Hemingways Welt

An den Fersen von Ernest Hemingway

Kategorie: Peru Seite 1 von 6

Ernest Hemingway auf dem Weg nach Cabo Blanco

Mr. und Mrs. Hemingway in aufgeräumter Stimmung; Es geht in die Ferne.
Miami international Airport, am 15. April 1956
. Foto: PanAm

Sanft umfasst die kräftige Hand des Nobelpreisträgers den zierlichen Oberarm seiner Ehefrau. Und Miss Mary schaut liebevoll auf zu ihm, während sie seine Krawatte zurecht zupft. Ernest trägt selten Schlips, höchstens bei offiziellen Anlässen oder auf Reisen. Der Schriftsteller hat seine blaue Krawatte mal wieder viel zu kurz gebunden, trostlos baumelt das gute Stück vor seinem karierten Tweed-Jackett.

Auch Mrs. Hemingway kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Das Ehepaar Hemingway wirkt an diesem Abend wie aufgekratzt, die beiden zieht es von Neuem hinaus in die Welt. An diesem Sonntagabend legen Ernest Hemingway und seine Frau Mary Welsh einen Zwischenstopp auf dem Miami International Airport ein. Das Ehepaar ist aus Kuba, wo die Hemingways auf Finca Vigía, in der Nähe von Havanna, ihren Wohnsitz halten, herüber nach Florida geflogen.

Smiling Ernest Hemingway gets a final touch-up from his wife Mary, just before leaving Miami Sunday night for Talara, Peru wird die lokale Tageszeitung, der Miami Herald, unter das Foto schreiben, das den Schriftsteller in bester Laune zeigt. Ein lächelnder Ernest Hemingway erhält von seiner Frau Mary eine letzte Nachbesserung, kurz bevor sie Sonntagabend Miami verlassen, Richtung Talara in Peru.

Der hübsche Schnappschuss im Flughafen von Miami strahlt eine warmherzige Vertrautheit aus, vielleicht ist die Liebe des Ehepaares ja doch nicht ganz und gar aufgebraucht. Die beiden sind zu diesem Zeitpunkt seit zehn Jahren verheiratet und bislang sind keine unschönen Meldungen aus ihrem Ehealltag nach außen gedrungen, höchstens ein paar boshafte Gerüchte, doch wie sollte es anders sein, wenn ein Mann zum vierten Mal verheiratet ist.

Immer wenn es ans Meer geht, hellt sich die Gemütslage des Nobelpreisträgers auf. Der Kalender zeigt den 15. April des Jahres 1956. Aus dem Lautsprecher der Airport-Lounge tönt der Sänger Perry Como mit einem ungewohnt hämmernden Rhythmus, Oh! Jukebox Baby, my Jukebox Baby. Diese neuartige Musik, die mit dem ruppigen Beat des Rock ‚n‘ Roll gegen die alte Spießigkeit aufbegehrt, verkörpert ein neues Lebensgefühl, das Ernest Hemingway jedoch irgendwie fremd geblieben ist.

Auch im Kino hat James Dean vor einigen Monaten in dem Filmstreifen Rebel Without a Cause den Protest der Halbstarken gegen die biedere Welt der Eltern in das brave Amerika hinausgebrüllt. All dies ist an den Hemingways mehr oder weniger vorbei gegangen, weil sie zurückgezogen auf einer tropischen Farm im kubanischen Dorf San Francisco de Paula weitab von Gut und Böse leben.

Mr. und Mrs. Hemingway steigen

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Ernest Hemingway – ein kämpferischer Weltenbummler

Eine Doppelseite von Ernest Hemingways Reisepass. Credit Line: Ernest Hemingway Papers Collection, Museum Ernest Hemingway, Finca Vigia, San Francisco de Paula, Cuba

Von seiner Zukunft besitzt der 17-jährige Schüler eine genaue Vorstellung. My name is Ernest Miller Hemingway. I want to travel and write, verrät er 1916 in seinem Notizbuch Memoranda an der Oak Park and River Forest High School. Der hochgewachsene Jugendliche aus einem Vorort von Chicago möchte in der Welt umherreisen und schreiben. Und Ernest Hemingway wird in seinem zukünftigen Lebensjahren diesen Traum verwirklichen.

