An den Fersen von Ernest Hemingway

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Was hat Ernest Hemingway in Peru verloren?

Ernest Hemingway bei der Ankunft in Peru. Der junge Reporter Mario Saavedra-Pinón vom El Comercio aus Lima holt sich ein Autogramm ab. Talara, den 16. April 1956. Foto: Guillermo Alias.

Auch wenn das Leben des bärtigen Amerikaners bis in kleinste Winkel bestens ausgeleuchtet ist, so weiß man über Ernest Hemingways Abstecher nach Peru im April und Mai 1956 nicht allzu viel. Seine fünf Wochen in Cabo Blanco, so sie denn überhaupt Beachtung finden, bleiben in den Biographien und Abhandlungen über den prominenten Autoren seltsam konturlos und meist auch fehlerhaft. Es mag dem Umstand geschuldet sein, dass sein Ziel diesmal doch weit ab vom Schuss liegt.

Cabo Blanco? Was zum Teufel sucht der Nobelpreisträger, dieser freche Abenteurer und rastlose Schürzenjäger in einem abseitigen Nest wie Cabo Blanco? Ein vergessenes Fischerkaff mit gerade einmal 500 Bewohnern. Peru bleibt, das mag erstaunen, das einzige Land Südamerikas, das Ernest Hemingway jemals bereist hat.

Der amerikanische Nobelpreisträger kennt die Karibik gut, Kuba, die Bahamas, die Florida Keys, er hat mehrmals Mexiko besucht, doch Südamerika bleibt für den allseits anerkannten Schriftsteller Terra incognita – mit der bemerkenswerten Ausnahme Peru. Er, der Kosmopolit und Weltenbummler, hat sich nie das ausschweifende Rio de Janeiro angeschaut, nicht das betuliche Montevideo und das frühlingshafte Buenos Aires muss ebenfalls auf ihn verzichten.

Hingegen begibt er sich wochenlang nach Cabo Blanco, in ein trostloses Kaff mit ein paar ärmlichen Bretterbuden an einer staubigen Dorfstraße. Der berühmte amerikanische Autor, zwei Jahre zuvor hat man ihm den Nobelpreis für Literatur verliehen, reist in ein doch ziemlich vergessenes Eckchen dieses Erdballs.

Dabei wird der Aufenthalt in Cabo Blanco am peruanischen Pazifik bedeutsam für den Schriftsteller, in vielerlei Hinsicht. Ernest Hemingway gibt in dem umwerfenden Spanien-Roman Gefährlicher Sommer seinen Lesern dazu einen ersten Fingerzeig.

Von Ende Juni 1954 bis August 1956 waren wir auf Kuba und arbeiteten. Ich war in schlechter Verfassung. Ich hatte mir bei Flugzeugabstürzen in Afrika schwere Rückenverletzungen zugezogen und versuchte, wieder auf die Beine zu kommen. Niemand wusste genau, was aus meinem Rücken werden würde, bis wir das Ganze vor Cabo Blanco in Peru auf die Probe stellten, als wir für den Film ‚Der alte Mann und das Meer‘ einen riesengroßen Marlin fischen mussten.

Er hat sich wiederum einiges vorgenommen. Der Schriftsteller will in Peru endlich wieder voll auf die Beine kommen, körperlich wie mental. Und möglicherweise auch als Schreiber. Für ambitionierte Herausforderungen ist Cabo Blanco wie geschaffen. In dieses Angelparadies am wilden Pazifik kommen Ernest Hemingway und seine Freunde, um einen schwarzen Marlin zu fangen.

Im Ozean vor Cabo Blanco finden sich gigantische schwarze Marline, ein Fisch over fifteen hundred pounds. Es ist jener riesige Marlin, der in Hemingways fabelhaftem Roman Der alte Mann und das Meer neben dem alten Mann Santiago und dem Jungen Manolín die Hauptrolle spielt.

