch sind diese Schriften eher Privatdrucke seiner Expat-Freunde Robert McAlmon und Bill Bird. Von seinem Erstling Three Stories and Ten Poems kommen 1923 gerade einmal 300 Exemplare in Umlauf. Ernest hält Ausschau nach einem zahlungskräftigen Verlag, doch der bleibt weit und breit nicht auszumachen.
Der Traum vom Erfolgs-Schriftsteller
Ernest Hemingway erhält von Verlagshäusern aus den USA eine Ablehnung nach der anderen. Seine Frau versucht, ihn wieder aufzurichten. Hadley glaubt an mich und das ist mehr als genug, um den Schmerz der Absagen zu überbrücken. Das Schreiben der Stories ist schon schwer genug gewesen, aber noch schwerer war, dass sie abgelehnt wurden. In seinem Heimatland findet er kein Periodikum, das seine Kurzgeschichte über Spanien drucken will. Damit hat er nicht gerechnet. Jede angesehene Zeitschrift und auch die verrufenen Magazine haben die Stierkampf-Story abgelehnt. Es sei eine großartige Geschichte, aber sie können sie nicht veröffentlichen, erklärt der Newcomer resigniert in einem Brief. Die Story sei zu hart für die Leser. Voller Zweifel beginnt Hemingway, sich als Autor in Frage zu stellen. Den Kerl mit dem riesigen Ego übermannen erste Depressionsschübe.
Nach vielen Tiefschlägen trifft in Paris endlich eine Zusage ein. Zur Überraschung kommt das Angebot nicht aus den USA, sondern aus Deutschland. Hermann von Wedderkop, der Herausgeber einer Berliner Zeitschrift mit dem Titel Der Querschnitt, will die Torero-Erzählung veröffentlichen. Wedderkop schreibt, meine Stierkampf-Story sei wunderbar, verkündet er stolz seinem Freund Harold Loeb. All mein Zeug werde demnächst erscheinen, sagt er. Persönlich treffen sich Hermann von Wedderkop und der junge Amerikaner dann am 9. Oktober 1924, im Pariser Apartment von Ezra Pound, der schon öfter für das Berliner Magazin geschrieben hat. Ernest zeigt sich angetan von dem 24 Jahre älteren Deutschen. Der Kerl ist zu gut, um sich lange halten zu können.
Die Kulturzeitschrift mit dem seltsamen Namen Der Querschnitt erscheint seit 1921 in Berlin. Gegründet hat sie der Kunsthändler Alfred Flechtheim, zunächst als Mitteilungsblatt seiner Galerie. Mitte der 1920er Jahre reiht der Großverleger Hermann Ullstein das Magazin in seinen Propyläen Verlag ein, das Erscheinen wird auf Monatsrhythmus erhöht, die Druckauflage steigt auf 20.000 Exemplare. Jeden Monat überrascht Der Querschnitt mit einem snobistischen Scharfblick auf Kunst, Literatur und Gesellschaft. Dazu hier und da ein ästhetischer Akt, in weiblicher oder männlicher Ausprägung. Als Chefredakteur und Herausgeber entwickelt der Autodidakt Hermann von Wedderkop die kleinformatige Gazette zur vielbeachteten Avantgarde-Zeitschrift in der Weimarer Republik.
Ein wunderbarer Kerl aus Berlin
Zunächst druckt Der Querschnitt im Herbst 1924 einige schlüpfrige Gedichte Hemingways. Wedderkop veröffentlicht meine ganzen obszönen Arbeiten schneller als ich sie schreiben kann. Der US-Amerikaner zeigt sich begeistert von dem Berliner Zeitgeist-Magazin. Sie behaupten, sie würden alles kaufen, egal, was ich schreibe. Ich fürchte, Von Wedderkop ist verrückt. Aber er ist ein wunderbarer Kerl. Und solange Von Wedderkop nicht gefeuert wird, bin ich im Geschäft, schwärmt Hemingway in einem Brief aus den Winterferien in Schruns im Januar 1925. Sein Hang zur Großsprecherei prägt sich schon damals aus: In Deutschland bin ich als der junge amerikanische Heine bekannt.