Sein amerikanischer Reisepass braucht viele Seiten für all die Ein- und Ausreisestempel dieser Welt. USA, Kuba, Bahamas, Mexiko, Peru, Frankreich, Italien, Luxemburg, Belgien, Spanien, Österreich, Schweiz, Deutschland, Belgien, Bulgarien, Türkei, Hong Kong, China, Kenia, Uganda, Tansania. Die Liste kann nicht vollständig sein.

Wir reden nicht von heute, ICE, Jumbo Jet und Lufthansa Frankfurt nach Rio de Janeiro für 650 Euro, hin und retour natürlich. Wir müssen uns schon 100 Jahre in die Welt des jungen Hemingway zurückbeamen. Ernest fängt an im Mai 1918, kurz nach der Schule, als naiver Kerl mit achtzehn Jahren. Wochenlang auf dem Ozeandampfer von den USA nach Europa. Erster Weltkrieg, Italien, Ambulanzfahrer, Schlacht an der Piave. Sechs Monate Lazarett.

Es geht munter weiter im turbulenten Leben dieses Mannes. Bürgerkrieg in Spanien, Zweiter Weltkrieg, Aufstand in China, kubanische Revolution. Dazu Krankheiten, Abstürze mit dem viersitzigen Propeller-Flugzeug. Ernest Hemingway reist gerne dahin, wo es kracht und bummert. Das wird dann kein TUI-Urlaub, all inclusive, sondern mündet in harter Arbeit. Mit hohem Risiko für Leib und Seele. Und dieser Mann kommt nicht ohne Wunden nach Hause.

Der berühmte amerikanische Autor, im Jahr 1954 verleiht man ihm den Nobelpreis für Literatur, bereist gerne die versteckten Eckchen und die stürmischen Schauplätze unseres Erdballs. Dieser scheinbar ungehobelte Bursche, der nicht nur packende Reportagen und erstklassige Romane schreiben kann, ist zugleich bereit, dafür durch die große weite Welt zu preschen. Denn ihm ist klar, ein Frosch am Boden des Brunnens sieht nur einen kleinen Ausschnitt des Himmels.

Ein weiteres unterscheidet ihn von vielen Landsleuten: Der bärtige Rabauke lässt sich auf das Fremde ein mit Haut und Haaren. Die Welt ist so voll von so vielen Dingen, dass ich sicher bin, wir sollten alle glücklich sein wie die Könige. Ernest ist dafür bekannt, dass er die

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Barfuß – die kleine Freiheit des Ernest Hemingway

Am liebsten barfuß: Ernest Hemingway an Bord der Miss Texas, Cabo Blanco, im Mai 1956.
Photo by Modeste von Unruh. Collection WJS.

Auf seinen Ausfahrten in Cojímar oder Cabo Blanco zieht der prominente Schriftsteller stets legere Kleidung an. Oft trägt er eine helle Safari-Jacke aus Baumwolle, die ein Stoffgürtel über dem sichtbaren Bauchansatz zusammen hält. Dazu eine bis zu den Oberschenkel reichende Khaki-Hose und Halbschuhe aus leichtem Leder. An Bord jedoch zieht er die Oberteile meist aus und lässt Sonne und Wind seinen Oberkörper umschmeicheln. Zusätzlich läuft Ernest Hemingway an Bord am liebsten barfuß herum.

Nicht nur auf seinem Boot, sondern auch auf seiner Farm Finca Vigía im Süden von Havanna zieht der US-Amerikaner es vor, ohne Schuhe zu laufen. Im vierten Stock eines neben das Haupthaus angebauten Turms hat der Nobelpreisträger sich ein Schreibstudio einrichten lassen, von dort hat er einen wunderbaren Blick bis nach Havanna und auf den Golfstrom. Beim Schreiben steht er barfuß vor einem Pult auf dem abgeschabten Fell einer von ihm erlegten Kudu-Antilope. Der gefeierte Autor hat das Gefühl, kreativer zu sein, wenn er barfüßig schreibt.