In Cabo Blanco sollen

Ernest Hemingway auf dem Weg nach Cabo Blanco

Mr. und Mrs. Hemingway in aufgeräumter Stimmung; Es geht in die Ferne.
Miami international Airport, am 15. April 1956
. Foto: PanAm

Sanft umfasst die kräftige Hand des Nobelpreisträgers den zierlichen Oberarm seiner Ehefrau. Und Miss Mary schaut liebevoll auf zu ihm, während sie seine Krawatte zurecht zupft. Ernest trägt selten Schlips, höchstens bei offiziellen Anlässen oder auf Reisen. Der Schriftsteller hat seine blaue Krawatte mal wieder viel zu kurz gebunden, trostlos baumelt das gute Stück vor seinem karierten Tweed-Jackett.

Auch Mrs. Hemingway kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Das Ehepaar Hemingway wirkt an diesem Abend wie aufgekratzt, die beiden zieht es von Neuem hinaus in die Welt. An diesem Sonntagabend legen Ernest Hemingway und seine Frau Mary Welsh einen Zwischenstopp auf dem Miami International Airport ein. Das Ehepaar ist aus Kuba, wo die Hemingways auf Finca Vigía, in der Nähe von Havanna, ihren Wohnsitz halten, herüber nach Florida geflogen.

Smiling Ernest Hemingway gets a final touch-up from his wife Mary, just before leaving Miami Sunday night for Talara, Peru wird die lokale Tageszeitung, der Miami Herald, unter das Foto schreiben, das den Schriftsteller in bester Laune zeigt. Ein lächelnder Ernest Hemingway erhält von seiner Frau Mary eine letzte Nachbesserung, kurz bevor sie Sonntagabend Miami verlassen, Richtung Talara in Peru.

Der hübsche Schnappschuss im Flughafen von Miami strahlt eine warmherzige Vertrautheit aus, vielleicht ist die Liebe des Ehepaares ja doch nicht ganz und gar aufgebraucht. Die beiden sind zu diesem Zeitpunkt seit zehn Jahren verheiratet und bislang sind keine unschönen Meldungen aus ihrem Ehealltag nach außen gedrungen, höchstens ein paar boshafte Gerüchte, doch wie sollte es anders sein, wenn ein Mann zum vierten Mal verheiratet ist.

Immer wenn es ans Meer geht, hellt sich die Gemütslage des Nobelpreisträgers auf. Der Kalender zeigt den 15. April des Jahres 1956. Aus dem Lautsprecher der Airport-Lounge tönt der Sänger Perry Como mit einem ungewohnt hämmernden Rhythmus, Oh! Jukebox Baby, my Jukebox Baby. Diese neuartige Musik, die mit dem ruppigen Beat des Rock ‚n‘ Roll gegen die alte Spießigkeit aufbegehrt, verkörpert ein neues Lebensgefühl, das Ernest Hemingway jedoch irgendwie fremd geblieben ist.

Auch im Kino hat James Dean vor einigen Monaten in dem Filmstreifen Rebel Without a Cause den Protest der Halbstarken gegen die biedere Welt der Eltern in das brave Amerika hinausgebrüllt. All dies ist an den Hemingways mehr oder weniger vorbei gegangen, weil sie zurückgezogen auf einer tropischen Farm im kubanischen Dorf San Francisco de Paula weitab von Gut und Böse leben.

Mr. und Mrs. Hemingway steigen

Ernest Hemingway, der Rolex-Mann

Ernest Hemingway im Cabo Blanco Fishing Club, im April 1956, mit dem peruanischen Journalisten Mario Saavedra. Am linken Arm des Autors unübersehbar seine Rolex. Foto: Guillermo Alias.

Ernest Hemingway soll drei verschiedene Rolex-Modelle besessen haben: eine Bubble Back aus den 1940er Jahren und zwei Oyster Perpetuals aus den 1950ern. Seinen Armbanduhren ist Ernest Hemingway treuer geblieben als seinen vier Ehefrauen. Er hat der Uhr sogar ein literarisches Denkmal gesetzt. In seiner Erzählung Über den Fluss und in die Wälder bringt der spätere Nobelpreisträger im Jahr 1950 einen hübschen Absatz zu Papier, in dem er das menschliche Herz mit einem Uhrwerk gleichsetzt. 

Der alte Colonel Richard Cantwell sitzt mit seinem blutjungen Schwarm, der schönen Contessa Renata, im Gritti Palace von Venedig und speist. Der Offizier fabuliert über den Krieg und über die Liebe. Sowohl der Krieg als auch die Liebe, so sagt er, können ihm das Herz zerstören. Vor allem die Liebe könne sein Herz brechen. Aber, sinniert der sterbenskranke Oberst, was ist eigentlich das Herz? 