Oft macht er sich lustig über seinen Verleger, es ist ein gutes Zeichen. Wedderschnitt, persifliert Hemingway den Namen des Chefredakteurs liebevoll, der Wedderschnitt vom Querkopf. Hermann von Wedderkop wird im November 1875 in Eutin geboren, er entstammt einem Adelsgeschlecht aus Niedersachsen. In München, Kiel und Berlin studiert er Rechtswissenschaft, dazu Kunstgeschichte und Archäologie. Zunächst arbeitet der Jurist als Regierungsbeamter in Brüssel und Köln. Doch die Staatsverwaltung ist nicht seine Welt, es zieht ihn zur zeitgenössischen Malerei. Weddo schreibt lieber Artikel und Bücher über moderne Kunst. Dabei lernt er den Kunsthändler Alfred Flechtheim kennen, der ihn Anfang 1924 zum Chefredakteur seines Magazins Der Querschnitt beruft.
Hermann von Wedderkop wird dafür gerühmt, innovative Autoren mit originellen Themen und realistischem Stil zu fördern. Die pomadigen Satzgirlanden eines Thomas Mann hält er für unzeitgemäß. Die neuen Taktgeber heißen Gottfried Benn, Bert Brecht und Alfred Döblin, die in ihren Werken die herrschende Trostlosigkeit schonungslos sezieren. Ernest Hemingway fühlt sich verstanden, auch er ist dabei, mit lebensechten Erzählungen und seinem kargen Eisberg-Stil den viktorianischen Rührstücken à la Charles Dickens ein für alle Mal den Garaus zu machen.
Im Sommerheft des Jahres 1925 ist es dann soweit: Der Querschnitt übersetzt und druckt Hemingways Stierkampf-Story. Im nächsten Heft, der Nr. 7 vom Juli, findet sich der zweite Teil der Erzählung über einen gealterten Torero. Der ehemals berühmte Matador Manuel Garcia erbettelt einen letzten Kampf. Im Verlauf der Corrida wird Garcia von dem Stier mehrfach verwundet, er kann dem Bullen aber letztendlich den Todesstoß versetzen. Schwer verletzt wird der Stierkämpfer von den Helfern aus der Arena getragen und in ein Hospital gebracht. Sofort kommt er auf den Operationstisch. Ob das Leben des Matadors gerettet werden kann? Der Autor lässt es offen.
Gekonnt improvisiert schon diese Kurzgeschichte von gut 30 Seiten über die Grundmelodie des Hemingway’schen Werkes: den heroischen Kampf gegen die menschlichen Grenzen und die Wahrung von Würde in der unvermeidlichen Niederlage. Nach Veröffentlichung in Der Querschnitt tritt die Short Story über den Torero Manuel Garcia unter dem Titel The Undefeated (zu Deutsch: Der Unbesiegte) ihren Siegeszug um die Welt an. Diese typische Hemingway-Erzählung wird in der Winter-Ausgabe 1925/1926 des Pariser Literaturmagazins This Quarter veröffentlicht und schließlich 1927 als Buch in der Sammlung Men Without Women (Männer ohne Frauen) in New York herausgegeben.
Der Durchbruch mit Fiesta
Die lakonische Prosa des Neulings zieht Leser und Kritiker in den Bann. Die Klarheit der Sprache wird ebenso gelobt wie die Unterkühltheit in den Dialogen. Während andere Schriftsteller noch die gespreizte Stilistik der Vätergeneration pflegen, kommt Ernest Hemingway ohne Umschweife zur Sache. In seinem grandiosen Debütroman The Sun Also Rises – zu Deutsch: Fiesta – fängt der junge US-Autor im Oktober 1926 das konfuse Lebensgefühl der Verlorenen Generation wirklichkeitsnah ein. Die von Gertrude Stein so titulierten Männer und Frauen leiden nach dem Zivilisationsbruch unter Werteverfall und Orientierungslosigkeit.
Wie ein anschauliches Menetekel zwischen zwei schrecklichen Kriegen erscheint da Hemingways Fiesta. Amerikanische Intellektuelle in Paris und auf Besuch der Sanfermines in Pamplona geben den Blick frei auf eine Verlorenheit, die bei dem mittelalterlichen Bullen-Spektakel mit reichlich Alkohol und allerlei erotischen Eskapaden verdrängt werden möchte. Auf solch eine Unverblümtheit hat die Leserschaft sehnsüchtig gewartet. Von Europa aus erklimmt der 27-Jährige mit Fiesta den Gipfel der Literatur. Wie ein kraftvoller Bannerträger, wie jemand, der Klartext redet und damit einer bedrückten Generation eine frische Stimme gibt. Ernest Hemingway, nahbar und leutselig, steigt auf zum Weltstar.
