Hemingways Welt

Wolfgang Stock auf Spurensuche

Schlagwort: Lima

Ernest Hemingway und Mario Vargas Llosa

Der ‚Prix Hemingway‘ für Mario Vargas Llosa, Paris 1985

Die Parallelen zwischen diesen beiden Schriftstellern erscheinen frappant. Beide haben sehr jung als Journalist angefangen. Ernest Hemingway mit 18 Jahren im Oktober 1917 beim Kansas City Star, Mario Vargas Llosa – noch im Schulalter – in den Sommerferien 1952 bei La Crónica in Lima. Beide lebten längere Zeit in Paris, sie mögen Spanien, beide Nobelpreisträger, beide werden in ihren Ländern ikonisch bewundert.

Mario Vargas Llosa, 1936 im peruanischen Arequipa geboren, in Perus weißer Stadt unter dem schneebedeckten Gipfel des Vulkans El Misti, hat sich bei Hemingway einiges abgeschaut. Spannungsbogen ziehen und das Anlegen einer Dialogführung beispielsweise,  das alles nicht eins zu eins. Vielmehr gelingt es dem Peruaner, die Techniken kreativ auf den magischen Realismus Lateinamerikas umzulegen.

Manche Kenner meinen, Mario Vargas Llosa schreibe als Journalist mindestens ebenso überzeugend wie als Romancier. Gleiches darf auch für Ernest Hemingway gelten. Guter Journalismus als Lehrklasse für gute Romane. So funktioniert das bei vielen.

Mario Vargas Llosa hat zwei, drei außergewöhnliche Romane veröffentlicht, La Casa verde und Conversación en La Catedral ganz voran, dazu unzählige herausragende Essays, jahrelang Kolumnen in Caretas und El País, der Mann, der heute in Madrid lebt, kann aus dem Stegreif eine brillante Rede halten. Vargas Llosa ist ein virtuoser Sprachtechniker, wie sich nur wenige in der modernen Weltliteratur finden lassen, er ist ein opulenter Imaginist – und ein hochsympathischer Bursche obendrein. 

Im April 1985 hat Mario Vargas Llosa den Ritz-Paris Hemingway Award erhalten. Lange vor dem Nobelpreis, der erst im Jahr 2010 kommen sollte oder dem spanischen Cervantes Preis von 1994, vornehmlich für sein episches Werk La guerra del fin del mundo, das er 1981 veröffentlichte und das auf Deutsch Der Krieg am Ende der Welt heißt.

Vargas Llosa jedenfalls war der erste Empfänger dieses Preis, der an Papa Hemingway, Paris und das Ritz erinnern soll. Diese Preisausschreibung hätte Hemingway gefallen, der Platz an der Bar des Ritz war einer seiner Lieblingsplätze weltweit. Das Ritz ist ein großartiges Hotel, Ernest liebt die Bar dort über alles, in den späten 1920ern hat er sie entdeckt, zusammen mit Fitz, mit F. Scott Fitzgerald.

Wenn ich von einem Leben im Himmel träume nach dem Tod, dann spielt sich das immer im Pariser Ritz ab. Ich sehe dann eine wunderbare Sommernacht, ich trinke ein paar Martinis an der Bar an der Rue Cambon, dann ein wunderbares Dinner im Le Petit Jardin unter dem blühenden Kastanienbaum. Nach dem einen oder anderen Brandy gehe ich dann hoch auf mein Zimmer und schmeiße mich in eines von diesen riesigen Betten des Ritz.

Nach Herz und Habitus gilt Mario Vargas Llosa als Vertreter eines aufgeklärten, liberalen Bürgertums in Südamerika, er ist ein glühender Anhänger von Karl Popper. Ich bin gegen Heilslehren von links wie rechts. Ich glaube nicht an die absolute Lösung, sondern nur an relative.  Da fährt er auf einer Linie mit Papa Hemingway, auch wenn dieser seiner Skepsis gegenüber den Heilslehren mehr aus dem Bauch heraus formulierte. Gefreut hätte sich der bärtige Amerikaner über seinen peruanischen Preisträger im Pariser Ritz allemal