„Es ist ja nur ein Muskel“, sagte der Colonel. „Nur daß es der Hauptmuskel ist. Er arbeitet so vollkommen, wie eine Rolex Oyster Perpetual. Hat nur den Fehler, daß man ihn nicht an die Repräsentanz von Rolex schicken kann, wenn er reparaturbedürftig ist. Wenn er stehenbleibt, weißt du nicht mehr, wieviel Uhr es ist. Du bist tot.“

In der Tat passt die Rolex wunderbar zu Ernest Hemingway, sie ist ein Zeitmesser wie für ihn gemacht. Sein abenteuerlicher Lebensstil verlangt nach einer Uhr, die kraftvoll, zuverlässig und unverwüstlich ist. Die Uhren haben ihn auf seinen weiten Reisen begleitet, von den Safaris in Ostafrika bis zum Hochseeangeln in Cabo Blanco vor der peruanischen Pazifikküste. Die Rolex ist eine robuste Armbanduhr, wunderbar geeignet für Herausforderungen aller Art. 

Gerade die Oyster Perpetual verkörpert in Form und Funktion eine klassische Uhr, zeitlos über alle Generationen, mit einer präzisen Anzeige der Stunden, Minuten und Sekunden. Sie verzichtet auf allen überflüssigen Firlefanz wie Mondphase oder Stoppfunktion, sie ist im klassischen Sinne einfach und schlicht. Damit steht sie in der Tradition der ursprünglichen Oyster, der ersten wasserdichten Armbanduhr der Welt, die den Ruf der Marke Rolex im Jahr 1926 begründet hat.

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Ein ähnliches Modell der Rolex Oyster Perpetual hat Ernest Hemingway getragen.

Eine Rolex ist weit mehr als ein Zeitmesser. Sie ist ein hochwertiges Kleinod, gerade für Männer, die es ja sonst nicht einfach haben, Schmuckstücke zu tragen. Solides Metall, Edelsteine, Silber und Gold – eine Rolex wird aus hochwertigsten Materialien hergestellt. Denn eine Rolex ist für die Ewigkeit gebaut. 

Eine solche Pretiose Schweizer Uhrmacherkunst durchläuft einen strengen Herstellungsprozess. Jede Brücke des Uhrwerks, jedes Rädchen, jede Komponente des Gehäuses, des Armbandes oder des Zifferblattes wird so hergestellt, als müsse es ewig leben. Und jedes Exemplar wird

‚Hemingway desconocido‘, der unbekannte Hemingway

Hemingway desconocido, der unbekannte Hemingway, so lautet der Titel einer peruanischen Neuerscheinung über den US-amerikanischen Nobelpreisträger. Cuatro crónicas secretas sobre el escritor en el Perú y el mundo. Vier geheime Berichte über den Schriftsteller in Peru und in der Welt, so heißt es etwas reißerisch im Untertitel.

Geschrieben hat dieses spanischsprachige Buch der Journalist Omar Zevallos, ein Buchautor und Karikaturist aus dem südperuanischen Arequipa, ein Mann vom Jahrgang 1958. Und Omar ist natürlich ein eingefleischter Aficionado des Ernesto Hemingway, man merkt es dem Werk an, das Herzblut steckt zwischen den Seiten. 

Der Nobelpreisträger besuchte im April und Mai 1956 das peruanische Fischerdorf Cabo Blanco und in der Tat gibt es über diese fünfwöchige Episode in Hemingways Biografie vergleichsweise wenig Informationen. Mario Saavedra, der Reporter vom feinen El Comercio, hat im Jahr 2005 ein großformatiges Büchlein herausgebracht, mit wunderbaren Fotos, denn Mario war Zeuge mit Ohr und Auge in Cabo Blanco. Ansonsten wird man nicht viel Gescheites finden.

Nun merkt man dem Buch von Omar Zevallos die große Fleißarbeit an, denn er hat über

Ernest Hemingways Liste für Cabo Blanco

Ernest Hemingways Moleskine: Auf zwei Seiten Notizen zu Cabo Blanco.