So viel Glück ist seinem Mentor in Berlin nicht beschieden. Nach der erfolgreichen Zeit beim Querschnitt, die sich von 1924 bis 1931 erstreckt, versucht sich Hermann von Wedderkop selbst als Autor. Er schreibt launige Reiseführer, über das Rheinland, über Paris, London und Rom. Wie man Freunde gewinnt, den Bestseller des US-Motivationstrainers Dale Carnegie, überträgt er ins Deutsche, wird gar Co-Autor des Werkes. Im Jahr 1933 tritt er der NSDAP bei und hegt offene Sympathien für Benito Mussolini. Allerdings gerät er wegen seiner Vorliebe für moderne Kunst wiederholt in Konflikt mit der braunen Obrigkeit. Der polyglotte Adlige zieht sich zurück und verbringt die Zeit des Nationalsozialismus überwiegend in Italien.
Im Kulturbetrieb der Nachkriegszeit verschwimmt das Profil dieses einst gewichtigen Blattmachers. Er selbst meidet weitgehend die große Öffentlichkeit, lieber übersetzt er ein Buch des italienischen Reiseschriftstellers Emilio Cecchi. Seine Erfolge um die Förderung der künstlerischen Avantgarde mit seinem Zeitgeist-Magazin Der Querschnitt geraten über die Jahre in Vergessenheit. Der medialen Aufmerksamkeit entschwunden und kinderlos stirbt Hermann von Wedderkop nach langen Sanatoriumsaufenthalten in der Schweiz im Oktober 1956 mit 80 Jahren in Hamburg.
Zwei Jahre zuvor, im Oktober 1954, ist seinem ehemaligen Schützling in Stockholm der Nobelpreis für Literatur verliehen worden. Der Novize aus Pariser Tagen, schon lange eine Berühmtheit, vergisst seinen frühen Förderer nicht. In Paris – Ein Fest fürs Leben, dies sind biografisch gefärbte Erzählfragmente seiner sieben Jahre in Europa, erinnert Ernest Hemingway an seinen ersten Verleger. Im Dialog mit der Buchhändlerin Sylvia Beach, er nutzt Shakespeare and Company in der Rue de l`Odéon als Postadresse, erwähnt er seinen Berliner Mentor. Es war ein Brief, und er fühlte sich an, als ob Geld darin sei. „Wedderkop“, sagte Sylvia. Es muss vom ‚Querschnitt’ sein (…). Es sind 600 Francs. Er schreibt, es kommt mehr. Es ist verdammt komisch, dass Deutschland das einzige Land ist, wo ich etwas verkaufen kann.
Hemingway dankt seinem Entdecker
Der Querschnitt ist das erste namhafte Medium gewesen, das diesen ehrgeizigen Jungautor veröffentlicht hat. Somit haben die Deutschen ihn ein wenig entdeckt, noch vor allen anderen. In TheGreen Hills of Africa setzt Ernest Hemingway dem Berliner Magazin 1935 ein literarisches Denkmal, als er mit einem österreichischen Safari-Kameraden über seinen Beginn als Autor plaudert. The Querschnitt war eine deutsche Zeitschrift, für die ich einige ziemlich obszöne Gedichte geschrieben habe, und wo ich eine längere Erzählung veröffentlicht habe, Jahre bevor ich in Amerika überhaupt etwas verkaufen konnte.
Die ausführliche Passage aus Die grünen Hügel Afrikas druckt Der Querschnitt im Juni 1936 unter dem Titel The Man with the Tyrolese Hat bei Nennung des Autors auf anderthalb Seiten nach. Dieser Mut erstaunt. Denn Hemingways Name befindet sich auf der Liste unliebsamer Autoren. Politisch bleibt das Magazin zwar diffus, doch eckt es mit seiner Unangepasstheit mehrfach bei den nationalsozialistischen Machthabern an. Unter dem 12. Oktober 1936 notiert Propagandaminister Joseph Goebbels in sein Tagebuch: „Gestern: gelesen, gearbeitet. Zwei Zeitschriften Inneres Reich und Querschnitt wegen dreister Unverschämtheiten verboten. Das hat wohlgetan. Die waren wieder frech wie Dreck.“
Mit Der Querschnitt erfährt Ernest Hemingway eine emotionale Bindung zu Deutschland und darüber hinaus einen Zugang zur deutschen Literatur. Thomas Mann bewundert er, Ringelnatz ebenso. Der Amerikaner ist ein offener und neugieriger Mensch, als Nicht-Studierter muss er sich vieles abschauen. Über allem Ruhm vergisst er nicht, wer seine erste Spanien-Geschichte und die vorlauten Poeme veröffentlicht hat. Eine deutsche Zeitschrift und ihr Chefredakteur haben an ihn geglaubt, während Verlage in der Heimat seine Manuskripte in den Papierkorb geschleudert haben.
