An den Fersen von Ernest Hemingway

Kategorie: Photographen Seite 1 von 2

Wir alle hatten gute Tage

Ernest Hemingway macht sich Notizen im Gemeinschaftsraum
des ‚Cabo Blanco Fishing Clubs‘, im April 1956.
Foto: Modeste von Unruh.

Gut 3.000 Kilometer Luftlinie entfernt, in seiner Wahlheimat Kuba, werden die Filmarbeiten am peruanischen Pazifik aufmerksam verfolgt. Der Nobelpreisträger Ernest Hemingway und der kubanische Sportfischer Elián Argüelles halten sich mit einigen Kameraleuten vor der Küste Cabo Blancos in Peru auf, um einen tausend Pfund schweren Marlin vor die Kamera zu bekommen, berichtet der Diario Nacional aus Havanna. Mehrere Kameramänner filmen die Fangversuche der beiden Männer in peruanischen Gewässern. Hemingway und Argüelles haben bereits je zwei Schwertfische gefangen. Die Kamera lief, als Hemingway seinen zweiten Marlin am Haken hatte. Aber der Fisch widersetzte sich stark und verteidigte sein Leben. Wahrscheinlich werden jene Aufnahmen, die man von seinem Überlebenskampf filmte, auch in dem Spielfilm verwendet werden.

Ernest Hemingway wirkt von der Anspannung der letzten Wochen erschöpft, das trockene Klima mit seinen sengenden Sonnenstrahlen bereitet ihm an Armen und Beinen nun Schmerzen, die Pigmentflecken auf seiner Gesichtshaut haben sich entzündet. Zudem piesackt ihn ein unverfrorenes Bataillon aus Schmeißfliegen, Mosquitos und Zancudos, die jeden Abend unerbittlich sein winziges Hotelzimmer in Beschlag nehmen und nervtötend umher surren oder schmerzhaft zustechen. Sein Wohlbefinden wird in Cabo Blanco auf eine harte Probe gestellt.

Doch im Fishing Club und an Bord der Miss Texas lässt der Nobelpreisträger sich nicht groß etwas anmerken und er beklagt sich auch nicht. Bei einer der letzten Ausfahrten nimmt Ernest Hemingway den peruanischen Bootskapitän Jesús Ruiz More kumpelhaft zur Seite. Am liebsten würde ich noch sechs Tage länger bleiben, Jesús, bedeutet der Schriftsteller dem untersetzten Bootsmann aus Cabo Blanco. Vámonos, Don Ernesto, entgegnet Jesús Ruiz, nur zu, da draußen springen so viele Marline im Wasser, die nur auf uns warten.

In den Artikeln, die er nach seiner Abreise aus Nordperu auf der Finca Vigía verfasst, zieht der amerikanische Autor ein inspirierendes Resümee seiner Expedition nach Cabo Blanco. Wir alle hatten gute Tage, weil es dort rau und stürmisch war. Diese anregende Heimeligkeit entspricht nicht ganz der Wahrheit, denn in Wirklichkeit hat

This Fish was caught by Elicio Argüelles

Das ikonische Foto der Modeste von Unruh, ein Original aus dem Archiv der Fotografin: Elicio Argüelles II, der Marlin von 730 Pfund und Ernest Hemingway. Im Hintergrund rechts, die Ehefrau von Kip Farrington.
Cabo Blanco, am 27. April 1956.

In Cabo Blanco kommen die Kinder des Dorfes zur Pier gelaufen, um das Schauspiel zu beobachten. Und auch die Frauen aus dem Fishing Club haben sich neugierig zum Landungssteg aufgemacht, nachdem die roten Fähnchen auf der Miss Texas den kapitalen Fang angekündigt haben. Von einer einfachen Kranhütte aus Sperrholz wird eine Ladewinde per Hand gesteuert und der leblose Monsterfisch von der Miss Texas auf die Landungsbrücke herübergezogen. Ein Riesenfisch – ein schwarzer Marlin – ist zur Strecke gebracht worden.

Im Hafen von Cabo Blanco wird am späten Nachmittag dieses 27. April 1956 der erlegte Monstermarlin kopfüber mit einem festen Seemannstau an den Querhaken der Stahlwinde aufgeknüpft, die fünf Meter hoch in den azurblauen Himmel Perus ragt. Und nun baumelt der tote König des Meeres an einem verrosteten Spreizhaken regungslos über den Planken der abgenutzten Pier herunter. Der schwarze Marlin wird jetzt gewogen, Ernest und die Freunde schauen voller Erwartung auf die Hängewaage. Die Messingnadel schlägt bei 730 Pfund aus.