Auf seinem gesamten Anwesen läuft der Schriftsteller gerne mit nackten Füßen umher, wie ein buddhistischer Mönch, nichts stört zwischen ihm und der Erde. Instinkt und Intuition des Menschen, von Natur angetragen, wird abermals freigelegt und nicht künstlich isoliert. Fest mit blanken Füssen auf dem Boden stehend, lebt Ernest Hemingway das Leben, welches man in jenen Jahren als das eines Beachcombers bezeichnet hat. Ein neugieriger Mensch am Meer, der die Natur und das Leben ohne jeden überflüssigen zivilisatorischen Schnickschnack zu genießen weiß.

Meist trifft man auf Finca Vigía einen genügsamen Ernest Hemingway an, einen stinknormalen Kerl in Shorts und ohne steifen Kragen, einen Burschen, der halbnackt und barfuß herum läuft und die sonnige Natur an sich heran lässt. Der Kleidungsstil des Mannes aus Chicago steht in den Tropen für Entspannung und Befreiung vom großstädtischen Alltagstrott. Wenn Ernest Hemingway eine lange Hose anzieht, dann weiß man, er hat einen Termin in Havanna.

Anfang der 1980er Jahre habe ich in Acapulco mehrfach den nach Mexiko emigrierten Schweizer Teddy Stauffer getroffen. Teddy ist während der Weimarer Republik mit seinen Original Teddies in Deutschland der populärste Swing-Musiker gewesen, bis es die braune Herrschaft nicht mehr zuließ. In Acapulco am Pazifik hat dieser gut aussehende Playboy und Hotelbesitzer dann ohne großen Ballast das sonnige Leben genießen dürfen. Einmal habe ich ihn gefragt, ob er kein Heimweh nach dem beschaulichen Bern habe. Wissen Sie, hat er geantwortet, ich laufe hier in Acapulco immer barfuß herum und glaube, ich kann mich an festes Schuhwerk nicht mehr gewöhnen. 

Vor allem an den Füßen merkt der Mensch, ob er das Gefühl für den eigenen Körper verloren hat. Barfuß in den Tropen spürt man wieder das eigene Ich und eine neue, wilde Lust aufs Leben. Die Gluthitze des Tages öffnet

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Ernest Hemingway fliegt mit Panagra

Panagra, eine Tochter der PanAm, hat sich auf Flüge nach Südamerika spezialisiert.

Am frühen Morgen des 16. April 1956, es ist ein Montag, landet die vierpropellerige Douglas DC-7B auf dem kleinen Flughafen von Talara. Um kurz vor halb acht Uhr rollt der silbergraue Flieger der Fluggesellschaft Panagra unter ohrenbetäubendem Gedröhne der Motoren und mit dem monotonen Klackern der Propellerblätter auf der kurzen Landebahn von Talara im Norden Perus aus.

Panagra, ein Tochterunternehmen der US-amerikanischen PanAm, hat sich auf Passagier- und Frachtflüge nach Südamerika spezialisiert und bedient viermal in der Woche die Route von Miami über Panama und Lima bis hinunter nach Santiago de Chile und Buenos Aires. Eine Verbindung, deren erste Etappe, von Florida nach Peru, über Nacht geflogen wird. Die Panagra fliegt auf dieser Südamerika-Route auch Provinzflughäfen wie jener von Talara an.

Talara ist eine Stadt im Norden Perus, sie liegt direkt an der Pazifikküste, nicht weit von der Grenze zu Ecuador entfernt. Beim Anflug auf Talara sieht man nur graue Wüste, soweit das Auge reicht. Eigentlich gehört der Flughafen, den die US-Marines gebaut haben und den die Einheimischen El Pato nennen, der International Petroleum Company, einem Ölmulti, der im Meer vor Talara ein riesiges Erdölfeld ausbeutet.

