Hemingways Welt

Großmaul, Schnapsnase, Schürzenjäger – an den Fersen eines Jahrhundertautors

Kategorie: Kollegen & Freunde Seite 1 von 3

Waldo Peirce, Ernest Hemingways Lieblingsmaler

Ernest Hemingway im Jahr 1953 auf Finca Vigía, vor einem Portrait, das Waldo Peirce von ihm gemalt hat. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Ernest Hemingway mag die moderne Malerei. Aus seiner Pariser Zeit kennt er Pablo Picasso und andere Maler der Avantgarde. Wenn er in den jungen Jahren irgendwie Geld erübrigen kann, er steckt es in den Kauf von Bildern. Im Schlafzimmer der Finca Vigía über seinem Bett hängt El guitarrista von Juan Gris, im Wohnzimmer und in Marys Schlafzimmer finden sich ein Paul  Klee, ein Georges Braque und Joan Mirós Der Bauernhof.

Und dann prangt auf der Finca Vigía noch ein Portrait, im Jahr 1929 gemalt von seinem Freund Waldo Peirce, das den dreißigjährigen Ernest darstellt. Kid Balzac hat Peirce das Gemälde genannt, in Anlehnung an den von Hemingway verehrten französischen Autoren Honoré de Balzac. Die Ähnlichkeit mit dem Romantiker aus dem 19. Jahrhundert ist verblüffend, obgleich ein leicht ironischer Seitenhieb dazukommt, denn im Vergleich zum kugelrunden Balzac erscheint Hemingway im Pinselstrich von Peirce als ziemlich abgespeckte Variante. 

Waldo Peirce, ein Falstaff mit Rauschebart, wird schnell ein enger Kumpel des Schriftstellers. Der Mann aus Bangor in Maine, ein kräftiges Mannsbild  vom Jahrgang 1884, besucht Ernest oft in Key West. Dann fahren sie gemeinsam fischen oder hinaus auf die Marquesas Keys, auf eine kleine unbewohnte Inselgruppe, die westlich der Keys liegt, und die beiden Freunde machen all den Blödsinn, den Männer halt machen, wenn sie unter sich sind. 

Viermal heiratet Waldo Peirce und bekommt fünf Kinder. In die Kinder ist er vernarrt, er tollt mit ihnen herum und macht jeden infantilen Klamauk mit. Die Kinder haben auch eine Krankenschwester und eine Haushälterin, beobachtet Ernest Hemingway bei einem Besuch, aber Waldo ist nur wirklich glücklich, wenn er malt und ein Kind versucht, seinen dicken Bart anzuzünden und ein anderes Kind Kartoffelpüree auf seine Leinwand klatscht. So geht Vaterliebe!

Waldo Peirce begleitet den Freund von frühen Jahren hin bis zu seinem Ende. Am 2. Juli 1961, am Tag seiner Selbsttötung, schlurft Ernest Hemingway im

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Ernest Hemingways Bücher werden verbrannt

Ernest Hemingways Anti-Kriegsroman In einem andern Land wird von den Nazis im Jahr 1933 öffentlich verbrannt.

Die Bücherverbrennung in Deutschland am 10. Mai 1933 ist eines der ganz dunklen Kapitel deutschen Kulturlebens. Es sind deutsche Studenten gewesen, die nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im März 1933 in einer genau geplanten und emotional inszenierten Darbietung die Werke von kritischen Schriftstellern ins lodernde Feuer werfen.

Die Bücher von pazifistischen, linken und jüdischen Autorinnen und Autoren werden auf dem ehemaligen Berliner Opernplatz und in 21 weiteren deutschen Universitätsstädten unter dem Gejohle der Zuschauer verbrannt. In München findet das abscheuliche Spektakel gleich zweimal statt, am 6. und 10. Mai, jedes Mal auf dem riesigen Königsplatz.

Die Bücher von Joseph Roth, von Anna Seghers, von Carl von Ossietzky, von Ernst Toller, von Erich Maria Remarque, von Oskar Maria Graf, von Bert Brecht, von Joachim Ringelnatz, von B. Traven, von Lion Feuchtwanger, von Alfred Döblin, von Klaus Mann und von vielen anderen werden den Flammen übergeben. Auch die Bücher von Erich Kästner werden verbrannt.