Dankbar blickt der Nobelpreisträger zurück auf den Beistand von Weddo in den schwierigen Anfangsjahren. Die insgesamt sieben Veröffentlichungen in dem Berliner Magazin werden Ernest Hemingway vor einem Trugschluss bewahren, der gemeinhin schnell gemacht ist. Deutschland ist nicht allein das Land der Bücherverbrenner und der Joseph Goebbels. Deutschland, das ist ebenso das Land von Der Querschnitt und des Hermann von Wedderkop.
Dr. Wolfgang Stock lebt als Journalist und Buchautor in Herrsching am Ammersee. Er betreibt das Portal Hemingways Welt (www.hemingwayswelt.de) und hat eine Biografie über den Nobelpreisträger geschrieben (Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru).
Der Querschnitt vom Juni 1936. Das Berliner Magazin veröffentlicht eine lange Passage aus Ernest Hemingways Afrika-Buch. Riskant in Nazi-Deutschland. Exemplar: Archiv Dr. Stock.
Das deutsche Monatsmagazin Der Querschnitt wartet im Juni 1936 mit einer Überraschung auf. Die Zeitschrift veröffentlicht eine kurze Geschichte von Ernest Hemingway. The Man with the Tyrolese Hat wird auf anderthalb Seiten publiziert. Auf Englisch, ganz ohne Übersetzung. Das elitäre Periodikum besitzt intellektuelles Gewicht: Es erscheint in Berlin, dort im renommierten Propyläen-Verlag, später im Heinrich Jenne Verlag.
Ernest hat bereits in den 1920er Jahren in Der Querschnitt veröffentlicht. Insbesondere seine Kurzgeschichte The Undefeated (zu Deutsch später bekannt als Der Unbesiegte). Beim Querschnitt heißt die Geschichte knapp Stierkampf, sie wird in zwei Teilen im Sommer 1925 abgedruckt. Ein halbes Dutzend Stücke aus der Feder von Ernest Hemingway ist zwischen Herbst 1924 und Juli 1925 in der manchmal arg versnobten Zeitgeist-Gazette veröffentlicht worden.
Der Mann aus Chicago, der in Paris lebt, ist sehr dankbar für die Publizierung in dem bekannten Magazin aus Deutschland. Denn es gibt ein schönes Honorar und – vor allem – es hebt das Selbstwertgefühl des damals noch völlig unbekannten Novizen. Sein Durchbruch als Schriftsteller sollte erst im Oktober 1926 mit The Sun Also Rises (in Deutschland und Europa: Fiesta) stattfinden.
Im 16. Jahrgang kommt Ernest Hemingway zurück zu seinem Entdecker-Magazin Der Querschnitt. Archiv: Dr. Stock.
Das neue Stück The Man with the Tyrolese Hat ist ein opulentes Fragment aus Die grünen Hügel Afrikas, das im Oktober 1935 als Green Hills of Africa im Verlag Charles Scribner’s Sons in New York erschienen ist. In Hemingways Jagdgeschichten, sie basieren auf den Erlebnissen seiner Ostafrika-Safari im Januar und Februar 1934, kommt es zu einer skurrilen Begegnung.
In der Steppe begegnet Hemingway einem österreichischen Jagdkameraden in Lederhose und mit Tirolerhut auf dem Kopf. Und es entspinnt sich unter afrikanischer Sonne eine muntere Konversation. Der Mann mit dem Tirolerhut erzählt von diesem Aufeinandertreffen in der Savanne.