Der bisher beste Fang, nicht nur für die US-Amerikaner, seit Wochen ist kein Fisch eines solchen Gewichtes in Cabo Blanco und Umgebung gefangen worden. Auch für den Nobelpreisträger stellt dieser Riesenfang einen persönlichen Rekord dar, niemals zuvor hat er einen größeren Fisch aus dem Wasser gezogen. Nach all den erfolglosen Ausfahrten, nach den Fehlschlägen und Enttäuschungen, steht der Schriftsteller am zwölften Tag auf der Pier in Cabo Blanco endlich neben der begehrten Beute.

Der einheimische Maat Máximo Jacinto Fiestas bindet das Maul des Schwarzmarlins mit einer dünnen Kordel zusammen, die Knopfaugen des toten Tieres haben sich geweitet und stechen hervor. Das Auge des Fisches blickte so starr wie die Spiegel in einem Periskop oder wie ein Heiliger in einer Prozession. Der Monsterfisch hängt mit dem Kopf voran an der Seilwinde nach unten, mit seiner spitzen Lanze eine Hand breit über den Holzbohlen der Landungsbrücke. Auf der Mole ist ein Schienenpaar eingelassen, das eine flache Lore mit Gütern zwischen Hafenkai und den Anlegeplätzen der Boote hin und her transportiert.

Auf dem langen Landungssteg, der auf Holzpfählen über hundert Meter in den Pazifik hinein ragt, schießt Modeste von Unruh nun ein Foto nach dem anderen. Die Fotografin wählt für ihre Fotos meist die Land-Perspektive und stellt sich für ihre Aufnahmen mit dem Rücken zum Meer. Das untergehende Sonnenlicht sorgt dafür, dass der tote Marlin auf den Bildern kraftvoll und kontrastreich vor den grauen Wüstenhügeln Nordperus baumelt. Es ist ein milder Spätnachmittag in Cabo Blanco, die Sonne neigt sich im Westen, ein dünner Wolkenteppich taucht das satte Blau des Himmels über dem Pazifik in ein mattes Licht.

Die beiden Männer stellen sich – erschöpft und voller Stolz – in das Fotomotiv, der erlegte Monsterfisch wird in die Mitte genommen. Ernest Hemingway platziert sich links des Marlins und packt den toten Fisch bei der dünnen Bauchflosse. Und Elicio Argüelles bringt sich rechts neben den kapitalen Fang in Positur, eine Hand ruht fest auf der mächtigen Rückenflosse des Tieres. Die Frauen der Amerikaner, zahlreiche Einheimische und die vielen Kinder schauen dem Spektakel voller Staunen zu. Modeste von Unruh schießt mehrere Dutzend Fotos des erlegten Marlins mit dessen beiden Bezwingern.

Ein solches Siegerfoto besitzt eine lange Tradition in Cabo Blanco. Das Ritual läuft immer gleich ab: An der Seilwinde wird der tote Fisch an der Schwanzflosse emporgezogen, anschließend wird er gewogen und dann baumelt er, Schwert und Kopf voran, nach unten über der Landungsbrücke. Der leblose Körper des Fisches muss sodann für die Statistik herhalten. In weißer Farbe wird das Gewicht aufgepinselt, hierauf das Datum, dann der Fangort Cabo Blanco. Und zum guten Schluss werden die Schnappschüsse für die Nachwelt geschossen.

Ernest Hemingway ist froh, eine professionelle Fotografin in Cabo Blanco an seiner Seite zu wissen. In den Tagen der Fehlschläge hat es nichts zu reportieren gegeben, der gescheiterte Versuch gleicht für ihn einer Niederlage. Nach einem Erfolg allerdings sorgt er dafür, dass die Menschen auf dem Globus die richtigen Bilder aus seiner Macho-Sphäre zu Gesicht bekommen. Die Kultfigur, zu der er sich über die Jahre aufgebaut hat, ist nicht zuletzt all den ikonischen Darstellungen zu verdanken, die von Top-Fotografen aufgenommen worden sind…(Anfang von Kapitel 18 der Neuerscheinung Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru. Eine weitere Leseprobe: hier klicken).

Rote Wimpel vor Cabo Blanco

Modeste von Unruh mit Ernest Hemingway auf der ‚Miss Texas‘.
Cabo Blanco, am 27. April 1956.