Erich Kästner ist der einzige, der die Verbrennung der eigenen Bücher beobachtet: „Im Jahre 1933 wurden meine Bücher in Berlin auf dem großen Platz neben der Staatsoper von einem gewissen Herrn Goebbels mit düster-feierlichem Pomp verbrannt. Vierundzwanzig deutsche Schriftsteller, die symbolisch für immer ausgetilgt werden sollten, rief er triumphierend bei Namen. Ich war der einzige der vierundzwanzig, der persönlich erschienen war, um dieser theatralischen Frechheit beizuwohnen. Ich stand vor der Universität, eingekeilt zwischen Studenten in SA-Uniform, den Blüten der Nation, sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen und hörte die schmalzigen Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners. Begräbniswetter hing über der Stadt.“

Die Bücherverbrennung beschränkt sich nicht auf deutschsprachige Autoren. Auch die Werke von modernen französischen, russischen und amerikanischen Schriftstellern wie André Gide, Maxim Gorki, Jack London und John Dos Passos werden auf den Scheiterhaufen geworfen. Und ebenso die Bücher des Ernest Hemingway.

Die Nazi haben damals sein Buch In einem andern Land verbrannt. Im Jahr 1929 als A Farewell to Arms in den USA erschienen, verarbeitet Ernest Hemingway seine Erlebnisse an der italienischen Front während des Ersten Weltkriegs. Neben dem Kriegsschauspiel erzählt

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Raúl Villarreal, Lehrer, Künstler und Hemingwayano

Raúl Villarreal, 1964-2019

Als Ernest Hemingway sich am 2. Juli 1961 in Ketchum, in den fernen Bergen Idahos, die Kugel gibt, da äußert ein enger Weggefährte auf Kuba geradeheraus. „Papa Hemingway hat seinen letzten Löwen geschossen“, kommentiert René Villarreal, ein guter Freund, der seit 1946 als Majordomus auf Finca Vigía tätig ist. 

René, ein junger afrokubanischer Einheimischer aus San Francisco de Paula, bleibt über 15 Jahre der Hausmeier auf Finca Vigía, dem tropischen Anwesen der Hemingways auf der Karibikinsel. René ist dafür zuständig, dass die Abläufe auf der Farm reibungslos klappen. Er beaufsichtigt das Dutzend Angestellte, zahlt die Löhne aus, holt zweimal am Tag die Post, denn neben den Briefen bekommt der Schriftsteller unzählige Bücher und Zeitschriften zugeschickt.

Neben dem Verwalter Roberto Herrera Sotolongo und dem Kapitän der Pilar, Gregorio Fuentes, ist René Villarreal der Kubaner, der Ernest Hemingway auf der Insel am Nähesten steht. Über die Jahre wird er zu einem Vertrauten des Nobelpreisträgers, der Autor schüttet dem Kubaner sein Herz aus. Ich bin nun alt, meint er zu seinem Majordomus, und musste hart für mein Leben und den Ruhm und den Reichtum kämpfen. Ich sollte eigentlich mein Leben lieben, aber ich kann es nicht.

Ernest Hemingway hat sich René Villarreal geöffnet wie einem Sohn. Am Ende seines Weges als Schreiber, als Literat und als Mann findet der Nobelpreisträger klare Worte. René, mi querido hijo cubano, schreibt er an seinen kubanischen Vertrauten, Papa geht so langsam das Benzin aus. Ich verspüre keine Lust mehr zu lesen, und dies war genau das, was mich am meisten im Leben gehalten hat. Und das Schreiben ist noch schwieriger.

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René Villarreal ist im Oktober 2014 in New Jersey gestorben, doch die Bewunderung für Ernest Hemingway hat sich auf die nächste Generation übertragen, auf Renés Sohn Raúl Villarreal. Raúl ist das Kind von Elpidia und René Villarreal. Im Jahr 1972 verlässt René mit seiner Familie die Insel, geht zuerst nach Spanien, dann in die USA, wo ihm Mary Hemingway hilft, Fuss zu fassen.