Ein paar Tage zuvor hat die US-amerikanische Nachrichtenagentur United Press die Visite des Nobelpreisträgers angekündigt. Mit Datum 13. April 1956 kabelt der UP-Korrespondent in Havanna eine ausführliche 40 Zeilen-Meldung an Zeitungen in alle Welt. „Der Schriftsteller Ernest Hemingway und seine Ehefrau Mary werden am Sonntagnachmittag nach Peru fliegen und dort auf die Jagd nach einem 700 Kilogramm Blaumarlin gehen, um die Filmaufnahmen davon in der Verfilmung seines Romans Der alte Mann und das Meer zu nutzen.“

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Die feine Menü-Karte auf Panagra-Flügen.

Und weiter heißt es in der Meldung der United Press: „Der Schriftsteller gab der Hoffnung Ausdruck, den Fisch in drei oder vier Wochen fangen zu können. In zahlreichen Monaten des vergangenen Jahres konnte

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‚Hemingway desconocido‘, der unbekannte Hemingway

Hemingway desconocido, der unbekannte Hemingway, so lautet der Titel einer peruanischen Neuerscheinung über den US-amerikanischen Nobelpreisträger. Cuatro crónicas secretas sobre el escritor en el Perú y el mundo. Vier geheime Berichte über den Schriftsteller in Peru und in der Welt, so heißt es etwas reißerisch im Untertitel.

Geschrieben hat dieses spanischsprachige Buch der Journalist Omar Zevallos, ein Buchautor und Karikaturist aus dem südperuanischen Arequipa, ein Mann vom Jahrgang 1958. Und Omar ist natürlich ein eingefleischter Aficionado des Ernesto Hemingway, man merkt es dem Werk an, das Herzblut steckt zwischen den Seiten. 

Der Nobelpreisträger besuchte im April und Mai 1956 das peruanische Fischerdorf Cabo Blanco und in der Tat gibt es über diese fünfwöchige Episode in Hemingways Biografie vergleichsweise wenig Informationen. Mario Saavedra, der Reporter vom feinen El Comercio, hat im Jahr 2005 ein großformatiges Büchlein herausgebracht, mit wunderbaren Fotos, denn Mario war Zeuge mit Ohr und Auge in Cabo Blanco. Ansonsten wird man nicht viel Gescheites finden.

Nun merkt man dem Buch von Omar Zevallos die große Fleißarbeit an, denn er hat über

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Ernest Hemingways Liste für Cabo Blanco

Ernest Hemingways Moleskine: Auf zwei Seiten Notizen zu Cabo Blanco.

Ernest und Mary Hemingway fliegen von Havanna über Miami ins südamerikanische Cabo Blanco. Fünf Wochen im April und Mai 1956 wird das prominente Ehepaar in dem winzigen peruanischen Fischerdorf verweilen. Am Pazifik wollen sie einen riesigen Marlin fangen und die Dreharbeiten der Second Unit zu dem Hollywood-Film Der alte Mann und das Meer ein wenig anleiten.

Cabo Blanco wird von dem weltberühmten Autor – zwei Jahren zuvor hat er den Nobelpreis für Literatur erhalten – gut vorbereitet. Die Reise nach Peru ist ihm wichtig. Ernest freut sich auf das fremde Meer, auf den wilden Pazifik, wo es an der Schnittstelle zwischen kaltem Humboldt-Strom und den warmen Äquatorial-Gewässern die größten Marline überhaupt geben soll. Eine Handvoll Freunde aus Kuba begleitet den Nobelpreisträger auf diesem exotischen Trip.

Auf seinen Ausfahrten in Cabo Blanco wird der Schriftsteller mehr oder weniger die gleiche Kleidung anziehen wie zwei Jahre zuvor auf der Safari in Ostafrika. Im Januar 1954 hat er zusammen mit Miss Mary Kenia und Uganda besucht, erfolgreich gejagt, war allerdings auch in zwei verheerende Unfälle mit Flugzeugabstürzen verwickelt.

Der Autor trägt eine helle Safari-Jacke aus etwas zu dicker Baumwolle, die ein Stoffgürtel über dem sichtbaren Bauchansatz zusammen hält. Dazu eine bis zu den Oberschenkel reichende Khaki-Hose und Halbschuhe aus leichtem Leder. An Bord zieht Ernest Hemingway es dann vor, meist barfuß zu laufen.