Der Fotografin ist die Verärgerung anzumerken. Modeste von Unruh legt in Chaclacayo bei Lima die Ausgabe La Prensa vom 17. April 1956 aus der Hand. Zum wiederholten Male hat sie bei sich zu Hause Jorge Donayres Artikel über Ernest Hemingway und dessen Eintreffen in Cabo Blanco durchgelesen. Die Deutsche, die seit über einem Jahr in Peru lebt, empfindet die verunglimpfende Berichterstattung der Tageszeitung als massive Zumutung.

Alleine die abfällige Überschrift ärgert sie mächtig. Er ist ein bekennender Trinker, Sportfischer und Abenteurer, liest sie in fetten Lettern als Kopfzeile der Reportage auf Seite eins. Bekennender Trinker, es hört sich ähnlich an wie bekennender Katholik, so als wäre das Saufen eine Religion. Der Bericht in La Prensa, einer Zeitung, der in jenen Jahren fast stärkerer Einfluss zukommt als dem elitären El Comercio, stellt den US-Schriftsteller vor allem als Lebemann und Trunkenbold dar. Von Literatur ist nur am Rande die Rede, umso mehr von Whiskey und anderem Alkohol.

Zwei Tage später setzt La Prensa noch eins drauf. Asi es un Dia de Hemingway a las orillas de Cabo Blanco, wird ein Zweispalter von Jorge Donayre am 19. April überschrieben. So verläuft ein Tag von Ernest Hemingway an den Gestaden von Cabo Blanco. Und nicht weniger als fünfmal kommt in der knappen Abhandlung das Wort Whiskey vor. Aufstehen, Whiskey. Auf dem Boot, Whiskey. Beim Mittagessen, wiederum Whiskey – und so weiter. Auf 56 Zeilen fast ein halbes Dutzend Mal den Alkohol unterzubringen, auch dies ist eine Kunst.

Jorge Donayres boshaftes Portrait in der massentauglichen La Prensa passt so ganz zu der anti-amerikanischen Stimmung in Peru in jenen Tagen. Diese Art der Hassliebe gegenüber dem schwerreichen Bruder im Norden zieht sich durch die gesamte Geschichte des verarmten Andenlandes. Es ist ein hochgekochter Mix, angerührt aus Neid, Minderwertigkeitsgefühl und echtem Unmut.

Pobre México, tan lejos de Dios y tan cerca de Estados Unidos!, hat der mexikanische Präsident Porfirio Díaz vor über hundert Jahren wehmütig ausgerufen und sein Lamento macht sich der ganze Subkontinent zu eigen. Armes Mexiko, so weit entfernt von Gott und so nahe an den Vereinigten Staaten. Mit ihrem wirtschaftlichen und kulturellen Hegemonialanspruch machen sich die gringos aus dem Norden jedenfalls nicht besonders viele Freunde in Lateinamerika.

Mit Ernest Hemingway schlägt man allerdings den falschen Sack auf dem richtigen Esel. Wie auch immer, die junge Frau aus der Nähe von Lima beurteilt die Berichte aus Cabo Blanco als geringschätzig im Inhalt und wertet sie journalistisch als herbe Enttäuschung. Wie nur kann man derart respektlos und unfein mit diesem bedeutenden Schriftsteller umspringen? Ein Säufer, der den Nobelpreis bekommen hat, so liest Modeste von Unruh zwischen den Zeilen.

Ihr scheint all dies ein krudes Zerrbild, ein schiefer Eindruck, den La Prensa von Ernest Hemingway in den Zeitungsspalten zeichnet. Für Modeste von Unruh, sie ist im November 1927 geboren, ist dieser Autor ein ganz anderer. Die Novelle Der alte Mann und das Meer und das Bürgerkriegsepos Wem die Stunde schlägt stehen im Bücherschrank der jungen Frau. Sie hat diese Romane, wie auch andere Erzählungen von ihm gelesen und als packende und ungewöhnlich einfühlsame Literatur in Erinnerung.

Sie verspürt, wie diesem Ausnahme-Schriftsteller, aus welchen Gründen auch immer, hundsgemein mitgespielt wird. Ihr journalistischer Ehrgeiz wird durch die unfaire Darstellung geweckt… (Anfang von Kapitel 17 der Neuerscheinung Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru. Eine weitere Leseprobe: hier klicken).