Raúl Villarreal, der Sohn, wächst in den USA auf, er studiert Bildende Künste an der New Jersey City University, wird selbst ein ausgezeichneter Maler und ein allseits anerkannter Hochschullehrer, er macht als Weltreisender und als Autor von sich reden. Zusammen mit seinem Vater schreibt er das Buch Hemingway’s Cuban Son, in dem die Geschichten über den bärtigen Freund festgehalten sind.

Auf Konferenzen, Vorträgen und in privater Runde unterhält Raúl Villarreal die Zuhörer mit

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In Peru, wo jeder Tag mitunter kalt wird

Seinem Freund Fred Zinnemann berichtet Ernest Hemingway im August 1956 von seinem Besuch in Peru.

Mary Welsh verreist höchst ungern in die Ferne. Ernest Hemingways vierte und letzte Ehefrau bleibt lieber auf Finca Vigía, dem kubanischen Refugium der beiden US-Amerikaner nahe von Havanna. Denn Mary leidet seit geraumer Zeit an Anämie und befindet sich in ständiger Therapie. Doch nichts hilft gegen ihre Blutarmut. Nicht die Pillen des Hausarztes, keine Wunderkräuter, nicht die Transfusionen, einfach nichts.

Er mache sich große Sorgen um Mary, klagt der Schriftsteller in einem Brief vom 8. August 1956 an seinen Freund Freddie. Freddie, so nennt er den Regisseur Fred Zinnemann. Der Mann aus Hollywood, er hat den großartigen Western High NoonZwölf Uhr mittags – gedreht, ist ein guter Kumpel des Nobelpreisträgers. Die roten Blutkörperchen seien bei Mary auf 3,2 Millionen gefallen, klagt Ernest dem Freund, dem tiefsten Wert überhaupt. Seine Frau sei von daher so müde und müsse immer viel schlafen.

Der fünfwöchige Ausflug nach Peru habe Miss Mary jedoch richtig gut getan. Das extreme Reizklima des peruanischen Nordens ist eine Herausforderung für jeden menschlichen Organismus. Am rauen Pazifik mit dem salzigen Wind verbesserte sich das rote Blutbild von Mary auf vier Millionen und das schlagartig von heiß auf kalt wechselnde Küstenklima in Cabo Blanco half ihrem Kreislauf.

In dem kargen Andenland ist Ernest Hemingways Ehefrau wieder einigermaßen auf die Beine gekommen. In Peru, where it was cold part of each day, im peruanischen Cabo Blanco sei es jeden Tag mitunter arg kalt gewesen, meint der Autor aus Chicago, der seinen Brief wie so oft mit Papa unterschreibt. In der Tat herrscht am Pazifik Nordperus zwischen Tumbes und Piura ein merkwürdiges Klima.

Das kleine Fischerdorf Cabo Blanco liegt direkt am Meer, als auch unmittelbar am Rande einer Wüstenlandschaft, der Wüste von Sechura. Zwanzig Schritte nach Westen ist man

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Lou Jennings will schöne Bilder einfangen

Ernest Hemingway und sein Freund Lou Jennings freuen sich auf dem Landungssteg von Cabo Blanco über einen prächtigen Fang.
Cabo Blanco, im Mai 1956

Die Filmleute, die Der alte Mann und das Meer drehen sollen, sind schon zwei Tage vor dem Schriftsteller in Cabo Blanco eingetroffen. Neben dem Produktionsleiter Allen Miner gehören zur Film-Crew William Classen, ein bekannter Grip-Aufbautechniker, die Kameraleute und Tontechniker Joseph Barry, Louis Jennings, Stuart Higgs und John Dany. Allen Miner, der den Dokumentarstreifen The Naked Sea gedreht hat, gilt als Fachmann für Filmaufnahmen auf hoher See.