Obwohl den Autor Komplikationen an den Augen plagen, trägt er im glutheißen Nordperu auch bei prallstem Sonnenschein keine Sonnenbrille. Wenigstens zieht der Nobelpreisträger in der sengenden Sonne seine Baumwoll-Kappe an, ohne deren Schutz es in diesen Breiten böse enden kann.

Auf Finca Vigía hat Ernest Hemingway auf zwei Seiten in sein Moleskine akribisch aufgeschrieben, was er auf die Reise nach Peru mitnehmen möchte. List Cabo Blanco hat er die Blätter seines Büchleins überschrieben, und unter anderem aufgeführt: Rods, Rod Case, Headers, Hooks, Gaff, two Harpoons, Lines – das ist das Angelzeugs wie Haken, Angelschnüre und Angelruten.

Dann folgt die Auflistung der Kleidung: Hemden, eine Jacke, Caps, die Windjacke, eine Krawatte, Trenchcoat, Stiefel, eine Flanell-Hose, Sneakers, Brillen und Fishing Gloves, die Angel-Handschuhe. Und am Ende der zweiten Seite steht Books. Flott unterstrichen und dann ein dicker Punkt. Auf die Auswahl der Bücher möchte Ernest Hemingway wohl ein besonderes Augenmerk legen.

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Die zweite Seite von Hemingways Liste für Cabo Blanco.

Die Reise nach Peru soll ein Erfolg werden. Wir schreiben Mitte April 1956, es geht körperlich langsam bergab mit ihm, und auch das Schreiben fällt ihm schwer. Er braucht den Erfolg. In Peru, aber er braucht den Erfolg vor allem in sich drin. Das Schicksal hat ihm in den letzten Jahren schlimm mitgespielt.

Er ist erst Mitte 50 und sieht doch schon aus wie ein alter Mann. Sein Körper und seine Geisteskraft haben schon vor den Flugzeugabstürzen in Afrika nach und nach abgebaut, doch die starken Verbrennungen, die schweren Kopfwunden und die zahlreichen inneren Verletzungen setzen ihm so heftig zu, dass nichts mehr so ist wie in den guten Jahren.

Ernest Hemingway dankt Modeste von Unruh

Ernest Hemingways Brief vom 21. Mai 1956 an die Fotografin Modeste von Unruh aus dem peruanischen Fischerdorf Cabo Blanco.

Der Schriftsteller setzt sich an den kleinen Tisch und verfasst ein Schreiben an Modeste von Balás-Piry. Er befindet sich in Cabo Blanco, im Norden Perus, und der Kalender zeigt den 21. Mai 1956. Der Nobelpreisträger spricht die deutsche Fotografin Modeste von Unruh mit ihrem Ehenamen an, so wie er auf ihrer Visitenkarte steht. Auf dem mauven Briefpapier des Cabo Blanco Fishing Clubs schreibt der bärtige Amerikaner einen herzlichen Gruß an seine Fotografin und übermittelt ihr nochmals seinen Dank.

Er findet, dass die Fotos auf der Miss Texas die Marlin-Jagd glänzend einfangen und er, der wilde Naturbursche, steht im Mittelpunkt von all dem. Über den Schnappschüssen, die in der Hamburger Zeitschrift Kristall erscheinen sollen, weht ein Hauch von Draufgängertum und Verwegenheit, so soll ihn die Welt sehen.

Die Fotos der Modeste von Unruh halten seinen Triumph fest, sie schmeicheln seiner durch das Alter verletzten Eitelkeit. Die Bilder aus Cabo Blanco künden der Welt von seiner Vitalität, einerlei, wie es in ihm drinnen aussieht. Die Botschaft vom Sieg des alternden Mannes richtet sich nicht nur an die Welt da draußen, die Botschaft geht vor allem an ihn selbst.

Denn das Bulletin seines kubanischen Hausarztes Doktor José Luis Herrera Sotolongo spricht eine klare Sprache. Doch die Fotos lindern seine Pein ein wenig, zwar nicht den Schmerz des Körpers, aber den der Seele. Deshalb richtet Ernest Hemingway herzliche Worte des Dankes an Modeste von Balás-Piry, in einem eng beschriebenen Brief, über eine volle Seite.