„Hemingway ist meine Name.“ „Kandisky“, sagte er und verbeugte sich. „Den Namen Hemingway habe ich schon einmal gehört. Wo? Wo habe ich ihn schon gehört? Ach, ja. The Dichter. Kennen Sie Hemingway, den Dichter?“ „Wo haben Sie etwas von ihm gelesen?“ „Im ‚Querschnitt‘.“ „Das bin ich“, sagte ich, hocherfreut. ‚Der Querschnitt‘ ist eine deutsche Zeitschrift für die ich einige Gedichte geschrieben hatte und wo eine lange Geschichte von mir veröffentlicht wurde, Jahre bevor ich etwas in Amerika verkaufen konnte.
Die beiden Waidmänner fachsimpeln in der afrikanischen Steppe über deutsche Literatur und Autoren. Über Ringelnatz, über Heinrich Mann und über Rainer Maria Rilke. Über Vorzüge, Sympathien und persönliche Aversionen.
Nur auf Englisch. Um vielleicht die Zensur zu überlisten? The Man with the Tyrolese Hat. Exemplar Archiv Dr. Stock.
Der Abdruck von Ernest Hemingway Story in Der Querschnitt vom Juni 1936 ist bemerkenswert. Denn der US-Amerikaner steht auf der Schwarzen Liste der Nationalsozialisten, die seit drei Jahren Deutschland eng im Würgegriff halten. Nach der Machtergreifung der braunen Despoten ist Ernest Hemingways Buch In einem andern Land bei den Verbrennungen im Mai 1933 in die Flammen geworfen worden.
Dem Schriftsteller, der nun in Key West lebt, wird vorgeworfen, den Krieg in den Dreck zu ziehen. Als Folge: Ernest Hemingway wird in Deutschland nicht mehr publiziert. So darf die deutsche Ausgabe von Green Hills of Africa in der Nazi-Zeit nicht erscheinen, das Buch wird als Die grünen Hügel Afrikas erst im Jahr 1954 im Hamburger Rowohlt Verlag mit fast 20 Jahren Verzögerung erstverlegt.
Trotz Verbot und Zensur besitzt die Berliner Zeitschrift den Mut, eine Geschichte des Verfemten zu drucken. Herman von Wedderkop, ein Förderer Hemingways, hat im April 1931 als Chefredakteur und Herausgeber abgedankt. Die Zeiten bleiben auch unter neuer Leitung hart. Zu den wirtschaftlichen Zwängen kommt ab 1933 die politische Pression, zu sehr eckt die extravagante Publikation bei den Nazis an. Vier Monate nach der Tirolerhut-Story schlägt die letzte Stunde des Magazins.
Im Oktober 1936 wird Der Querschnitt, zu diesem Zeitpunkt mit einer Auflage von 16.000 Exemplaren, von der Hitler-Diktatur verboten. Wobei Hemingway nicht der direkte Anlass gewesen ist. Bösartig und staatsfeindlich ist den Nazis ein Artikel unter der Überschrift Fremdwörterbuch aufgestoßen. So ist dort der Begriff absurd definiert worden als
Die Weltbühne, das halbmonatlich erscheinende Berliner Kulturmagazin, veröffentlicht nach dem Krieg Ernest Hemingways verschollene Rede an das deutsche Volk. Foto: Archiv Dr. Stock.
Im November 1938 lässt Ernest Hemingway über den Deutschen Freiheitssender – eine auf Deutsch sendende Radiostation auf Kurzwelle 29,8 – eine Rede verlesen. Der Sender, von Kommunisten der KPD gegründet und betrieben, sendet von Pozuelo del Rey bei Madrid jeden Tag eine Stunde Programm nach Nazi-Deutschland. Auch Exilanten wie Thomas Mann und Albert Einstein haben über den Sender Botschaften an das deutsche Volk ausgestrahlt.
Bei Hemingways Mitteilung handelt es sich um eine vier Minuten lange Rede aus Spanien an das deutsche Volk. Ich bin aber auch traurig (um offen zu sein), traurig mit deinem Schicksal, deutsches Volk, so kommt Ernest direkt im ersten Abschnitt zur Sache. Der Amerikaner bekennt seine Verbundenheit zu Deutschland. Er erzählt von seinem Urlaub im Schwarzwald, von den Besuchen in Berlin. Der US-Autor preist die Schönheit des Landes und den Humor seiner Bewohner. Und fragt unvermittelt: Und das soll alles zu Ende sein?