Die Filmleute gehören zu jener Abteilung, die man in Hollywood Second Unit nennt. Damit ist jene schlagkräftige zweite Garnitur gemeint, die parallel zur First Unit dreht und der die besonders kniffligen Szenen aufgebrummt werden. Am peruanischen Pazifik sollen die Filmleute die Aufnahmen auf dem Meer vor Cabo Blanco drehen, gekrönt durch den Fang von ein paar eindrucksvollen Großfischen.

Nachdem die Hollywood-Leute bereits in Cabo Blanco weilen und dort die Dreharbeiten vorbereiten, ist als letzter auch Ernest Hemingway auf peruanischem Boden eingetroffen. Der Schriftsteller wird von einem halben Dutzend Personen begleitet, alle Besucher der Expedition eint ein Ziel. Sie möchten in Cabo Blanco einen mindestens tausend Pfund schweren Black Marlin fangen und die tollkühne Jagd nach dem Monsterfisch soll für die ganze Welt auf Zelluloid gebannt werden.

Einen Fisch solchen Ausmaßes hat Ernest Hemingway noch nie mit eigenen Augen gesehen. Weder vor der Küste Kubas, noch bei den Bahamas und auch nicht im Meer um Florida, die allesamt zu seinen bevorzugten Angelrevieren gehören. In Cojímar auf Kuba läuft sowieso nicht alles zum Besten, die dortigen Dreharbeiten der First Unit stocken und müssen mehrmals unterbrochen werden, der Regisseur wird ausgetauscht.

So kommt Ernest Hemingway mit der Erwartung nach Peru, dass wenigstens die

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Paul Radkai und das Raubein, das eine Katze krault

Paul Radkai, auf Finca Vigía im Herbst 1949, fotografiert Ernest Hemingway.
Foto: Karen Radkai

Paul Radkai, als Pal Laszlo Ratkai 1915 in Budapest geboren, reiht sich ein in die Riege erstklassiger ungarischer Fotografen wie Robert und Cornell Capa, Brassaï oder André Kertész. Wie die meisten seiner Kollegen findet er sein künstlerisches Glück jedoch erst in der Ferne. Als 19-Jähriger wandert Radkai in die USA aus, wo er sich als Journalist und insbesondere als Fotograf einen guten Namen macht.

Zusammen mit seiner Ehefrau Karen schaut Paul Radkai im Herbst 1949 bei den Hemingways auf Kuba vorbei. Eigentlich arbeitet Radkai überwiegend in der Modefotografie, er hat aber auch mit einer Artikelserie für Furore gesorgt, in der er Berühmtheiten wie Virgil Thomson, José Limón oder Rex Harrison in deren Domizil porträtiert. Nun kommt also Ernest Hemingway an die Reihe. Die Chemie zwischen dem Ungar und dem Schriftsteller stimmt von Anfang an.

You have the only lens that shows how many times my nose was broken. Also you have a lovely wife, dankt Hemingway in einem Brief dem Fotografen. Radkais Leica sei so fein, das nur deren Linse zeige, wie oft seine Nase gebrochen worden sei. Und, übrigens, er habe eine liebenswerte Frau. So ist es: Karen Radkai, 1919 geboren und ebenfalls eine bekannte Modefotografin, in den 1950er Jahren für Vogue, beeindruckt als fachkundige und aparte Frau neben ihrem Ehemann.

Ernest Hemingway weiß die Arbeit von Paul und Karen Radkai zu schätzen und er stapelt mal wieder tief. I am not fascinated by my own face but I love to look at Mary’s, schreibt Ernest Tage nach ihrem Treffen an den Fotografen. Von seinem eigenen Gesicht sei er nicht groß fasziniert, aber er schaue jenes von Miss Mary gerne an. Der Artikel mit den Fotos erscheint in Harper’s Bazaar im März 1950 unter dem Titel The Hemingways in Cuba auf den Seiten 172 und 173.

Paul Radkai kitzelt auf seinen Fotografien besonders Ernest Hemingways liebevoller Umgang mit seinen Katzen und den Hunden heraus. An seinem Hund Black Dog hängt Ernests Herz. Der schwarzzottelige Spaniel Black Dog ist ihm zugelaufen in einer Skihütte im Sun Valley in Idaho, halb verhungert und menschenscheu. Der Schriftsteller hat sich des malträtierten Tieres angenommen, den Jagdhund aufgepäppelt und ihn dann mit nach Kuba genommen.