Zunächst bittet er die junge Fotografin, sie veröffentlicht unter ihrem Mädchennamen Modeste von Unruh, um weitere Abzüge. Dann spricht er seine Anerkennung aus. I wish you could have been with us all the time, with your beautiful camera and your good luck. Ich hätte mir gewünscht, dass Sie die ganze Zeit bei uns gewesen wären, mit Ihrer wundervollen Kamera und Ihrem guten Glück.

The good luck, das gute Glück, das sich von der Fotografin auf den Autor überträgt, weil sie hilft, den großen Fisch zu fangen. The good luck beschreibt jenen

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Ernest Hemingway: „Am Meer kannst du nicht lügen.“

Gleich explodiert jemand: Miss Mary beißt sich auf die Zunge und Ernest schaut arg muffelig. Die Hemingways auf Rückreise aus Peru, Miami International Airport, am 22. Mai 1956

Die entspannte Heiterkeit und Eleganz scheinen ganz aus dem Gesicht der aparten Frau entschwunden. Mary Welsh, sie hat den strapaziösen Flug von Talara nach Miami in den Knochen, wirkt angesäuert und genervt. Ernest Hemingways Ehefrau beißt sich auf die Lippen und straft ihr Gegenüber mit einem eisigen Blick. 

Vielleicht stellt der Zollbeamte irgendwelche dämliche Fragen, oder – noch schlimmer – womöglich weiß der gute Mann gar nicht, welch eine Berühmtheit da vor ihm steht. Der Nobelpreisträger blickt über seinem grauen Bart erschöpft in die Welt, seine Augen schauen ganz matt und glanzlos ins Leere, die Mundwinkel fallen nach unten.

Die Stimmung des Ehepaares ist ziemlich mies, die wunderbaren Wochen in Cabo Blanco am Pazifik sind vorüber. Das Kapitel Cabo Blanco ist für die Hemingways beendet, jetzt fliegt der gefeierte Autor zurück in den Alltag. Ernest Hemingway hat die Tage im April und Mai 1956 genossen auf dem großen Meer, fernab vom Trubel und Gewusel, der Rückzug in die Abgeschiedenheit hat ihm gutgetan.

Die kommode Kargheit des Cabo Blanco Fishing Clubs haben so ganz seinem lässig-luxuriösen Lebensstil entsprochen und die Angeltage auf dem Ozean, den schwarzen Marlin im Visier, haben ihn noch einmal zur Höchstleistung angetrieben. Jedoch, mit dem Ende seines peruanischen Abenteuers haben sich nun Abgeschlagenheit und innere Leere in ihm breitgemacht. Ernest Hemingway, zurück aus Peru, bringt Erzählungen mit über

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Un saludo al Peru – von Ernesto Hemingway

Un saludo al Peru. Ernesto Hemingways herzlicher Gruß an sein Gastland im El Comercio vom 17. April 1956.
Photo by W. Stock

Das Interview von Mario Saavedra mit Ernest Hemingway ist schon ein großer Wurf. Doch in der Ausgabe des El Comercio entdecke ich noch eine wundervolle Rarität. Für die Leser der peruanischen Tageszeitung verfasst Ernest Hemingway eine kurze Widmung, die an diesem 17. April 1956 unter dem Interview – fast so groß wie eine Postkarte – abgedruckt wird. A el El Commercio de Lima. Un saludo al Peru, Ernesto Hemingway.

Das liest sich sehr hübsch. Un saludo al Peru, ein Gruß an Peru und an die Peruaner. Allerdings merkt man, dieser Ernest Hemingway wirkt ein wenig fahrig, vielleicht wegen des heißen Klimas oder des langen Fluges. Die Einleitung der Widmung jedenfalls geht grammatikalisch etwas schief und El Comercio schreibt der amerikanische Schriftsteller falsch als El Commercio mit Doppel-M, wie es bei diesem Begriff im Englischen üblich ist.