Als Kriegsreporter steht er unter dem Eindruck des Kampfes gegen den Putschisten General Franco. Die Völker wollen gleich und gleich nebeneinander leben. Sie wollen sich nicht in Kriegen für Tyrannen zerfleischen. Der damals schon berühmte Schriftsteller spannt sodann den Bogen zur Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten in Deutschland. Und eines Tages wird es [das deutsche Volk] den einzigen Krieg machen, der noch lohnt, den Krieg gegen die Nazi-Tyrannei.
Im Sommer ist der US-Kriegsreporter an der Ebro-Front gewesen und hat die Heinkel– und Junkers-Flugzeuge der Legion Condor über friedliche Dörfer dahinstürmen sehen. Bomben werden auf zivile Ziele abgeworfen. Doch Hemingway lässt seine Zuhörer wissen, dies sei nicht das wahre Deutschland. Ich grüße diese [wahren] Deutschen und verfluche die anderen, die in den Junkers sitzen, samt denen, die die feigen Bombenschmeißer da unten hingeschickt haben.
Auf zwei Seiten druckt Die Weltbühne Ernest Hemingways Rede an das deutsche Volk. Foto: Archiv Dr. Stock.
Hemingways Rede an das deutsche Volk, so zutreffend und forsch ihr Inhalt ist, besitzt eine unüberhörbare Schwachstelle: Sie stammt nicht von Ernest Hemingway. Denn dieser überhöhte Polit-Pathos gehört nicht zu seinem Duktus. Genauso wenig wie ein Amerikaner eine so abgedroschene Phrase nutzen würde, um die Unterdrückung der Meinungsfreiheit in einer Diktatur zu umschreiben: Keiner soll mehr reden dürfen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist? Eine solche Redewendung existiert in der angelsächsischen Sprache nicht, dieser burschikose Zungenschlag entstammt nicht dem Schnabel von Ernesto. Die Feder muss ein anderer geführt haben, aus Propaganda-Gründen ist sie als Opus des berühmten US-Autors verkauft worden.
Am Drehbuch zum Spanien-Film The Spanish Earth lässt sich hingegen erkennen, wie Ernest Hemingway in Wirklichkeit stilistisch vorgeht. Über einzelne Menschen und über individuelle Schicksale. Der Mann aus Chicago erzählt Geschichten und beschreibt, was er zu Augen bekommt. Gefühle und Empfindungen verbirgt er stets unter der Oberfläche. Die doktrinäre Pathetik, die linken Autoren so in Fleisch und Blut liegt, bleibt Ernest ein Leben lang fremd.
Doch wer ist der tatsächliche Autor dieser Rede? Ein Hinweis hält der Text bereit, wo im vorletzten Abschnitt das Bataillon Thälmann der Internationalen Brigaden erwähnt wird. Es wird ein Loblied gesungen auf die tapferen Brigadisten, die aufopferungsvoll kämpfen und nach gewonnener Schlacht die Einheimischen verpflegen. Sie machten gut, was die Junkers schlecht gemacht hatten.
Für Propaganda beim Thälmann-Bataillon ist der Schriftsteller Gustav Regler zuständig. Aus Überzeugung nimmt der Saarländer, wie viele andere republikanisch oder links eingestellte Intellektuelle, am Bürgerkrieg in Spanien teil. Er wird Politischer Kommissar innerhalb der XII Brigade, dort sind im Thälmann Bataillon die deutschen Freiwilligen organisiert.
Während des Krieges freunden sich der Amerikaner und der Saarländer an. Gustav Regler arbeitet Hemingway zu bei dessen Lieblingsprojekt The Spanish Earth, einem internationalen Kinofilm für die Sache der Republik. Ernest erwähnt darin den Deutschen namentlich mit Stolz und Enthusiasmus.
Gustav Regler beteiligt sich – im Gegensatz zu Hemingway – aktiv an den Kampfhandlungen, er schreibt aus nächster Nähe über die Schlachten im spanischen Hinterland. Seine Tagebuchaufzeichnungen fließen ein in seinen Roman über den Bürgerkrieg, der 1940 in der englischen Fassung als The Great Crusade erscheint, mit einem Vorwort seines Freundes Ernest versehen. Der Saarländer besucht den Amerikaner später dann in den USA, in Key West.
Vom Stil her passt die Rede an das deutsche Volk nicht zu Ernest Hemingway, ich tippe auf
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