Black Dog kratzt sich, hat der grauhaarige Schriftsteller im September 1956 zu einem Foto in der Zeitschrift LOOK räsoniert, das ihn und seinen schwarzen Hund zeigt, er ist alt geworden und kann weder gut sehen noch gut hören. Aber er hat einen gesunden Appetit und liebt das Leben. Der treue Freund weicht nicht mehr von seiner Seite.

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Den Umschlag von Across the River and into the Trees hat Hemingways Schwarm, die junge Italienerin Adriana Ivancich, gestaltet. Auf dem Rückumschlag findet sich ein Foto von Paul Radkai. Das Raubein Hemingway mit einer kleinen Katze im Arm.

Die Hunde liebt Ernest Hemingway abgöttisch. Als im Jahr 1958 ein Militärkommando des Diktators Batista mitten in der Nacht die Finca Vigía durchkämmt, auf der Suche nach Waffen der Rebellen, und sein Hund Machakos am Tor Wache hält, da wird der gutmütige Hund von einem Soldaten mit dem Gewehrkolben erschlagen. Der Verlust von Machakos trifft den Schriftsteller tief, er fällt in eine schwere Depression.

Wie keinem anderen Fotografen gelingt es Paul Radkai, die Liebe des Ernest Hemingway zu seinen Tieren festzuhalten. Dieser Charakterzug ist

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Alphonse Lévêque erhält den Gruß eines Nobelpreisträgers

Tout le monde travaille. Jedermann arbeitet kräftig. Denn ein schwerer Marlin wird aus dem Ozean auf ein kleines Boot gezogen. In Cabo Blanco, im Norden Perus, wo Ernest Hemingway die Dreharbeiten für die Hollywood-Verfilmung von Der alte Mann und Meer überwacht. Acht Männer befinden sich auf der Miss Texas, um mit Hilfe einer Seilwinde einen wuchtigen Fang aus dem Pazifik zu hieven. Inmitten des Männertrupps: Ernest Hemingway, Sportfischer, Buchautor und Nobelpreisträger.

Der Marlin am Haken ist als schwarz-weißes Foto von dem Begleitboot Pescadores Dos aufgenommen worden und wird später von dem stolzen Schriftsteller auf Französisch signiert. Tout le monde travaille. Ernest Hemingway. Peru. Mai 1956. Der Gruß geht an Alphonse Lévêque, einen Barkeeper auf dem Ozeandampfer Īle de France

Sieben Mal hat Ernest Hemingway auf der Īle de France den Atlantik überquert, auf dem Schiff hat er Marlene Dietrich kennengelernt und mit Humphrey Bogart gefachsimpelt. Abends hat man den prominenten Autor meist an seinem Lieblingsplatz finden können, an der Bartheke des Dampfers. Und dort hat er sich mit dem Barmann Lévêque, einem Franzose vom Jahrgang 1902, angefreundet.

Alphonse Lévêque hat fast sein ganzes Berufsleben auf dem gigantischen Ozeankreuzer gearbeitet, der ab 1927 regelmäßig Le Havre mit New York verbunden hat. Die Īle de France ist ein moderner Liner, in luxuriösem Art déco ausgestattet, das vielleicht schönste Passagierschiff seiner Tage. Lévêque selbst stammt aus einem kleinen Fischerdorf nahe Saint-Nazaire, direkt an der Loire-Mündung. 

Aus dem fernen Cabo Blanco schreibt der Nobelpreisträger nicht an die Großen und Schönen, nicht an die gepriesenen Kollegen oder die hochmögenden Verleger, sondern an

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Der stolze Diener Ellis O. Briggs und sein Freund

Drei Freunde mit erlegtem Marlin: Ernest Hemingway, Elicio Argüelles II und Ellis O. Briggs. Cabo Blanco, Peru, im Mai 1956.