Ernest und Mary Hemingway fliegen von Havanna über Miami ins südamerikanische Cabo Blanco. Fünf Wochen im April und Mai 1956 wird das prominente Ehepaar in dem winzigen peruanischen Fischerdorf verweilen. Am Pazifik wollen sie einen riesigen Marlin fangen und die Dreharbeiten der Second Unit zu dem Hollywood-Film Der alte Mann und das Meer ein wenig anleiten.

Cabo Blanco wird von dem weltberühmten Autor – zwei Jahren zuvor hat er den Nobelpreis für Literatur erhalten – gut vorbereitet. Die Reise nach Peru ist ihm wichtig. Ernest freut sich auf das fremde Meer, auf den wilden Pazifik, wo es an der Schnittstelle zwischen kaltem Humboldt-Strom und den warmen Äquatorial-Gewässern die größten Marline überhaupt geben soll. Eine Handvoll Freunde aus Kuba begleitet den Nobelpreisträger auf diesem exotischen Trip.

Auf seinen Ausfahrten in Cabo Blanco wird der Schriftsteller mehr oder weniger die gleiche Kleidung anziehen wie zwei Jahre zuvor auf der Safari in Ostafrika. Im Januar 1954 hat er zusammen mit Miss Mary Kenia und Uganda besucht, erfolgreich gejagt, war allerdings auch in zwei verheerende Unfälle mit Flugzeugabstürzen verwickelt.

Der Autor trägt eine helle Safari-Jacke aus etwas zu dicker Baumwolle, die ein Stoffgürtel über dem sichtbaren Bauchansatz zusammen hält. Dazu eine bis zu den Oberschenkel reichende Khaki-Hose und Halbschuhe aus leichtem Leder. An Bord zieht Ernest Hemingway es dann vor, meist barfuß zu laufen.

Obwohl den Autor Komplikationen an den Augen plagen, trägt er im glutheißen Nordperu auch bei prallstem Sonnenschein keine Sonnenbrille. Wenigstens zieht der Nobelpreisträger in der sengenden Sonne seine Baumwoll-Kappe an, ohne deren Schutz es in diesen Breiten böse enden kann.

Auf Finca Vigía hat Ernest Hemingway auf zwei Seiten in sein Moleskine akribisch aufgeschrieben, was er auf die Reise nach Peru mitnehmen möchte. List Cabo Blanco hat er die Blätter seines Büchleins überschrieben, und unter anderem aufgeführt: Rods, Rod Case, Headers, Hooks, Gaff, two Harpoons, Lines – das ist das Angelzeugs wie Haken, Angelschnüre und Angelruten.

Dann folgt die Auflistung der Kleidung: Hemden, eine Jacke, Caps, die Windjacke, eine Krawatte, Trenchcoat, Stiefel, eine Flanell-Hose, Sneakers, Brillen und Fishing Gloves, die Angel-Handschuhe. Und am Ende der zweiten Seite steht Books. Flott unterstrichen und dann ein dicker Punkt. Auf die Auswahl der Bücher möchte Ernest Hemingway wohl ein besonderes Augenmerk legen.

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Die zweite Seite von Hemingways Liste für Cabo Blanco.

Die Reise nach Peru soll ein Erfolg werden. Wir schreiben Mitte April 1956, es geht körperlich langsam bergab mit ihm, und auch das Schreiben fällt ihm schwer. Er braucht den Erfolg. In Peru, aber er braucht den Erfolg vor allem in sich drin. Das Schicksal hat ihm in den letzten Jahren schlimm mitgespielt.

Er ist erst Mitte 50 und sieht doch schon aus wie ein alter Mann. Sein Körper und seine Geisteskraft haben schon vor den Flugzeugabstürzen in Afrika nach und nach abgebaut, doch die starken Verbrennungen, die schweren Kopfwunden und die zahlreichen inneren Verletzungen setzen ihm so heftig zu, dass nichts mehr so ist wie in den guten Jahren.