Un saludo al Peru bleibt ein freundlicher Gruß eines dankbaren Gastes an seinen Gastgeber. Von den kleinen Patzern abgesehen, schreibt Ernesto Hemingway ein ganz feines peruanisches Spanisch, denn die Peruaner verwenden üblicherweise mit el Peru den bestimmten Artikel vor ihrem Land, die meisten Länder kommen ja artikellos daher. Und deshalb heißt es, wie Hemingway richtigerweise schreibt, ‚un saludo al Peru‘, wo ein Nichtkenner wahrscheinlich ‚un saludo a Peru‘ formuliert hätte. Möglicherweise hat ihm der Peruaner Mario Saavedra bei dieser Formulierung ja auch ein wenig die Feder geführt.

Diese Widmung bleibt jedenfalls bemerkenswert. Alleine ihr zeitiger Abdruck stellt eine logistische Meisterleistung dar. Denn ein Interview nebst Fotos und dem Faksimile vom 16. April mittags bis zum gleichen Abend die 1.200 Kilometer nach Lima zu bringen, damit beides am nächsten Morgen in der Zeitung erscheinen kann, da muss man schon verdammt clever vorgehen.

Denn wir sprechen hier vom Jahr 1956, von Cabo Blanco, von einem verlassenen Kaff am peruanischen Pazifik, vom hinteren Hinterland eines verarmten Landes, kein Kabel, kein Ticker, keine Wirephotos. Und trotz aller Widrigkeiten schafft es der clevere Mario Saavedra mit Hilfe einer Faucett-Stewardess, diesen herzlichen Gruß an Peru und seine Bewohner vor Druckschluss bei seiner Tageszeitung abliefern zu lassen.

Interessanterweise unterschreibt Ernest Hemingway seine Widmung mit Ernesto Hemingway. Kein angelsächsisches Ernest Hemingway. Solches gefällt in

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In Peru, wo jeder Tag mitunter kalt wird

Seinem Freund Fred Zinnemann berichtet Ernest Hemingway im August 1956 von seinem Besuch in Peru.

Mary Welsh verreist höchst ungern in die Ferne. Ernest Hemingways vierte und letzte Ehefrau bleibt lieber auf Finca Vigía, dem kubanischen Refugium der beiden US-Amerikaner nahe von Havanna. Denn Mary leidet seit geraumer Zeit an Anämie und befindet sich in ständiger Therapie. Doch nichts hilft gegen ihre Blutarmut. Nicht die Pillen des Hausarztes, keine Wunderkräuter, nicht die Transfusionen, einfach nichts.

Er mache sich große Sorgen um Mary, klagt der Schriftsteller in einem Brief vom 8. August 1956 an seinen Freund Freddie. Freddie, so nennt er den Regisseur Fred Zinnemann. Der Mann aus Hollywood, er hat den großartigen Western High NoonZwölf Uhr mittags – gedreht, ist ein guter Kumpel des Nobelpreisträgers. Die roten Blutkörperchen seien bei Mary auf 3,2 Millionen gefallen, klagt Ernest dem Freund, dem tiefsten Wert überhaupt. Seine Frau sei von daher so müde und müsse immer viel schlafen.

Der fünfwöchige Ausflug nach Peru habe Miss Mary jedoch richtig gut getan. Das extreme Reizklima des peruanischen Nordens ist eine Herausforderung für jeden menschlichen Organismus. Am rauen Pazifik mit dem salzigen Wind verbesserte sich das rote Blutbild von Mary auf vier Millionen und das schlagartig von heiß auf kalt wechselnde Küstenklima in Cabo Blanco half ihrem Kreislauf.

In dem kargen Andenland ist Ernest Hemingways Ehefrau wieder einigermaßen auf die Beine gekommen. In Peru, where it was cold part of each day, im peruanischen Cabo Blanco sei es jeden Tag mitunter arg kalt gewesen, meint der Autor aus Chicago, der seinen Brief wie so oft mit Papa unterschreibt. In der Tat herrscht am Pazifik Nordperus zwischen Tumbes und Piura ein merkwürdiges Klima.

Das kleine Fischerdorf Cabo Blanco liegt direkt am Meer, als auch unmittelbar am Rande einer Wüstenlandschaft, der Wüste von Sechura. Zwanzig Schritte nach Westen ist man

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