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Neue Hoffnung für Cabo Blanco

mit José Koechlin von Stein, Lima im März 2017;
Photo: R. Stock

Im Hafenbecken vor Cabo Blanco liegt die alte Miss Texas vor Anker, das Boot von Alfred Glassell und Ernest Hemingway. Und der alte Kahn, der Jahrzehnte in einer Werft in Talara vor sich hin moderte und später im Yachthafen von Ancón für kleinere touristische Ausfahrten genutzt wurde, erstrahlt heute in frischem Glanz. José Koechlin von Stein, der Besitzer der feinen und umweltbewussten Hotelkette Inkaterra, hat das Boot im Jahr 2013 von dem Schiffsmakler Hernán Balderrama Jabaloya erworben, nachdem das ausrangierte Boot zuvor durch verschiedene Hände gewandert war.

Zwei Jahre lange hat José Koechlin die alte Barke liebevoll restaurieren lassen und schließlich wieder in seinen ursprünglichen Heimathafen nach Cabo Blanco zurückgebracht. Norm Isaacs, ein US-Angelveteran und Moderator der TV-Sendung Big Game Fishing the World auf ESPN, kümmert sich nun als Kapitän um das frisch verjüngte Boot. Inkaterra plant in den nächsten Jahren, die Gegend um Cabo Blanco einem nachhaltigen Ökotourismus zu erschließen.

Südlich des Fishing Clubs hat der Unternehmer des Jahrgangs 1945, dessen Vorfahren aus dem Elsass und aus Wien stammen, gerade zwei Kilometer Strandgrundstücke erworben. Die Grundlage für einen konservierenden Tourismus ist gelegt, sagt José Koechlin, der sich mit schwierigen Projekten auskennt, denn er hat in Peru die beiden Werner Herzog-Filme Aguirre, der Zorn Gottes und Fitzcarraldo produziert.

Das Land, es sei im Aufbruch, biete Möglichkeiten. „Machu Picchu hat sich in Peru zur alles dominierenden Touristenattraktion entwickelt. Aber wir können in unserem Land noch weitere Qualitätsziele aufbauen. Für einen internationalen Ökotourismus bietet Cabo Blanco neben dem Meer und der Landschaft zwei wichtige Anreize. Zum einen Glassells Weltrekord im Hochseeangeln. Und vor allem: Hemingway war hier.“ Sechs Wochen war Ernest Hemingway in Cabo Blanco, im Jahr 1956, und fast jeden Tag war er auf der Miss Texas, auf dem blauen Pazifik, zu finden.

José Koechlin wird nicht nur irgendeine Hotelanlage bauen, sondern den gesamten Landstrich nachhaltig entwickeln. Mit einer Fauna-Observation, dem Aufbau von Flora-Kulturen und der Stärkung der lokalen Kleinwirtschaft, wie er es bei seinen anderen Anlagen in Cusco oder im Regenwald bei Madre de Dios bereits vorgemacht hat. Seine ökologische Wirtschaft möchte José Koechlin am liebsten über ein Naturreservat sichern, einem Meeresstreifen, der sich auf 141 Küstenkilometer rund um Cabo Blanco erstreckt, und Natur und Kleinfischerei unter besonderen Schutz stellt.

Auch ein Antrag bei der UNESCO, das Meer vor Cabo Blanco als Patrimonio Cultural Inmaterial de la Humanidad einzustufen, als schützenswertes Kultur- und Naturerbe der Menschheit, ist in Arbeit. Möglicherweise gelingt es mit solch ökologischen Maßnahmen, die großen Fische wieder vor die Küste von Cabo Blanco zu bringen.

„Das Meer um Cabo Blanco ist leer,“ sagt der peruanische Unternehmer betrübt, „dieses Land hat seinen Norden jahrzehntelang vernachlässigt.“ Den Vorschlag eines Naturreservates um das Meer hat José Koechlin vor einigen Monaten zusammen mit Wissenschaftler der University of Miami dem peruanischen Umweltministerium übermittelt.