Ein Hemingway-Zwilling auf Facebook

Die launige Huldigung des Wayne Collins an Ernest Hemingway ist auf Facebook zu bestaunen.

Die Vergötterung des Ernest Hemingway nimmt nicht selten ausgelassene Züge an. Wer beispielsweise auf Facebook einen wachen Blick auf die Hemingway-Verehrung lenkt, der kommt aus dem Staunen und dem Amüsement nicht mehr heraus. Da findet sich zum Beispiel Wayne Collins, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, alte Fotomotive des Nobelpreisträgers möglichst realistisch nachzustellen.

Ernest Hemingway in Afrika, der Schriftsteller in Spanien oder auf dem Meer vor Kuba, sein Zwilling aus heutiger Zeit folgt ihm, stellt ihm nach und stellt ihn nach. Ein wenig hilft, dass dieser Wayne Collins dem Schriftsteller-Genie aus Chicago in Statur und Antlitz nicht ganz unähnlich wirkt.

“Als wir vor ein paar Jahren auf Trip in der Karibik waren, und mit den Jahren, hatte ich einen grauen Bart, der länger und länger wurde”, erzählt Wayne Collins über seine Anfänge als Hemingway. “Am Strand meinte meine Tochter dann, ich sähe Ernest immer ähnlicher.” 

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Ernest Hemingway boxt in Afrika, Wayne Collins in seinem Garten.

Wayne, ein Mann aus North Carolina, ist Hemingway-Fan seit er denken kann. In Key West, Hemingways hometown in den 1930er Jahren, mischt er jedes Mal mit beim look-a-like contest, der seit 1981 jedes Jahr im Juli um die Kneipe Sloppy Joe’s herum veranstaltet wird.

“Wir haben da einen Wettbewerb, an dem ich und andere look-a-likes teilnehmen. Wir tummeln uns fröhlich auf der Bühne, kleiden uns wie er, reden über ihn, trinken wie er und veranstalten ein Bullenrennen durch Key West, mit falschen Stieren natürlich.” Sein Traum ist, diesen Wettbewerb zu gewinnen.

Noch ist Wayne bei der Gaudi im Sloppy Joe’s ein wannabe. Erst wenn man den Wettbewerb gewinnt, gilt man als Papa, wie der Kosename des Schriftstellers lautet. “Wir freuen uns jedes Jahr auf die Reise nach Key West. Mit dem Auto die Florida Keys hinabzufahren ist etwas, das man in seinem Leben einmal getan haben muss.” Ein bucket list item, das jeder auf seiner Lebensliste haben sollte.

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In ‘La Cónsula’, im andalusischen Churriana, steht der Nobelpreisträger am Schreibpult. Und Wayne kopiert Jahrzehnte später Habitus und Kleidungsstil.

Man schaut auf die Replik-Fotos des Wayne Collins mit Heiterkeit und Vergnügen. Das Augenzwinkern, das bei diesem skurrilen  Steckenpferd regiert, ist nicht zu übersehen. Und auch der Nicht-Aficionado beginnt zu ahnen, welch ein Gigant dieser Autor sein muss, wenn ihn 60 Jahre nach seinem Ableben Dutzende gestandener Mannskerle voller Enthusiasmus nachstellen.

Zudem begreift man, dass die Verehrung dieses Nobelpreisträgers weit über das Literarische der Romane und Erzählungen hinausgeht. Die Verneigung erfolgt nicht nur vor dem Autor, sondern zudem vor dem Menschen und seiner ausgeprägten Lebenszugewandtheit. “It is a really great time!”, Wayne Collins lächelt.

Ernest Hemingway und der große Vogel

Was passiert, wenn er einmal nicht mehr seine Angelrute in Anschlag bringen kann? Ernest Hemingway mit Ehefrau Mary auf der Pilar. Foto: George Leavens.

In seinen Werken findet man die Erotik zwischen Mann und Frau in Hülle und Fülle, auch wenn Ernest Hemingway den Sex kunstvoll hinter den Zeilen verstecken muss, die Zeiten sind halt prüde. Wie in Über den Fluss und in die Wälder, als Contessa Renata und Colonel Cantwell zusammen sind und the great bird had flown out of the closed window. Der große Vogel ist plötzlich durch das geschlossene Fenster nach draußen geflogen. Ein flatternder Vogel, wen wundert’s, der für den Orgasmus steht.