Ernest Hemingway: „Am Meer kannst du nicht lügen.“

Gleich explodiert jemand: Miss Mary beißt sich auf die Zunge und Ernest schaut arg muffelig. Die Hemingways auf Rückreise aus Peru, Miami International Airport, am 22. Mai 1956

Die entspannte Heiterkeit und Eleganz scheinen ganz aus dem Gesicht der aparten Frau entschwunden. Mary Welsh, sie hat den strapaziösen Flug von Talara nach Miami in den Knochen, wirkt angesäuert und genervt. Ernest Hemingways Ehefrau beißt sich auf die Lippen und straft ihr Gegenüber mit einem eisigen Blick. 

Vielleicht stellt der Zollbeamte irgendwelche dämliche Fragen, oder – noch schlimmer – womöglich weiß der gute Mann gar nicht, welch eine Berühmtheit da vor ihm steht. Der Nobelpreisträger blickt über seinem grauen Bart erschöpft in die Welt, seine Augen schauen ganz matt und glanzlos ins Leere, die Mundwinkel fallen nach unten.

Die Stimmung des Ehepaares ist ziemlich mies, die wunderbaren Wochen in Cabo Blanco am Pazifik sind vorüber. Das Kapitel Cabo Blanco ist für die Hemingways beendet, jetzt fliegt der gefeierte Autor zurück in den Alltag. Ernest Hemingway hat die Tage im April und Mai 1956 genossen auf dem großen Meer, fernab vom Trubel und Gewusel, der Rückzug in die Abgeschiedenheit hat ihm gutgetan.

Die kommode Kargheit des Cabo Blanco Fishing Clubs haben so ganz seinem lässig-luxuriösen Lebensstil entsprochen und die Angeltage auf dem Ozean, den schwarzen Marlin im Visier, haben ihn noch einmal zur Höchstleistung angetrieben. Jedoch, mit dem Ende seines peruanischen Abenteuers haben sich nun Abgeschlagenheit und innere Leere in ihm breitgemacht. Ernest Hemingway, zurück aus Peru, bringt Erzählungen mit über

Manuel Jesús Orbegozo himmelt Ernest Hemingway an

Manuel Jesús Orbegozo, der Reporter aus Lima, empfängt Ernest Hemingway auf dem Flughafen von Talara.
Talara/Peru, am 16. April 1956. Foto: Guillermo Alias

Unter den Journalisten, die Ernest Hemingway am Flughafen von Talara erwarten, befindet sich auch Manuel Jesús Orbegozo. Der Reporter, der eigens aus Lima in den Norden Perus angereist ist, wirkt an diesem Montagmorgen reichlich aufgekratzt, einem Nobelpreisträger begegnet man nicht alle Tage. Doch Ernest Hemingway versteht sich auf Anhieb mit dem Mann von La Crónica. Der prominente Autor jedenfalls drückt den Journalisten an seine breite Brust, so als würde er ihn bereits ein halbes Leben kennen.

„Er hat ständig seine Hamsterbacken aufgeblasen und hat wieder und wieder gelächelt“, erinnert sich Manuel Jesús Orbegozo, der an diesem Morgen lautstark Ernest, Ernest gebrüllt hat, als der Schriftsteller dem Flugzeug aus Miami entstieg. Alle Umstehenden bemerken sogleich, welch geheimnisvolle Aura den bärtigen Amerikaner umgibt. „Alles um ihn herum war ein Lächeln.“

Manuel Jesús Orbegozo, ein durch seine breite schwarze Hornbrille jovial dreinschauender Peruaner aus Otuzco, der einen guten Kopf kleiner ist als Ernest Hemingway, ist nach der Umarmung durch Hemingway wie aufgedreht. Der Redakteur aus Lima, er ist mit einem luftig weißen Hemd gekleidet und trägt eine helle Kappe aus Baumwolle, zeigt sich beeindruckt von der Offenheit und der Umgänglichkeit des Nobelpreisträgers.

Mehr als von den Romanen schwärmt der 33-jährige Orbegozo vom journalistischen Stil Hemingways. Diese Kürze und Klarheit, und besonders die Genauigkeit in den Dialogen, das macht dem US-Amerikaner weit und breit so schnell keiner nach. Auch als Abenteurer schätzt Manuel Jesús Orbegozo den Schriftsteller. Er sei ein Mann von Welt halt, im besten Sinne des Wortes. Und dass der Amerikaner so ziemlich jedem Rock hinterherläuft, reicht ihm in diesen Breiten auch nicht gerade zum Nachteil.