José Koechlin treibt eine Vision um, die sich – so beschreibt er es selbst – in einem kurzen Satz zusammenfassen lässt. „El Viejo y el Mar“. Er möchte das Meer vom industriellen Fischfang und anderen Sünden der Vergangenheit befreien und es den einfachen und aufrechten Fischern aus Cabo Blanco zurückgeben. Und Ernest Hemingway, den José Koechlin wegen seiner humanen Sichtweise überaus verehrt, soll dabei helfen.

Paris im Sturzregen

Die schöne Literatur hat es in Peru immer schwer gehabt. Einer der größten Schriftsteller des Landes, der avantgardistische Poet César Vallejo, muss sein Leben lang um Anerkennung kämpfen. In Lima veröffentlicht er im Jahr 1919 Los Heraldos negros, einen Gedichtband voller melancholischer Poesie, von Pein und Leid getragen, vor allem aber auch von einem zornigen Hunger nach Respekt.

In dem nordperuanischen Andendorf Santiago de Chuco 1892 geboren, wird es ihm in der Heimat dann schnell politisch zu heiß und wirtschaftlich zu eng. Und so geht der junge Mann im Juli 1923 nach Frankreich. Nach Paris, in die Stadt der Liebe und des Lichts, die in den 1920er Jahre Intellektuelle aus aller Welt anzieht. Doch das Paradies wird Paris nicht, auch in der Stadt an der Seine muss sich der mittellose Vallejo als Hungerleider durchschlagen.  

In Europa hält der stolze Mestize sich mit launischen Korrespondenzen für Mundial und El Comercio mehr schlecht als recht über Wasser. Doch einerlei, Paris bleibt die große Leidenschaft und die Sehnsuchtsmetropole der lateinamerikanischen Intellektuellen jener Tage, die Stadt sei so schön, dass man dort sterben wolle:

Me moriré en París con aguacero,
un día del cual tengo ya el recuerdo.
Me moriré en París – y no me corro –
tal vez un jueves, como es hoy, de otoño.

Die Verse schreibt César Vallejo in seinem Gedichtband Piedra negra sobre una piedra blanca. Auch wenn er mit indianischem Schwermut und französischem Fatalismus wortwörtlich dichtet, dass er in Paris

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Der Weltrekordler in Sachen Ernest Hemingway

Mario Saavedra in Lima, im März 2016;
Photo by W. Stock

Fast 60 Jahre nach den Ereignissen in Cabo Blanco gerät Mario Saavedra derart ins Schwärmen, als sei diese Begebenheit gerade vorgestern passiert. „Ernesto war ein großer Freund Spaniens und Lateinamerikas. Hemingway es bienvenido en el Perú, das habe ich in einem Artikel in El Comercio zu seiner Ankunft geschrieben.“ Hemingway ist herzlich willkommen in Peru.

In der Hauptstadt Lima lebt der Peruaner Mario Saavedra-Pinón Castillo, der in seinem 88. Lebensjahr noch wacker und gut gelaunt auf den Füssen steht, und der stets mit klarer Erinnerung ist an Ernest Hemingway. „Wir haben viel an der Bar des Fishing Clubs gesprochen, wie Freunde, das waren eigentlich keine Interviews. Es war phantastisch, dass dieser großartige Mann mich wie einen Kollegen behandelt hat“, sagt der Journalist.

Ich treffe Mario Saavedra in seiner gemütlichen Wohnung in der Calle Bolognesi in Limas schönem Stadtteil Miraflores, ein andermal verabreden wir uns im famosen Café Haití an der Plaza Kennedy. Mario Saavedra-Pinón ist ein hochrenommierter Journalist in Peru. Er hat bei El Comercio gearbeitet und dann in seinen letzten 20 Berufsjahren bei dem einflussreichen Wochenmagazin Caretas eine rasante Karriere hingelegt. Ab 1963 wird er fünf Jahre lang Secretario de Prensa de la Presidencia, der Pressechef des legendären peruanischen Präsidenten Fernando Belaúnde Terry, der noch heute von seinen Landsleuten als honoriger Politiker der Mitte Verehrung findet.

Wenn man Mario Saavedra in Lima erlebt, wie temperamentvoll er von dem Nobelpreisträger spricht, dann

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