Oder wenn ein Mann und eine Frau in Hemingways Erzählungen in trauter Zweisamkeit zusammen weilen, und es an der Oberfläche zwar merklich knistert, doch der Eisberg-Maestro sich wie üblich weitere Details verkneift. Wenn allerdings Ernest Hemingway anschließend seinen nächsten Satz mit einem Dann oder Danach einleitet, so ahnt der Kenner, dass es zuvor wohl heftig geklingelt hat.

Auch im Leben des Ernest Hemingway ist die Sexualität eine der maßgeblichen Triebfedern, der Schriftsteller fühlt sich zeit seines Lebens als körperlicher Mann. Viele Fotografien mit ihm, auch wenn sie scheinbar ein ganz anderes Thema abbilden, strotzen nur so vor unterschwelliger Erotik. In Liebesdingen verhält sich Ernest Hemingway wie ein nimmersatter Narzisst, der ohne körperliche Anerkennung nicht auskommen kann.

Denn die schnell entflammte Zuwendung einer neuen Eroberung lässt ihn spüren, dass es ihn als Mensch gibt und dass er lebt. Ein Nachlassen dieser Aufmerksamkeit vermag er nicht zu ertragen, denn es erinnert ihn an die eigene Begrenztheit. So wundert es nicht, dass besonders in gefahrvollen Ausnahmesituationen sein Bindungsbedürfnis besonders stark ausschlägt.

In die Krankenschwester Agnes von Kurowsky verliebt Ernest sich – schrecklich verwundet – während des Ersten Weltkriegs. Mit Martha Gellhorn turtelt er in Madrid und um ihn herum schlagen die Granaten des Spanischen Bürgerkrieges ein. Mary Welsh schließlich macht er den Hof, beide in der Uniform eines Kriegskorrespondenten, zwischen den Schlachten des Zweiten Weltkriegs.

Das körperliche Verlangen wird für Ernest Hemingway eine der Energien, die ihn am Leben hält. Gleichzeitig spürt er die Fesselung durch den Tod. Und zeitweise ist diese Faszination des Morbiden noch stärker als der Liebestrieb. Ernest Hemingway möchte lieben und er möchte im gleichen Sinne sich über Leben und Tod erheben. Auch so erklären sich seine unkontrollierten Wutausbrüche gegen seine Ehefrauen, sein gelegentlicher Hass auf jedermann, den er liebt. 

All die sexuellen Eroberungen plustern seine Allmacht auf und das solcherart gestärkte Ego lenkt Ernest Hemingway für eine Weile ab vor dem bedrohlichen Gedanken an die Endlichkeit des eigenen Lebens. Doch je mehr sein Ruhm wächst, desto dünnhäutiger wird er. Weil die Erfolge im Liebesleben – auch wegen seines Narzissmus –  sich nicht als besonders tragfähig herausstellen.

Dieser Mann fällt immer in das gleiche Muster: Wenn er das Gefühl hat, von seinen Ehefrauen gekränkt zu werden, in seinen Empfindungen verletzt zu werden oder nicht genug beachtet zu werden, dann reagiert er wie ein angeschossenes Raubtier. Ernest Hemingway kontert dann

Ernest Hemingway dankt Modeste von Unruh

Ernest Hemingways Brief vom 21. Mai 1956 an die Fotografin Modeste von Unruh aus dem peruanischen Fischerdorf Cabo Blanco.

Der Schriftsteller setzt sich an den kleinen Tisch und verfasst ein Schreiben an Modeste von Balás-Piry. Er befindet sich in Cabo Blanco, im Norden Perus, und der Kalender zeigt den 21. Mai 1956. Der Nobelpreisträger spricht die deutsche Fotografin Modeste von Unruh mit ihrem Ehenamen an, so wie er auf ihrer Visitenkarte steht. Auf dem mauven Briefpapier des Cabo Blanco Fishing Clubs schreibt der bärtige Amerikaner einen herzlichen Gruß an seine Fotografin und übermittelt ihr nochmals seinen Dank.

Er findet, dass die Fotos auf der Miss Texas die Marlin-Jagd glänzend einfangen und er, der wilde Naturbursche, steht im Mittelpunkt von all dem. Über den Schnappschüssen, die in der Hamburger Zeitschrift Kristall erscheinen sollen, weht ein Hauch von Draufgängertum und Verwegenheit, so soll ihn die Welt sehen.

