Don Ernesto hat uns alle umarmt
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Rufino Tume, der ‚Miss Mary‘ auf den Pazifik hinaus fuhr, hat den Hemingways einiges zu verdanken. Photo by W. Stock

Rufino Tume, der Kapitän der Pescadores Dos und der Miss Perú, lebt schräg gegenüber vom Restaurant Cabo Blanco. Er kann sich lebhaft an den Autor aus Amerika erinnern. „Ernesto war ein ganz feiner Kerl“, meint der Fischer in Cabo Blanco, nun 85 Jahre alt, und wippt sacht in seinem Stuhl aus Bast, „er hat mir in meinem Leben sehr geholfen.“

Überhaupt, auf die Hemingways lässt Rufino Tume nichts kommen. „Ernesto era un gringo muy buena gente“, sagt er, Ernesto sei ein verdammt guter Gringo gewesen. Muy buena gente, so sagt man in diesen Breiten, prächtige Leute, sehr anständige Menschen, mehr geht eigentlich nicht. “Era un hombre de buen tomar, y muy sencillo y amable.“ Er konnte ganz gut einen heben, nicht zu viel, ein Kerl halt, sagt Rufino, und der Gringo sei sehr umgänglich und liebenswert aufgetreten.

Der Fischer Rufino bringt es zu bescheidenem Wohlstand in Cabo Blanco, er baut sich ein Haus, bekommt vier Kinder, kauft sich einige Camionetas, es ist genug Geld da. Bis 1988, bis zu seinem Unfall. Er fährt von El Alto die steile Bergstraße zur Küste herunter, plötzlich wird er ohnmächtig, er sackt in den Sitz hinein, das Steuer ist führerlos, sein Auto kommt von der Fahrbahn ab, er verunglückt schwer.

Rufino kann sich an nichts mehr erinnern, vielleicht ist er kurz eingeschlafen. Die Krankheit verschlingt sein gesamtes Vermögen. Doch die Begegnung mit Ernest Hemingway und Mary sollte dem Bootskapitän Rufino Tume noch von Nutzen sein. Der peruanische Fischer lässt seine Lähmung auf Kuba behandeln, mit zwei seiner Söhne besucht er die Insel. Und dort zeigt er einem Arzt ein Foto, von ihm mit Ernest Hemingway, aus den Tagen im Jahr 1956 in Cabo Blanco.

Von diesem Augenblick an ändert sich alles für Rufino in dem kubanischen Krankenhaus. Der Arzt erzählt ihm, wie angesehen Ernest Hemingway auf Kuba gewesen ist und noch sei, und welche Unterstützung er für die Studenten der Insel geleistet hat. „El es como mi Papá“, der Schriftsteller sei eine Art Vater für ihn gewesen, meint der Arzt, der ihn spontan umarmt. Und Rufino Tume aus dem winzigen Cabo Blanco, dieser Rufino, dieser nicht gerade begüterte Bootskapitän von Mary Hemingway, wird in Havannas Krankenhaus fortan behandelt wie ein Fürst.

Auch Rufino Tume hat alles dem Meer zu verdanken. Sein Haus, sein Leben, sein Wohlbefinden. Und eben auch die Begegnung mit Ernest Hemingway. Doch Vorsicht, das Meer ist launisch, bemerkt Don Rufino und spielt auf seine schlimme Krankheit an, das Meer kann dir alles nehmen, was es dir vorher gegeben hat.

Manchmal wird der Fischer Rufino um drei Uhr morgens wach, dann trinkt er einen starken Kaffee und setzt sich alleine auf die Veranda seines Hauses. Und dann schaut der alte Fischer auf das Meer und es kommen die Erinnerungen. An seine Eltern und an die Großeltern und auch an die Tage mit Ernest Hemingway.

„Sie glauben ja gar nicht, wie viele Menschen hier vorbei kommen und nach Señor Hemingway fragen“, meint María Vite, die rüstige Ehefrau von Rufino. Und das nach all den Jahrzehnten. Als wir dem Ehepaar sagen, dass wir uns die Überreste des Fishing Clubs ansehen wollen, da packt auch Rufino die Lust. Er würde uns gerne begleiten, tut er kund, nimmt seinen Gehstock, zwängt sich auf den Beifahrersitz unseres Autos und fährt mit uns die zwei Kilometer zu den Ruinen des Fishing Clubs.

„Er hat den Menschen hier viel gegeben“, sagt Don Rufino stolz, „nein, ich meine nicht Geld. Ich meine etwas anderes. Respekt. Er hat alle hier mit Hochachtung behandelt. Wir sind ja nur einfache Fischer und er ist der Nobel. Aber er hat uns geachtet, das hat man gespürt. Wir sind alle fast wie eine Familie gewesen.“

Man merkt, der Fischer Rufino hält die Erinnerung wach an den Schriftsteller, das Andenken an einen Freund. „Don Ernesto hat sich am letzten Abend aufmerksam von uns verabschiedet. Er hat uns allen die Hand gegeben und uns gedankt. Und er hat uns alle umarmt.“ Rufino Tume, der Kapitän von Marys Boot auf dem Pazifik, ist ein glücklicher Mensch.