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In der Zeitschrift ‚Cultura Peruana‘ Nr. 94 schreibt Manuel Jesús Orbegozo launig über seine Begegnung mit Ernest Hemingway.

Manuel Jesús Orbegozo kann sich nicht einkriegen vor Begeisterung. „Hemingway ist großartig“, wird er seinen Artikel in La Crónica beginnen, „ganz gegen alle Vorurteile. Er begegnete uns leutselig und ohnegleichen. Das lässt die Waage hin zur totalen Sympathie ausschlagen.“ Auch in der Zeitschrift Cultura Peruana wird Manuel Jesús Orbegozo einen launigen Artikel über seine Begegnung mit dem Nobelpreisträger veröffentlichen, ein wenig spöttisch geschrieben, in Wirklichkeit jedoch

Lou Jennings will schöne Bilder einfangen

Ernest Hemingway und sein Freund Lou Jennings freuen sich auf dem Landungssteg von Cabo Blanco über einen prächtigen Fang.
Cabo Blanco, im Mai 1956

Die Filmleute, die Der alte Mann und das Meer drehen sollen, sind schon zwei Tage vor dem Schriftsteller in Cabo Blanco eingetroffen. Neben dem Produktionsleiter Allen Miner gehören zur Film-Crew William Classen, ein bekannter Grip-Aufbautechniker, die Kameraleute und Tontechniker Joseph Barry, Louis Jennings, Stuart Higgs und John Dany. Allen Miner, der den Dokumentarstreifen The Naked Sea gedreht hat, gilt als Fachmann für Filmaufnahmen auf hoher See.

Die Filmleute gehören zu jener Abteilung, die man in Hollywood Second Unit nennt. Damit ist jene schlagkräftige zweite Garnitur gemeint, die parallel zur First Unit dreht und der die besonders kniffligen Szenen aufgebrummt werden. Am peruanischen Pazifik sollen die Filmleute die Aufnahmen auf dem Meer vor Cabo Blanco drehen, gekrönt durch den Fang von ein paar eindrucksvollen Großfischen.

Nachdem die Hollywood-Leute bereits in Cabo Blanco weilen und dort die Dreharbeiten vorbereiten, ist als letzter auch Ernest Hemingway auf peruanischem Boden eingetroffen. Der Schriftsteller wird von einem halben Dutzend Personen begleitet, alle Besucher der Expedition eint ein Ziel. Sie möchten in Cabo Blanco einen mindestens tausend Pfund schweren Black Marlin fangen und die tollkühne Jagd nach dem Monsterfisch soll für die ganze Welt auf Zelluloid gebannt werden.

Einen Fisch solchen Ausmaßes hat Ernest Hemingway noch nie mit eigenen Augen gesehen. Weder vor der Küste Kubas, noch bei den Bahamas und auch nicht im Meer um Florida, die allesamt zu seinen bevorzugten Angelrevieren gehören. In Cojímar auf Kuba läuft sowieso nicht alles zum Besten, die dortigen Dreharbeiten der First Unit stocken und müssen mehrmals unterbrochen werden, der Regisseur wird ausgetauscht.

So kommt Ernest Hemingway mit der Erwartung nach Peru, dass wenigstens die

Jesús Ruiz More ist Ernest Hemingways peruanischer Kapitän

Drei Mann in einem Boot: Der Amerikaner Ernest Hemingway, der peruanische Kapitän Jesús Ruiz More und der Kubaner Elicio Argüelles auf der Miss Texas. Cabo Blanco, im April 1956. Foto: Modeste von Unruh

Hola Chico, begrüßt ein bestens gelaunter Ernest Hemingway den Kapitän Jesús Ruiz More. Hallo, mein Junge. Und der Peruaner Jesús Ruiz More aus Cabo Blanco antwortet: Buenos dias, Don Ernesto. Der Capitán de Barco sagt Don Ernesto, denn er traut sich nicht so recht, ihn nur mit Ernesto anzusprechen, der Respekt. Ernest Hemingway mag diese Titulierung, so wie er im Allgemeinen die spanische Sprache mag, mit ihren höflichen Anreden wie Don und Doña, eine Sprache mit feinen Nuancen und zarten Unterschieden. 