Die Fotos der Modeste von Unruh halten seinen Triumph fest, sie schmeicheln seiner durch das Alter verletzten Eitelkeit. Die Bilder aus Cabo Blanco künden der Welt von seiner Vitalität, einerlei, wie es in ihm drinnen aussieht. Die Botschaft vom Sieg des alternden Mannes richtet sich nicht nur an die Welt da draußen, die Botschaft geht vor allem an ihn selbst.

Denn das Bulletin seines kubanischen Hausarztes Doktor José Luis Herrera Sotolongo spricht eine klare Sprache. Doch die Fotos lindern seine Pein ein wenig, zwar nicht den Schmerz des Körpers, aber den der Seele. Deshalb richtet Ernest Hemingway herzliche Worte des Dankes an Modeste von Balás-Piry, in einem eng beschriebenen Brief, über eine volle Seite.

Zunächst bittet er die junge Fotografin, sie veröffentlicht unter ihrem Mädchennamen Modeste von Unruh, um weitere Abzüge. Dann spricht er seine Anerkennung aus. I wish you could have been with us all the time, with your beautiful camera and your good luck. Ich hätte mir gewünscht, dass Sie die ganze Zeit bei uns gewesen wären, mit Ihrer wundervollen Kamera und Ihrem guten Glück.

The good luck, das gute Glück, das sich von der Fotografin auf den Autor überträgt, weil sie hilft, den großen Fisch zu fangen. The good luck beschreibt jenen

Paul Radkai und das Raubein, das eine Katze krault

Paul Radkai, auf Finca Vigía im Herbst 1949, fotografiert Ernest Hemingway.
Foto: Karen Radkai, by courtesy of Marton Radkai

Paul Radkai, als Pal Laszlo Ratkai 1915 in Budapest geboren, reiht sich ein in die Riege erstklassiger ungarischer Fotografen wie Robert und Cornell Capa, Brassaï oder André Kertész. Wie die meisten seiner Kollegen findet er sein künstlerisches Glück jedoch erst in der Ferne. Als 19-Jähriger wandert Radkai in die USA aus, wo er sich als Journalist und insbesondere als Fotograf einen guten Namen macht.

Zusammen mit seiner Ehefrau Karen schaut Paul Radkai im Herbst 1949 bei den Hemingways auf Kuba vorbei. Eigentlich arbeitet Radkai überwiegend in der Modefotografie, er hat aber auch mit einer Artikelserie für Furore gesorgt, in der er Berühmtheiten wie Virgil Thomson, José Limón oder Rex Harrison in deren Domizil porträtiert. Nun kommt also Ernest Hemingway an die Reihe. Die Chemie zwischen dem Ungar und dem Schriftsteller stimmt von Anfang an.

You have the only lens that shows how many times my nose was broken. Also you have a lovely wife, dankt Hemingway in einem Brief dem Fotografen. Radkais Leica sei so fein, das nur deren Linse zeige, wie oft seine Nase gebrochen worden sei. Und, übrigens, er habe eine liebenswerte Frau. So ist es: Karen Radkai, 1919 geboren und ebenfalls eine bekannte Modefotografin, in den 1950er Jahren für Vogue, beeindruckt als fachkundige und aparte Frau neben ihrem Ehemann.

Ernest Hemingway weiß die Arbeit von Paul und Karen Radkai zu schätzen und er stapelt mal wieder tief. I am not fascinated by my own face but I love to look at Mary’s, schreibt Ernest Tage nach ihrem Treffen an den Fotografen. Von seinem eigenen Gesicht sei er nicht groß fasziniert, aber er schaue jenes von Miss Mary gerne an. Der Artikel mit den Fotos erscheint in Harper’s Bazaar im März 1950 unter dem Titel The Hemingways in Cuba auf den Seiten 172 und 173.

Paul Radkai kitzelt auf seinen Fotografien besonders Ernest Hemingways liebevoller Umgang mit seinen Katzen und den Hunden heraus. An seinem Hund Black Dog hängt Ernests Herz. Der schwarzzottelige Spaniel Black Dog ist ihm zugelaufen in einer Skihütte im Sun Valley in Idaho, halb verhungert und menschenscheu. Der Schriftsteller hat sich des malträtierten Tieres angenommen, den Jagdhund aufgepäppelt und ihn dann mit nach Kuba genommen.

Black Dog kratzt sich, hat der grauhaarige Schriftsteller im September 1956 zu einem Foto in der Zeitschrift LOOK räsoniert, das ihn und seinen schwarzen Hund zeigt, er ist alt geworden und kann weder gut sehen noch gut hören. Aber er hat einen gesunden Appetit und liebt das Leben. Der treue Freund weicht nicht mehr von seiner Seite.