Ernest Hemingway und Ellis O. Briggs kennen sich aus Kuba. Als Briggs noch Counselor, ein junger Botschaftsrat, in Havanna gewesen ist, hat er Ernest Hemingway unterstützt, als der Schriftsteller im Golfstrom vor Kuba mit der Pilar zur Jagd auf deutsche U-Boote angesetzt hat. Diese Geschichte aus dem September 1942 hört sich wie eine Räuberpistole an, sie ist es auch. 

Die bizarre Aktion wird ein Schlag ins Wasser, wenn man im Bild bleiben darf. Denn Ernest Hemingway und die anderen Mitstreiter stoßen, wenig überraschend, auf keinen einzigen Nazi, weder an Land, noch auf Wasser. Seit er diesen Unfug mitgemacht hat, mag Ernest Hemingway den Schnauzbart Briggs. Seitdem sind sie gute Freund, mehr noch, zwei Verrückte, die manche Verrücktheit im Leben teilen. Und: Beide vermelden das gleiche Geburtsjahr. Wie der Nobelpreisträger ist auch der Diplomat ein Mann vom Jahrgang 1899. 

Der Schriftsteller mag den Karrierediplomaten Briggs, der ein wenig verschroben auftritt und in Cabo Blanco mit einem breiten Tropenhelm aufkreuzt. Ein wenig erinnert der stämmige Diplomat an Oliver Hardy, den Dicken aus dem Komiker-Duo Laurel & Hardy. Aber Ernest legt auf Äußerlichkeiten wenig Wert, er mag Ellis, so wie er ist. Besonders dessen Zuverlässigkeit schätzt er und das große Herz. 

Im Jahr 1956 ist Ellis O. Briggs der Botschafter der USA in Peru, und auch Ernest Hemingway weilt für fünf Wochen in dem Andenland, um am Pazifik die Filmaufnahmen für Der alte Mann und das Meer zu überwachen. Botschafter Briggs ist am 10. Mai 1956 aus Lima nach Cabo Blanco in den Norden gekommen, um mit seinem alten Kumpel ein Wochenende auf dem Meer zu verbringen.

Es werden für den Schriftsteller schöne Stunden, denn Ernest hat gerne

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Elicio Argüelles – der gute Freund aus Havanna

Elicio Argüelles, ein Freund Ernest Hemingways über Jahrzehnte, im peruanischen Cabo Blanco, im Mai 1956.

In den zwei Jahrzehnten auf Kuba hat sich Ernest Hemingway einen ansehnlichen Freundeskreis aufgebaut. Mario Menocal, genannt Mayito, gehört dazu, auch dessen Vetter Elicio Argüelles, Thorwald Sánchez und Pichón Aguilera, beide Kumpel beim Tontaubenschießen, dann der baskische Kleriker Andrés Untzaín, Doctor Carlos Kohly, sein Hautarzt, Jaime Bofill, ein Rechtsanwalt und Aktienhändler oder Manuel Asper, der Besitzer des Hotels Ambos Mundos.

Auch zu Schriftstellern wie Enrique Serpa, Fernando Campoamor und Nicolás Guillén hält er Kontakt. Der kubanische Boxer Kid Tunero ist ein guter Freund, ebenso wie der schwarze Musiker Bola de Nieve. Ernest Hemingway pflegt seine Freundschaften, sie sind ihm wichtig. Meist sind es Kubaner oder Exil-Spanier, die zu seinem engen Bekanntenkreis gehören, zu den eigenen Landsleuten hält der Amerikaner eher Abstand.

Zu Elicio Argüelles II, einem kubanischen Rechtsanwalt und bekannten Sportangler, hegt Ernest Hemingway eine besondere Freundschaft. Schon dessen Vater ist in Havanna ein enger Freund des Schriftstellers gewesen, mit dem durchtrainierten Elicio trifft sich Ernest Hemingway des Öfteren zum Tontaubenschießen. Den schlanken Kubaner nimmt der Nobelpreisträger im Jahr 1956 dann sogar mit nach Cabo Blanco, wo in Peru die Außenaufnahmen für den Hollywood-Film Der alte Mann und das Meer stattfinden.