Wir schreiben den April 1956 und man trifft an diesem Morgen den berühmten Schriftsteller in ausgezeichneter Laune an. Immer wenn Ernest Hemingway am Wasser weilt, heitert sich seine Stimmung auf. Und auf dieses ihm unbekannte Meer, auf den Pazifik vor der peruanischen Küste, ist er neugierig. Heute werden wir unseren Marlin fangen, sagt der Schriftsteller, koste es, was es wolle. Sicher, Don Ernesto, erwidert der Kapitän Ruiz More, ganz sicher werden wir ihn heute fangen.

Jesús Ruiz More ist ein kleiner, dicklicher Mann mit einem weißen Hemd und einer viel zu weiten Hose. Mitten im Gesicht sitzt die breiteste Ray Ban-Sonnenbrille von ganz Peru, dazu kommen seine ansteckende Fröhlichkeit und ein lautes Lachen. Während die meisten Männer auf der Miss Texas eine Baumwollkappe als Schutz vor den beißenden Sonnenstrahlen tragen, erkennt man Jesús Ruiz More von weitem an seiner überdimensionierten Kapitänsmütze.

Der Cabo Blanco Fishing Club verfügt über vier Boote: die Miss Perú und die Pescadores Dos, die beide unter der Obhut des Kapitäns Rufino Tume stehen, die Miss Texas mit ihrem Capitán Jesús Ruiz More und die Petrel, ein etwas kleineres und wendiges Boot, für das Luis Virgilio Querevalú verantwortlich zeichnet. Die Zuweisung der verschiedenartigen Boote ergibt sich je nach Arbeitsauftrag, auf der robusten Miss Texas fahren die Männer zum Fang hinaus.

Neben Ernest Hemingway und dem Kapitän Jesús Ruiz More kommen meist fünf Männer

Der stolze Diener Ellis O. Briggs und sein Freund

Drei Freunde mit erlegtem Marlin: Ernest Hemingway, Elicio Argüelles II und Ellis O. Briggs. Cabo Blanco, Peru, im Mai 1956.

Ernest Hemingway und Ellis O. Briggs kennen sich aus Kuba. Als Briggs noch Counselor, ein junger Botschaftsrat, in Havanna gewesen ist, hat er Ernest Hemingway unterstützt, als der Schriftsteller im Golfstrom vor Kuba mit der Pilar zur Jagd auf deutsche U-Boote angesetzt hat. Diese Geschichte aus dem September 1942 hört sich wie eine Räuberpistole an, sie ist es auch. 

Die bizarre Aktion wird ein Schlag ins Wasser, wenn man im Bild bleiben darf. Denn Ernest Hemingway und die anderen Mitstreiter stoßen, wenig überraschend, auf keinen einzigen Nazi, weder an Land, noch auf Wasser. Seit er diesen Unfug mitgemacht hat, mag Ernest Hemingway den Schnauzbart Briggs. Seitdem sind sie gute Freund, mehr noch, zwei Verrückte, die manche Verrücktheit im Leben teilen. Und: Beide vermelden das gleiche Geburtsjahr. Wie der Nobelpreisträger ist auch der Diplomat ein Mann vom Jahrgang 1899. 

Der Schriftsteller mag den Karrierediplomaten Briggs, der ein wenig verschroben auftritt und in Cabo Blanco mit einem breiten Tropenhelm aufkreuzt. Ein wenig erinnert der stämmige Diplomat an Oliver Hardy, den Dicken aus dem Komiker-Duo Laurel & Hardy. Aber Ernest legt auf Äußerlichkeiten wenig Wert, er mag Ellis, so wie er ist. Besonders dessen Zuverlässigkeit schätzt er und das große Herz. 

Im Jahr 1956 ist Ellis O. Briggs der Botschafter der USA in Peru, und auch Ernest Hemingway weilt für fünf Wochen in dem Andenland, um am Pazifik die Filmaufnahmen für Der alte Mann und das Meer zu überwachen. Botschafter Briggs ist am 10. Mai 1956 aus Lima nach Cabo Blanco in den Norden gekommen, um mit seinem alten Kumpel ein Wochenende auf dem Meer zu verbringen.

Es werden für den Schriftsteller schöne Stunden, denn Ernest hat gerne

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