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Den Umschlag von Across the River and into the Trees hat Hemingways Schwarm, die junge Italienerin Adriana Ivancich, gestaltet. Auf dem Rückumschlag findet sich ein Foto von Paul Radkai. Das Raubein Hemingway mit einer kleinen Katze im Arm.

Die Hunde liebt Ernest Hemingway abgöttisch. Als im Jahr 1958 ein Militärkommando des Diktators Batista mitten in der Nacht die Finca Vigía durchkämmt, auf der Suche nach Waffen der Rebellen, und sein Hund Machakos am Tor Wache hält, da wird der gutmütige Hund von einem Soldaten mit dem Gewehrkolben erschlagen. Der Verlust von Machakos trifft den Schriftsteller tief, er fällt in eine schwere Depression.

Wie keinem anderen Fotografen gelingt es Paul Radkai, die Liebe des Ernest Hemingway zu seinen Tieren festzuhalten. Dieser Charakterzug ist

Filippo Imbrighi macht Ernest Hemingway bunt

The Old Man and The Sea, verfremdet und neu ins Leben gebracht von dem römischen Grafiker Filippo Imbrighi.

Der bärtige Filippo Imbrighi arbeitet in seinem Atelier in Rom am liebsten an bunten Collagen. Der Italiener, Jahrgang 1975, nennt eine seiner Kunstlinien ICON PAGES, weil er Ikonen unserer modernen Welt wie Twiggy, Liz Taylor oder Pablo Picasso durch Überlappungen auf Papier zu neuer Lebendigkeit erweckt. Und bei den Ikonen dieses Globus darf ein Ernest Hemingway natürlich nicht fehlen.

Filippo Imbrighi hat sich bei Hemingway an ein ikonisches Bild gemacht, jenes Foto, das Modeste von Unruh im April 1956 im peruanischen Cabo Blanco von dem Nobelpreisträger geschossen hat. Ernest Hemingway steht mit seinem kubanischen Kumpel Elicio Argüelles am Kai von Cabo Blanco, in ihrer Mitte ein riesiger Schwarzer Marlin, der als erlegte Tagesbeute mausetot an einer Seilwinde hängt.

Die Mischtechnik – Druck und Aquarell im Taschenbuch-Format mit einem Decklack als Schutz – gründet auf einer Vintage-Seite von The Old Man and the Sea. Filippo Imbrighi hat eine schöne Seite dafür auswählt, wahrscheinlich zufällig, wobei ja jede Seite dieser Novelle voller Anmut steckt.

The old man’s head was very old though and with his eyes closed there was no life in his face. Ernest Hemingway besitzt die wunderbare Gabe, mit scheinbar einfachen Sätzen das ganze Panorama eines Lebens auszubreiten. Der Kopf des alten Mannes war allerdings sehr alt und bei geschlossenen Augen war da kein Leben in seinem Gesicht.

Auf den grauen Druck hat der Maler kräftige Federkleckse

Alphonse Lévêque erhält den Gruß eines Nobelpreisträgers

Tout le monde travaille. Jedermann arbeitet kräftig. Denn ein schwerer Marlin wird aus dem Ozean auf ein kleines Boot gezogen. In Cabo Blanco, im Norden Perus, wo Ernest Hemingway die Dreharbeiten für die Hollywood-Verfilmung von Der alte Mann und Meer überwacht. Acht Männer befinden sich auf der Miss Texas, um mit Hilfe einer Seilwinde einen wuchtigen Fang aus dem Pazifik zu hieven. Inmitten des Männertrupps: Ernest Hemingway, Sportfischer, Buchautor und Nobelpreisträger.

Der Marlin am Haken ist als schwarz-weißes Foto von dem Begleitboot Pescadores Dos aufgenommen worden und wird später von dem stolzen Schriftsteller auf Französisch signiert. Tout le monde travaille. Ernest Hemingway. Peru. Mai 1956. Der Gruß geht an Alphonse Lévêque, einen Barkeeper auf dem Ozeandampfer Īle de France

Sieben Mal hat Ernest Hemingway auf der Īle de France den Atlantik überquert, auf dem Schiff hat er Marlene Dietrich kennengelernt und mit Humphrey Bogart gefachsimpelt. Abends hat man den prominenten Autor meist an seinem Lieblingsplatz finden können, an der Bartheke des Dampfers. Und dort hat er sich mit dem Barmann Lévêque, einem Franzose vom Jahrgang 1902, angefreundet.