Elicio Argüelles mag oberflächlich betrachtet manchen vielleicht als Lebemann durchgehen, er ist jedoch eine Person von bürgerlicher Ernsthaftigkeit. Ein Rechtsanwalt, jemand mit Hang zur Politik, er wird irgendwann einmal Senator werden in seiner Heimatstadt Havanna. Auch sein Vater ist Senator gewesen, sogar einen Staatspräsidenten kann die Familie vorweisen, seinen Onkel Mario García Menocal.

Elicio Argüelles Familie gehört zur upper class auf Kuba. Der Vater ist Besitzer des Frontón Jai Alai an der Kreuzung der Calle Concordia mit der Lucena, einer populären Wettkampfhalle in Havanna, die der Volksmund auch als Palacio de los Gritos, als Palast der Jubelschreie, kennt. In dieser langgezogenen Sporthalle geht es in der Tat lauthals her, denn dort wird dem auf Kuba populären Pelota-Spiel nachgegangen.

Ernest Hemingway ist ein begeisterter Anhänger dieses baskischen Ballspiels und hat dort

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Rainer Maria Rilke in Ronda

Hinter dem Hotel Reina Victoria steht der Böhme Rainer Maria Rilke, der wunderbare Gedichte auf Deutsch schreiben konnte, und blickt in die Bergwelt Andalusiens.
Foto by W. Stock, 2019

Er ist in etwa das schiere Gegenbild zum Macho-Mann Ernest Hemingway. Der Amerikaner Hemingway ist einer, der breitbeinig durchs Leben marschiert, an zwei Weltkriegen teilnimmt, der flott einen Nobelpreis kassiert, dem die Bücher und Verfilmungen Millionen aufs Bankkonto spülen und dem die Frauen zu Füssen liegen, er braucht bloß mit den Fingern schnipsen.

Doch Rainer Maria Rilke leidet als Sensibelchen, er ist oft kränklich, von schweren Gedanken gedrückt, mit den Frauen klappt es nicht so recht und zudem ist er meist ziemlich klamm. Das Leben hat den Poeten nicht auf die Sonnenseite geworfen, sein Leben läuft in Hoch und Tiefs. Doch Gedichte kann der Mann schreiben, zum Niederknien.

Eines seiner schönsten heißt Herbsttag:

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke schreibt Herbsttag im Jahr 1902, es ist ein Gedicht über den heraufziehenden Herbst, eine Zwiesprache mit Gott, und ähnlich zu Hemingways Poemen in Sachen Natur, bleibt der Mensch das Objekt, der Getriebene, der sich den Naturgewalten fügen muss.

Am 4. Dezember 1875 wird Rilke als Sproß eines Militärbeamten in Prag geboren, das damals unter österreichischer Regentschaft steht. Nach dem Abitur studiert er Kunst und Literatur in Prag, München und Berlin. Im Jahr 1900 lässt der Österreicher sich in der norddeutschen Malerkolonie Worpswede nieder und heiratete die Bildhauerin Clara Westhoff, von der er sich 1902 wieder trennt. Im Jahr 1905 wird er für acht Monate der Privatsekretär des Bildhauers Auguste Rodin in Paris. Es folgen Reisen nach Nordafrika und Ägypten. Im Ersten Weltkrieg wird er beim österreichischen Landsturm aus Gesundheitsgründen ausgemustert. Nach Kriegsende halten ihn meist Mäzene über Wasser. Rilke stirbt am 29. Dezember1926 mit nur 51 Jahren im Sanatorium Val-Mont bei Montreux an Leukämie.

Im Winter 1912 besucht Rainer Maria Rilke die spanischen Städte Toledo, Córdoba und Sevilla. In Andalusien ist Rilke gepackt von der maurischen Architektur und Tradition. Vom 9. Dezember 1912 bis Mitte Februar 1913 verbringt er die Winterwochen in Ronda. Der Fluß in seinem schluchtigen Abgrund spiegelt die zerrissenen Lichter des Himmels, aber auch mein Innerstes wider, schreibt der Poet nach seiner Ankunft in Ronda

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