Alphonse Lévêque hat fast sein ganzes Berufsleben auf dem gigantischen Ozeankreuzer gearbeitet, der ab 1927 regelmäßig Le Havre mit New York verbunden hat. Die Īle de France ist ein moderner Liner, in luxuriösem Art déco ausgestattet, das vielleicht schönste Passagierschiff seiner Tage. Lévêque selbst stammt aus einem kleinen Fischerdorf nahe Saint-Nazaire, direkt an der Loire-Mündung. 

Aus dem fernen Cabo Blanco schreibt der Nobelpreisträger nicht an die Großen und Schönen, nicht an die gepriesenen Kollegen oder die hochmögenden Verleger, sondern an

Die deutsche Fotografin auf dem Pazifik mit Ernest Hemingway

Die Fotografin Modeste von Unruh und Ernest Hemingway an Bord der ‘Miss Texas’. Cabo Blanco, im April 1956

Der Fotografin ist die Verärgerung anzusehen. Modeste von Unruh legt in Chaclacayo bei Lima die Ausgabe der La Prensa vom 17. April 1956 aus der Hand. Sie hat zuhause zum wiederholten Male den Artikel über Ernest Hemingway und dessen Besuch im peruanischen Cabo Blanco gelesen. Die Deutsche, die seit einem Jahr in Peru lebt, empfindet die Berichterstattung der Tageszeitung als eine einzige Zumutung.

Der Bericht in La Prensa stellt den US-Schriftsteller vornehmlich als Lebemann und Trunkenbold dar. Von Literatur ist nur am Rande die Rede, dafür umso mehr von Whiskey und anderem Alkohol. Doch das boshaftes Portrait in der massentauglichen La Prensa passt so ganz zu der anti-amerikanischen Stimmung in Peru in jenen Tagen. Diese Art der Hassliebe gegenüber dem reichen Bruder im Norden zieht sich durch die gesamte Geschichte des armen Andenlandes, als ein hochgekochter Mix aus Neid, Minderwertigkeitsgefühl und echtem Unmut. 

Wie auch immer, die junge Frau aus der Nähe von Lima beurteilt die Berichte aus Cabo Blanco als überaus geringschätzig im Inhalt und wertet sie journalistisch als herbe Enttäuschung. Wie nur kann man bloß derart respektlos mit diesem bedeutenden Schriftsteller umspringen? Ihr journalistischer Ehrgeiz wird geweckt, die Fotografin will Ernest Hemingway in Peru wieder ins rechte Licht rücken. Die junge Deutsche bucht kurzentschlossen ein Flugticket nach Talara.

Modeste von Unruh verbrachte ihre Kindheit in Babelsberg bei Potsdam und durchlief nach dem Schulabschluss eine Ausbildung zur Fotoreporterin bei verschiedenen Hamburger Tageszeitungen. Ihre Familie stammte ursprünglich aus Westpommern, aus Schlawe-Stolp, wo ihr Vater als Landwirt das Hammermühler Gut des Grafen Krockow verwaltete, später wanderte der Vater dann nach Australien aus. Auch die junge Frau wurde bald vom Fernweh gepackt. Kurzentschlossen ließ sie im Jahr 1954 ihren VW-Käfer über den Atlantik verschiffen, denn ihre Sehnsucht gehörte dem amerikanischen Kontinent.

Die Fotografin hegte den Plan, die Panamericana von Kalifornien aus hinunter bis nach Feuerland zu bereisen und unterwegs für das deutsche Magazin Kristall zu berichten. Nach einem Jahr Panamericana blieb die abenteuerlustige junge Frau auf dem Highway in Peru hängen. In dem Andenland lernte Modeste von Unruh dann den ungarischen Kunsthistoriker Dr. László von Balás-Piry kennen, der nach dem Krieg ausgewandert war. Die beiden heirateten bald und bezogen ein hübsches Häuschen mit Garten und Pool in Chaclacayo, gut 40 Kilometer östlich von Lima. Der Rest der Reise nach Feuerland war abgeblasen.

In Talara nimmt Modeste von Unruh am Flughafen ein Taxi nach Cabo Blanco. Es ist ein schöner und sonniger Nachmittag am Pazifik in Nordperu. Modeste von Unruh kennt das kleine Fischdorf am Meer

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